Inhaltsverzeichnis
1. Laotses Werk vom Dao und vom De 3
2.Das unnennbare Dao 5
2.1 Namen als Strukturierung von Einzeldingen 5
2.2 Das Verhältnis des Dao zu Sein und Nicht-Sein 6
2.3 Die Grenzen des menschlichen Denkens 7
2.4 Die Bedeutung von Namen im alten China 8
3. Das allüberströmende Dao 9
3.1 Das ewig strömende Wesen des Dao 10
3.2 Das ewige Strömen als Wechselwirkung dynamischer Größen 10
3.3 Die Weisheit aus dem Buch der Wandlungen 11
4.Was also bedeutet nun Dao 14
Literaturverzeichnis: 16
3
Das Daodejing, die grundlegende Schrift des Daoismus entstand vor fast dreitausend Jahren. Vom Verfasser dieses Werkes weiß man nur, daß er gegen Ende des siebten vorchristlichen Jahrhunderts geboren wurde und eine Zeit lang das Amt eines Archivars am kaiserlichen Hofe innehatte. Der Name Laotse oder auch Lau Dan, unter dem er bekannt ist, ist nicht sein Eigenname, sondern wurde ihm erst später verliehen. Übersetzen ließe er sich mit »der Alte«, »alter Lehrer« oder aber auch mit »altes Kind«. Der Sage nach verließ er den Hof des Kaisers um den damals herrschenden Unruhen zu entgehen. Als er den Grenzpaß Han Gu erreichte, wollte der Grenzbeamte Yin Hi ihn nur passieren lassen, wenn er ihm ein schriftliches Zeugnis seiner Weisheit hinterlassen würde. So schrieb er das zirka 5000 Schriftzeichen umfassende Daodejing und wurde seitdem nicht mehr gesehen. 1 Trotzdem dieses Buch im Vergleich zu anderen chinesischen Klassikern von ehr bescheidenem Umfang ist, stellt es neben dem I Ging und den Werken des Kungtse eine der bedeutendsten und einflußreichsten philosophischen Schriften des alten China dar. Der klassische Text in der Überlieferung von Wang Bi, einem Philosophen aus dem dritten Jahrhundert nach Christus, besteht aus zwei Teilen, die sich in insgesamt 81 Kapiteln gliedern. Die ersten 37 Kapitel sind das Buch vom Dao, Kapitel 38 bis 81 das Buch vom De. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß 1973 in den Gräbern von Mawangdui eine Version des Daodejing entdeckt wurde, die aus der Epoche der Entstehung des Buches entstammt, jedoch mit dem Abschnitt über das De beginnt und auch sonst einige bedeutsame Abweichungen zum Standardtext aufweist. 2 Die Fragen und Probleme die diese neue Version aufwirft, sollen an dieser Stelle jedoch nicht weiter behandelt werden.
Wenn man sich mit dem Daodejing beschäftigt, so wird sehr schnell die Frage nach der Bedeutung der Begriffe Dao und De auftauchen. De wurde in einigen Übersetzungen mit »Tugend« wiedergegeben, was jedoch nur einen sehr begrenzten Teilaspekt der vollen Bedeutung trifft und ist daher für sinnvolle Übertragung von Laotses Gedanken unzureichend. Andere mögliche Übersetzungen dieses Begriffs wären »Leben«, »Natur«, »Wesen«, »Geist« oder »Kraft«. Eine chinesische
1 Vgl. Richard Wilhelm (Übers), Laotse Tao te king, Texte und Kommentar, München 1978, S. 9f.
2 Hans-Georg Möller (Hrsg.), Laotse, Tao Te King, Nach den Seidentexten von Mawangdui,
Frankfurt am Main 1995.
4
Definition lautet: »Was die Wesen erhalten, um zu entstehen, heißt De«. 3 Man könnte De auch beschreiben als die Auswirkung des Dao in Form einzelner Dinge. Was aber heißt nun Dao? In der Übersetzung von Richard Wilhelm ist es wiedergegeben mit »SINN«. »Das Schriftzeichen für tao setzt sich aus mehreren Ideogrammen zusammen. Das Rechteck mit den zwei waagerechten Strichen darin stellt einen Kopf mit kleinen Haarbüscheln auf dem Scheitel dar, den Kopf eines Führers. Ihm gliedert sich das Bildkürzel für laufende und stillstehende Füße an, das [...] 'voranschreiten` bedeutet.« 4 Übersetzt werden kann es mit »Weg« oder einen »Weg entlang gehen (oder führen)«. Weiterhin kann es auch bedeuten »leiten«, »lenken«, »regieren«, »Methode«, »Prinzip«, »Fähigkeit« oder es wird verwendet im Sinne von »sagen«, »sprechen«, »benennen«. 5 Da sich in der chinesischen Sprache die genaue Bedeutung eines Wortes erst durch den Kontext ergibt, in dem es verwendet wird, entstehen für eine Übersetzung des Daodejing gravierende Probleme. Die 81 Kapitel sind keine genauen philosophischen Abhandlungen, sondern vielmehr Aphorismen, vieldeutige Sinnsprüche. Dadurch wird es quasi unmöglich, die volle Bedeutung des Textes in einer westlichen Sprache wiederzugeben. Es ist vielmehr immer bloß die Interpretation des jeweiligen Übersetzers. Dies mag auch der Grund sein, daß derart viele unterschiedliche westliche Ausgaben existieren und auch immer wieder neue hinzukommen. Der Begriff Dao, wie Laotse ihn verwendet, läßt sich überhaupt nicht angemessen übersetzten und dies ist auch nicht nötig. Für ihn ist es nur ein willkürlicher Ausdruck, um etwas zu benennen, was sich nicht beschreiben läßt. Man erhält eine vage Vorstellung davon, was Laotse meint, wenn er vom Dao spricht, indem man den ersten Teil des Kapitels 25 ließt, welcher lautet: »Ein Wesen gibt es chaotischer Art, / Das noch vor Himmel und Erde ward, / So tonlos, so raumlos. / Unverändert, auf sich nur gestellt, / Ungefährdet wandelt es im Kreise. / Du kannst es ansehen als die Mutter der Welt. / Ich kenne seinen Namen nicht. / Ich sage Weg [Dao], damit es ein Beiwort erhält.« 6 Im folgenden soll nun, soweit es möglich ist, anhand zweier Bilder, mit denen Laotse das Dao umschreibt, dargelegt werden, welche Bedeutung hinter dem Begriff Dao steht oder vielmehr, warum hinter diesem Begriff keine Bedeutung stehen kann. Der 3 Vgl. Richard Wilhelm, a.a.O., S. 25f.
4 R. L. Wing (Übers.), Der Weg und die Kraft, Tao-te-king, Augsburg 1999, S. 36.
5 Ernst Schwarz (Übers.), Laudse, Daudedsching, Leipzig, 1978, S. 7f.
6 Günther Debon (Übers.), Lao-tse Tao-Te-King, Das heilige Buch vom Weg und von der Tugend, Stuttgard 1979, S. 49.
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erste Teil wird sich mit dem Bild vom namenlosen Dao beschäftigen. Es soll erläutert werden, welche Funktion Namen erfüllen und warum es nicht möglich ist, dem Dao einen Namen zu geben. Im zweiten Teil wird dann darauf eingegangen werden, was es bedeutet, wenn Laotse vom ewig strömenden Dao schreibt.
Ein grundlegendes Bild, das Laotse bereits im ersten Kapitel des Daodejing für das Dao verwendet, ist das des Namenlosen. Die in diesem Kapitel dargelegte Anschauung des Dao zieht sich durch das gesamte Werk und in mehreren Kapiteln wird dieses Bild wiederholt verwendet.
Nennbare Namen existieren nur auf der Ebene der Dinglichkeit. Sie dienen dazu, einzelne Dinge voneinander zu unterscheiden. Dadurch erhalten diese Bedeutungen, Bezüge, Assoziationen, die sie voneinander abgrenzen. Hat etwas einen Namen, so ist es bestimmt. Im zweiten Satz des ersten Kapitels heißt es: »Der Name der sich nennen läßt, ist nicht der ewige Name.« 7 Wenn ein Name ausgesprochen ist, so nimmt er Bezug auf ein reales Ding und unterscheidet sich dadurch von anderen Namen. Er ist somit selbst ein einzelner, bestimmter Teil der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit jedoch ist in ständiger Bewegung. Alles was entsteht, muß auch wieder vergehen. Daher kann ein ausgesprochener Name als einzelner Teil der Wirklichkeit nicht ewig sein. Im Kommentar des Hanfeitse wird dieser Zusammenhang folgendermaßen verdeutlicht: »Unter sittlicher Qualität verstehen wir Unterschiede zwischen Eckigem und Rundem, Kurzem und Langem, Grobem und Feinem, Festem und Zartem. Werden diese Qualitäten bestimmt, so kann man über dieses sprechen. Jedes Wesen mit bestimmten Qualitäten unterliegt dem Wechsel von Existenz und Vergehen, von Leben und Tod, von Jugend und Alter. Von keinem, einem solchen Wechselspiel unterworfenen Wesen kann man aussagen, daß es 'stet` oder 'beständig` sei. Allein ein Wesen, das mit der Entstehung des Universums entstanden ist und bis zu dessen Auflösung fortbesteht, ohne zu verfallen oder zu altern, kann beständig genannt werden.« 8 Beständigkeit kann also nur etwas haben, daß seit aller Zeit und
7 Richard Wilhelm a.a.O., S. 41.
8 Max Kaltenmark, Lao-tzu und der Taoismus, Frankfurt am Main / Leipzig, 1996, S. 60.
Quote paper:
Martin Kutschke, 1999, Der SINN des Daodejing - Erläuterung des Begriffs »Dao« anhand zweier von Laotse verwendeten Bilder, Munich, GRIN Publishing GmbH
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