„Die Theorie des kommunikativen Handelns ist keine Metatheorie, sondern Anfang einer Gesellschaftstheorie, die sich bemüht, ihre kritischen Maßstäbe auszuweisen.“(1). Mit diesem Anspruch formuliert der Sozialphilosoph Jürgen Habermas das Programm seines Hauptwerkes „Theorie des kommunikativen Handelns“, welches er 1981 in zwei Bänden veröffentlicht hat. Um die Tragweite und Bedeutung dieses Ansatzes nachvollziehen zu können, werde ich im Folgenden den Versuch unternehmen, a)zunächst auf einige zeitgeschichtliche Bezüge verweisen und den Aufbau seiner Theorie darzustellen, um anschließend b)meinen Blick auf den zentralen Begriff der kommunikativen Rationalität zu richten, welchen ich hinsichtlich seines grundsätzlichen Verständnisses sowie c) seiner verschiedenen Aspekte und Implikationen untersuchen möchte. Ziel hierbei soll eine kritische Prüfung verschiedener Grundannahmen von Habermas sein, die ich sowohl in klärender als auch in problematischer Perspektive aufzeigen will. Denn es ist meines Erachtens unabdingbar für eine realistische Bewertung des eingangs formulierten Anspruchs, ein genaues Verständnis der von Habermas verwendeten Grundbegriffe systematisch zu rekonstruieren. Auf diesem Wege ließe sich dann auch die Frage beantworten, ob die Theorie ihren Anspruch wirklich erfüllt. An dieser Stelle soll es jedoch vorrangig um seine Ausgangspunkte gehen, also um die Frage: Hat Habermas seine begrifflichen Grundlagen im Bezug auf eine kommunikative Rationalität ausreichend und überzeugend dargestellt? Diese Frage möchte ich dann
d) abschließend zu beantworten versuchen.
Ad a) Für einen Wissenschaftler gibt es immer Motive, die ihn zu den Inhalten seiner Arbeit in Beziehung setzen und mit seinem, im Sinne von Habermas, lebensweltlichen Hintergrund unauflöslich verknüpft sind. Dies ist gewissermaßen die subjektive Seite bzw. Voraussetzung, welche trotz Webers Postulat der Wertfreiheit von Wissenschaft immer für den Antrieb sorgt, den Fortschritt in den einzelnen Disziplinen zu ermöglichen. Insbesondere gilt dies für Geistes- und Sozialwissenschaften, weil hier in verschärfter Weise die Beobachter- und Beteiligtenperspektive verschränkt ist. Auch aus diesem Grund betont Habermas den zeitreflektorischen Charakter seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“, als einer möglichen Klärung der Fragen, welche mit dem „Erbe des okzidentalen Rationalismus“(2) in unseren Tagen aufgeworfen werden. Als Beispiel mag das Verhältnis der verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren, bspw. Wirtschaft und
Politik, sowie ihre Spannungen zueinander und innerhalb dienen, welche Habermas treffend mit dem Begriff „Paradoxien der Moderne“(3) beschreibt. Offensichtlich lassen sowohl neukonservative wie antimodernistische Beschreibungen der Gegenwart wichtige Potentiale unterbewertet, weswegen Habermas auch mit seiner Theorie „eine Konzeptualisierung des gesellschaftlichen
Lebenszusammenhangs,...,ermöglichen“(4) will. Wichtig hierbei bleibt vor allem ein kritischer Blick auf diese Zusammenhänge, und Habermas legt besonderen Wert auf eine theoretische Fundierung dieser Perspektive. Damit möchte er sich in die Tradition der Kritischen Theorie, wie sie insbesondere von Th. W. Adorno und M. Horkheimer in Frankfurt entwickelt und betrieben wurde, eingeordnet wissen. Seiner Meinung nach führt jedoch diese Fassung des theoretischen Fundaments unausweichlich zu Aporien, beispielsweise die einer totalen Vernunftkritik mit den Mitteln der Vernunft (verstanden im instrumentellen Sinn), und so kann man Habermas’ Programm auch als Aufgabe verstehen, durch eine Erweiterung des Vernunftbegriffes bspw., aus den besagten Aporien herauszuführen und damit die kritische Theorie im neuen Gewand fortzuführen. Anders gesagt lässt sich die vorgelegte Theorie auch unter dem Aspekt betrachten, inwieweit es Habermas gelingt, ein neues theoretisches Fundament zu legen, von welchem aus er die kritischen Implikationen beibehalten kann, ohne sich in Selbstwidersprüche zu begeben oder Totalitätsansprüche zu formulieren, d.h. in Habermas’ Sinn konstruktiv das Programm der traditionellen Kritischen Theorie zu wenden.
An dieser Stelle ist es sinnvoll, etwas genauer hinzuschauen und ein paar Differenzen zwischen den Positionen von Habermas und Adorno zu benennen. Eine zentrale Grundauffassung von Habermas, welche sich in seinen verschiedenen Publikationen immer wieder nachweisen lässt, bildet den Ansatzpunkt, nämlich das Projekt der Moderne sei unvollendet und müsse reformuliert werden. Zwei Einschätzungen lassen sich daraus ableiten. Zum Einen widerspricht Habermas allen Theoretikern, welche sich von der Moderne verabschieden möchten, bspw. F. Lyotard oder W. Welsch, oder sie für gescheitert erklären (Adorno), zum Anderen hält er theoretische Reflexionen über die zentralen Themen der Moderne und ihrer Tradition, bspw. das Verständnis des Marxismus, für noch nicht erschöpft und versucht aus diesem Grund, sich die Klassiker der Moderne in seiner Theorie des kommunikativen Handelns erneut fruchtbar zu machen. Darauf werde ich beim
Aufbau seiner Theorie näher eingehen. Im Kern geht es ihm also um eine Rettung des Vernunftbegriffes aus der philosophischen Tradition seit Kant heraus, verbunden mit einer sozialpragmatischen Perspektive im Sinne einer adäquaten Beschreibung eben unserer lebensweltlichen Moderne.
Adorno hingegen ging es vorrangig um eine Kritik der Vernunft, motiviert durch eine Zeitdiagnose, welche die Verabschiedung jeglicher Vernunft nicht nur nahe legte, sondern geradezu herausforderte. Dem versucht Habermas durch eine andere Akzentuierung des Vernunftbegriffes zu entgegnen, und sein Hauptaugenmerk auf die kommunikativen Bestandteile zu lenken, welche seiner Meinung nach (und konträr zur Auffassung Adornos) der instrumentellen Fassung von Rationalität vorrangig und vorgängig sind. Offen bleibt allerdings, ob damit die Implikationen der klassischen Kritischen Theorie trotz der Selbstbehauptung von Habermas noch ausreichend eingeholt werden können.
Es sei noch kurz auf einen weiteren grundlegenden Gedanken von Habermas eingegangen, der auf einer Unterscheidung beruht, welche bereits in seiner frühen Schrift „Arbeit und Interaktion“ getroffen ist. An dieser Stelle trennt er in einer Auseinandersetzung mit dem Arbeitsbegriff von Marx dessen Auffassung in eine Subjekt-Objekt Beziehung einerseits, erweitert aber auf der anderen Seite mit dem Begriff der Interaktion das klassische Verständnis um eine Subjekt-Subjekt Beziehung. Dies hat weitreichende Folgen für die Konzeption der Theorie des kommunikativen Handelns. Erstens verliert der traditionell reflektierte Begriff der Arbeit in der linken Theorietradition seine zentralen Stellenwert und wird hier mit zunehmend systemischen Konnotationen interpretiert und zweitens kommt der Kommunikation bzw. den kommunikativen Handlungen dadurch eine erhebliche Beweislast zu, denn Habermas muss nun zeigen, das aus der Kommunikation sich alle Vernunft sowie Fortschritt und Kritik gleichermaßen ableiten lassen. Ob dies gelingen kann, muss eine Theorie des kommunikativen Handelns erst noch nachweisen.
Zum Aufbau der Theorie kann man mit einem ersten Überblick feststellen, dass zwei grundsätzliche Linien in der Gedankenführung von Habermas miteinander verwoben sind. Erstens glaubt er, durch eine „...systematische Aneignung der Theoriegeschichte(...)die Integrationsebene...“(5) gefunden zu haben, um als Basis
seiner Argumentation die Überlegungen von nahezu allen bedeutenden Vernunft-und Gesellschaftstheorien als für seine Theorie unterstützend zu interpretieren. Dieser mitunter etwas perspektivische Zusammenhang zwischen der Theorie und der Theoriegeschichte erklärt den Aufbau der einzelnen Abschnitte in der Theorie des kommunikativen Handelns, die im Wesentlichen als Interpretationen der klassischen Autoren und Texte konzipiert sind, unterbrochen von Zusammenfassungen und Zwischenbetrachtungen, in welchen die eigentlichen Kernpunkte der vorgelegten Theorie näher vorgestellt werden. „Das flexible Abtasten und gezielte Ausschöpfen von bedeutenden, zu explanativen Zwecken errichteten Theoriekonstruktionen erlaubt ein, wie ich hoffe, ertragreiches problemorientiertes Vorgehen.“(6) Darüber hinaus versteht Habermas diese Art und Weise des Aufbaus auch als „...eine Art Test...“(7) einer Gesellschaftstheorie, deren Problemlosigkeit des theoretischen Anschlusses an die verschiedenen klassischen Überlegungen ein Indiz für deren vermiedene Partikularität in Interesse und Forschungsperspektive darstellen soll. Folgerichtig werden in seiner Theorie nach einleitenden Überlegungen zur Rationalitätsproblematik (Kap. I ) die Grundgedanken von Max Weber (Kap. II) in einer ersten Zwischenbetrachtung zu den Begriffen soziales Handeln, Zwecktätigkeit und Kommunikation zusammengefasst (Kap. III), und diese fortgeführt in einer Auseinandersetzung mit den Gedanken von Marx, Lukacs und Adorno zur Verdinglichungsproblematik in der Rationalität (Kap. IV). Dem folgt ein Exkurs zu H. Mead und E. Durckheim (Kap. V), welcher in der zweiten Zwischenbetrachtung über die fundamentale Unterscheidung zwischen System und Lebenswelt mündet (Kap. VI). Nach einem längeren Abschnitt zu T. Parsons und Konstruktionsproblemen von Gesellschaftstheorie (Kap. VII) wird schließlich in der Schlussbetrachtung ein erneuter theoriegeschichtlicher Abriss von Parsons über Weber zu Marx versucht mit dem Ziel, nun den „...Paradoxien der Moderne...“(3) mit theoretisch fundierter Analyse kritisch entgegentreten zu können (Kap. VIII).
Zweitens zeigt die Theorie des kommunikativen Handelns jene eigentümliche Verbindung von Gesellschaftstheorie und Philosophie, die zwar ihre Vorbilder schon in der Wissenschaftsgeschichte hat (hier sei besonders auf K. Marx verwiesen), aber bei Habermas im Vergleich zu seinen Zeitgenossen doch eine bedeutende Rolle in seinem Schaffen einnimmt. Dies lässt sich anhand mehrerer Gesichtspunkte aufzeigen. I) Habermas hat richtig „...gut hegelisch, einen unauflöslichen
Zusammenhang.“ zwischen der „...Formierung von Grundbegriffen...“ und der „...Beantwortung substantieller Fragen...“(8) erfasst. Es gibt also einen systematischen Zusammenhang zwischen einer adäquaten Beschreibung gesellschaftlicher Zustände (Gesellschaftstheorie) und dem richtigen Verständnis der Begriffe, in welchen diese Zustände beschrieben werden (analytische Philosophie). Oder, anders ausgedrückt, ohne bspw. ein genaues Verständnis des Begriffes „Geltung“ kann ich nicht angeben, was in einer Gesellschaft als jeweils richtig oder wahrhaftig gilt und ob überhaupt meine Beschreibung als zutreffend gilt.
II) Durch die Art und Weise der theoretischen Rekonstruktion der Klassiker ergibt sich jedoch auch ein inhaltlicher Zusammenhang. Da bspw. Marx oder Kant oder auch Mead immer beide Disziplinen im Blick ihrer Untersuchungen hatten, muss eine Verarbeitung ihrer Grundintentionen notwendigerweise auch ein Fundament sowohl in der soziologischen Domäne der Gesellschaftstheorie als auch in der philosophischen Domäne der Begriffstheorie oder Wahrheitstheorie u.a. aufweisen. Vorrausgesetzt, beide Disziplinen mit ihren entsprechenden Vertretern haben immer den Menschen als Mittelpunkt ihrer Analyse, kann man gar nicht umhin, beide spezialisierten Untersuchungsstränge miteinander fruchtbar in Beziehung zu setzen, um eine angemessene Beschreibung von menschlichen und damit auch gesellschaftlichen Zuständen vorzunehmen. Freilich ist diese Perspektive nicht ohne Schwierigkeiten. „Je mehr ich den Explikationsansprüchen des Philosophen zu genügen suchte, um so mehr entfernte ich mich vom Interesse des Soziologen, der fragen musste, wozu denn die Begriffsanalysen dienen sollen.“ und „... um so mehr geriet über den Details das Ziel des ganzen Unternehmens aus dem Blick.“(9). Insofern lässt sich Habermas Programm auch danach hinterfragen, inwieweit ihm es ihm mit der Theorie des kommunikativen Handelns gelungen ist, eben jene fruchtbare Beziehung zwischen Gesellschaftstheorie und Philosophie herzustellen.
III) Schließlich entsteht jene eigentümlich auffallende Symbiose beider Disziplinen auch durch die Perspektive, welchen Habermas in seinem Werk einschlägt. Nicht umsonst ist das erste Kapitel mit den Worten „Zugänge zur Rationalitätsproblematik“ überschrieben und es scheint plausibel, in dieser Problematik gewissermaßen einen Kulminationspunkt verschiedenster Überlegungen und Entwicklungsrichtungen in beiden geisteswissenschaftlichen Disziplinen
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Kai Lehmann, 2003, Grundlagen der Theorie des kommunikativen Handelns, Munich, GRIN Publishing GmbH
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