Musik und Emotion
von: Mathias Krüger
Inhalt
Zusammenfassung 4
Abstract 5
Musikpsychologie 6
Ein historischer Überblick
Musik – Ursprünge und kommunikative Funktion 13
Evolutionsbiologische und entwicklungspsychologische Perspektiven 13
Die funktionalistische Theorie der emotionalen Kommunikation: 15
Sprechen und Musizieren als Moderatoren sozialer Interaktion
Empirische Befunde zur Hörerübereinstimmung: Basisemotionen in der Musik 16
Überprüfung der Implikationen der funktionalistischen Theorie 17
Exkurs I: Dissonanz und Konsonanz 20
Exkurs II: Rhythmus – Musik bewegt uns 21
Musik und soziale Interaktion 24
Emotionsausdruck in der abendländischen „klassischen“ Musik 26
Musik als Kunst – vom individuellen zum universellen Ausdruck von Emotionen 26
Musikalische Gestalt, Struktur und Gedächtnis 29
Musik emotional genießen – das „freie Spiel“ des Geistes: Wer fühlen will, muß hören! 32
Anwendungen 33
Musik und Emotion in der Praxis – Ein Überblick über die Anwendungsmöglichkeiten der emotionalen Wirkungen von Musik in Pädagogik, Ökonomie, Medien, Film und Theater, Medizin und Psychotherapie
Literaturverzeichnis 37
Musik und Emotion
Zusammenfassung: Wie kaum eine andere Kunst vermag es die Musik, Emotionen auszudrücken, darzustellen und auszulösen. Auf welche Weise dies geschieht, und was die biologischen und sozialen Funktionen dieser engen Verbindung von Musik und Emotionen sein könnten, ist von großem Interesse für die psychologische Grundlagenforschung, aber auch für unterschiedlichste Anwendungsbereiche in der psychologischen Praxis. Der vorliegende Bericht beginnt mit einem kurzen historischen Überblick über die philosophische und psychologische Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung und Verarbeitung von Musik sowie ihrer emotionalen Wirkung auf Zuhörer1 und Musizierende. Danach wird der Versuch unternommen, eine Antwort auf Fragen nach dem Ursprung und der Funktion der Musik zu geben und die im Laufe der Evolution ausgebildeten, angeborenen Grundlagen der menschlichen Musikalität von Einflüssen der kulturellen Sozialisation abzugrenzen. Die funktionalistische Theorie der durch Musik und durch die Prosodie der Sprache kommunizierten Basisemotionen als Moderatoren sozialer Interaktion wird vorgestellt, ihre überprüfbaren Implikationen werden diskutiert. Nach zwei kleinen Exkursen zu Dissonanz und Konsonanz sowie zu den besonderen motorischen und emotionalen Effekten der rhythmischen Dimension der Musik betrachten wir die praktische Bedeutung der Musik für die soziale Interaktion. Schließlich wird anhand des emotionalen Ausdrucks in der abendländischen, so genannten „klassischen“ Musik erörtert, welche psychischen Wirkmechanismen und Verarbeitungsebenen über die zuvor untersuchten Basisemotionen hinaus zum emotionalen Musikerleben beitragen und vom individuell-subjektiven Emotionsausdruck zur universellen Darstellung von Emotionen in der Kunst-Musik führen. Wir werfen einen Blick auf die Bedeutung musikalischer Gestalten und Strukturen sowie von Gedächtnisprozessen beim Hören von Musik und betrachten verschiedene Hörweisen und Ebenen des Musikgenusses. Abschließend biete ich einen kursorischen Überblick über die enorme Vielzahl von praktischen Anwendungen der emotionalen Wirkungen von Musik. Schlüsselwörter: Musikpsychologie, Musik, Emotion
Music and Emotion
Summary: Music, more than any other art, is gifted with the faculty to express, reveal and evoke emotions. How these processes work, and what are the biological and social functions of the close association of music and emotion, is of particular interest as well for psychological basic research as for a great variety of applications in psychological practice. The present review opens with a brief historical survey of philosophical and psychological thoughts on music and its emotional impact on listeners and performers. Then, I endeavour to suggest an answer concerning the origins and the functions of music, and try to outline the influence of the innate foundations of musicality shaped by evolution, and socio-cultural learning, respectively. I introduce the functionalist theory of basic emotions communicated through music and speech, and proceed to discuss its testable implications. After two short cursory surveys on dissonance and consonance, and on the specific effects of rhythm on emotions and the motor system, I consider the practical relevance of music to social interaction. I conclude this stateof- the-art-review of present basic research with a consideration of emotional expression in western “classical” art music. The question which other psychological effector mechanisms and levels of musical processing contribute to the emotional experience of music, in addition to the rather subjective, individual expression of basic emotions determined by the innate vocal code examined before, leads us to the universal depiction of emotions through music as an art. We throw a glance at the contributions of musical Gestalt, structure, and memory to music listening, and consider the different ways in which music may be enjoyed through different ways of reception. Finally, I provide a cursory overview on the vast variety of practical applications of the emotional effects of music. Key words: psychology of music, music, emotion
Musikpsychologie
Ein historischer Überblick
Die Musik ist sicher eines der größten Wunder, die der menschliche Geist und sein Gehirn überhaupt hervorgebracht haben. Die Komplexität der mit dem Hören von Musik und erst recht mit dem Musizieren verbundenen psychischen Prozesse bietet viele interessante Möglichkeiten für die psychologische Grundlagenforschung, besonders in den Bereichen Gedächtnis, Emotion, Wahrnehmung und Denken. Der vorliegende Bericht befaßt sich vor allem mit der emotionalen Dimension der Musik und ihrer funktionalen Bedeutung.
Die philosophische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Wirkung der Musik auf die menschliche (und tierische) Psyche reicht zurück bis in die Antike. Bildzeugnisse belegen die große Bedeutung der Musik in den frühen Hochkulturen von China über Babylon und Ur bis Ägypten seit dem vierten Jahrtausend v. Chr., und in vielen Kulturen spielt die Musik auch eine wichtige Rolle in der Mythologie. Nach der griechischen Überlieferung ist die Musik göttlichen Ursprungs und wurde den Menschen von Apollo und den Musen gegeben, und vergleichbares berichten auch indische, chinesische und japanische Mythen. Die Menschen verbanden mit Musik besondere Kräfte, vermutlich weil sie selbst von der Musik stark bewegt wurden, und daher war die Musik eng mit religiösen Riten und mit der Heilkunst verknüpft. Der berühmteste griechische2 Mythos, der von der Macht der Musik und ihrer emotionalen Wirkung erzählt, ist sicher jener von Orpheus, der nicht nur Menschen und wilde Tiere, sondern auch Felsen, Wälder, Flüsse, Sturm, Schnee und Hagel und selbst die Götter der Unterwelt durch seinen Gesang verzauberte und besänftigte, und dessen Kunst auch William Shakespeare so besang3:
Orpheus with his lute made trees,
And the mountain tops that freeze,
Bow themselves when he did sing;
To his music plants and flowers
Ever sprung as sun an showers
There had made a lasting spring.
Every thing that heard him play,
Even the billows of the sea,
Hung their heads and then lay by;
In sweet music is such art,
Killing care and grief of heart
Fall asleep or hearing die.
Einer der ersten, die sich wissenschaftlich mit Musik beschäftigten, war Pythagoras (um 570-497 v. Chr.), der versuchte, unser im wesentlichen bis heute unverändertes westliches Tonsystem auf eine einfache mathematische Grundlage zu stellen, indem er, mit einem Monochord experimentierend, aus reinen Quinten und Oktaven eine Tonleiter konstruierte. Leider ging dieses ideale System in der Praxis nie ganz auf, weil die Frequenz der Töne innerhalb einer Oktave nicht linear ansteigt, sondern logarithmisch. Das Pythagoreische System funktioniert aber recht gut innerhalb einer Tonart, da grobe Reibungen erst bei den leiterfremden Tönen auftreten, und so wurde es für die nächsten zweitausend Jahre zur Grundlage der abendländischen Musik. Auf dieser Basis entstanden die verschiedenen Modi (Tonarten), die eine viel reichere Charakteristik boten als unser heutiges temperiertes Dur-Moll-System. Pythagoras erkannte in der Musik ähnliche Gesetzmäßigkeiten des Rhythmus und der Harmonie wie in der Astronomie und begründete damit die Lehre von der Sphärenmusik – wohl in keiner anderen historischen Figur finden wir eine so innige Verbindung von Wissenschaft und Mystik: so schrieb er der Musik auch eine harmonisierende, bald beruhigende, bald belebende Wirkung auf die Seelen von Mensch und Tier zu, die auch für therapeutische Zwecke genutzt werden konnte, indem sie dazu beitrug, Ordnung, Harmonie, Gleichgewicht der Kräfte und Gesundheit wieder herzustellen. Der Gedanke der himmlischen Sphärenharmonie wurde später von Aristoteles (384-322 v. Chr.) aufgegriffen (vgl. De Caelo II.9, 290b). Überhaupt war die Vorstellung der Mimesis verbreitet, wonach die Künste, also auch die Musik, die Natur nachahmen. Auch ging man davon aus, daß die durch die Musik ausgedrückten Gefühle durch Nachahmung automatisch vom Zuhörer selbst empfunden würden. Für Platon (427-347 v. Chr.) war deshalb die Kontrolle der Musik vor allem von zentraler Bedeutung für den Staat. In seiner Politeia (Der Staat III 410) lesen wir: „Die Erziehung zur Musik ist von größter Wichtigkeit, da Rhythmus und Harmonie machtvoll ins Innerste der Seele dringen.“ Was die Gymnastik für den Körper, sei die Musik für den Geist, und für die richtige Erziehung brauche es beides, um ein Gleichgewicht zwischen Roheit und Härte einerseits und Weichheit und Milde andererseits zu erreichen. Auch schrieb Platon den einzelnen Modi bestimmte Wirkungen auf die Seele zu. Später wurde die Musik als eine der septem artes liberales in den höheren Bildungskanon der römischen Antike aufgenommen.
[...]
1 Im Interesse einer besseren Lesbarkeit habe ich, wann immer von Frauen und Männern die Rede ist, auf eine konsequente Differenzierung verzichtet und statt dessen nur die männlichen Sprachformen verwandt. Selbstverständlich beziehen sich die Aussagen des vorliegenden Berichts gleichermaßen auch auf Frauen, soweit nicht explizit etwas Gegenteiliges angezeigt wird. Ich bin mir der Problematik dieses Sprachgebrauchs durchaus bewußt; die Wahl der männlichen Sprachformen impliziert hier jedoch ausdrücklich keinerlei Hierarchie. Zu der Entscheidung für diese Praxis haben mich übrigens zwei freundliche Kommilitoninnen ermutigt, die sich ihrerseits dafür entschieden haben, konsequent nur die weiblichen Sprachformen für alle Geschlechter zu gebrauchen.
2 Eine ausgezeichnete Darstellung des musikalischen Lebens im antiken Griechenland in Theorie und Praxis bietet Georgiades (1958), auf dessen Arbeiten auch die Darstellung im folgenden basiert.
3 William Shakespeare: King Henry the Eighth. Act III, Scene I
Arbeit zitieren:
Mathias Krüger, 2005, Musik und Emotion, München, GRIN Verlag GmbH
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