„Die Unternehmen verstehen sich heute auch als eine soziale Einrichtung, in der sich Mitarbeiter frei entfalten können, und sie betonen, dass sie als soziale Institutionen verstanden sein wollen, die die Belange des Gemeinwohls beachten.“ (1) In dieser typischen Charakterisierung des Selbstverständnisses heutiger ökonomischer Organisationssysteme soll ein Zusammenhang zwischen Wirtschaftsgrundlagen und normativen Richtlinien deutlich werden, der mit dem Begriff Wirtschaftsethik beschrieben werden kann. Dieser Zusammenhang wirft zugleich eine Vielzahl problematischer Fragestellungen auf. Inwieweit kann eine Wirtschaft überhaupt „ethisch“ sein und was bedeutet ethisch in diesem Kontext? Warum ist es überhaupt notwendig, einen Zusammenhang zwischen der Ökonomie und der Ethik herzustellen? Welche Gestalt kann eine Wirtschaftsethik annehmen und wie ist diese zu legitimieren? Schließlich, welche Auswirkungen hat diese bspw. auf unternehmerische Entscheidungen und wie sind sie selbst „ethisch“ zu beurteilen? Die Diskussion um Antworten auf diese Fragen ist sowohl aktuell als auch vielschichtig. Es kann bisher nicht davon ausgegangen werden, eine abschließende Klärung des Verständnisses und der Bedeutung von Wirtschaftsethik in absehbarer Zeit auf dem Tisch zu haben. Ziel dieses Essays ist es folglich, einen Überblick über die zentralen Probleme eines Zusammenhangs zwischen Wirtschaft und Ethik zu geben und verschiedene Lösungsansätze kurz zu skizzieren. Dabei soll der mögliche prinzipielle Widerspruch zwischen wirtschaftlichen und ethischen Imperativen im Mittelpunkt stehen.
In einem ersten Schritt wird zu diesem Zwecke die Frage gestellt, warum sich überhaupt Wirtschaft mit ethischen Forderungen konfrontiert sieht (I). Anschließend wird auf mögliche Formen einer Ethik in Unternehmen eingegangen (II). In einem dritten Schritt werden zwei Möglichkeiten des Umgangs mit dem Gegensatz wirtschaftlicher und ethischer Orientierung untersucht (III). Abschließend (IV) soll angesichts der Unmöglichkeit einer gleichzeitigen und gleichberechtigten Handlungsleitung durch wirtschaftliche und ethische Imperative der Vorschlag abgeleitet werden, durch eine Veränderung der Prämissenhierarchie unter Berücksichtigung von Funktionalitätsaspekten ein wirtschaftsethisches Verhalten zumindest anzudeuten. Es soll bereits an dieser Stelle eingeräumt werden, dass dieser Vorschlag natürlich selbst hinsichtlich seiner Motivation moralischen Charakter aufweist. Allgemeiner formuliert, selbst die Debatte um die „richtige“ Auffassung einer Wirtschaftsethik trägt notwendigerweise normative Züge.
(I) Wie kommt es überhaupt zu einer Verknüpfung von zwei so unterschiedlichen Bereichen wie Wirtschaft und Ethik? Bevor an dieser Stelle auf mögliche Ursachen eingegangen werden kann, ist es sinnvoll, zunächst ein grobes Verständnis beider Begriffe anzugeben. Unter Wirtschaft soll ein „Teilsystem der Gesellschaft... [verstanden werden, wobei]... eine Wirtschaft immer auch Vollzug von G esellschaft [ist].“ (2) Diese an Luhmann orientierte Auffassung legt eine Befragung dieses Teilsystems auf ethische Orientierungen eher nahe. Unter Ethik hingegen soll ein gemeinsam geteilter Komplex von Normen und Werten verstanden sein, welcher der Beurteilung richtiger und falscher Handlungen in einer Gesellschaft dient und kommunikativ als Zusammenhang im Wesentlichen legitimiert wird. Dieses Verständnis, welches Parallelen zur Auffassung von Jürgen Habermas aufweist, ist geeignet, mögliche Gemeinsamkeiten sowie Gegensätze beider Begriffe herauszuarbeiten.
Wird nun Wirtschaft mit dem Kriterium „effizient/ineffizient“ und Ethik in seiner Praxis mit dem Kriterium „richtig/falsch“ als handlungsorientierende Entscheidungsbasis charakterisiert, drängt sich die Frage nach den Ursachen einer Verknüpfung auf. Aus wirtschaftlicher Perspektive ist zumindest eine Berücksichtigung ethischer Prinzipien (beim Konsumenten und in der Selbstdarstellung) erstens auch ein Nutzen, d.h. in einem bestimmten Umfang ist es wirtschaftlich sinnvoll und effizient, sich an Normen und Werten hinsichtlich seiner ökonomischen Entscheidungen zu orientieren. Ethik wird in dieser Sicht eine mehr oder weniger kalkulierbare Nutzenvariable, welche bspw. den Gewinn oder die Leistung der Mitarbeiter beeinflusst. Die Quantifizierung dieser Variable bleibt zwar problematisch, wird aber durch Annahme von Rationalitätskalkülen im Entscheidungsprozess prinzipiell unterstellt.
Damit verknüpft ist eine strukturelle Entkopplung der Handlungsmaximen. Ethik in seiner „nützlichen“ (d.h. wirtschaftlich förderlichen) Fassung dient dann neben seiner Einkalkulierung in Entscheidungsprozesse von Konsumenten auch der Selbstdarstellung nach außen, und zwar eben als einer normen- und wertegeleiteten Institution. Entkoppelt von dieser Darstellung wird jedoch der interne rein ökonomische Entscheidungsprozess. Sinn dieser Trennung von innen und außen ist vorrangig seine verkaufsfördernde Wirkung auf die Kunden, welche ja wie angenommen ihre Kaufentscheidung auch unter ethischen Gesichtspunkten treffen.
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Kai Lehmann, 2004, Wirtschaftsethik?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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