Einleitung
Die Entstehung der deutschen Nation kann als die Erfindung einer deutschen Nation und gleichzeitig auch als die haltlose Konstruktion des dazugehörigen „Volkes“ bezeichnet werden.
Hauptsächlich soll es hier darum gehen, daß Antisemitismus/Judenfeindschaft konstitutiv für den deutschen Nationalismus war und ist und auch nach der Shoa untrennbar damit verbunden ist. Wenn vielleicht manche Aspekte von Nationalismus nicht ihrer Bedeutung entsprechend abgehandelt sein mögen, so liegt das daran, daß Nationalismus an sich kein spezifisch deutsches Phänomen ist und hier in der Kürze hauptsächlich auf Spezifika des deutschen Nationalismus und der deutschen Nation eingegangen werden kann. Eine solche Besonderheit ist Antisemitismus, den es zwar auch woanders gegeben hat und gibt, aber zur Shoa hat er eben in Deutschland geführt.
Die Erfindung eines „deutschen Volkes“
Anfang des 19. Jahrhunderts sah es in Europa noch so aus, als würden sich die Ideen der französischen Revolution verbreiten und auch praktisch in der Politik auswirken. Das philosophische Denken orientierte sich an den neuen zentralen Bezugspunkten: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Rousseaus „Gesellschaftsvertrag“ setzte Akzente. Eine liberale politische Kultur wie in Frankreich konnte sich in Deutschland allerdings letztendlich nicht durchsetzen.
Von einem einheitlichen „deutschen Volk“ war bis 1800 selten die Rede. Mit den Napoleonischen Kriegen setzte dann ein politischer Diskurs ein, der die deutsche Einheit (als Mittel gegen die Zersplitterung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation) thematisierte und das gemeinsame der Deutschen in (kultureller) Abgrenzung zu Frankreich suchte. Die von dort ausgehende Bedrohung in den Befreiungskriegen läßt somit das Bewußtsein der eigenen „völkischen“ Identität entstehen. Das deutsche „Volk“ wird zum Gegenspieler Napoleons stilisiert, anfänglich vorhandene demokratischrevolutionäre Impulse verschwinden.
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Die alleinige Definition über den „Feind“ genügte aber nicht. Es entstand ein kulturalistisch-konventioneller Nationalismus, eine Ideologie, die die Entstehung des eigenen „Volkes“ in einer Zeit datiert, die vor dem Konflikt mit Frankreich liegt. Politische Vordenker rekurrierten auf die sagenumwobene „Herrmannsschlacht“ und somit auf ...das Bild einer Schlacht, von der nicht einmal gewiß ist, ob sie tatsächlich im Teutoburger Wald stattfand, und das ihres Siegers, der fälschlicherweise Hermann der Cherusker genannt wurde. 1 Dieser Mythos und andere, die sich auf fragwürdige geschichtliche Ereignisse bezogen trugen zur „Bildung“ (im wörtlichen Sinn) der deutschen Nation bei. In nationalen Mythen verdichten sich Legenden und Erzählungen zu einem historischen Bild, das unmittelbar und unwillkürlich eine politische Funktion erfüllen soll. 2
Müller unterscheidet in seiner Abhandlung zwei Typen oder Modi des nationalen Mythos innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsformationen, auf die ich mich im folgenden beziehen möchte.
1) Genealogischer Mythos - „ius sanguini“
Die Romantik stellte die Kategorien zur Verfügung, die für den Blut-und-Boden-Mythos konstitutiv waren: organisches Denken, anti-aufklärerischer Gestus (Die historische Entwicklung gilt als naturgemäß, ein eigener Gestaltungsanspruch wird den Menschen abgesprochen), Gefühl kommt vor Verstand, die Gemeinschaft zählt mehr als das Individuum („Wir-Gefühl“), die Erhebung eines „Volksgeistes“ zum in der Geschichte handelnden Subjekt.
Generell wird von biologistischen Prämissen ausgegangen. Hegel verwendet die Metapher von der Nation als großer Familie. Das „Volk“ als Überfamilie wird somit zum Träger der Nation.
1 Müller, Jost: Ein Mythos, ein Staat, ein Volk. Zur Theorie der Nationform des Politischen. In: Mythen der
Rechten. Nation, Ethnie, Kultur. Edition ID-Archiv. Berlin / Amsterdam 1995 (S.63-82; hier: 63)
2 ebd., a.a.O., S.64
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Ernst Moritz Arndt, Friedrich Ludwig Jahn und Jakob Fries waren neben anderen die Wortführer eines solchen „natürlichen Volksbegriffs“. Arndt schrieb 1813 (in zweifelhaftem Deutsch) „Über Volkshaß“:
„Ich will den Haß, festen und bleibenden Haß der Teutschen gegen die Welschen und gegen ihr Wesen, weil mir die jämmerliche Äfferei und Zwitterei mißfällt, wodurch unsere Herrlichkeit entartet und verstümpert und unsere Macht und Ehre den Fremden als Raub hingeworfen ward; ich will den Haß, brennenden und blutigen Haß, weil die Fremden laut ausrufen, sie seien unsere Sieger und Herren von Rechts wegen, und weil wir das nicht leiden dürfen. Laßt die Franzosen in Frankreich Franzosen sein, in Teutschland sollen sie es nicht sein; da müssen sie und ihre Anhänger und Evangelisten geächtet sein und als Hochverräter an dem Lande und Volke bestraft werden; da ist die einzige Menschlichkeit, diejenigen zu vertilgen, welche das göttliche und menschliche Recht durchbrechen und sich frevelhafter Tyrannei anmaßen; da ist die einzige menschliche und christliche Pflicht, die Schande auszurotten und den demütigen und das Eisen der Evangelisten der Freiheit sein zu lassen.“ 3 Frevel zu
Die um sich greifende Teutomanie wurde zu der Zeit auch kritisiert, etwa von Heinrich Heine:
„der Patriotismus der Franzosen besteht darin, daß sein Herz erwärmt wird, durch diese Wärme sich ausdehnt, sich erweitert, daß es nicht mehr bloß die nächsten Angehörigen, sondern ganz Frankreich, das ganze Land der Zivilisation, mit seiner Liebe umfaßt; der Patriotismus des Deutschen hingegen besteht darin, daß sein Herz enger wird, daß es sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte, daß er das Fremdländische haßt, daß er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein enger Deutscher sein will. Da sahen wir nun das idealische Flegeltum, das Herr Jahn in System gebracht; (...)“ 4
3 Arndt, Ernst Moritz: Über Volkshaß. In: Jeismann, Michael / Ritter, Henning (Hg.): Grenzfälle. Über neuen und
alten Nationalismus. Leipzig 1993, S. 332
4 ebd., a.a.O.
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Karin Lederer, 1999, Die Konstruktion des 'Deutschen' als Gegenpol zum 'Jüdischen', München, GRIN Verlag GmbH
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