1.
Sigmund Freuds These im Kapitel VI, dass der Aggressionstrieb des Menschen ein Abkömmling und Hauptvertreter des Todestriebes 1 sei, der neben dem Eros zum Lebenskampf der Menschenart gehöre, lässt im darauf folgenden Kapitel die Frage aufkommen, warum nicht auch die Tiere einen solchen Kulturkampf führen. Sehr wahrscheinlich, glaubte Freud, haben die Bienen, Amei sen, Termiten durch Jahrhunderttausende darum gerungen, um innerhalb ihrer staatlichen Institutionen jene Verteilung der Funktionen gegen den Preis beschränkter Individuen hervor bringen zu können, die wir heute bei ihnen bewundern.
Aus dem Wir, das er hier im Namen aller beansprucht, möchte ich mich ausklinken, denn mich können weder deterministische Geschichtsphilosophien noch totalitäre Ameisenstaaten begeistern; außerdem hoffe ich, dass sich der gegen wärtige Z u-stand menschlicher Empfindungen, dem ja wohl immer auch ein Quäntchen Vernunft zur Seite steht, gegenüber solchen Tierstaaten, bei George Orwell auch „Farm der Tiere“ geheißen, niemals grundsätzlich verändert.
Mich überzeugt mehr die Anschauung seines Zeitgenossen Max Scheler, der zu dieser Thematik sagte: Der Mensch ist das Lebewesen, das kraft seines Geistes sich zu seinem Leben, das heftig es durchschauert, prinzipiell asketisch - die eigenen Triebimpulse unterdrückend und verdrängend, d.h. ihnen Nahrung durch Wahrnehmungsbilder und Vorstellungen versagend - verhalten kann. Mit dem Tiere verglichen, das immer „Ja“ zum Wirklichen sagt - auch da noch, wo es verabscheut und flieht -, ist der Mensch der „Neinsagenkönner“, der „Asket des
1 Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. Und andere kulturtheoretische Schriften, Einleitung von A. Lo-
renzer und B. Görlich, 7. unveränderte Auflage, Frankfurt / Main 2001 (Alle fett ausgedruckten Textstellen ohne
weitere Fußnoten sind Zitate aus diesem Buch von S. 85 bis 108)
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Lebens“, der ewige Protestant gegen die bloße Wirklichkeit, der somit seine Triebenergie zu geistiger Tätigkeit „sublimieren“ kann. 2 Das von Freud betonte menschliche Triebverdrängen, das er fast nur negativ deutete, münzte Scheler produktiv um und sagte, dass der Mensch als der ewige „Faust“ die ihn umgebende Wirklichkeit ständig zu transzendieren sucht - darunter auch seine eigene jeweilige Selbstwirklichkeit. Das konstitutionelle „Nein“ zum Triebe lasse ihn deshalb seine Wahrnehmungswelt durch ein ideelles Gedankenreich 3 überwölben.
Abgesehen davon, bemühte sich Freud durchaus verdienstvoll um Fragen, die wesentlich sind und wohl noch lange aktuell bleiben, zum Beispiel: Welcher Mittel bedient sich die Kultur, um die ihr entgegenstehende Aggression zu hemmen, unschädlich zu machen, vielleicht auszuschalten?
Er glaubte, etwas Merkwürdiges entdeckt zu haben: Aggression könne auch verinnerlicht, zum Ursprung zurück gedrängt, also gegen das eigene Ich gewendet werden. Anstatt sich an anderen auszutoben, stellt sie sich in strenger Aggressionsbereitschaft als Über-Ich in Form des „Gewissens“ gegen das Ich. Solch eine innere Transformation zeitigt natürlich auch eine Außenwirkung, was dazu führen kann, dass einem dann manche ähnlicher sehen als man sich selber, wie mein Dichterfreund Jürgen K. Hultenreich sagen würde.
Aus dieser Span nung entstehe das Schuldbewusstsein, das sich als Strafbe dürfnis äußere. Hier entwaffne gleichsam die Kultur die gefährliche Aggressionslust durch eine innere Instanz, der Freud jedoch ein ursprüngliches Unterscheidungsvermögen für Gut und Böse absprach und der er stattdessen einen fremden Einfluss zuwies, dem sich der Mensch aus Angst vor dem Liebes verlust unterwerfe.
2 Scheler, Max: Schriften zur Anthropologie. Stuttgart 1994, S. 176 f
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Freud weiß anscheinend, was das Böse ist, indem er folgert, dass es oft gar nicht das dem Ich Schädliche oder Gefährliche ist. Im Ursprung soll das Böse dasjenige sein, wofür man mit Liebesverlust bedroht wird. Freilich erinnert das an die Genesis, an die Vertreibung aus dem Garten Eden, an den Verlust der Gottesnähe, an das Verfluchtsein, nun für den Preis des Schamge fühls und der Erkenntnis im Schweiße seines Angesichts seinen Lebensunterhalt verdienen und unter Schmerzen gebären zu müssen. Und da man Gott oder seine vielen Stellvertreter auf Erden - kann auch heißen: irgend welche Autoritäten, Elternvertreter und dergleichen - als furchtbar Strafende kennen gelernt habe, bestehe hin fort eine „soziale“ Angst, die auch als „schlechtes Gewissen“ begriffen werden müsse. Das Böse, das Annehmlichkeiten verspricht, wird dennoch ausgeführt, wenn man sich nur sicher wähnt, nicht beachtet, beobachtet zu werden. Doch der Unterschied zwischen Gedanke und Tat werde verwischt, wenn der strafende Gott (oder hier die Autorität) durch die Aufrichtung eines Über-Ichs verinnerlicht werde, denn nun lasse sich vor dem eigenen Über-Ich nichts mehr verbergen. Was wäre die Folge? Das Über-Ich peinigt das sündige Ich mit den nämlichen Angstempfindungen und lauert auf Gelegenheiten, es von der Außenwelt bestrafen zu lassen.
Ich sehe darin eine mögliche, jedoch keine gesetzmäßige Verhaltensfolge aller Menschen, denn so viel das Über-Ich an Höhe gewinnt, so viel gewinnt es auch an Fallhöhe. Manchmal rüttelt schon eine Portion Ironie die innere Welt ins Gleichgewicht. Typisch scheint indessen, dass sich Leute, die besonders tugendhaft sein wollen, oft einer größeren Ve rsuchung gegenüber bösen Mächten ausgesetzt empfinden als solche, die sich gar nicht vornehmen, besonders beispielhaft zu leben.
3 Ebenda, S. 177
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Arbeit zitieren:
Siegmar Faust, 2003, Zu: Sigmund Freud - Das Unbehagen in der Kultur, München, GRIN Verlag GmbH
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Zusammenfassung des Freudschen Aufsatzes "Das Unbehagen in der Ku...
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