erkennen. Ist sie falsch, so gelangt man Dank ihr immerhin zu einer klareren Wahrnehmung und einem lebhafteren Eindruck der eigenen Wahrheit. Wenn neue, gegensätzliche Ideen erstickt werden, verliert die Menschheit die Möglichkeit die Wahrheit zu finden oder zumindest die eigene Ansicht bewahrheitet zu sehen und beraubt sich selbst, die existierenden und auch die folgenden Generationen. Abgesehen davon, dass man nie sicher sein kein, dass die Meinung, die man unterdrückt, falsch ist, sollte man es sich nicht anmaßen für die gesamte Menschheit zu entscheiden und so Unfehlbarkeit für sich zu beanspruchen.
Weise Menschen, so argumentiert der Philosoph, scheuen Diskussion nicht und verlassen sich lieber auf die Unfehlbarkeit der 'Welt', ihres Umfelds, mit dem sie sich intensiv beschäftigen. Sie respektieren die 'Welten' anderer mit der Gewissheit, dass Zeitalter und Gesellschaften genauso fehlbar wie das Individuum sind. Sie setzen sich kritisch sich mit anderen Meinungen auseinander und kommen so zu ihrer Wahrheit, die nun geeignet ist in die Tat umgesetzt zu werden. Das Wissen um die menschliche Fehlbarkeit und dies zu akzeptieren muss also keineswegs vom Handeln abhalten. Da niemand unfehlbar ist, sollte jeder die Möglichkeit haben seinen eigenen Standpunkt zu vertreten, mit anderen zu diskutieren und so zu Klarheit zu gelangen. Der ganze Wert und die Stärke der menschlichen Urteilskraft ist laut Mill von der Freiheit, die eigene Meinung zu äußern, und von der Fähigkeit, Einwände an den eigenen Denk-und Lebensweisen zu akzeptieren, abhängig. Nur so kann das Individuum zu tieferen Erkenntnissen gelangen und man sicher sein der Wahrheit so weit nahe gekommen zu sein, wie dies zurzeit möglich ist.
Was für den einzelnen Menschen gültig ist, kann auch auf die Gesellschaft angewandt werden. Wie die Vergangenheit zeigt, hat nicht die Erfahrung allein, sondern deren Diskussion hat die Menschheit vorangebracht. Es ist wichtig, dass den Menschen Mittel wie die Offenheit für Kritik und die Fähigkeit zum Bedenken von Gegenargumenten zur Verfügung stehen. Denn nur dann, wenn man frei ist Gedanken ohne Einschränkungen zu äußern und sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen, ist es möglich, davon in der Zukunft zu profitieren und frühere Fehlurteile richtig zu stellen. Gedankenfreiheit nützt also nicht nur Wahrheit, sondern individuelle Weisheit zu erlangen, und dient der Menschheit aus der Geschichte zu lernen. Sich auf diese Argumentation berufend fordert Mill nun, dass der Glaube und die mit ihm verbundenen moralischen Vorstellungen ebenfalls diskutiert werden dürfen und werden, denn nur so könne man sicher sein der Wahrheit so nah wie derzeit möglich zu
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kommen. Auch hier gilt, dass man die Materie nur dann wirklich kennt, wenn man sich der Vielfalt der Meinungen stellt und alle Blickwinkel untersucht. Jedoch ist die Überzeugung weit verbreitet, dass einige Anschauungen nicht angegriffen werden dürften, weil sie zu wichtig, zu nützlich für die Gesellschaft seien, und daher vom Staat verteidigt werden müssten. Damit maßt sich die Regierung jedoch Unfehlbarkeit an und verhängt ein Diskussionsverbot nicht aufgrund der Wahrheit, sondern der Nützlichkeit einer Doktrin. Die Bewertung des Nutzens ist freilich auch von der jeweiligen Meinung abhängig und somit diskutabel, hebt Mill hervor. Letztendlich ist die Wahrheit einer Meinung jedoch immer Teil deren Nützlichkeit.
Um das zu untermauern, führt er nun Sokrates und Jesus als Beispiele für Individuen an, die den in ihrer Epoche vorherrschenden als nützlich angesehenen Glauben hinterfragt haben und letzten Endes dafür umgebracht wurden. Zu spät wurde erkannt, wie wertvoll ihre Ideen für die Menschheit waren. Wenn er dann auf Marcus Aurelius zu sprechen kommt, um zu verdeutlichen, wie nützlich Gedankenfreiheit ist, verstrickt er sich, finde ich, in Widerspruch. Mill selbst stellt hier nämlich das Christentum als unantastbare Doktrin hin und verteidigt es sogar mit dessen Nutzen für die Gesellschaft , um daraufhin jedoch für religiöse Toleranz zu werben und Kritik an der christlichen Moral und Praxis zu üben.
Nichtsdestotrotz zeigt Mill anhand von diesen Beispielen, wie nützlich die Äußerung anderer Ansichten für die Entwicklung der Menschheit ist, und dass er gesellschaftlichen Umwälzungen radikal positiv gegenüber steht. Sein Zeitgenosse und Kritiker James Fitzjames Stephen ist da vorsichtiger. Ihm scheint die Veröffentlichung von Meinungen über Moral, Politik und Religion zwar genauso wichtig wie jede andere menschliche Tat zu sein, doch der Angriff auf Meinungen, auf denen die Gesellschaft ruht, erscheint ihm gefährlich. Seiner Ansicht nach sollte man, bevor man eine solche gefährliche Stellungnahme macht, abwägen, sich selbst von deren Wert überzeugt haben und ihre Äußerung erst dann riskieren (vgl. 149-50). Obwohl John Stuart Mill Widerspruch gegen etablierte Denkweisen grundsätzlich befürwortet, heißt das, meiner Meinung nach, jedoch nicht, dass er Stephen hier widersprechen würde. Das Durchdenken eines Problems und eine gute Argumentation sind ihm keineswegs unwichtig, im Gegenteil, stellen sie doch die Werkzeuge zum Erlangen der Wahrheit dar.
Aus diesem Grund spricht er sich nicht nur für freie Meinungsäußerung, sondern Toleranz und Offenheit gegenüber Andersdenkenden aus - obgleich sich das, was
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zurzeit als Wahrheit angesehen wird, durch Verfolgung zwar mehrmals zurückgeworfen wurde, sich aber trotzdem durchgesetzt hat. Die Wahrheit taucht, seiner Ansicht nach, immer wieder auf und etabliert sich letztendlich unter günstigen Umständen. An dieser Stelle übt Mill Kritik an den weit verbreiteten subtilen Formen von Verfolgung und sozialer Intoleranz, wie der an Gottglauben gebundenen Rechtspraxis und der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Menschen mit abweichenden Ansichten. Letztgenannte führe dazu, dass Meinungen verschleiert werden, moralische Courage verloren geht und weder offene furchtlose Charaktere, noch logischer beständiger Intellekt entstehen. Die Menschheit verkümmert, da weiterhin falsche Meinungen existieren, die ohne geistige Aktivität nicht überwunden werden. Die Äußerung anderer Ansichten wird durch die Allmacht der öffentlichen Meinung wird verhindert. Es findet kein Meinungsaustausch statt und so herrscht ein 'intellektueller Friede', in dem der menschliche Verstand nicht wachsen kann. Ohne Gedanken- und Diskussionsfreiheit können weder durchschnittliche Menschen ihre geistigen Fähigkeiten entfalten, noch große Denker gedeihen.
Es gab in der Vergangenheit nur einzelne Genies, doch kein mündiges, intellektuell aktives Volk, wie er es fordert, weil, so fasst Albert William Levi die Gedanken Mills zusammen, der Intellekt frei sein muss, um zu den Schlüssen, zu der Wahrheit, zu kommen, zu der ihn das rationale Denken führt (vgl. 193). Auch Maurice Cowling hält fest, dass Mill jedoch überzeugt ist, dass, wenn Gedankenfreiheit erreicht ist und der Druck des Mittelmaßes verschwunden ist, die hellen Köpfe (und vielleicht sogar die weniger hellen) ihre Freiheit nutzen werden um sich am Aufbau einer unvoreingenommenen, einheitlichen Ethik zu beteiligen, die von einem anerkannten, philosophischen Verfa hren gültig gemacht wird. Denn da, so paraphrasiert er den Denker, wo man die Individuen frei handeln lässt, wird das Prinzip der Nützlichkeit alle guten Ergebnisse abdecken, zu denen Rationalität den Menschen führen sollte (vgl. 172).
Mill strebt tatsächlich ein Ideal von sich immer weiterentwickelnden Individuen an, die nie eine Wahrheit akzeptieren würden, ohne sie zu hinterfragen. Auch die 'einfachen Leute' wären davon nicht ausgeschlossen, weil sich sonst die Menschheit der Wahrheit nie sicher sein könnte, wenn sie einen Teil nicht denken und sprechen ließe. Meinungs- und Diskussionsfreiheit soll also für jede Gesellschaftsschicht gelten und ist auch noch dann wichtig, wenn eine Mehrheit von der Wahrheit überzeugt ist, denn dann
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Arbeit zitieren:
Linda Schug, 2003, Mündigkeit, Wahrheit und Glück. Zur Nützlichkeit der Meinungsfreiheit in "On Liberty", München, GRIN Verlag GmbH
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