Inhaltsverzeichnis
1 Einführung 2
2 Die Entstehung einer eigenständigen Landbauwissenschaft 3
2.1 Die Forschungskontroverse 3
2.2 Die Herausbildung der Landbauwissenschaften - Etappen und Entwicklungen 5
3 Pflanzenernährungs- und Düngerlehre - Die Agrikulturchemische Revolution 7
3.1 Philipp Carl Sprengel - Die Lehre vom Dünger 7
3.2 Justus von Liebig - Die organische Chemie 8
3.3 Falschaussagen und Durchsetzung der Erkenntnisse 9
4 Erhöhung der Agrarproduktion zum Ende des 19. Jahrhunderts 11
4.1 Die Bedeutung der Pflanzenernährungs- und Düngerlehre 11
4.2 Die Rolle der landwirtschaftlichen Versuchsstationen 12
5 Schlussbetrachtung 13
6 Anlage 15
7 Quellenverzeichnis 16
8 Literaturverzeichnis 16
2
1 Einführung
Mit dem Anwachsen der Bevölkerungszahlen im Zuge der Industriellen Revolution waren die Entwicklungen in der deutschen Landwirtschaft und somit die Herausbildung einer eigenständigen Landbauwissenschaft entscheidend davon geprägt, wie die verstärkte Nachfrage nach agrarischen Produkten gestillt werden könnte. Veränderte wirtschaftliche, soziale und politische Bedingungen forcierten die steigenden Anforderungen an das Leistungsvermögen der deutschen Landwirtschaft. Eine Befriedigung dieser war jedoch nur durch eine Steigerung der Ertragsintensität möglich, das heißt: auf einer relativ begrenzten landwirtschaftlichen Nutzfläche musste die erzeugte Produktmenge erhöht werden. Beleuchtet wird in der vorliegenden Arbeit die besondere Rolle der Landbauwissenschaften 1 in diesem Prozess. Dazu wird aus dem umfangreichen Gebiet der Agrarwissenschaften ein Themenkomplex herausgegriffen, der wie kein anderer den Beginn einer neuen Ära in der klassischen Pflanzenproduktionswissenschaft kennzeichnet - die Agrikulturchemische Revolution. Sie stand zugleich für die Vernetzung der naturwissenschaftlichen Grundlagenfächer 2 mit der praktischen Landwirtschaft, die so symptomatisch für diese Entwicklungsetappe war.
An den Zeitpunkt der Entstehung einer eigenständigen Landbauwissenschaft knüpft sich seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts eine andauernde Kontroverse der historischen Forschung. Nach Darstellung der Argumente wird der Zeitpunkt abwägend festgelegt und die einzelnen Etappen und wichtigsten Entwicklungen in der Genesis der Agrarwissenschaften skizziert. Mit den herausragenden Protagonisten der
Agrikulturchemischen Revolution, Philipp Carl Sprengel und Justus von Liebig, beschäftigt sich der folgende Abschnitt. Von Interesse sind dabei ihre Werke, ihre Irrtümer und die Durchsetzung ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse. Anschließend gilt es, die Rolle der Agrikulturchemie für die Erhöhung der Agrarproduktion zum Ende des 19. Jahrhunderts zu untersuchen. Auf die als Kommunikationszentren zwischen Theorie und Praxis dienenden landwirtschaftlichen Versuchsstationen wird gesondert eingegangen - trugen sie doch maßgeblich zur Verbreitung und Etablierung des neuen Wissens bei. Folgende Fragen sollen die Untersuchung leiten: Warum setzten sich die Ergebnisse der agrikulturchemischen Forschung so spät durch? Worauf ist die Erhöhung der Agrarproduktion in den drei Jahrzehnten vor dem Ausbruch des I. Weltkrieges zurückzuführen? Wie hoch ist der Anteil der Agrarwissenschaften an dieser Steigerung?
1 Im Folgenden werden die Begriffe Landbauwissenschaften und Agrarwissenschaften synonym gebraucht.
2 Im Fall der Agrikulturchemie wären das die Grundlagenfächer Chemie, Physik und Biologie.
3
2 Die Entstehung einer eigenständigen Landbauwissenschaft
2.1 Die Forschungskontroverse
Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts datierte der Agrarökonom Theodor von der Goltz das Entstehen einer eigenständigen Landbauwissenschaft in Deutschland auf den Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert 3 . Im Jahre 1962 argumentierte Wilhelm Abel, dass die Anfänge der Landbauwissenschaft im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts 4 zu finden sind. Er opponierte damit gegen die bis dato bestehende Auffassung und stieß eine Forschungskontroverse an. Seine Ansicht begründete er einerseits mit den schon 1727 entstandenen ersten kameralistischen Lehrstühlen in Deutschland an den Universitäten Halle/Saale und Frankfurt/Oder, andererseits stellte er eine Periode der Veröffentlichungen bedeutender Werke von Experimentalökonomen zwischen 1753 und 1759 fest und interpretierte dies als ein Kennzeichen von Verwissenschaftlichung. Seiner Auffassung schlossen sich Friedrich-Wilhelm Hennig 5 und Ingrid Mittenzwei 6 ausdrücklich an: Kameralistik = Agrarwissenschaften?
Mehr als einhundert Jahre später verorteten Werner Plesse und Dieter Rux in ihrer Ausgabe der „Biographien bedeutender Biologen“ 7 die wissenschaftlich begründete Basis für die Rationalisierung der Landwirtschaft im Wirken des Chemikers Justus von Liebig. 8 Wohl eher darauf bedacht, in Justus von Liebig weiterhin den Begründer der Agrikulturchemie zu sehen, anstatt sich kritisch mit neuen Thesen auseinander zu setzen, teilte Irene Strube 9 diesen Standpunkt. Justus von Liebig - der Begründer der modernen Agrarwissenschaften? Heinz Haushofer und Volker Klemm vertreten die begründete Auffassung, dass die Periode der Rationellen Landwirtschaft unter Albrecht Daniel Thaer den Beginn eines
3 Goltz von der, Theodor: Geschichte der deutschen Landwirtschaft, 2 Bde., Stuttgart 1902/1903, 2. Neudruck
1984. Trotz ihres hohen Alters bietet diese Darstellung, nach Volker Klemm, einen umfassenden Überblick
über die Entwicklung der Landwirtschaft im 18./19. Jahrhundert. Vgl. Klemm, Volker: Agrarwissenschaften in
Deutschland. Geschichte - Tradition. Von den Anfängen bis 1945, St. Katharinen 1992, S. 14.
4 Abel, Wilhelm: Geschichte der deutschen Landwirtschaft vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert, in:
Franz, Günther (Hrsg.).: Deutsche Agrargeschichte, Bd. 2, Stuttgart 1967 2 , S. 281.
5 Henning, Friedrich-Wilhelm: Rez. zu Lärmer, Karl (Hrsg.): Studien zur Geschichte der Produktivkräfte;
Deutschland zur Zeit der industriellen Revolution, (= Forschungen zur Wirtschaftsgeschichte, Bd. 15), Berlin
1979, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie, 29 (1981), S. 229-230 [229].
6 Mittenzwei, Ingrid: Die Agrarfrage und der Kameralismus, in: Harnisch, Hartmut/Heitz, Gerhard (Hrsg.):
Deutsche Agrargeschichte des Spätfeudalismus, Berlin 1986, S. 146-185 [147].
7 So der Titel des Sammelbandes. Plesse, Werner/Rux, Dieter (Hrsg.): Biographien bedeutender Biologen. Eine
Sammlung von Biographien, Berlin 1986 3 .
8 Plesse, Biographien, (wie Anm. 7), S. 243.
9 Strube, Irene: Chemie und industrielle Revolution, in: Lärmer, Karl (Hrsg.): Studien zur Geschichte der
Produktivkräfte. Deutschland zur Zeit der Industriellen Revolution, Berlin 1979, S. 69-123 [112].
4
eigenständigen Gebietes der Landbauwissenschaft markierte. 10 Dabei nehmen sie eine eher vermittelnde Position ein und erkennen an, dass bereits ab Mitte des 18. Jahrhunderts Bestrebungen festzustellen sind, die dem Kameralismus verhaftete Landwirtschaftslehre in ein eigenes Wissenschaftsgebiet umzuwandeln. 11 Jedoch erst mit den „Arbeiten und Forschungen von Albrecht Daniel Thaer, Nepomuk von Schwerz und ihren Mitstreitern“ 12 vollendete sich die Lösung der Landbauwissenschaft von der damals herrschenden ökonomischen Lehre. Hier erreichte die Landwirtschaftslehre die notwendige wissenschaftlich-theoretische Qualität, die sie schließlich zu einer selbständigen Wissenschaft formte. Kombination von theoretischem Wissen und praktischer Anwendung werden erst mit den Arbeiten und Forschungen der Vertreter der rationellen Landwirtschaft zu einer entscheidenden Triebkraft für die Agrarproduktion. Unter Thaer und seinen Schülern entstanden entsprechende Forschungs- und Bildungseinrichtungen, die einen verstärkenden Diskurs innerhalb der Wissenschaften förderten - Austausch und Kommunikation von Wissen. Landwirtschaft und Agrarwissenschaft sind keinesfalls nur angewandte Naturwissenschaften, wie etwa nur die Chemie, obgleich einige „Chemie-Historiker“ 13 dies gern behaupten. Als theoretische Grundlage benötigen sie ebenso der Stützung durch die ökonomischen Disziplinen. Gerade für die bewusste Ausbreitung der klassischen englischen Ökonomie in der landwirtschaftlichen Literatur ist die Lehre von der rationellen Landwirtschaft kennzeichnend. Nicht nur ein „Qualitätssprung“ 14 , sondern ein Epochensprung wurde damit absolviert - der Sprung von der deutschen Art des Merkantilismus, dem Kameralismus, zu der an Gewinnmaximierung orientierten liberalen Produktionsweise. Das Ziel der Landwirtschaft lag nun nicht mehr in der höchsten Produktion, sondern in der Erwirtschaftung des höchsten Gewinns. 15 Im Bereich der Landwirtschaft noch bestehende feudale Fesseln schüttelte die neue liberale Wirtschaftsmethode ab und steigerte die Effizienz des Produktionsprozesses. 16 Resümierend muss gesagt werden, dass den Argumenten Haushofers und Klemms eine größere
10 Ende des 18. Jahrhunderts-1830/40. Vgl. Klemm, Agrarwissenschaften, (wie Anm. 3), S. 9f und Haushofer,
Heinz: Die deutsche Landwirtschaft im technischen Zeitalter, in: Franz, Günther (Hrsg.): Deutsche
Agrargeschichte, Bd. 5, Stuttgart 1963, S. 16.
11 Klemm, Agrarwissenschaften, S. 10.
12 Ebd.
13 Ebd.
14 Ebd., S. 11.
15 Vgl. ebd., S. 81; Klemm, Volker: Die Entstehung eigenständiger Landbauwissenschaften in Deutschland
(1800-1830), in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie, 44 (1996), S. 162-173 [168] und ders.:
Albrecht Daniel Thaer, in: ders. u. a.: Von Thaer bis Mitscherlich. Kurzbiographien bedeutender Berliner
Agrarwissenschaftler, (= Beiträge zur Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, Nr. 16), Berlin 1987. S.
13-21 [16].
16 Klemm, Entstehung, (wie Anm. 15), S. 186.
Arbeit zitieren:
Matthias Rekow, 2005, Die Herausbildung einer eigenständigen Landbauwissenschaft in Deutschland - Die Agrikulturchemische Revolution in der Pflanzenernährungs- und Düngerlehre und deren Bedeutung für die Erhöhung der Agrarproduktion, München, GRIN Verlag GmbH
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