1
Abstract
Noch immer gibt es gerade in der Welt der Medien unzählige, für die meisten Menschen unbekannte, Tätigkeiten ohne die man in dieser Branche nicht auskommen kann, für welche es aber andererseits noch immer keine Ausbildungsmöglichkeiten und somit keine Berufsanerkennung gibt.
Die Tätigkeit des Casting Directors ist eine von ihnen.
Ob das in diesem Fall auch zukünftig so bleiben muss oder ob es Möglichkeiten gibt, diesen Zustand zu verändern, möchte ich in der vorliegenden Arbeit versuchen zu analysieren.
Dazu werde ich im ersten Teil dieser Arbeit das relativ unbekannte Tätigkeitsbild eines Casting Directors vorstellen um dann im zweiten Teil die unterschiedlichen Möglichkeiten des Ausbildungserwerbs zu beleuchten und versuchen, auch mit Hilfe verschiedenster mündlicher und schriftlicher Kontakte sowie Interviews, Antworten und Lösungsansätze zu finden.
2
Abstract
There are countless occupations that are indispensable for the media world but for which there are still no training facilities and thus no official recognition. The job of the Casting Director is one of them.
Within this thesis I want to try to analyse whether this has to remain so in this particular case or whether it is possible to change this situation.
For this purpose I will introduce in the first part the relatively unknown job of Casting Director in order to investigate in the second part the different ways of being trained and with the help of different oral and written contacts or interviews to try to find answers to my questions.
3
Inhaltsverzeichnis
Abstract. 1
Abstract. 2
Inhaltsverzeichnis 3
Bilderverzeichnis 5
1. Einleitung. 6
2. Vorgehensweise 9
3. Der Casting Director - Wissensbroker zwischen den Kreativen. 11
3.1. Der Castingbegriff oder der Begriff des Casting Directors 11
3.2 Ein Blick auf die historische Entwicklung des Castings 12
3.2.1 Entstehungsgeschichte in den USA 12
3.2.2 Entstehungsgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland 15
3.3 Das Tätigkeitsfeld eines Casting Directors. 17
3.4 Eine Erläuterung der medialen Hilfsmittel 18
3.4.1 Das Drehbuch 18
3.4.2 Vita und Foto 18
3.4.3. Das Demoband. 19
3.4.4 Das Livecasting. 20
3.4.5 Das Archiv 21
3.5 Wie ein (Film-) Projekt besetzt wird - Ablauf 22
4. Die Anerkennung der Tätigkeit Casting 26
4.1. National. 26
4.2. International 28
5. Der Beruf 31
5.1 Was ist ein Beruf - Eine Begriffsdefinition 31
5.2 Die Berufung. 33
5.3 Berufe und ihre Benennungen 34
5.4 Wie ein Beruf entsteht 35
6. Der Casting Director als Berufsbild. 38
6.1 Der Casting Director - Der typische Freiberufler 38
6.2. Der bisherige Weg zum „Beruf“ 40
6.3 Qualitätsstandards - Welche Fähigkeiten benötigt ein Casting Director. 41
6.4 Bisherige Unternehmungen zur Etablierung des Berufsbildes Casting. 43
7. Professionalisierung. 44
8. Qualifizierungsmöglichkeiten - Denkbare Schritte zur Anerkennung. 47
8.1 Die duale Ausbildung 47
8.1.1 Duale Ausbildung im Medienbereich 48
8.1.2 Eine gelungene Möglichkeit zur dualen Ausbildung im Mediensektor: Der
Maskenbildner 49
8.1.3 Pro und Contra-Argumente zum Thema Casting als duale Ausbildung. 51
8.1.4 Fazit duale Ausbildung 52
8.2 Die akademische Ausbildung 53
8.2.1 Der Diplomstudiengang. 53
8.2.1.1 Casting im Rahmen eines Diplomstudienganges. 54
8.2.1.2 Pro und Contra-Argumente zum Thema Casting im Rahmen eines
Diplomstudienganges. 57
8.2.1.3 Fazit zum Diplomstudiengang 58
8.2.2 Das interdisziplinäre Studium nach dem Bologna - Modell 59
8.2.2.1 Bachelor / Master das neue Studienkonzept 59
4
8.2.2.2 Eine gelungene Möglichkeit eine Medienstudienganges - Public Relations /
Kommunikationsmanagement. 60
8.2.2.3 Pro und Contra-Argumente zum Thema Casting als interdisziplinärer
Studiengang 61
8.2.2.4 Casting als interdisziplinär ausgerichteter Studiengang nach dem Bologna
- Modell - Ein Fazit 62
8.3 Qualifizierungsmaßnahmen 63
8.3.1 Weiterbildung in Medienberufen. 66
8.3.1.1 Eine gelungene Möglichkeit zur Weiterbildung: Der Aufnahmeleiter 67
8.3.1.2 Pro und Contra-Argumente zum Thema Casting im Rahmen einer
Weiterbildung. 68
8.3.1.3 Fazit zu Weiterbildungsmaßnahmen. 69
9. Fazit 71
10 Quellenverzeichnis 74
5
Bilderverzeichnis
Abbildung 1 Beruf / Anforderung / Qualifikation 33
Abbildung 2: Das Verfahren zur Erarbeitung von Ausbildungsordnungen und
Rahmenlehrpl änen 37
1. Einleitung
Casting spielt bei jeder Film- und Fernsehproduktion eine signifikante Rolle, denn die Qualität der Arbeit des an der Produktion mitwirkenden Casting Directors, kann einen entscheidenden Teil zu Erfolg oder Misserfolg dieser beitragen. Trotzdem erfährt die Tätigkeit des Casting Director bis heute nicht genügend Aufmerksamkeit und vor allem Anerkennung.
Dies fängt an bei der nichtvorhandenen Existenz eines Preises für das beste Casting bei den verschiedenen Film- und Fernsehawards, obwohl es für fast jede Aufgabe in dieser Branche einen Preis gibt, und endet bei der fehlenden Ausbildung und somit auch der Anerkennung des Castings als eigenständigen Berufszweig.
In meiner Abschlussarbeit „Beruf oder Berufung - Wie wird die Tätigkeit eines Casting Directors zu einem anerkannten Beruf?“ werde ich deshalb versuchen das noch immer weitestgehend unbekannte Tätigkeitsfeld des Casting Directors dem Laien näher zu bringen und des Weiteren herauszufinden, ob es möglich wäre „Casting“ als Ausbildungsberuf bzw. als Studium/Teil eines Studiums zu lehren. Bisherige Casting Directors „rutschen“ nur über Umwege in diesen Beruf und arbeiten einzig mit Erfahrungswissen, dadurch fehlte ihnen aber auch oft die Bestätigung (z.B. Nennung im Vor- oder Abspann, Mitspracherechte), welche eine Qualifikation durch einen Ausbildungsberuf bzw. ein Studienabschluss mit sich bringen würde. Auf das Thema der Abschlussarbeit kam ich, durch ein Praktikum in einer Casting Agentur. Über die Zeit lernte man Menschen aus verschiedenen Bereichen des Filmbusiness kennen, ob nun Schauspieler, Agent oder Regisseur. Auffallend war, dass viele dieser ohne spezifische Ausbildung in diesem Betätigungsfeld in ihren Beruf geraten waren. Aus eigenen Erfahrungen weiß ich, wie beliebt Jobs in der „coolen“ Filmsparte sind, und wie viele junge Menschen davon träumen später ein Teil dieser scheinbar glamourösen Welt zu sein.
Nun stellte sich für mich aber die Frage, ob denn in der gesamten Filmbranche fast nur ungelernte oder angelernte Kräfte arbeiten? Letztendlich kann es ja nicht der durchschnittliche Weg zu einem Beruf sein, über jahrelanges „herumjobben“ in anderen Bereichen irgendwann über einen Quereinstieg gepaart mit viel Glück an den so genannten Traumjob zu gelangen.
7
Gäbe es nicht Möglichkeiten schneller bspw. mit einer Ausbildung an sein Ziel zu kommen? Was ist zudem, wenn man erst einmal jahrelang in diesem Traumberuf gearbeitet hat, das Unternehmen aber Konkurs anmelden muss? Außer Erfahrungen kann man nichts vorweisen, um sich für den gleichen Job in einem anderen Unternehmen zu bewerben. Und woran kann man seine Qualitäten, gerade als Neuling in der Branche festmachen? Wäre es nicht günstiger, wenn man eine Art Zeugnis oder Abschluss vorweisen könnte, der beweist, dass man für seine Tätigkeit prädestiniert ist? Zwar gibt es seit einigen Jahren immer mehr Möglichkeiten durch qualifizierte Ausbildung direkt im Betätigungsfeld der Medien einzusteigen, aber leider werden dabei noch immer zu wenig Berufe außer Acht gelassen.
Da ich nun erste Erfahrungen im Castingbereich sammeln konnte, erschien es für mich lohnenswert, diesen Sektor im Zusammenhang mit den gestellten Fragen näher zu untersuchen, da ich mir vorstellen könnte auf Interesse seitens des Bundesverband Casting (BVC) 1 bzw. der Hochschulen zu stoßen.
Wie ich bei meinen Recherchen feststellen musste, erwies es sich dann jedoch als äußerst schwierig genügend Material zu finden, da es bis heute im Grossen und Ganzen leider nur sehr wenig Literatur zum Thema Casting im Allgemeinen bzw. gar kein Material zur Materie Casting als Beruf im Speziellen gibt. Deshalb muss ich die Ergebnisse meiner Arbeit überwiegend auf Informationen aufbauen, welche ich mit Hilfe von Interviews und Nachfragen bei Casting Directors, Filmhochschulen in Deutschland und diversen Institutionen, welche sich mit (Medien-) Berufen auseinandersetzen, erhalten habe.
Bei der Bearbeitung des Themas kamen mir natürlich nicht nur die angewandte Literatur oder die Ergebnisse aus meinen Interviews und Anfragen, sondern auch die gewonnenen Erfahrungen und Kenntnisse während meines Praktikums und meiner weiteren Arbeit bei Anja Dihrberg Casting zu gute.
1 Der Bundesverband Casting (BVC) e.V. wurde am 24. Juni 2003 während der Cologne Conference als der Berufsverband der Casting Directors in Deutschland gegründet. Seither informiert und unterstützt der Verband seine Mitglieder in berufsständischen Fragen und verpflichtet sie zu einer fachgerechten Berufsausübung. Die Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Image des Berufsstandes des Casting Directors zu fördern und Kenntnisse darüber publik zu machen. Der Beruf Casting wird auf diese Weise in der Fachwelt und der beträchtlicheren Allgemeinheit repräsentiert. Dabei stehen die Informationsvermittlung und der Dialog mit der Filmbranche im Vordergrund der Arbeit des BVC. (Quelle: http://www.castingverband.de/start.htm)
8
Ziel dieser Arbeit ist es, einen allgemeinen Überblick über die Aufgaben eines in Deutschland tätigen Casting Directors zu bekommen und mit Hilfe meiner Untersuchung herauszufinden, welche Möglichkeiten der Ausbildung in Frage kommen, um somit zur Aufwertung einer Tätigkeit beizutragen, die noch immer nicht als eigenständiger Beruf angesehen wird.
Mit diesem Beitrag hoffe ich letztendlich einen kleinen Teil dazu beizutragen, der Tätigkeit des Casting Directors zu mehr Ansehen zu verhelfen und evt. einen ersten den Bundesverband Casting (BVC) unterstützenden Schritt in Richtung Casting als zertifiziertes Berufsbild zu machen.
9
2. Vorgehensweise
Bevor ich meine Fragestellung „Beruf oder Berufung - Wie wird die Tätigkeit eines Casting Directors zum anerkannten Beruf?“ klären kann, möchte ich zunächst direkt auf den Casting Director eingehen. Dazu gehört zum Ersten ein geschichtlicher Überblick, sowie Zweitens eine Erklärung zum eigentlichen Tätigkeitsfeld, welche dem Leser näher bringen soll, in welchem Umfeld sich ein Casting Director bewegt und was seine tatsächlichen Aufgaben sind, da mir in vielen Gesprächen mit Branchenfremden aufgefallen ist, dass darüber oftmals totales Unwissen herrscht. Danach erfolgen eine Erläuterung der medialen Mittel, welcher sich ein Casting Director bei seiner Arbeit bedient, sowie eine kurze Beleuchtung des Besetzungsablaufs eines Filmprojektes.
Um zu erklären, warum die Beschäftigung als Casting Director bisher scheinbar nur Berufung anstatt Beruf ist, gehe ich danach darauf ein, was man gemeinhin unter der Definition „Beruf“ versteht und welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, um eine Tätigkeit Beruf werden zu lassen.
Zudem möchte ich kurz klären, ob Casting in anderen Ländern wie z.B. den USA oder Großbritannien den gleichen Status wie in Deutschland besitzt. Darauf folgend soll erläutert werden, über welche Fähigkeiten ein Casting Director eigentlich verfügen muss und über wie man bis dato in diesen Berufszweig gelangt. Danach gehe ich darauf ein, welche Bemühungen bisher stattgefunden haben Casting als Beruf zu etablieren bzw. ob es sich im Grunde rentieren würde dafür Ausbildungsmöglichkeiten anzubieten. Ich gehe in diesem Teil der Arbeit auf die duale Ausbildung, das Studium, sowie die Weiterbildung ein und versuche anhand von Pro-und-Contra-Argumenten die verschiedenen Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen, um somit herauszufinden, welche für kommende Casting Directors die Beste wäre. Zum Schluss werde ich meine gewonnenen Erkenntnisse in einem Fazit noch einmal zusammenfassen, um zu einem schlussendlichen Ergebnis meiner Anfangs gestellten Frage zu gelangen.
Wie sich bei meinen Recherchen für die Arbeit feststellen ließ, ist Literatur zum Bereich Casting oder Casting Director kaum vorhanden. Bisher haben zudem keinerlei Untersuchungen dazu stattgefunden, ob es aus ökonomischer und qualitativer - künstlerischer Sicht lohnenswert wäre, diesen Berufszweig auszubilden.
10
Daraus ergibt sich, dass ich selber in mündlichen bzw. schriftlichen Kontakt mit Casting Directors, Filmhochschulen in Deutschland und diversen anderen Verbänden und Organisationen getreten bin, um mit Hilfe von zum Teil halbstrukturierten Interviews 2 Informationen zu erhalten, die mir letztendlich helfen sollten Antworten, Vorschläge und Lösungen bezüglich meiner zu Beginn gestellten Fragestellung aufzuzeigen. Zur Vereinfachung verwende ich in der gesamten Arbeit die männlichen Formen für sämtliche Berufsbezeichnungen, wie beispielsweise den Casting Director, Regisseur, Agent oder Produzent, diese sollen aber auch die weiblichen Formen mit einschließen. Gleichzeitig benutze ich, auf Grund der fehlenden deutschen Berufsbezeichnung, durch die gesamte Arbeit hinweg, die aus dem angloamerikanischen Sprachraum übernommene Bezeichnung Casting Director anstelle der deutschen Übersetzung Castingdirektor.
2 Unter halbsstrukturierten Interviews versteht man die Sorte Konversation, die bereits längerfristig terminlich vereinbart worden sind und bei welchen bereits vor dem Gespräch die Thematik sowie Gesprächsführung im groben umrissen wird, um sicherzustellen, dass die Interviewpartner die Möglichkeit erhalten, sich inhaltlich vorzubereiten (Quelle: vgl. Russel 1994, 208ff)
11
3. Der Casting Director - Wissensbroker zwischen den Kreativen
3.1. Der Castingbegriff oder der Begriff des Casting Directors
„Das es für Casting kein deutsches Wort gibt, ist symptomatisch, denn dieser Beruf war im Gegensatz zu den angloamerikanischen Ländern lange unterschätzt und unterrepräsentiert.“ 3
Der Begriff „Casting“, wie er verstärkt im Vorspann eines Kinofilmes zu lesen ist, wird in der Fachliteratur unter den Begriffen „Casting“ oder „Besetzen“ wie folgt definiert: ● „Casting“: [TV] (engl. = Rollenverteilung) Test-Vorstellung. Probaufnahmen. Vorsprechen z.B. eines neuen Moderators. Auch bei Film und Theater. Synonym für Besetzen. 4
●„Besetzen“: [TV] Die künstlerischen Mitarbeiter einer Produktion, insbesondere die Schauspieler, werden ausgewählt. Dieser Auswahlprozess wird auch Casting genannt. 5 Ob „Casting Director“ auch als Berufsbezeichnung für Deutschland gelten kann, hängt natürlich auch entscheidend davon ab, was man gemeinhin als Beruf kategorisiert. Es findet eine Übernahme des englischen Begriffes statt, der Tätigkeitsbereich bleibt allerdings weitestgehend unklar. Richtig übersetzt wird der Begriff „Casting Director“, als Castingregisseur, allerdings findet dieser Ausdruck kaum Benutzung. Die Tätigkeit des Casting Directors wird in der Branche mit Wortschöpfungen wie „Castingdirektorin“, „Castingfrau“ oder „Casterin“ umschrieben. 6 Casting gilt allgemein als Sammelbegriff für Besetzungstätigkeiten in unterschiedlichsten Mediensektoren: „Die Suche und Auswahl von Darstellern ist nicht nur für Spielfilme eine zentrale Aufgabe; auch für Werbung, Image oder Schulungsfilme.“ 7
In seltenen Fällen wird Casting als künstlerische Tätigkeit beschrieben, meistens aber als reine Dienstleistung betrachtet. Der Beruf des Casting Directors wird somit als Zulieferer von denjenigen Schauspielern betrachtet, die für das Medium Kino in den
3 Braker, A. In: Weidinger 1997
4 Kühner A. /Sturm T. 2000, 53
5 Ebd., 38
6 vgl. www.elle.de
7 http://www.aim-mia.de
12
Augen von Regisseur und Produzent die Drehbuchvorgaben erfüllen. Manche beschränken die Tätigkeit des Casting Directors gar auf die Besetzung der Nebenrollen. Die Herausstellung eines besonderen Könnens fand ich allein in folgender Definition: „Unter dem Begriff Casting (oder Deutsch Besetzung) ist in Bezug auf die Produktion von Kinofilmen generell visuelles Vorstellen von Mitwirkenden zu verstehen.“ 8 In sämtlichen medialen Sektoren ist Casting eine aus Amerika übernommene Dienstleistung, eine Server- und Selectortätigkeit, für die ein bestimmtes visuelles Vorstellungsvermögen benötigt wird, die aber kein Beruf ist. Allgemein ist wenig über den Beruf des Casting Directors bekannt und Literatur gerade für das Preproduktionsfeld des Kinocastings spärlich.
Trotz der jüngsten Bemühungen Medienberufe greifbar zu machen, bleibt der Beruf des Casting Directors offenbar noch immer ein Stiefkind.
3.2 Ein Blick auf die historische Entwicklung des Castings
Um die Bedeutung einer beruflichen Annerkennung besser nachvollziehen zu können, ist es meines Erachtens wichtig einen Einblick in die historische Entwicklung dieses Berufes zu bekommen.
Da die USA das Mutterland des Kinos und des Fernsehens darstellen, ist es auch sicher nicht verwunderlich, dass die Entwicklung des heutigen Casting Directors dort seine Ursprünge fand.
3.2.1 Entstehungsgeschichte in den USA
Anfang der 40er Jahre war das führende Managementsystem noch vornehmlich das Producer-Unit-System, die zu den Entscheidungsträgern der Studios avancierten Produzenten beherrschten den Markt. Als diese Form des Studiosystems in den Augen des Staates zu mächtig geworden war und eine Monopolstellung innehatte, kam es zu einem bisher einzigartigen Eingriff in die amerikanische Filmindustrie von Seiten des Staates.
8 Roth, R. 1985, 49
13
Das Sherman Antitrust Law sollte in Zukunft verhindern, dass die Konzerne nur ihre eigenen Filme zuließen, während kleinen unabhängigen Filmproduzenten, den so genannten Independents, der Weg zur möglichen Popularität verweigert wurde. Die grossen Produktionsfirmen mussten sich von Kinoketten trennen, mit denen sie den Absatz ihrer Filme gesichert hatten. 9 Über die Realisierung von Projekten entschieden nun nicht mehr das Producer - Unit System, sondern die Gesetze des freien Marktes, auf den sich nun auch die kleinen Produktionsfirmen drängten.
Intern reagierten die Studios mit Mitarbeiterreduzierung, Verkleinerung ihrer Studios, sowie dem Verkauf von Teilen ihrer Anlagen. Casting Departments verschwanden. Produktionsaufträge wurden nicht mehr Inhouse mit einem festen Stab produziert, sondern auf dem freien Markt an denjenigen vergeben, der am besten und preiswertesten arbeitete. 10
Ehemals von Studios angestellt, waren die Filmfachleute nun auf dem freien Markt und mussten sich neu orientieren, um ihren Fähigkeiten entsprechend einen neuen festen oder zeitweiligen Arbeitgeber zu finden.
Im Unterschied zu der Kinobranche hatte das Fernsehen keine finanziellen Probleme. Von Beginn an wurden Fernsehshows von Sponsoren finanziert. Das Fernsehen war in den USA bei seiner Einführung als Luxusartikel sehr beliebt und gewann innerhalb weniger Jahre eine große Bedeutung für den amerikanischen Medienmarkt. 11 So kam es dazu, dass neben den Casting Directors auch andere ehemalige Angestellte der Studios in den TV-Sektor wechselten. Auch die Filmkonzerne begannen aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation, ihre Produktionskapazitäten zunehmend auf den Bereich des Fernsehens zu verlagern.
Von der institutionellen Struktur ihres Arbeitens differenziert man seit den 70er Jahren zwischen zwei verschiedenen Arten von Casting Directors, den Inhouse Casting Director und den Independent Casting Director. Während der Inhouse Casting Director fest in einem Studio angestellt ist, arbeitet der Independent Casting Director freiberuflich.
In den 50er Jahren gab es noch keine Independent Casting Directors. Dennoch lässt sich am Beispiel des Paramount Film Studio, ein für diese Zeit äußerst spezialisiertes und
9 vgl. Dorn 2000, 208
10 vgl. Dorn 2000, 207-209
11 vgl. Schäffner, B. 2001, 179
14
hierarchisch geordnetes Casting Department ausfindig machen, an dessen Spitze ein Head Casting Director stand, dem rund ein Dutzend Angestellte untergeordnet waren. An unterster Stelle war der Talent Scout. Seine Aufgabe war es neue Gesichter von der Strasse zu holen und im Casting Department für eine mögliche Schauspielausbildung vorzustellen. Als Vorläufer des ersten Casting Departments kann die Central Casting Agency, eine Kontrollinstanz, gesehen werden. Initiator war der Vorsitzende des Dachverbandes der Major Companies Willhelm Hays, der so gegen den „anstößigen“ Lebenswandel mancher Schauspieler vorgehen wollte. Diese Casting-Abteilungen waren Vorläufer der Casting-Büros im heutigen Verständnis. Die Tätigkeit Casting Director entwickelte sich daraus erst in den folgenden Jahrzehnten. 12 Da die Investition auf einen Hoffnungsträger mit hohen Kosten verbunden war und die Gefahr bestand, dass die zu Stars aufgestiegenen Schauspieler die Studios verließen, wurden sie unter feste Verträge genommen. Dabei war der Aufgabenbereich des Casting Departments zweigeteilt. Einerseits ging es darum aus dem Pool der Festangestellten Schauspieler zu schöpfen um künftige Filme zu besetzen; andererseits sorgte das Casting Department für Nachschub und nahm neue Talente in die Datei auf. Die letzte Entscheidung lag allerdings beim Produzenten, so dass das Casting Department lediglich eine Vorauswahl anbot.
Bedingt durch die Umstrukturierung der großen Studios wurden die Casting Departments auf ein Minimum beschränkt und viele Angestellte entlassen. Viele dieser ehemaligen Festangestellten der Studios, so auch aus den Casting Departements wurden arbeitslos und fanden eine Anstellung im TV-Bereich. Diese neue Verfügungsgewalt legten die Stars nun in die Hände von Agenturen und Managementfirmen wie William Morris Agency, International Creative Management und Music Corperation of America (MCA), aber auch der Einfluss der Independent Casting Director galt von Produzentenseite anfänglich als eine Art Selektionsinstanz, die aus dem großen neuen Pool von Schauspielern schöpfen musste, aber vor allem auch als neutrale Person im Vergleich zu Agenten und Managern, die zunehmend daran interessiert waren, möglichst viele ihrer Stars in einer Produktion unterzubringen. Die neu gegründete Branche der Independent Casting Directors musste sich selbst einer gewissen Form des Castings unterziehen: nicht mehr im Angestelltenverhältnis der Studios mussten sie sich einen Namen erarbeiteten. So machten sie sich eigenständig
12 vgl. Prokop, D. 1988, 88
15
und eröffneten eigene Büros. Nur wer die erforderliche Kunstfertigkeit zusammen mit einer gewissen Geschäftstüchtigkeit besaß, überlebte auf dem freien Markt.
3.2.2 Entstehungsgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland
Das deutsche Mediensystem ist andersartig verfasst als das Amerikanische. Noch heute sind staatliche Filmförderungen gerade für Spielfilme in ganz Europa unabdingbar. Für Deutschland ist das Fernsehen eine zweite wichtige Förderungsinstanz.
Wie in Amerika drängte nach dem zweiten Weltkrieg das Fernsehen auf den Markt, anders als dort gab es jedoch nur ein Programm, und dies war kein rein wirtschaftlich orientiertes System, sondern lag in Staatshänden.
Als das Zweite deutsche Fernsehen (ZDF) zu Beginn der 60er Jahre hinzukam und wegen seiner geringen Produktionskapazität von Anfang an nach amerikanischen Muster Auftragsarbeiten vergab, drängten zunehmend Filmproduzenten in das Fernsehterrain der öffentlichen - rechtlichen Sender.
Mit Beginn der 80er Jahre kam es zu einer Wende in der Filmpolitik, sowie zu einer gravierenden Strukturveränderung des gesamten deutschen Mediensystems. Thilo Kleine bezeichnet sie als den „medienpolitischen Urknall“ 13 , da sich für die beiden öffentlichen - rechtlichen Sender ARD (Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands) und ZDF 1984 erstmals durch die privaten Fernsehanbieter eine marktwirtschaftliche Konkurrenz auftat. Via Kabel und Satellit verbreiteten sie Vollprogramme, die zunächst von den Anteilseignern und später weitgehend durch den Verkauf von Werbezeiten finanziert wurden. Dabei war das Programm genau genommen lediglich eine Kopie der breiten Palette des US - Fernsehens: Sitcoms, Gameshows, Talkshows und vor allem TV - Movies.
Doch nicht nur bei der Finanzierung, sondern auch bei dem Mitarbeiterstab lässt sich ein „Crossoverphänomen“, wie ich es bezeichnen möchte, feststellen. Renommierte Produktionsfirmen, Regisseure, Schauspieler und die meisten Casting Directors, sind bei der Produktion von hochqualitativen Spielfilmen gleichermaßen im Fernseh- und Kinosektor tätig. Die Ausführungen belegen, dass man in Deutschland also besser von
13 Kleine, T. 1994, 248
Arbeit zitieren:
Vivian Damaschun, 2005, Beruf oder Berufung - Wie wird die Tätigkeit des Casting Directors zum anerkannten Beruf?, München, GRIN Verlag GmbH
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