Inhaltsverzeichnis
Einf ührung 5
1. Das Krankheitsbild „Adipositas“ 7
2. Die Entstehung von Adipositas 1 0
2.1 Die Rolle der Genetik 11
2.2 Positive Energiebilanz 13
2.3 Vermehrte Energieaufnahme - Essverhalten 14
2.3.1 Experiment: „Supersize Me“ 15
2.3.2 Das Drei-Komponenten-Modell 19
2.4 Verminderter Energieverbrauch 21
2.5 Psychosoziale Aspekte 22
2.5.1 Soziokulturelle Faktoren 22
2.5.2 Persönlichkeitsstörungen und Essstörungen 23
2.6 Sekundäre Adipositas 25
3. Adipositas-assoziierte Krankheiten 2 7
4. Prävalenz und Epidemiologie 2 9
5. Adipositas als eine chronische Erkrankung 3 1
5.1 Biopsychosoziale Definition 31
5.2 Umgang mit Belastungsquellen chronischer Erkrankungen 33
5.3 Entwicklungsbezogene Aspekte 37
5.3.1 Krankheitskonzepte bei chronisch kranken Kindern 38
5.3.2 Einfluss des Alters auf Bewältigungsstrategien 41
5.3.3 Einfluss der Krankheit auf Entwicklungsaufgaben 41
6. Psychosoziale Belastungen von Adipositaskranken 43
6.1 Emotionale Probleme 43
6.1.1 Verhalten und soziale Kompetenz 44
6.1.2 Selbstwertgefühl und Körperkonzept 46
6.1.3 Angst und Depression 48
6.2 Schulische und soziale Probleme 49
6.2.1 Schulische Kompetenz 49
6.3 Funktionelle Einschränkungen und Lebensqualität 53 6.4 Zusammenfassung 55
7. Einflussfaktoren auf die Beziehung zwischen Erkrankung und Belastungserleben 5 6 7.1 Krankheitsbezogene Merkmale 57
7.2 Merkmale des Kindes 59
7.3 Merkmale der sozialen Umgebung 62
8. Interventionsansätze 6 5 8.1 Kontraproduktive Maßnahmen 65 8.2 Empfohlene Adipositastherapie 67
9. Möglichkeiten der Sozialen Arbeit 7 2 9.1 Momentane Stellung der Sozialen Arbeit 72 9.2 Einsatzfelder für Sozialarbeiter/Sozialpädagogen 73
S c h l u s s w o r t 8 7
Literaturverzeichnis 88
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Psychosoziale Belastungen bei adipositaskranken Kindern und Jugendlichen
Einführung
Adipositas ist nicht nur ein Problem, das den Betroffenen gesundheitliche bzw. motorische Belastungen im Alltag beschert - es ist eine zahlenmäßig bedeutende Gesundheitsstörung, welcher bis vor kurzem keine ausreichende Aufmerksamkeit gewidmet wurde. In den USA ist Adipositas und ihre Folgeerkrankungen für 280 000 Todesfälle im Jahr zuständig; hiermit ist sienach dem Rauchen - die zweithäufigste Todesursache. Bei Kindern und Jugendlichen spielt die Ernährung eine zentrale Rolle, wenn es um ihre Gesundheit geht. Die meisten Gesundheitsstörungen in diesem Alter sind auf veränderte Lebensbedingungen, vor allem mangelnde Bewegung und falsche Ernährung zurückzuführen; oft folgen darauf im Erwachsenenalter ernsthafte Leiden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Ebenso bedeutend wie organmedizinische Schäden sind die psychosozialen Folgen von Adipositas, „insbesondere Frauen mit Adipositas im Wachstumsalter sind seltener verheiratet, haben ein geringeres Einkommen und sind schlechter ausgebildet“ (Wirth, 1998). In Deutschland sind je nach Definition 10-20% aller Schulkinder und Jugendlichen übergewichtig bzw. adipös, die Prävalenz hat eine steigende Tendenz. Deswegen ist es besonders wichtig, Präventions- und Aufklärungsarbeit zu leisten, um bei dieser Altersgruppe ein richtiges Essverhalten zu prägen, da dieses im Erwachsenenalter erfahrungsgemäß weitgehend stabil bleibt, sowie bereits Betroffenen Werkzeuge an die Hand zu geben, damit sie durch ihre Erkrankung möglichst wenige gesundheitliche und soziale Einbüßen haben.
Eine Störung des Essverhaltens muss immer auch im Zusammenhang mit dem entsprechenden soziokulturellen und ökonomischen Status gesehen werden. So ist Adipositas nicht in allen gesellschaftlichen Schichten der industrialisierten Welt gleichmäßig anzutreffen: es besteht eine deutliche Verbindung zwischen Mittelknappheit und dieser Krankheit, oder anders
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Psychosoziale Belastungen bei adipositaskranken Kindern und Jugendlichen
gesehen - Zugehörige der oberen Schichten unternehmen eher etwas, um Adipositas entgegenzuwirken.
Ebenfalls nicht zu vergessen sind die hohen Kosten, die diese chronische Erkrankung in deutschem Gesundheitssystem verursacht, aufgrund der durch ihre Folgekrankheiten bedingten vorzeitigen Berentung und der hohen Inanspruchnahme von medizinischen Hilfeleistungen. Leider stößt diese Problematik auf ein bisher unzureichendes Angebot an adäquaten Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten, weswegen die Betroffenen auf die vielfach unseriösen und gesundheitsschädigenden Programme der kommerziellen Welt zurückgreifen, die ein schnelles Abnehmen versprechen. Hier besteht Handlungsbedarf für Mediziner, Psychologen, Therapeuten und auch für die Soziale Arbeit, um dieser Krankheit mit einem multifaktoriellen Ansatz zu begegnen und ein langfristig evaluiertes Programm zu entwickeln. Die vorliegende Abhandlung soll einen kleinen Beitrag dazu leisten, indem hier einige Ideen für den Einsatz der Sozialen Arbeit bei der Prävention und Behandlung der Adipositas im Kindes- und Jugendalter vorgelegt werden. Um die Entwicklung der Überlegungen zu verdeutlichen, wird zunächst das Krankheitsbild „Adipositas“ sowie ihre Entstehung im für Sozialarbeiter/-pädagogen relevanten Rahmen erläutert. Im weiteren Verlauf wird auf die Folgekrankheiten der Adipositas eingegangen und die Verbreitung dieses Phänomens dargelegt. Nun wird Adipositas als eine chronische Erkrankung betrachtet, die sich unter anderem durch eine Fülle an psychosozialen Belastungen auszeichnet, auf welche ausführlich eingegangen wird, da dort das hauptsächliche Einsatzfeld für Soziale Arbeit gesehen wird. Schließlich lernt der Leser verschiedene Behandlungsmethoden für Adipositas kennen, welche mit präventiven und kurativen Möglichkeiten der Sozialen Arbeit verbunden werden.
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1. Das Krankheitsbild „Adipositas“
Heutzutage werden Begriffe wie Adipositas, Übergewicht, Fettsucht oder Fettleibigkeit oft synonym verwendet. Hierzu sei gleich gesagt: die Bezeichnungen „Fettsucht“ oder „Fettlebigkeit“ werden aufgrund ihres diskriminierenden Charakters in dieser Abhandlung nicht benutzt, und sollten auch in der alltäglichen Sprache nicht gebraucht werden (vgl. Warschburger, 2000).
Anhand des Body-Mass-Index, der in der Wissenschaft die gebräuchlichste Methode zur Bestimmung von Adipositas ist, wurden unterschiedliche Gewichtskategorien festgelegt und Adipositas in drei Grade klassifiziert:
Der vielfach benutzte Begriff „Idealgewicht“ taucht hier nicht auf und sollte kritisch betrachtet werden. Idealgewicht liegt je nach Geschlecht 10% bzw. 15% unter dem Normalgewicht und suggeriert, dass es nicht „ideal“ ist, ein „normales“ Körpergewicht zu haben; es werden also (falsche) ästhetische Vorstellungen assoziiert. Ähnlich skeptisch sollte der Begriff
„Wohlfühlgewicht“ angesehen werden - er verschleiert mögliche erhebliche gesundheitliche Risiken und Beeinträchtigungen, von welchen auch diejenigen Adipösen betroffen sind, die sich mit ihrem Gewicht wohlfühlen (vgl. Wirth, 1998).
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Die Schwelle zwischen Normalgewicht und Übergewicht liegt nach international anerkannten Richtlinien bei einem Body-Mass-Index über 25 kg/m², unabhängig vom Geschlecht. Übergewichtige Menschen haben ein oberhalb der Alters- und Geschlechtsnormen liegendes Gewicht, wodurch laut der Nurses’ Health Study (Manson et al., 1995) und der Framingham Study (Hubert et al., 1983) die kardiovaskuläre Morbidität und Mortalität merklich steigt.
Von Adipositas spricht man, wenn der Anteil der Fettmasse am Körpergewicht übermäßig hoch ist, was bei den meisten Menschen ab einem BMI von 30 kg/m² der Fall ist. Die Morbidität und Mortalität nehmen ab diesem BMI deutlich zu, was den Krankheitswert von Adipositas ergibt. Ein gesteigerter Fettanteil wird häufig in der Literatur als >25% bei Frauen und >20% bei Männern angegeben; von dieser Definition sollte jedoch Abstand genommen werden, da die Körperfettanteile je nach verwendeter Meßmethode erheblich schwanken. Darüber hinaus steigt der Gesamt-Körperfettanteil mit zunehmendem Alter.
Bei Kindern und Jugendlichen werden Perzentilenkurven oder -tabellen verwendet, um Alter und Geschlecht zusätzlich zu berücksichtigen. Diese Vorgehensweise erlaubt es abzuschätzen, wie viel Prozent der gleichaltrigen und gleichgeschlechtlichen Bevölkerung mehr bzw. weniger wiegt als der zu Untersuchende. Beispielsweise bedeutet ein Perzentil-Wert von 92, dass 92% der deutschen Bevölkerung desselben Alters und Geschlechts leichter sind. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft stellt folgende Perzentilenkurven für deutsche Mädchen und Jungen vor, wobei Adipositas laut des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung (2004) oberhalb der 97. Perzentile vorliegt:
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Adipositas wurde von Brownell und Wadden (1991) in vier Schweregrade (Level) nach prozentualem Übergewicht unterteilt, die den
Interventionsbedarf näher beschreiben sollen: N Level 1: prozent. Übergewicht 5 - 20% Selbsthilfe oder kommerzielle Programme Æ
N Level 2: prozent. Übergewicht 20 - 40% Behaviorale oder kommerzielle Programme Æ
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N Level 3: prozent. Übergewicht 40 - 100% Diäten und Programme im Krankenhaus Æ
N Level 4: prozent. Übergewicht > 100% Stationäre Aufnahme und evtl. operative Verfahren. Æ
Seit Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts steht fest, dass die
Fettverteilung
bei Adipositas eine große Rolle bei der Entstehung ihrer Folgeerkrankungen spielt. Das Risiko steigt für
Erwachsene bei der androiden Fettverteilungsform (auch Apfelform genannt), d.h. wenn sich der Hauptanteil der Fettmasse im Bauchbereich befindet - im Gegensatz zu der gynoiden Form (Birnenform), wo eine Fettvermehrung vorwiegend im Bereich der Hüften und Oberschenkel stattfindet. Bei Kindern jedoch sind die Befunde hierzu noch nicht ganz eindeutig.
2. Die Entstehung von Adipositas
Es gibt nicht die Ursache oder den Aufrechterhaltungsfaktor für die Adipositas (Warschburger, 2000). Vielmehr spielen individuell zu bestimmende Faktoren, die in unterschiedlicher Ausprägung auftauchen und sich gegenseitig beeinflussen können, eine Rolle. Dieses soll die Abbildung auf der folgenden Seite verdeutlichen:
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Psychosoziale Belastungen bei adipositaskranken Kindern und Jugendlichen
Abb.4: Multifaktorielles Krankheitsgeschehen bei Adipositas (Warschburger, 2000)
Die Bedeutung der Faktoren beim multifaktoriellen Krankheitsgeschehen soll im Folgenden näher erläutert werden.
2.1 Die Rolle der Genetik
Tierversuche, Adoptionsstudien, klinische Studien und die Zwillingsforschung erbrachten wichtige Erkenntnisse zur Vererbbarkeit von Körpergewicht bzw. von BMI, die in verschiedenen Untersuchungen zwischen 30% und 70% liegt. Der genetisch bedingten Adipositas liegt die „thrifty genotype“-Hypothese zugrunde (thrifty (engl.) = sparsam), die besagt, dass sich im Laufe der Evolution bevorzugt solche Genvarianten ausbreiten können, die die Energiespeicherung bei Menschen und Tieren begünstigen. Dies wirkt sich besonders auf Bevölkerung der Industriestaaten ungünstig aus, weil beim Überangebot von energiereichen, schmackhaften und preisgünstigen Speisen das Zustandekommen von Übergewicht gefördert wird. Vorwiegend wird also der Energieverbrauch vererbt, dessen alle 3 Komponenten, also Grundumsatz, Thermogenese und körperliche Aktivität durch die Genetik beeinflusst werden. Darüber hinaus besteht die
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Psychosoziale Belastungen bei adipositaskranken Kindern und Jugendlichen
Hypothese, dass die Anzahl der Fettzellen genetisch determiniert ist; es wurde beobachtet, dass Kinder mit vielen Fettzellen auch ein höheres Gewicht haben (vgl. Fichter & Warschburger in Petermann, 1998). Hinsichtlich der Energieaufnahme gibt es noch wenige Erkenntnisse, wenngleich die Entdeckung des Leptin-Gens im Jahre 1994 und der Mutationen im Melanocortin-4-Rezeptior-Gen Ende des letzten Jahrhunderts auch hierfür Hinweise liefern:
Leptin (leptos = schlank) wird aus Fettzellen abgesondert und ist damit eines der Adipokine. Es stellt ein Bindeglied zwischen dem Fettgewebe und dem Gehirn dar. Leptin sendet Signale an den Hypothalamus und wirkt hiermit auf die Nahrungsaufnahme und den Energieverbrauch ein. Wird Tieren Leptin injiziert, nimmt die Nahrungsaufnahme rapide ab; bei Untersuchungen an Menschen nimmt bei Reduktionskost die Leptinkonzentration ab, unter Überernährung steigt sie. Darüber hinaus hat dieses Gen eine Reihe von Effekten, die den Stoffwechsel beeinflussen: es vermindert die Serumkonzentration von Insulin, Glukose und Kortisol und erhöht die Körpertemperatur, die motorische Aktivität und den Energieverbrauch; es steuert die Fruchtbarkeit, das Immunsystem, den Knochenstoffwechsel und die Entstehung der Gefäße.
Der Ausmaß und die Art der Regulation des Körpergewichts durch Leptin sind noch weitgehend unbekannt. Nach den ersten Studien bestand die Hoffnung, dass Appetit und Nahrungszufuhr durch die Gabe von Leptin verringert werden könnten; der therapeutische Einsatz von diesem Gen konnte jedoch bei den meisten Adipositas-Patienten nicht realisiert werden, was darauf zurückzuführen ist, dass bei „normalen“ Übergewichtigen eine Leptinresistenz vorzuliegen scheint. Es gab aber u.a. einschneidende Behandlungserfolge bei stark adipösen, hyperphagen Kindern mit genetisch determiniertem Leptinmangel.
Mutationen im MC4R treten bei ca. ein bis vier Prozent extrem adipöser Kinder und Erwachsener auf. Sie „bedingen meist eine reduzierte oder vollständig aufgehobene Rezeptorfunktion, sodass das a-Melanin-
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Psychosoziale Belastungen bei adipositaskranken Kindern und Jugendlichen
stimulierende Hormon (...) nicht mehr als Sättigungssignal fungieren kann. Wahrscheinlich resultieren sowohl eine erhöhte Energiezufuhr wie auch ein erniedrigter Energieverbrauch.“ (Hebebrand et al., 2004). In den nächsten Jahren wird mit Entdeckung weiterer Genvarianten, die das Gewicht beeinflussen, gerechnet, was eine Entwicklung neuer diagnostischer Möglichkeiten und Therapiearten von Adipositas erfordert. „Darüber hinaus wirft aber die molekulare Entschlüsselung des komplexen Phänotyps Übergewicht die Frage nach den psychologischen, sozialethischen, juristischen und ökonomischen Konsequenzen im Hinblick auf das allgemeine Krankheitsverständnis auf.“ (Hebebrand et al., 2004). Es soll hier aber angemerkt werden, dass nicht die Adipositas selbst vererbt wird, sondern lediglich die Prädisposition, ein solches Krankheitsbild zu manifestieren - weswegen Behandlungsprogramme durch den Aspekt der Vererbung ihre Aussicht auf erfolgreiche Gewichtsreduktion nicht verlieren.
2.2 Positive Energiebilanz
Eine These zur Entstehung von Adipositas besagt, dass die Betroffenen sich langfristig mehr Energie zuführen, als sie verbrauchen (positive Energiebilanz). Der Energiebedarf eines Menschen setzt sich aus drei Größen zusammen:
N Grundumsatz - dient der Erhaltung aller wichtigen Körperfunktionen, N thermogenetischer Effekt der Nahrung, N physische Aktivität.
Der Grundumsatz lässt sich vom Menschen wenig beeinflussen; es steht jedoch fest, dass er eng mit der Muskelmasse zusammenhängt, also dass Personen mit wenig Muskulatur wenig Energie verbrauchen und Gefahr laufen, Gewicht zuzunehmen.
Es ist bislang nicht genügend erforscht, ob sich normalgewichtige von adipösen Kindern hinsichtlich der Energieverwertung durch den
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Psychosoziale Belastungen bei adipositaskranken Kindern und Jugendlichen
Grundumsatz, den thermogenetischen Effekt der Nahrung oder die Bewegung unterscheiden. DeLany (1998) ist der Auffassung, dass diesbezüglich kaum Unterschiede bestehen; Goran (2000) regt an, dass der Unterschied auch reifungs- oder geschlechtsbedingt sein kann, und dass „sich bereits minimale Unterschiede in der individuellen Energiebilanz über Jahre hinweg in großen Gewichtsunterschieden ausdrücken können“ (vgl. Warschburger, 2000).
Trotzdem ist nach dem heutigen Stand der Wissenschaft klar, dass der Mensch sein Gewicht durch körperliche Aktivität und Energieaufnahme beeinflussen kann. Deswegen sind folgende Fragen von Bedeutung: Was bringt den Menschen dazu, soviel zu essen und zu trinken, bis Übergewicht entsteht? Und warum schränkt er in solchem Maße die Bewegung ein? Die Antworten sind auf der Verhaltens- und der Bewegungsebene zu suchen.
2.3 Vermehrte Energieaufnahme - Essverhalten
Adipositas hat nicht immer alimentäre Ursachen, was sich bereits abgezeichnet hat. Dennoch essen Adipöse im Vergleich zu Normalgewichtigen im Durchschnitt mehr. Die Mechanismen, die hier beteiligt sind, sind noch wenig bekannt, seien sie organischer oder psychosozialer Natur.
Ob Adipöse qualitativ und quantitativ anders essen, ist ein Untersuchungsgegenstand, der schwerer zu erheben ist, als man zunächst annehmen würde. Die Ergebnisse hängen stark von der angewendeten Untersuchungsmethode ab: Während sich in Befragungen keine Hinweise auf eine erhöhte Nahrungszufuhr fanden, wurden durch Beobachtungsstudien gegenteilige Befunde erzielt. Im Selbstbericht werden die täglich aufgenommenen Nahrungsmengen generell unterschätzt; die Differenz zwischen tatsächlicher und angegebener Energieaufnahme beträgt im Durchschnitt 40% (bei Normalgewichtigen sind das vergleichsweise 2%). Mit
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Psychosoziale Belastungen bei adipositaskranken Kindern und Jugendlichen
zunehmendem Gewicht verstärkt sich auch die Untertreibung (vgl. Wirth, 1998).
Grundsätzlich ist zu beobachten, dass sich die Ernährungsweise von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert hat -Trends und Werbung beeinflussen erheblich die Nahrungsaufnahme, Jugendliche üben diesbezüglich psychischen Druck untereinander aus. Zuhause wie in der Schule ist die Ernährung erheblich fettreicher geworden, das Pausenbrot und Apfel wurden z.B. durch Fastfood und Riegel ersetzt. Auffällig ist, dass adipöse Kinder im Vergleich zu normalgewichtigen Altersgenossen ihre Nahrungsaufnahme anders über den Tag verteilen und andere Nahrungsmittel konsumieren; bevorzugt werden Speisen mit einer hohen Energiedichte, vor allem stark fetthaltige Kost, die aus drei Gründen zur Gewichtszunahme führt: sie hat einen hohen Energiegehalt, sie ist aufgrund der fettlöslichen Aromastoffe schmackhaft und sie hat einen geringen Sättigungseffekt (vgl. Wirth, 1998). Darüber hinaus weist eine Reihe von Studien darauf hin, dass viele Adipöse mehr Freude und Genuss beim Essen empfinden als Normalgewichtige (vgl. Warschburger, 2000).
2.3.1 Experiment: „Supersize Me“
Im Jahre 2003 führte Morgan Spurlock ein noch nie da gewesenes Experiment durch, welches solch spektakuläre Ausmaße annahm, dass es als Dokumentarfilm mit dem Titel „Supersize Me“ zahlreiche Besucher in die internationalen Kinos lockte. Die Idee von Spurlock war, sich 30 Tage lang ausschließlich von Produkten der US-Amerikanischen Schnellrestaurantkette Mc Donald´s zu ernähren, um herauszufinden, welche Auswirkungen dies auf den Körper hat. Dieses Restaurant wurde gewählt, weil es mit 30 000 Filialen in 100 Ländern auf sechs Kontinenten weltweit der größte Anbieter von Fast Food ist. Mc Donald´s hat weltweit über 46 Mio. Kunden täglich und stellt in den USA 43% des Fast-Food-Marktes dar.
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Die Rahmenbedingungen des Versuchs waren:
Spurlock ernährt sich 30 Tage lang drei mal täglich ausschließlich von - McDonald´s-Produkten, einschließlich der Getränke, jede Speise von der Mc Donald´s-Karte muss mindestens ein mal - gegessenwerden,
das überdurchschnittlich große „Super Size-Menu“ (Burger, 250 g - PommesFrites und 1,25 l Softdrink) wird nur dann bestellt, wenn der Verkäufer dieses anbietet,
Spurlock bewegt sich nicht mehr als der durchschnittliche US- - Amerikaner,d.h. die Grenze von 5000 Schritten täglich darf nicht überschritten werden,
es finden regelmäßige Untersuchungen statt von einem Kardiologen, - einerGastroenterologin, einem Allgemeinmediziner und einer Diätexpertin.
Bei der Einstiegsuntersuchung wurde Spurlocks Gesundheitszustand als optimal beschrieben. Bei einer Größe von 1,88 m wog er 84 kg (= BMI 23,8) und hatte laut einer Hautfaltendicke-Messung einen Gesamtkörperfettanteil von 11%. Er hatte keinerlei Beschwerden, sein Körper war überdurchschnittlich belastbar und biegsam, er konsumierte keinen Alkohol, Zigaretten oder sonstige Drogen, war sexuell aktiv und seine Reflexe waren gut. Sein Blutdruck wurde von jedem Untersuchenden unterschiedlich angegeben: 140/95, 130/105 bzw. 120/85. Der Cholesterinwert lag bei 168, der Triglyzeridwert bei 43. Alle sonstigen Blutwerte waren ebenfalls gut. Der tägliche Energiebedarf von Spurlock sind 2500 kcal; sein Körper benötigt täglich 80 g Fett, davon sollten die gesättigten Fettsäuren unter 25 g liegen. Die untersuchenden Mediziner gaben die Prognose ab, dass Spurlock nach dem Experiment schlimmstenfalls erhöhte Fett- und Cholesterinwerte haben werde, wodurch sein Herz gefährdet wäre. Darüber hinaus wurde auf eine Gewichtszunahme und Verschlechterung des allgemeinen Wohlbefindens spekuliert. Verlauf des Experiments: Tag 1: Spurlock fühlt sich gut.
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Tag 3: Magenschmerzen, Beschwerden im Genitalbereich, erste
Tag 5: Die zweite Untersuchung. Spurlock nimmt täglich ca. 5000 kcal
Tag 12: Es wird erneut Blut abgenommen. Spurlocks Gewicht liegt nun bei 92 kg. Tag 14: Spurlocks Lebensgefährtin berichtet über seine
Tag 15: Dritte Untersuchung. Spurlock hat Kopfschmerzen, fühlt sich
Tag 21: Spurlock erwacht nachts mit Atemnot, Herz-Rhythmus-
Tag 26: Spurlock berichtet von allgemeiner Schwäche. Tag 30: Beendigung des Experiments mit einer Party bei Mc Donald´s („Extra-Kalorien“).
Nach Beendigung des Experiments wiegt Spurlock 95 kg, das entspricht einer Gewichtszunahme von 11 kg. Seine Cholesterinwerte sind um 95
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Psychosoziale Belastungen bei adipositaskranken Kindern und Jugendlichen
Punkte gestiegen. Das Körperfett liegt nun bei 18%, was immer noch unter dem US-Amerikanischen Durchschnitt ist. Das Herzinfarkt-Risiko hat sich verdoppelt. Spurlocks Befinden ist von Erschöpfung, depressiven Verstimmungen und Abhängigkeit geprägt, die sich in Form von Kopfschmerzen äußert. Er ist nicht mehr imstande, ein Sexualleben zu betreiben. Seine Leber ist entzündet und weist Verhärtungen auf. Während der 30 Tage hat Spurlock 5,5 kg Fett zu sich genommen (entspricht ca. 180 g Fett/Tag) und verzehrte 1 Pfund Zucker am Tag. Neun mal wurde er gefragt, ob er ein Super-Size-Menu möchte; 5 mal davon in Texas, dem Staat in den USA, den die meisten Übergewichtigen bevölkern. Einschränkend muss bemerkt werden, dass Spurlock nicht berichtet, in welchen US-Staaten er sonst Mc Donald´s besuchte. Ärzte bezweifelten, dass sich sein Zustand auch nach Beendigung des Experiments bessert.
Spurlock begann sofort nach dem Experiment eine entschlackende Diät mit vielen industriell unverarbeiteten Nahrungsmitteln; nach 6 Wochen normalisierten sich seine Leber- und Cholesterinwerte. In 5 Monaten gelang es ihm, 9 kg abzunehmen - die restlichen 2 kg konnten bis zum Ende der Berichtserstattung nicht abgebaut werden.
Von 100 befragten US-Amerikanischen Ernährungswissenschaftlern meinten nur zwei, dass es unbedenklich sei, öfter als zweimal in der Woche bei Mc Donald´s zu essen - fast alle anderen lehnten diese Nahrung kategorisch ab. Es ist nun fraglich, ob ein derartiges Experiment in Deutschland ähnlich gravierende Ergebnisse erbringen würde - schließlich gibt es hier um einiges strengere Ernährungsbestimmungen und es gibt kein Super-Size-Menu. Trotzdem hat ein deutscher Big Mäc 503 kcal, eine mittlere Portion Pommes Frites 333 kcal und eine mittlere Coca-Cola 174 kcal. Als Maxi-Menu mit einer großen Portion Pommes Frites und einer großen Cola kommt man schon auf 1188 kcal - im Vergleich dazu hatten Mittagsmenüs mit Fast-Food-Burgern in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts 590 kcal (Künast, 2004). Die einzig fett- und zuckerarmen Bestandteile am heutigen Big-Mäc- Menu sind einige Zwiebelstücke und ein Salatblatt auf dem Burger. Nach
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Erscheinen des „Supersize Me“-Filmes gab es Änderungen auf der Mc Donald´s-Speisekarte: Es kamen „Fitness-Speisen“ hinzu, wie Salate, die Fruchttüte mit frischen Obststücken, ein Joghurt-Dessert und -drink oder neue Burger mit „unter 3% Fett“. Gleichzeitig wurde aber in den USA ein neuer Burger eingeführt, der „Mc Griddle“, der alle bisher da gewesenen Burger an Kaloriengehalt übertrifft. Es ist zu überlegen, ob Kunden, die Mc Donald´s betreten, sich gesund ernähren möchten. Besonders beunruhigend ist, dass Mc Donald´s sich mehr als andere Schnellrestaurantketten auf Werbung, die speziell Kinder anspricht, spezialisiert. Ronald Mc Donald, das Aushängeschild des Restaurants, ist ein Clown. In den USA gibt es Zeichentrickserien mit ihm als Held, der anderen Menschen hilft. Auf den Mc Donald´s-Geländen gibt es Spielplätze für Kinder ab 2 Jahren; es werden Kinder-Geburtstagsparties organisiert; es gibt das „Happy Meal“, welches schon wegen dem beigelegten Spielzeug unwiderstehlich ist und einen „Junior Club“, dem Kinder beitreten sollen und der momentan über eine Million Mitglieder hat. Im Film wird von „Markenprägung zur Aktivierung im späteren Leben“ gesprochen. Das bedeutet, dass Kindern bei Mc Donald´s ein wohliges Gefühl vermittelt werden soll, welches sie später als Kunden in das Restaurant lockt, ganz nach dem Motto von Mc Donald´s: „Kümmere Dich um den Kunden, dann läuft das Geschäft von alleine“. Dementsprechend gaben die Deutschen 1991 19 Milliarden für Fast Food aus, 2002 waren es bereits 34 Milliarden (Künast, 2004). Die Währung wird bei dieser Information leider nicht angeführt, die aufgrund der in der Zwischenzeit erfolgten Euro-Umstellung interessant wäre.
Insofern versuchen Mc Donald´s, aber auch andere Nahrungsmittelanbieter, das Ernährungsverhalten schon von Kindheit an durch Werbung, Public Relations, Verpackung, Preisgestaltung und Geschmack zu beeinflussen. Pudel und Westenhöfer sprechen in ihrem Buch „Ernährungspsychologie“ (1991) in diesem Zusammenhang von Nutritional Marketing.
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Joanna Bilyj, 2005, Psychosoziale Belastungen bei Adipositaskranken Kindern und Jugendlichen - Über die Möglichkeiten der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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