Universität zu Köln, Historisches Seminar
Hauptseminar: „Aristoteles’ Athenaion Politeia und die
athenische Demokratie zwischen 403 und 322 v. Chr.“
9. Semester
Die athenische Demokratie in der Ära des Perikles
von: Oliver Laschet
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITENDE BEMERKUNGEN 2
2. PERIKLES UND DIE ATTISCHE DEMOKRATIE 4
2.1 ZUR DISKUSSION ÜBER EINE MÖGLICHE BETEILIGUNG DES PERIKLES AN DER SOG. ENTMACHTUNG DES AREOPAGS 6
2.2 ZUR SIEDLUNGS- UND KOLONIALPOLITIK DER VIERZIGER UND DREIßIGER JAHRE DES FÜNFTEN JAHRHUNDERTS 9
2.3 DER OSTRAKISMOS DES THUKYDIDES, SOHN DES MELESIAS, UND DIE INNEN- POLITISCHE KONTROVERSE UM DIE FINANZIERUNG DER AKROPOLISBAUTEN 12
2.4 ZUM BILD DES PERIKLES IN DER ATTISCHEN KOMÖDIE 15
2.5 ZUR VERANTWORTUNG DES PERIKLES AM AUSBRUCH DES PELOPONNESISCHEN KRIEGES 16
2.6 ZUM PROZESS GEGEN PERIKLES ZU BEGINN DES PELOPONNESISCHEN KRIEGES 20
3. DIE POLITISCHEN REFORMEN DES PERIKLES – PERIKLES’ POLITIK ALS AUSDRUCK EINER DEMOKRATISCHEN KONZEPTION? 21
3.1 ZUR FINANZIELLEN ENTSCHÄDIGUNG DER BÜRGERLICHEN TÄTIGKEIT IN DER ATHENISCHEN DEMOKRATIE BIS 425 V. CHR. 21
3.1.1 Die Besoldung der Geschworenen 23
3.1.2 Die Besoldung der Soldaten 29
3.1.3 Die Bezahlung der Ratsmitglieder und Beamten 30
3.1.4 Zur Finanzierung der Soldzahlungen 31
3.1.5 Ausblick auf das 4. Jahrhundert: Der Ekklesiastensold 32
3.2 DAS BÜRGERRECHTSGESETZ DES PERIKLES 34
3.2.1 Zur historischen Wirkung des Gesetzes 35
3.2.2 Zur Begründung der Einführung des Gesetzes in der Athenaion Politeia 36
3.2.3 Zur Forschungsdiskussion über die Begründung des Bürgerrechtsgesetzes 38
QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS 41
1. Einleitende Bemerkungen
In Anbetracht der langen Zeitspanne, die in der Überlieferung mit seiner politischen Tätigkeit verbunden wird, wissen wir erstaunlich wenig Konkretes über die Biographie des Perikles und seine Rolle im Athen des 5. vorchristlichen Jahrhundert1. Die insgesamt recht spärlich fließenden Quellen und die in ihnen zudem häufig zum Ausdruck kommenden tendenziösen Absichten stellen die moderne historische Forschung vor das Problem, objektivierbare Kriterien für die Beurteilung von Perikles’ Machtfülle und seinem Einflussvermögen auf die innen- und außenpolitischen Ereignisse seiner Zeit aufzufinden. Damit einhergehend ist es im einzelnen äußerst schwierig, Perikles’ persönliche Bedeutung für die athenische Verfassungsentwicklung, für den in seiner Zeit zu einem gewissen Abschluss kommenden Demokratisierungsprozess adäquat einzuordnen. So ist es nach dem Urteil von J. Bleicken kaum möglich, überhaupt eine Biographie über die schon in der Antike mystifizierte Gestalt des Perikles zu schreiben. Für ihn scheint Perikles „die ersten Jahrzehnte der Demokratie und damit die höchste Blüte Athens eher zu repräsentieren, als dass wir hinter den ihm zugeschriebenen Entscheidungen und Taten einen planenden und denkenden Politiker erkennen können“2. Diese grundsätzliche heuristische Problematik vor Augen bemüht sich die vorliegende Arbeit nichtsdestotrotz in einem überblicksartigen ersten Teil, die Figur des Perikles und ihr Wirken in den zeitgeschichtlichen Kontext einzuordnen. Als vorrangige Quellen dienten dem Verfasser dabei das Werk des Thukydides und die Perikles- Biographie des Plutarch. Im Anschluss daran wenden wir uns in einem zweiten Schritt den zentralen, zweifelsfrei mit der Person des Perikles zu verbindenden politischen Maßnahmen zu. Ausgehend von der durch Perikles veranlassten Dikastenentlohnung erfolgt ein strukturgeschichtlicher Überblick über die finanzielle Entschädigung für die verschiedenen der attischen Demokratie geleisteten bürgerlichen Dienste. Abschließend soll in einem letzten Kapitel das Bürgerrechtsgesetz von 451/0 diskutiert werden.
Zuvor jedoch noch einige Anmerkungen zum Perikles-Bild in der antiken Überlieferung: Der Zeitgenosse Herodot erwähnt Perikles nur ein einziges Mal, in einem Nebensatz in Zusammenhang mit seiner Geburtslegende3. Durch Thukydides erfahren wir nur etwas über die letzten Lebensjahre des Perikles4. Seine Schilderung Perikles’ Wirkens beschränkt sich auf die Jahre 432-430. In seiner Pentekontaetie taucht Perikles nur dreimal auf und das ausschließlich in Zusammenhang mit militärischen Aktionen5. Erst im Winter 432/1 kommt er selbst das erste mal zu Wort, im Sommer 430 wird es ihm schon wieder entzogen6. Für das Bild des Perikles, wie es sich der Nachwelt darbot, ist von besonderem Interesse die idealisierte Würdigung seiner Person in II, 65 im direkten Anschluss an die sogenannte ,Trostrede’. Hier zeichnet Thukydides das Bild eines weisen, weitsichtigen und gerechten Politikers, der Athen zuallererst zu dessen herausragenden Machtstellung geführt hat. „Denn solang er die Stadt leitete im Frieden, führte er sie mit Mäßigung und erhielt ihr ihre Sicherheit, und unter ihm wurde sie groß [...].“ Sein Kriegsplan hätte Athen den Sieg gebracht. „Denn er hatte ihnen gesagt, sie sollten sich nicht zersplittern, die Flotte ausbauen, ihr Reich nicht vergrößern während des Krieges und die Stadt nicht aufs Spiel setzen, dann würden sie siegen.“ Seine Nachfolger aber „taten von allem das Gegenteil [...]“. Er hatte „die Masse in Freiheit [gebändigt], selber führend, nicht von ihr geführt, weil er nicht, um mit unsachlichen Mittel die Macht zu erwerben, ihr zu Gefallen redete, sondern genug Ansehn hatte, ihr wohl auch im Zorn zu widersprechen. [...]. Es war dem Namen nach eine Volksherrschaft, in Wirklichkeit eine Herrschaft des Ersten Mannes.“
Der Grundtenor dieser Glorifizierung blieb lange Zeit prägend für das Perikles-Bild, erkennbar schon bei Plutarch, vor allem aber in der Moderne 7. Zu Lebzeiten Perikles’ widmeten sich seiner Person darüber hinaus vor allem die Komödiendichter, die ihn beleidigendem Spott und heftigster politischer Kritik aussetzten8. Im 4. Jahrhundert wird Perikles nur noch selten erwähnt. Die wenigen Bemerkungen bei Platon stellen einen Höhepunkt der Perikles-Kritik dar9. Auch Aristoteles schenkt ihm nur an ein paar Stellen in seinem Werk Aufmerksamkeit. In der Politik wird Perikles nur ein einziges Mal, im Zusammenhang mit der als demagogisch beurteilten Einführung der Geschworenenentlohnung, erwähnt 10. Die Athenaion Politeia ordnet ihn zwar in die Phase derjenigen Verfassungsänderung ein, in der die „meisten Fehler“ gemacht worden seien11, setzt den Wendepunkt zum Schlechten aber erst mit dem Aufstieg des Kleon12. Interessanterweise fällt das endgültiges Urteil der Athenaion Politeia über Perikles erstaunlich positiv aus: „Solange nun Perikles das Oberhaupt des Volkes war, stand es mit dem Staat ziemlich gut, aber nach seinem Tode (wurde es) viel schlimmer.“13
Erst Plutarch aber widmet sich seiner Person ausführlich14. Dessen mehr als ein halbes Jahrtausend später entstandene Biographie ist allerdings mit dem Manko behaftet, dass seine Informationen sämtlich aus zweiter Hand sind. Plutarch standen mit Sicherheit Quellen zur Verfügung, die heute verloren sind 15. Dazu zählen insbesondere die attischen Komödien, die er an verschiedenen Stellen zitiert. Das macht ihn als Quelle besonders wertvoll. Man merkt Plutarch allerdings an, dass er versucht hat, Perikles in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen. Bemerkenswerterweise gelingt es ihm jedoch nicht, die negative Sicht und die abschätzigen Bemerkungen und Vorwürfe früherer Autoren gegen Perikles zu entkräften und ein durchweg positives Bild von dessen Persönlichkeit zu zeichnen16. So würdigt zwar Plutarch Perikles: „So verdient dieser Mann unsere Bewunderung wegen seiner Milde und freundlichen Sanftmut, die er sich mitten im Sturm der Geschäfte oder gehässiger Anfeindungen bewahrte, aber auch wegen seiner edlen Gesinnung [...]“17, als Resümee aber bleibt: „Als Staatsmann muss sich Perikles einen schweren Vorwurf gefallen lassen, den Krieg.“18
2. Perikles und die attische Demokratie
Die Schwierigkeit verlässliche Daten über Perikles’ Leben und Wirken zu finden, wird schon mit seinem Geburtsjahr deutlich. Durch eine Inschrift, die ihn 472 als Chorégen bezeugt, besitzen wir einen Terminus ante quem19. Da dieses Amt Volljährigkeit voraussetzte, wurde Perikles folglich nicht später als 490 geboren20. Alles weitere ist Spekulation.
[...]
1 Vgl. Schubert 1994, S. 1.
2 Bleicken 1995, S. 532.
3 Herodot VI, 121-131. Dazu Schubert 1994, S. 7-8. Zu dieser Legende vgl. auch Plutarch, Per. 3.
4 Zur thukydideischen Beurteilung des Perikles vgl. den ausführl. Forschungsüberblick bei Schubert 1994, S. 11-16. Vgl. auch Will 2000, Sp. 570.
5 Erstmals bei Thuk. I, 111, dann I, 114 und I, 116.
6 1. Rede des Perikles: Kriegsrede (Winter 432/1), Thuk. I, 140-144 – 2. Rede über die Ressourcen Athens (Sommer 431), Thuk. II, 13 – 3. Rede: Grabrede auf die attischen Gefallenen (Winter 431), Thuk. II, 35-46 – 4. Rede: Trostrede (Sommer 430), Thuk. II, 59-64.
7 Vgl. Will 2000, Sp. 570.
8 Zum Perikles-Bild in der Alten Komödie vgl. Schubert 1994, S. 5-9. Vgl. dazu auch weiter unten Kap. 2.4.
9 Vgl. Platon Gorg. 515e-516d; Platon Phaidr. 269e-270a; Platon, Men. 94a-b; Prot. 319e -320a. Zum Perikles-Bild bei Platon vgl. Schubert 1994, S. 9-11; Will 2000, Sp. 571.
10 Vgl. Aristoteles, Pol. 1274a 8-9.
11 Aristoteles, Ath. Pol. 41,2.
12 Ebd., 28,1-3.
13 Ebd., 28,1.
14 Zum Perikles-Bild bei Plutarch vgl. Schubert 1994, S. 16-18; Will 2000, Sp. 571 (dort auch weitere Literaturangaben).
15 Vgl. dazu Pelling 2000, Sp. 1163.
16 Vgl. Schubert 1994, S. 16-17.
17 Plutarch, Per. 39.
18 Plutarch, Fabius Maximus 30.
19 IG II/III² 2,2, 2318. Vgl. Will 2000, Sp. 568.
20 Auch im Hinblick auf die Perserkriege gilt es als unwahrscheinlich, dass Perikles früher, also um 500 geboren wurde, denn dann hätte er ja aktiv an ihnen teilnehmen müssen, „wovon die Überlieferung allerdings nichts weiß“; vgl. Miltner 1937, Sp. 748.
Quote paper:
Oliver Laschet, 2004, Die athenische Demokratie in der Ära des Perikles, Munich, GRIN Publishing GmbH
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