Inhalt
Einleitung 3
I. Platons Tragödien 6
II. Das athenische Theater 12
III. Der lange Weg 16
IV. Die Verantwortung der Wahrnehmung 27
V. Literatur. 35
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Einleitung
„Dennoch sei gesagt: wenn die unterhaltende und nachahmende Dichtkunst nachweisen könnte, dass sie in einem wohlgeordneten Staat unentbehrlich sei, dann würden wir sie gerne aufnehmen, da wir offen unser Entzücken über sie gestehen.“ 3
Dieses abschließend über die Dichtung und ihre verwandten kulturellen Bereiche gesprochene Urteil Platons begründet eine bisher unbeendete Debatte der Kulturkritik, die trotz ihrer inzwischen mindestens 2300-jährigen Geschichte ungebrochen anhält; mehr noch: selten war sie brisanter als gegenwärtig. Das scheint vor allem daran zu liegen, dass, auch wenn Platon sich bemüht hat, nur ganz eingeschränkte Bereiche der Kultur im Feld der politischen Theorie zuzulassen 4 , Kultur in zunehmendem Maße politisiert und damit umkämpft wird. 5
Auch wenn Platon zum großen Teil nur von Dichtung spricht, wird in dieser Arbeit davon ausgegangen, dass das Theater (im „Staat“: Tragödie/Komödie) am stärksten von allen Formen der Dichtung durch Platon kritisiert wird, weil es (im Gegensatz zu Epos und Dithyrambos) „zur Gänze auf Nachahmung“ 6 beruht; welche sich, was noch zu zeigen sein wird, „weit ab von der Wahrheit“ 7 befindet. Daher ist es von besonderer Bedeutung, dass Platons idealer Staat wesentlich auf der Identität der Bürger 8 und des Staates beruht - wobei die des Staates sich aus der Identifizierung der Menschen mit ihrer Rolle zusammensetzt -,und darüber hinaus einen idealistischen, unveränderlichen Werthorizont voraussetzt, aus dem heraus sich die Gesellschafts-
2 Ebd.,S. 200
3 Platon, Der Staat, Reclam, Stuttgart 1980, S. 431. Schon an dieser Stelle wird deutlich, dass ein wertschätzendes Urteil immer dann auch gelassen ausgesprochen werden kann, wenn man dem Gegenstand (hier die Dichtkunst) zuvor jedwede Bedeutung abgesprochen hat.
4 So etwa im Zweiten Buch: „Wenn es nach mir ginge, nur die ungemischte Wiedergabe des Schicklichen!“, ebd., S. 170
5 Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob es sich bei den vorgängigen Prozessen um eine Politisierung der Kultur handelt oder eine Vergesellschaftung im Rahmen des kapitalistischen Verwertungsprozesses. Es ist zweifelhaft, ob im zweiten Fall noch von Politisierung zu sprechen ist, da dann Politik selbst um ihren Status ringt. 6 Platon, Der Staat, S. 165 7 Ebd., S. 425
8 Identität bezieht sich bei Platon vor allem auf das Tun, so spricht er davon, dass „jeder nur eine Lebensaufgabe mit Erfolg betreuen kann, nicht mehrere“ (Ebd., S. 166).
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ordnung legitimiert. Aus diesem Grund kritisiert Platon die Dichtung, deren Scheincharakter die wahrhaftige Ordnung des Staates gefährdet. 9 Dennoch hatte das Theater bereits vor Platon eine zentrale Stellung im politischen Selbstverständnis der griechischen Gesellschaft, allen voran in der athenischen Demokratie. Diese wird kurz im ersten Teil skizziert. Platons dreigestaltiger Einwand gegen die Dichtung - der als wichtiger Referenzpunkt für alle nachfolgende Kulturkritik gilt - soll dagegen im zweiten Teil rekonstruiert werden. Er richtet sich im Wesentlichen gegen den „bunten Wechsel“ 10 - die Vielheit, welche sich in der Nachahmung ausdrückt und deren moralische und erkenntnistheoretische Minderwertigkeit. Thomas Noetzel schreibt in der Einleitung zu seiner Untersuchung von „Authentizität als politisches Problem“: „Keine Form politischer Herrschaft kann auf die Symbolisierung ihrer Authentizität verzichten. Authentizität ist eine politisch umkämpfte Legitimationsfigur und damit auch politischer Kampfbegriff.“ 11 Daher muss ein politisches Ordnungssystem auf der Ursprünglichkeit und Konstanz seiner Gründsätze beharren. In der Ideenlehre Platons, die er seiner Dichtungskritik zu Grunde legt, findet sich dieser Ansatz der Legitimation. 12
Die Figur der Authentizität - welche stets jenseits des falschen Scheins ve r-ortet wird - zieht sich durch alle (mehr oder weniger direkt) an Platon anknüpfenden kulturkritischen Texte. Sie halten an einem authentischen Strukturprinzip menschlicher Gesellschaft fest und grenzen es gegen Te ndenzen ab, die vor allem im 20. Jahrhundert unter dem Begriff der Theatralisierung oder Ästhetisierung der Gesellschaft zusammengefasst werden können.
Mit dem Schwinden umfassender Ordnungssysteme und der zunehmenden Individualisierung hat sich „das in seinem Willen freie Individuum als eigent- 9 Exemplarisch:„Weitab von der Wahrheit steht also die Kunst der Nachahmung, und gerade deshalb schafft sie alles nach, weil sie nur wenig von jedem Ding erfasst und da nur sein Scheinbild.“, Platon, Der Staat, S. 418 10 Ebd., S. 180
11 Thomas Noetzel, Authentizität als politisches Problem. Ein Beitrag zur Theoriegeschichte der Legitimation politischer Ordnung, Akademie Verlag, Berlin 1999, S. 39, (Hervorhebung MZ).
12 Die Sehnsucht nach einem ursprünglichen und vor allem konstanten Kern, dem Wesen der Dinge: „Weil dies wusste und nur der Schöpfer des einen wahren Stuhles, nicht irgendeines Stuhles oder irgendein Tischler sein wollte, deshalb schuf er ihn nur einmal in wesenhafter Form!“(Platon, Der Staat, S. 417) oder: „Also ist Gott offensichtlich von einfach-einheitlichem und wahrhaftem Wesen in Wort und Werk, wandelt sich weder selbst noch täuscht er andere[…].“(Ebd., S. 152)
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liche Bezugsfigur dieser Legitimitätszuschreibung entwickelt“ 13 . Aus diesem Grund ist auch die Definition des authentischen Kerns - die eigentlich nur über eine Abgrenzung vom Inauthentischen vollzogen wird - an das Subjekt herangetragen worden. Die Selbstwahrnehmung, Selbstbeschreibung, und Selbstbestimmung werden zur zentralen Grundlage gesellschaftlichen Konsenses. 14 Dabei sind Spannungen zwischen partikulären und allgemeinen Interessen unumgänglich. Platons moralische Kritik verliert an Boden, wohingegen die erkenntnistheoretische an Bedeutung gewinnt. Die „richtige“ Selbstwahrnehmung wird zur Garantie für eine gelingende Legitimation der angestrebten Gesellschaftsstruktur und Kulturkritik wesentlich zur Wahrnehmungskritik, die sie in Ansätzen immer schon war. Und wo ist das Theater?
Es wurde weiter oben bereits in Ansätzen und zwischen den Zeilen darauf hingewiesen, dass Theater bereits mit Platon zum Platzhalter des Inauthentischen, des Scheinhaften und Unwahrhaften wird, das sich auf der Kehrse ite der Wahrheitsmünze befindet. Diese Position hatte es aus ve rschiedenen Gründen lange inne, auch wenn die Begründungen wechseln. Das Theater selbst (oder jene, die in seinem Namen theoretisierten) versuchte sich - in Auseinandersetzung mit Platon - zu (re)politisieren, sprich: sich einen Platz in der Gesellschaft zu sichern; seine Gegner hingegen auf und hinter seinem Rücken das Idealbild einer authentischen Repräsentation der Versöhnung von Individuum und Staat zu entwerfen.
Der Verlauf dieser Diskussion wird kurz an einigen Schnittstellen im dritten Teil angerissen werden.
Unter dem Einfluss neuer Medien - maßgeblich Fotografie und Film - ist Theater zu einem weiteren Stellungswechsel gezwungen, der ihm jedoch möglicherweise ungeahnte, wenn auch nicht (ganz) neue Pfade gleichermaßen aufzwingt wie eröffnet. Dies soll abschließend in Ergänzung zu den kulturkritischen Einwände n betrachtet werden.
13 Ebd., S. 41
14 An dieser Schnittstelle setzt die von Hanna Ahrendt diagnostizierte Verschiebung von Öffentlichkeit und Privatem ein, die auch zu einem späteren Zeitpunkt dargelegt werden soll.
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I. Platons Tragödien
Die „Politeia“ kann als das erste kulturkritische Werk mit politischem Interesse angesehen werden; in ihr bringt Platon drei verschiedene Kritiken gegen die Dichtung in Stellung - eine inhaltliche, eine formelle und eine e r-kenntnistheoretische, welche zweifelsfrei am längsten ihr Potential erhalten hat. Der Darstellung eines idealen Staates durch Platon liegt eine Annahme zu Grunde, die heute gemeinhin als Ideenwelt beschrieben wird, weshalb Platon auch verallgemeinernd zum Urvater des Idealismus gekürt worden ist. Das Prekäre dieser Ideenwelt ist, dass sie nur einen Anspruch auf Gültigkeit erheben kann, wenn sie - auch noch in Platons Darstellung - ihre Unabhängigkeit vom menschlichen Bewusstsein, vom Autor Platon unter Beweis stellen - ihre Authentizität verbürgen - kann. Schlimmer noch: Platon selbst muss dies tun, denn er will auf diesem Fundament seinen Staat errichten, in dem jene, welche die Ideen am besten zu schauen vermögen, einen Anspruch auf Herrschaft besitzen. 17 Dies bringt ihn in die Zwickmühle, die Ursprünglichkeit der Ideen beweisen zu müssen, die selbst den Ursprung aller Wirklichkeit darstellen - er muss, ohne als Urheber in Erscheinung zu treten, den Ursprung zum Sprechen bringen. Thomas Noetzel bringt
15 Christa Wolf, Nachdenken über Christa T., S. 162
16 Tim Parks, EuropaGoldmann, München 1998, S. 225, Vollständiges Zitat: „Platon glaubte eigentlich gar nicht an ein Reich der reinen Formen. Das wird ganz deutlich, wenn man die „Politeia“ liest. Niemand hat so klar wie er erkannt, dass die Welt ein Ort des Wandels und des Betrugs ist, und wenn er gleichwohl diesem Ort die endgültige Realität absprach und auf der Existenz einer Idealwelt hinter den Dingen beharrte, dann war das vielleicht nur seine Art, seiner Empörung über diese Tatsache Ausdruck zu verleihen und einen geistigen Freiraum zu schaffen, einen Zufluchtsort für die Sehnsucht [Hervorhebung MZ], die in uns allen ist.“ 17 Der berühmte Satz des Fünften Buches im „Staat“ macht dies offenbar: „Wenn nicht die Philosophen in den Staaten Könige werden oder die Könige, wie sie heute heißen, und Herrscher echte und gute Philosophen und wenn nicht in eine Hand zusammenfallen politische Macht und Philosophie, […] gibt es, mein Glaukon, kein Ende des Unglücks in den Staaten […].“(Platon, Der Staat, S. 265)
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es auf den Punkt: „Das Authentische funktioniert nur, wenn es kein Mal des Hergestellten trägt.“ 18
Um dies zu ermöglichen, wendet Platon gleich drei Kniffe an. Er erreicht eine scheinbar größtmögliche Objektivität in der Darstellung, indem er sich in seiner Autorposition - die ohnehin hinter dem Sprecher Sokrates zurücktritt und in der dialogischen Form nur schwer auszumachen ist - aus dem Dargestellten zurückzieht, ja sie oft sogar den scheinbar zwingenden Schlüssen gegenüberstellt. So gesteht er etwas verhohlen seine Bewunderung für Homer, um ihn dann um so entschiedener des Staates zu verweisen. 19 Gleichzeitig sind die Dialoge in dem viel gerühmten Gestus der sokratischen Mäeutik verfasst, die nicht allein den Anschein erwecken, als wäre der Zuhörer, dem schließlich nur die Rolle des zustimmenden Ja-Sagers bleibt, während Sokrates - allzeit mit einer Frage endend - den Ge-genstand darlegt, der eigentliche Entdecker der Wahrheit. Vielmehr wird durch diese Darstellung, die nie zu überzeugen versucht, weil sie sich selbst stets zu hinterfragen scheint, der Eindruck erweckt, als würde sich das Urteil selbst als wahrhaft offenbaren und bedürfe nur mehr des Zuspruchseben, als hätte sich der Ursprung, die Idee selbst enthüllt. 20 Zur Relativierung der Kritik muss man hervorbringen, dass nicht alle Dialoge Platons zu eindeutigen Ergebnissen führen, sondern oftmals nur nach dem Ausschlussverfahren viele Antwortmöglichkeiten verneinen. Dies jedoch ist die wichtigste von Platons Vorgehensweisen, die es ihm ermöglicht, den Ursprung scheinbar zu offenbaren - ohne sie wirklich auszusprechen. Denn letztlich findet die Darstellung seiner positiven Dichtungstheorie in der Verneinung der real existierenden Formen statt. Dadurch wird das Phänomen der Authentizität letztlich durch seine Negation erläutert, der Bestimmung all dessen, was inauthentisch ist. 21 Die Ideen bleiben - in ihrer Präsentation
18 Thomas Noetzel, Authentizität als politisches Problem, S. 162
19 Platon, Der Staat, S. 160f.: „‚Ich zögere’, sprach ich, ‚wegen der Größe Homers, es auszusprechen, aber […].’“
20 Ganz besonders beispielgebend sind die begeisternden Zustimmungen, die etymologisch bereits ein hohes Maß an Objektivität versprechen, wie etwa „Natürlich!“, „Selbstverständlich!“ oder „Was sonst!“ - dies sind keineswegs mühsam aufgestöberte Einzelbeispiele, sie befinden sich alle nur von den Redebeiträgen des Sokrates unterbrochen im Abschnitt 393a -e.
21 Sowohl Charles Taylor als auch Thomas Noetzel weisen auf dieses Phänomen - jedoch nicht bei Platon, sondern als generelle, scheinbar unumgängliche Erscheinung - hin. Bei Noetzel dient es der Untermauerung seiner These, welche die Authentizität als Begriff mit verschiebbaren Füllungen entlarvt: „Wer auf der Seite der Authentizität weitermacht, kommt schließlich doch auf der Seite der Inauthentizität an, weil eine positive Differen-
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Arbeit zitieren:
Matthias Zimmermann, 2003, Das Theater und das Politische, München, GRIN Verlag GmbH
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