Das Thema „Soziale Integration“ ist eines der zentralsten Themen der Soziologie. Wie auch immer man diesen Begriff verstehen will, ob als bestehenden Zustand, als zu erreichenden Zustand oder als fortwährenden Prozeß, so geht es doch in jedem Fall um den sozialen Zusammenhalt zwischen Individuum und Gesellschaft. Es wird also insbesondere die Frage aufgeworfen, wodurch Menschen in einer Gesellschaft eingeschlossen oder ausgeschlossen werden. Dies betrifft unter anderem eine bestimmte soziale Gruppe in der Gesellschaft, die Einwanderer und ihre Nachkommen, die in dieser Gesellschaft geboren oder zumindest aufwachsen sind. Aufgrund ihres Aussehens, ihrer Gewohnheiten, ihrer eigenen Sprache und ihrer „eigenen Kultur“ werden sie in der Gesellschaft oft ausgeschlossen oder sozial benachteiligt. In manchen Fällen schließen sich Einwanderer auch bewußt von der Gesellschaft aus, indem sie lieber unter sich bleiben, d. h. vorwiegend sozialen Kontakt zu Personen derselben Herkunftsgruppe halten, die die gleiche Sprache sprechen und dieselben kulturellen Bräuche und Vorstellungen teilen (Essen, Religion, Umgangsformen etc.).
Hierdurch kommt es zu Konflikten mit der einheimischen Bevölkerung, bei der der Eindruck entsteht, daß sich die Fremden im Aufnahmeland vor den Einheimischen und ihrer „Kultur“ verschließen. Unter anderem aufgrund von Vorurteilen kommt es zu Erscheinungen wie Ausländerhaß oder gar Ausschreitungen gegenüber den Einwanderern wie vor allem in den neuen Bundesländern in Deutschland. Wie man aufgrund zahlreicher Befragungen immer wieder feststellen kann, hält die einheimische Bevölkerung „die Ausländer für ein Problem“. So kommt auch immer wieder die Forderung, Ausländer müßten „besser integriert“ werden, also implizit die Vorstellung, Ausländer müßten sich anstrengen, um einheimische Werte und Umgangsformen besser zu beherrschen, sich mit anderen Worten also besser zu assimilieren.
Absichtlich wird sich die folgende Arbeit allerdings nicht mit dieser populären Auffassung von Integration befassen. Es erscheint kaum wahrscheinlich, daß Einwanderer alles an sich, was den Einheimischen fremd erscheint, aufgeben können, geschweige denn wollen. Eine solche Auffassung gilt als antiquiert und wird in wissenschaftlichen Kreisen auch kaum noch verwendet.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Soziale Integration durch das Recht (nach T. H. Marshall)
1.2 Konzeptionen von Integration (nach Hoffmann-Nowotny und Esser)
2 Soziale Integration durch das Recht?
2.1 Indikatoren für soziale Integration
2.1.1 Demographische Situation
2.1.2 Sprachkenntnisse
2.1.3 Schulischer Erfolg
2.1.4 Integration im Arbeitsmarkt und berufliche Stellung
2.1.5 Soziale Kontakte und Wohnsituation (Segregation)
2.2 Politische Integration - Das Staatsbürgerschaftsrecht
2.2.1 Inklusions- und Exklusionseffekte der Staatsbürgerschaft
2.2.2 Staatsbürgerschaft in Deutschland und Frankreich heute
2.2.3 Rechtliche Regelungen in Deutschland und Frankreich
2.3 Auswirkungen auf die soziale Integration von Ausländern –Theorie und Wirklichkeit
2.3.1 Entwicklung des Aufenthaltsstatus
2.3.2 Anzahl der Einbürgerungen
2.3.3 Politische Partizipation
2.3.4 Regelungen und Auswirkungen für die zweite und dritte Generation
2.4 Zusammenfassung: Integration durch Staatsbürgerschaft?
3 Kulturelle Rechte und ihre Integrationsfunktionen
3.1 Begriffsverständnisse von kulturellen Rechten
3.2 Kulturelle Rechte in der Theorie von T. Parsons
3.3 Indikatoren für kulturelle Integration
3.4 Die Verwirklichung der kulturellen Rechte der Einwanderer in der „Culture française“
3.5 Die Verwirklichung der kulturellen Rechte der Einwanderer in der „deutschen Kultur“
3.6 Die kulturelle Integration im Vergleich
4 Die Zukunft der Einwanderungsgesellschaft – eine Analyse
4.1 Integrationschancen der Bevölkerung ausländischer Herkunft
4.2 Demographischer Wandel und Einwanderungssituation: Wie muß das Zusammenleben in Zukunft geregelt sein, ohne daß es zu einer Kluft in der Gesellschaft kommt?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die Integration von Ausländern und Einwanderern in Frankreich und Deutschland. Dabei wird insbesondere analysiert, inwieweit unterschiedliche gesetzliche Rahmenbedingungen und Staatsbürgerschaftsrechte die tatsächliche soziale, politische und kulturelle Integration der Migranten beeinflussen.
- Soziale Integration: Analyse der demographischen Situation, des schulischen Erfolgs sowie der Integration in den Arbeitsmarkt.
- Politische Integration: Vergleich der Staatsbürgerschaftsrechte und deren Auswirkungen auf die Partizipation.
- Kulturelle Integration: Untersuchung der Rolle kultureller Rechte und der Partizipation an Medien.
- Zukunftsanalyse: Einschätzung der Integrationschancen angesichts demographischer Veränderungen.
- Theoretischer Rahmen: Anwendung der Konzepte von T. H. Marshall, Esser, Hoffmann-Nowotny und Parsons.
Auszug aus dem Buch
1.1 Soziale Integration durch das Recht (nach T. H. Marshall)
Diese Arbeit basiert vor allem auf den klassischen Positionen von T. H. Marshall. Dieser hat mit seinem Essay „Citizenship and Social Class“ (1950) die Soziologie der Staatsbürgerschaft wesentlich mitgegründet. Marshalls Konzept beruht auf der Wahrnehmung der aus dem kapitalistischen Klassensystem resultierenden Erscheinungen extremer Formen sozialer Ungleichheit. Marshall untersuchte nun, welchen Beitrag moderne Staatsbürgerrechte leisten können, um den gesellschaftsspaltenden Tendenzen moderner Klassengesellschaften entgegenzuwirken.
Dieses Konzept läßt sich wunderbar auf die heutige Situation der Integration von Ausländern und Einwanderern übertragen. Zwar können wir heute kaum noch von einer Klassengesellschaft sprechen, aber die Theorievorstellungen lassen sich auch sehr gut mit dem heute meist verwendeten Schichtmodell der Gesellschaft verbinden.
Die Ausländer und ihre Nachkommen stellen heute einen Sonderfall dar für die Integration von Personen oder Gruppen in der Gesellschaft, vor allem dadurch, daß sie weder praktisch noch theoretisch dieselben Rechte wie die Einheimischen besitzen und außerdem in vielen Bereichen (wie dem Arbeitsmarkt oder dem Bildungssystem) nicht voll integriert sind. Nach Mackert steht Marshall in der Tradition des Liberalismus und englischen Empirismus, da sein Interesse vor allem auf die Frage gerichtet ist, „ob eine grundsätzliche menschliche Gleichheit, die in einem gemeinsamen Status aller Mitglieder einer Gesellschaft zum Ausdruck kommt, mit einem System sozialer Ungleichheit vereinbar ist“ (Mackert 1999, S. 56). Marshall hält das Modell einer modernen Staatsbürgerschaft für die Lösung des Problems: Durch verschiedene Rechte, die mit der Staatsbürgerschaft verbunden sind, soll jedem Menschen ein Anspruch auf einen Anteil am gesellschaftlichen Erbe und somit angemessene Lebensumstände als Maß eines zivilisierten Lebens garantiert werden (vergl. Marshall 1981, S. 38).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das zentrale Thema der sozialen Integration, die Abgrenzung von populären Assimilationsforderungen und die theoretische Grundlage durch Marshall, Esser, Hoffmann-Nowotny und Parsons.
2 Soziale Integration durch das Recht?: Empirische Untersuchung verschiedener Integrationsindikatoren, wie Demographie, Sprache, Schule und Arbeitsmarkt, sowie ein Vergleich der Staatsbürgerschaftsrechte.
3 Kulturelle Rechte und ihre Integrationsfunktionen: Analyse der theoretischen Bedeutung kultureller Rechte für die Integration und deren praktische Umsetzung in Frankreich und Deutschland, insbesondere durch Medienpartizipation.
4 Die Zukunft der Einwanderungsgesellschaft – eine Analyse: Synthese der Erkenntnisse und Ausblick auf die notwendige Anpassung von Integrationskonzepten angesichts demographischer Entwicklungen wie der EU-Osterweiterung.
Schlüsselwörter
Soziale Integration, Staatsbürgerschaftsrecht, Deutschland, Frankreich, Einwanderung, Assimilation, Partizipation, Kulturelle Rechte, Arbeitsmarkt, Bildungssystem, Segregation, Ausländer, Migranten, Staatsangehörigkeit, Einbürgerung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Mechanismen und Erfolge der Integration von Ausländern in Deutschland und Frankreich unter besonderer Berücksichtigung rechtlicher Rahmenbedingungen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die soziale Integration (Bildung, Arbeit), die politische Integration (Staatsbürgerschaftsrecht, Wahlen) und die kulturelle Integration (Medien, kulturelle Rechte).
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, welchen Einfluss das Staatsbürgerschaftsrecht und staatliche Regelungen auf die tatsächliche soziale, politische und kulturelle Eingliederung von Einwanderern haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen komparativen Ansatz zwischen Deutschland und Frankreich, gestützt auf soziologische Theorien (Marshall, Parsons, Esser) und die Auswertung empirischer Daten und Statistiken.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Blöcke: Die soziale Integration durch rechtliche Strukturen, die politische Teilhabe durch Staatsbürgerschaft sowie die kulturelle Dimension der Integration.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Integration, Assimilation, Staatsbürgerschaft, Einbürgerung, Migrationsgesellschaft und Partizipation.
Warum schneiden Einwandererkinder in Deutschland schlechter ab als in Frankreich?
Der Autor deutet darauf hin, dass das französische Schulsystem eine spätere Aufteilung in hierarchische Bildungswege vornimmt, was Einwandererkindern mehr Zeit zur Defizitverringerung bietet als das frühe, selektive System in Deutschland.
Hat die Staatsbürgerschaft einen großen Einfluss auf die soziale Integration?
Die Schlussfolgerung der Arbeit ist, dass der bloße Besitz der Staatsbürgerschaft oft überschätzt wird; er ist zwar identitätsstiftend, löst aber nicht automatisch strukturelle Integrationsprobleme im Bildungs- oder Arbeitsmarkt.
- Quote paper
- Claude Unterleitner (Author), 2001, Modelle der Integration von Ausländern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/47799