Inhalt
1. Einführung 3
1.1 Problemstellung und Subjektpositionierung 3
1.2 Hypothesen 4
1.3 Forschungsmethode 5
2. FIGHT CLUB als Grundlage einer Typologie des Vergnügens 6
2.1 Was ist Vergnügen? 6
2.1.1 Allgemeine Einschätzungen 9
2.1.2 Vergnügen in filmspezifischem Kontext 9
2.1.3 Zwischenresümee - Vergnügen 11
2.2 Was ist Männlichkeit’? 12
2.2.1 Allgemeines Begriffsverständnis 14
2.2.2 Figurenbezogene Rezeption einer Inszenierung von Männlichkeit 15
2.2.3 Zwischenresümee - Männlichkeit 16
2.3 Figurenkonzeptionen 17
2.3.1 Allgemeine und emotionale Wahrnehmung der Figuren 20
2.3.2 Ästhetische Wahrnehmung der Figuren 21
2.3.3 Resümee: Die Filmfiguren im Fokus der performativen Inszenierung 21
2.4 Brad Pitt alias Tyler Durden zwischen Illusion und Männlichkeit 23
2.4.1 Körperlichkeit als spezifische Form von Männlichkeit 23
2.4.2 Realismus vs. Authentizität 24
2.4.3 Emotionale Wirkung der Figur Tyler Durden 27
2.5 Edward Norton alias Jack zwischen Identifikation
und Desillusionierung 29
2.5.1 Körperlichkeit als Anti-Form von Männlichkeit 29
2.5.2 Realismus vs. Authentizität 30
2.5.3 Emotionale Wirkung der Figur Jack 32
2.6 Die Ästhetik filmischer Gewaltdarstellung 33
2.6.1 Selbstzerstörung als Form des Vergnügens? 35
2.7 Zusammenfassung der Ergebnisse 38
3. Fazit - Nach dem Actionkino in den Fight Club 40
4. Schlussbemerkung 42
5. Bibliographie und Filmographie 43
6. Anhang - Fragebogen 45
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1. Einführung
1.1 Problemstellung und Subjektpositionierung
Das Forschungsprojekt einer Typologie des Vergnügens als spezifische Form der Medienrezeption und insbesondere filmischer Wahrnehmung, entstand aus der Idee wie man sich dem subjektiven Empfinden einzelner Individuen nähern kann, ohne diese dabei auf ihr Geschlecht reduzieren zu müssen. Letzteres entspräche bisher vorherrschenden Methoden der in 1.2 und 2.1 zu erwähnenden klassischen Filmwissenschaft, wohingegen hier der Vergleich zu Prozessen kognitivistischer und soziokultureller Rezeptions- und Emotionsforschung nachgegangen werden soll. Kognitivistische Forschungsansätze dienen der Annäherung an die individuelle Wahrnehmung des Einzelnen auf Grundlage seiner entsprechenden sozialen Diskurse. Und darin gestaltet sich gleichermaßen die Problematik der Emotions- und Rezeptionsforschung, die aufgrund ihrer eher spekulativen Ansätze, keine Anwendung nach dem pars pro toto-Prinzip finden kann. Damit ist gemeint, dass explorative Rezeptionsuntersuchungen unter anderen kulturellen oder sozialen Konditionen, stets divergierende Resultate hervorbringen würden, womit eine Repräsentativität unter Aspekten der Sozialforschung hinfällig wird. Den Teil, welchen ich durch mein Projekt beizutragen beabsichtige, verfolgt daher nicht den Anspruch für das Ganze sprechen zu müssen. Vielmehr ist es mein Anliegen anhand von zehn im Vorfeld geführten Interviews zu verdeutlichen, inwiefern sich das Verständnis filmischen Vergnügens und inszenierter Männlichkeit vor einem filmwissenschaftlichen Hintergrund im Laufe der Jahre verändert haben kann. Dazu sei bemerkt, dass es sich in der Wahl der Probanden um TeilnehmerInnen aus meinem näheren Umfeld handelt, die vergleichbarer sozialer Herkunft sind und somit auf vermutlich äquivalente Diskurse in ihrer Beantwortung zurückgreifen. Ungeachtet ihrer spezifischen Lebensweise sollen deshalb keine Angaben über jeweilige Profession, den Familienstand und sonstige persönliche Hintergründe gemacht werden, obwohl ihre Reaktionen davon gewiss beeinflusst sein mögen. Auf meine am Schluss des Interviews gestellten Fragen bezüglich allgemeiner Medienrezeption, antworteten mir die Einzelnen, inwiefern sie sich selbst als Teilnehmer des Informationszeitalters einordnen würden. Die Mehrheit der Befragten hat keinen Fernseher, geht aber durchaus gerne und wenn möglich auch häufig ins Kino. Das Kino stellt für alle ein Erlebnis dar, welches mit dem persönlichen Vergnügen an der Kino-Atmosphäre, mit dem »in die Sitze fläzen« und dem Leinwand- und Sound-Effekt gerechtfertigt wird. Fernsehkonsum lehnen die meisten jedoch ab, selbst wenn sie ein Gerät besitzen, da das Angebot immer inflationärer würde. Und wenn doch televisioniert wird, dann höchst bewusst-selektiv nur Filme, spezielle Programme oder maximal die
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amerikanische Zeichentrickserie THE SIMPSONS von Matt Groening. Man kann demnach gespannt sein, welch tiefen Eindruck die Inszenierung von Männlichkeit in FIGHT CLUB bei den Probanden hinterlassen hat und insbesondere inwiefern sie ihrem Vergnügen Ausdruck verleihen können.
1.2 Hypothesen
Wie eingangs bereits erwähnt, stellt eine Diskursivierung filmischen Vergnügens auf Grundlage individueller Rezeptionsprozesse ein nahezu unmögliches Unterfangen dar. Wie kann etwa eine Wahrnehmung von Männlichkeit ganzheitlich diskursiviert werden, bedenke man die unterschiedlichsten Methoden, z.B. sozialwissenschaftlicher, psychoanalytischer oder kognitivistischer Rezeptionsforschung, die alle vermutlich zu unterschiedlichsten Ergebnissen führen würden. Laura Mulvey fragt in ihrem Artikel über Visual Pleasure and Narrative Cinema von 1975, warum Frauen überhaupt noch Vergnügen an Filmen empfinden, wenn Filme reine Produkte von Männern für Männer sind? Für Filme, die gemeinhin der klassischen Periode zugerechnet werden, mögen ihre Resultate aus psychoanalytischen Gesichtspunkten vermutlich verifizierbar gewesen sein. Meiner Auffassung zufolge ist es an der Zeit, diese erneut zu hinterfragen, um Aspekte filmischer Wahrnehmung auf ihre Zuverlässigkeit hin zu überprüfen. Denn grundlegend ist festzuhalten, dass die ‚Bedeutung’ eines Films doch erst im Prozess seiner Wahrnehmung konstruiert werden muss, da sie dem Film nicht eingeschrieben ist. Filmrezeption stellt daher »eine Art Interaktion von Zuschauer(n) und Film« (Hißnauer/Klein 2002: 19) dar. Meines Erachtens nach hat diese Interaktion jedoch nichts mehr mit sozialer und/oder geschlechtlicher Identität des Betrachters zu tun. Auf Grundlage der Hypothesen von Christian Hißnauer und Thomas Klein unterstelle ich dem ‚modernen’ Zuschauer »Formen parasozialer Interaktion«, die »in diesem Zusammenhang einseitige (nicht reziproke) und damit nur scheinbar
zwischenmenschliche Interaktion [...] zu Akteuren und/oder Filmfiguren« (ebd.: S.19) evozieren. Die Betonung darin liegt für mich auf ‚einseitig’, sprich individuell/subjektiv, sowie auf ‚menschlich’, was eine spezifische Geschlechtszugehörigkeit ausklammert. Die Inszenierung des Körpers und seine filmische Repräsentativität fungieren als Zeichen, die nicht männlich oder weiblich sind, sondern als solche konnotiert werden (vgl. Hißnauer/Klein 2002: 21). Insofern berufe ich mich auf Konzepte der Androgynie, die »eine Uneindeutigkeit, eine Zugehörigkeit zu zwei Geschlechtern« (ebd.: S. 21) ausdrücken. Denn im Gegensatz zu Mulveys Konzept, seien die Geschlechterrollensowohl die der Rezipienten als auch der Filmfiguren - »keine biologische Grundlage, sondern soziale Konstrukte« (ebd.: S. 21). Bei der Filmrezeption operiere vielmehr das psychologische Geschlecht, das »sozial definiert und damit auch änderbar« (ebd.: S. 21)
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ist. Anhand meiner Interview-Ergebnisse gilt es, mögliche Facetten eines psychologischen Geschlechts herauszukristallisieren, da es ein Vergnügen an einer filmischen Inszenierung von Männlichkeit in einem neuen Licht erscheinen lässt. Inwiefern das Kino also, durch verschleierte Angriffe visualisierter Zeichen in FIGHT CLUB, auch ein Moment gesellschaftlicher Konditionierung sein kann, zeigen im Folgenden die Ergebnisse meines Forschungsprojektes bezüglich des Vergnügens sowohl an Gewalt als auch die Korrelation dessen zu einer Inszenierung von Männlichkeit.
1.3 Forschungsmethode
Die verwendete halboffene Interview-Methode gestaltete sich in Form von etwa 43 Fragen, die in drei verschiedene Themenkomplexe eingeordnet werden können: Fragen bezüglich eines allgemeinen Verständnisses persönlichen Vergnügens, anschließenden Fragen zu einer subjektiven Wahrnehmung filmisch inszenierter Männlichkeit und schließlich Fragen zu einem persönlichen Empfinden der Gewaltdarstellung. ‚Halboffen’ meint in diesem Zusammenhang, dass zwar narrativ vorgegangen wurde, indem die einzelnen Partizipanten bis zu einem gewissen Zeitpunkt frei reden konnten. Von meiner Seite wurde allerdings interveniert, um Einzelne zum Thema zurück zu bringen oder Teilaspekte forcieren zu können. Wie einleitend bereits erwähnt, soll vermieden werden, die Resultate der Befragung als allgemeingültiges Bild einer repräsentativen Sozialforschung darzustellen. Vielmehr dienen die narrativen Interviews einer deskriptivquantitativen Illustration, die über eine Peripherie hinausgeht. Diesbezüglich entbehrt sie den Anspruch, empirisch nachvollziehbare Aussagen zu treffen. Durch die Methode der Erinnerungsarbeit werde ich von 2.1 bis 2.6 zeigen, dass sich individuelle Rezeptionsstrategien von traditionellen filmwissenschaftlichen Erkenntnissen unterscheiden. Meine Befragung folgt keiner stringenten Vorgehensweise, sondern springt abwechselnd zwischen den drei Bereichen. In der angewandten Sozialforschung und Soziometrie wird diese semi-strukturierte Erhebungsmethode als »Erfassung sozialer Wechselbeziehungen« (Wosnitza/Jäger 1999: 28) gebraucht. Das hat den Vorteil, gleichwertige Fragen über eine längere Interview-Dauer (zwischen 30 Minuten und einer Stunde) gegebenenfalls anders zu formulieren oder zu wiederholen, so dass den Probanden stets Reflexions- und Assoziationsmöglichkeiten offen waren. Diese sollten deshalb geboten werden, weil die Vorraussetzung zwar darin bestand, FIGHT CLUB bereits zu kennen, ich aber - aufgrund von Zeitmangel - weder den ganzen Film, noch Teile daraus präsentieren konnte. Die zehn Einzel-Interviews wurden von mir jeweils per Notebook protokolliert und auf Tonband mitgeschnitten, um verloren gegangene Aussagen später einzufügen. Im Verlauf des Interviews war es nicht nötig, jedem exakt dieselben Fragen zu stellen, da etliche TeilnehmerInnen partielle Antworten
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bereits innerhalb anderer Antworten gaben. Darüber hinaus inspirierten mich einige Aussagen dazu, weitere Fragen in folgenden Interviews hinzuzufügen. Auf Grundlage dessen soll hier nun der Versuch gestartet werden, einen Einblick in das Innenleben zehn 23 - 38-jähriger zu geben. Frage ist wie sie sich ihr persönliches Vergnügen an David Finchers FIGHT CLUB und seiner Inszenierung von Männlichkeit erklären können, wie sie es verbalisieren und rechtfertigen, ohne sie auf ihre soziale oder geschlechtliche Identität zu reduzieren. Dazu beabsichtige ich jeden Teilaspekt jeweils theorieorientiert einzuleiten. So besteht die Gelegenheit, diese auf die Resultate der Befragung anzuwenden.
2. FIGHT CLUB als Grundlage einer Typologie des Vergnügens
2.1 Was ist Vergnügen?
Der Begriff des Vergnügens bezeichnet laut Wörterbuch in seiner englischen Entsprechung von »happiness, pleasure or joy« einen emotionalen Zustand des Glücklichseins (vgl. www.wikipedia.org/vergnuegen.html):
The term pleasure (like its opposite pain) is often used to specifically
indicate localized, physical sensations while happiness is sometimes
used to refer specifically to a long-term, inner feeling.
Die Psychoanalyse, angeführt von Siegmund Freud, geht allerdings von einem Ur-Vergnügen des ureigenen Lust-Prinzips aus, das mit Hilfe der Triebbefriedigung, sprich der Libido gestillt werden müsse. Man könnte meinen, der Psychoanalytiker berief sich dabei auf die Erkenntnisse des griechischen Philosophen Epikur, auf dessen Grundlage der Terminus des Psychologischen Hedonismus geprägt wurde. In der Psychologie werde dieser als Entlehnung des pleasure-in-pain-principle genannt. Es wird der Annahme nachgegangen, dass all unsere Handlungen dazu dienen, uns Vergnügen zu bereiten und Schmerz zu vermeiden. Hedonismus wird gemeinhin als ‚Lust-Lehre’ bezeichnet. Der Begriff wurde aus dem griechischen Wort hedone abgeleitet und bedeutet Freude, Vergnügen und gleichermaßen ebenso Lust, was die Grundlage für Freuds Erkenntnistheorien gewesen zu sein vermag (ebd.). Daraus entstanden Begriffe wie die der Begierde oder des Begehrens, die einen »psychische[n] Antrieb zur Behebung eines empfundenen Mangels« darstelle, »der mit der bewussten Vorstellung
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eines Zustandes verknüpft ist, dessen Verwirklichung oder Aneignung den antriebsverursachenden Mangel aufheben« könne. (vgl. www.ilexika.de/begehren) So lassen sich Parallelen zu einem modernen Verständnis des Hedonismus erkennen:
Im modernen Sprachgebrauch erfährt [der Terminus] eine
Umdeutung. Während der ursprüngliche Hedonismus sich auf das Vermeiden von Unlust konzentriert, [...] wird im modernen Sprachgebrauch das Erleben und Erstreben von Lust betont [...], sprich der Befriedigung des Bedürfnisses z.B. durch Konsum. (vgl. www.ilexika.de/hedonismus)
Um das eigene Begehren dann auch wirksam in Szene zu setzen, bedürfe es der Entwicklung von Phantasie. Bei der Inszenierung des eigenen Mangels gelte es hingegen, diesen durch Faszination und Vergnügen zu überwinden. Warum werden Filme also als lustvoll empfunden? Kann Vergnügen an der Kino-Rezeption so verstanden werden, dass wir immer wieder ins Kino gehen, um unsere konsumorientierte Schaulust zu befriedigen und unsere Mängel zu überwinden? Dient eine ständige Wiederholung dazu, uns ein länger währendes Gefühl der Freude empfinden zu lassen, um einem temporären physischen Vergnügen zu entgehen? Empfinden meine Probanden FIGHT CLUB vielleicht deshalb als Vergnügen, weil sie Aspekte wie Gewalt und Körperinszenierung lieber aus der Distanz betrachten?
So scheint es unumgänglich erneut Laura Mulvey auf den Plan zu rufen, die sich in ihren maßgeblichen Untersuchungen der Frage widmete, woher eine Faszination für Filme überhaupt komme und wodurch jene Begeisterung geprägt sein könnte. Mulvey beleuchtet in ihrem Artikel Visual Pleasure and Narrative Cinema (1975) vor allem psychische Faktoren der Schaulust und des gesellschaftlichen Einflusses, unter denen filmische Konventionen konstituiert würden 1 . Mulvey zufolge bediente sich das traditionelle Kino psychoanalytischer Rezeptionsstrategien, um aus einer filmpolitischen Motivation heraus eine Sprache neuen Begehrens zu kreieren.
Fachterminologisch wird die Lust am Schauen ‚Skopophilie’ genannt, durch die man sein Gegenüber ‚objektiviere’, um es den eigenen kontrollierenden und neugierigen Blicken auszuliefern. Daraufhin würden visuelle Stimuli dadurch freigesetzt, da der Betrachter oder nun ‚Voyeur’ dem begehrten Objekt gegenüber im distanzierten Verborgenen
bleibe. Angelehnt an das Lacansche Spiegelstadium 2 in der frühkindlichen Entwicklung, zeige der Betrachter aber auch regressive Tendenzen seines Narzissmus-Bedürfnisses. Demzufolge entwickelt der Zuschauer Lust am eigenen Anblick, weil er einer Faszination an der Identifikation mit dem Abgebildeten auf der Leinwand unterliege. Der Betrachter könne sich in seinem Ideal-Ich wieder erkennen oder zumindest Ähnlichkeiten feststellen. Aus dieser Paradoxie von Skopophilie und Narzissmus-Bedürfnis entstehe überdies eine Illusion von Realität, da beides ein gewisses Maß an Identifikation beansprucht, wenn der Sexualtrieb auf die Ich-Libido trifft. Mulvey erklärt, dass sich dieses Begehren innerhalb patriarchaler Strukturen durch ständige Wiederholung des Freudschen Ödipus-Komplexes im Betrachter artikuliere, der die Leinwandgeschehnisse sowohl als bedrohlich denn auch als lustbringend empfinden kann. Auf Grundlagen der Skopophilie würde das Subjekt demnach als maskulin/aktiv und das Objekt als feminin/passiv konnotiert. Letzteres sei bloßes erotisches Moment, dessen Wirkung auf den maskulinen Teil männliches Begehren evozieren würde. Mulvey denunziert den aktiven Mann im konventionellen (Hollywood-)Film aufgrund seiner Leinwanddominanz somit zum Handlungsträger und Herrscher über die klassische Narration. Und gesetzt dem Fall, sich der Betrachter mit der heroischen, männlichen Figur identifiziert, seinen skopophilen Blick assimiliert, entstehe in ihm ein Gefühl der Omnipotenz. Dieser Macht-Blick könne allein dadurch zerstört werden, indem man sich der drei Blickmöglichkeiten eines Films bewusst würde. Mulvey spricht dabei von dem Blick der Kamera (Linse) und dem des Zuschauers, die zugunsten von Illusion und Suggestion innerhalb der Diegese stets verleugnet würden. Lediglich Blicke der Charaktere bestimmen ein Empfinden von Adressierung, bzw. Identifikation oder Distanz im Betrachter. Und darin konstatiert Mulvey ein eigentliches Kino-Vergnügen. Zusammenfassend kann man sagen, dass Mulvey exakt die Problematik aufgreift, an der meine Untersuchungen einer geschlechterunspezifischen Informationsverarbeitung anknüpfen sollen. Allerdings beabsichtige ich zu erfragen, worin eigentlich ein allgemeines Kino-Vergnügen bestehen kann? Beinhalten klassisch-konventionelle Filme denn komplett andere Rezeptionsparameter als heutige Filme? Im Folgenden sollen nun die Ergebnisse meiner Befragung zu einem individuellen Verständnis von Vergnügen präsentiert werden. Dabei ist darauf zu achten, inwiefern sich die Aussagen doch von Konzepten klassischer Wahrnehmung unterscheiden.
2.1.1 Allgemeine Einschätzungen
Bevor ich in meinem Interview im Einzelnen auf die unterschiedlichen inhaltlichen Aspekte einzugehen beabsichtigte, befragte ich die jeweiligen Teilnehmer, ob und wie sie mir spontan ihr persönliches Verständnis von Vergnügen beschreiben würden. In den meisten aller Fälle fiel auf, dass keiner spontan dazu in der Lage war, eine definitive Aussage darüber zu treffen. Erst nach kurzer Überlegung trat aus den einzelnen Aussagen hervor, dass Vergnügen scheinbar der Antipode zu Zwängen des Alltags darstellt. Dabei assoziierten die Probanden ihr Vergnügen häufig mit »Alltagsflucht«, »angenehmer geistiger wie körperlicher Beschäftigung«, »Entspannung«, einem »Lust nachgehen« oder »Zwang erliegen«. Mehrheitlich konnten positive Konnotationen gesammelt werden, die speziell von einem Probanden treffend auf den Punkt gebracht wurden.
Jegliche Art von Unternehmung, die bewirkt, dass es uns besser geht
und wir glücklicher sind als vorher. Es gibt nicht nur ein Vergnügen.
2.1.2 Vergnügen im filmspezifischen Kontext
Nachdem ich zu einem späteren Zeitpunkt darauf einging, wie und warum sich die Teilnehmer ein Gefühl von Vergnügen respektive Ablehnen speziell an FIGHT CLUB erklären würden, war die Mehrheit bereits in der Lage ausführlichere Angaben zu machen, die sich auf viele Aspekte des Films berufen sollten. Dabei hat der Film jedem auf Anhieb gefallen, obwohl eingeräumt wird, dass FIGHT CLUB erst nach mehrmaligem Ansehen besser zu genießen sei, da man ihn besser verstehe, dezidierter auf die Feinheiten des Zusammenhangs achten, bzw. über die Wirkung einzelner Details besser nachdenken könne. Einer beschreibt seine »Faszination am Körperlichen«, lehnt aber »den Stumpfsinn ohne Reflexion in den Kampfszenen« ab. Andere betrachten ihr Vergnügen anhand von Rezitierungen aus dem Film.
Ein sehr guter Regisseur hat ein Ausdrucksmittel gefunden, die
Situation zu beschreiben, in der viele Leute meiner Generation sind. Z.B. warum wissen wir, was ein Plaid ist, obwohl uns das nicht die Bohne interessiert?
Einzelne empfanden filmische Aussagen als »zum Nachdenken anregend« oder »im Gedächtnis haften« bleibend, was FIGHT CLUB von anderen zeitgenössischen Filme unterscheide.
Es hat mir sehr gut gefallen, dass man immer wieder zum
Nachdenken kam, weil man in einer moralischen Zwickmühle war zu denken, was korrekt ist und was nicht. Ich habe sehr viel mit meinem eigenen Leben verglichen.
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Quote paper:
Sandy Nirwing, 2005, Die Inszenierung von Männlichkeit in FIGHT CLUB und deren Rezeption als spezifische Form von Vergnügen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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