2
I Vorwort
Im Folgenden befasse ich mich mit Novelle II, 3 aus Boccaccios Decameron. Ich möchte an dieser Novelle beispielhaft die Grundzüge des novellistischen Erzählens festmachen. Die Quellen, von denen ich Ansätze und Gedanken der Novellentheorie übernehme, sind Werke von Degering 1 , Kunz 2 und Frau Caporello-Szykman 3 . Als Zusatzliteratur habe ich Werke von Elisabeth Arend 4 und Sergio Zatti 5 verwendet; dabei handelt es sich um Autoren, die das Decameron auf Einzelphänomene wie dessen Thematik, Hauptcharaktere, Komik und Stil untersucht haben. In meiner Arbeit beziehe ich mich überwiegend auf Forschungsergebnisse von Herrn Degering und Frau Caporello-Szykman, die bereits umfassende Analysen zur Novellentheorie und ihrer Anwendbarkeit auf die Novellen des Decameron vorgelegt haben. Da mir die, von Corradina Caporello-Szykman vorgenommene, Aufteilung der maßgeblichen Analysepunkte bezüglich der Novelle in Boccaccios Werk sinnvoll erscheint, habe ich ihre Standpunkte teilweise übernommen. Im Folgenden werde ich zuerst auf einige Ansätze der Novellentheorie eingehen, dann einige Merkmale der Novelle besprechen und auf die Position der von mir behandelten Novelle in der Gesamtheit des Decameron eingehen. Danach werde ich die Charakteristika einer Novelle an Novelle II, 3 des Decameron belegen und zu guter Letzt noch einmal die wichtigsten Punkte zusammenfassen.
II Novellistisches Erzählen am Beispiel von II, 3
2.1. Herkunft und Definition einer Novelle
Den Begriff Novelle könnte man etymologisch etwa vom Italienischen novella, Neuigkeit, herleiten. Der italienische Begriff stammt jedoch ursprünglich vom Lateinischen novellus, der Diminuitivform von novus, kleine Neuigkeit, ab. 6 Tatsächlich bezeichnet man seit der Frührenaissance in Italien eine bestimmte Erzählungsgattung mit dem Begriff Novelle. Interessanterweise wurde dieser Begriff jedoch bereits zu Zeiten des römischen Kaiserreiches
1 Degering, Thomas, Kurze Geschichte der Novelle: Von Boccaccio bis zur Gegenwart, (München 1994).
2 Kunz, Josef, Theorie der Novelle, (Darmstadt 1973).
3 Caporello-Szykman, Corradina, The Boccaccian Novella, (New York 1990).
4 Arend Elisabeth, Lachen und Komik in Boccaccios Dekameron, (Göttingen 2004). Zatti, Sergio: “ Il mercante sulla ruota: la seconda giornata”, in: Introduzione al Decameron 5
a cura di M. Picone e M. Mesirca, hg. von F. Cesati (Florenz 2004) 79-99.
6 Degering 1994: 7.
3
verwendet. Damals wurde ein Gesetzesnachtrag mit dem Terminus „Gesetzesnovelle“ 7 bezeichnet. Diesen Begriff finden wir auch heute noch in der Justizsprache wieder. Der Terminus Novelle wurde erst in der Ära des italienischen Humanismus für die Literatur erschlossen. 8
Es ist allerdings nicht leicht, die Novelle als solche eindeutig zu charakterisieren. Zu diesem Zweck wurden bereits eine Vielzahl von Theorien aufgestellt, die die bedeutsamen Charakteristika eines novellistischen Erzählstils aufzuzeigen versuchen. Dabei gibt es zwei Novellentheoretiker, deren Definitionsversuche bezüglich der Merkmale einer Novelle mir besonders bedeutsam erscheinen. Einer dieser beiden ist Friedrich Theodor Vischer:
Die Novelle verhält sich zum Romane wie ein Strahl zu einer Lichtmasse. Sie gibt nicht das umfassende Bild der Weltzustände, aber einen Ausschnitt daraus, der mit intensiver, momentaner Stärke auf das größere Ganze ... hinausweist, nicht die vollständige Entwicklung einer Persönlichkeit, aber ein Stück aus einem Menschenleben, das eine Spannung, eine Krise hat und uns durch eine Gemüts, - und Schicksalswendung mit scharfem Akzente zeigt, was ein Menschenleben überhaupt ist. 9
Und obwohl Ludwig Tieck ein, der Romanik angehörender Novellentheoretiker ist, hat auch er den Kern der Novelle gut getroffen.
... dass sie einen großen oder kleineren Vorfall in´s hellste Licht stelle, der, so leicht er sich ereignen kann, doch wunderbar, vielleicht einzig ist ... Sie (wird) immer einen auffallenden Wendepunkt haben, der sie von allen anderen Gattungen der Erzählung unterscheidet. 10
Wie könnte man also die novellistische Erzählweise definieren? Gibt es bestimmte wiederkehrende Merkmale? Zunächst einmal kann man behaupten, dass die Novelle meist kürzeren bis mittleren Umfang hat. Dabei steht im Zentrum der Novelle eine „unerhörte“ 11 , jedoch wahr anmutende Begebenheit. Meist ergibt sich im Verlauf der Geschichte eine Konflikt ,- bzw. Krisensituation, welche durch eine unvorhergesehene Fügung des Zufalls [einen, der Dramentheorie entlehnten, sogenannten Wendepunkt] einem guten Ende zugeführt wird. 12 Der Charakter des Novellengeschehens ist einer Weise festgelegt, so dass er immer das Eleme nt des Überraschenden, Unberechenbaren 13 aufweisen wird. [Das Schicksal, oder der Zufall, können als beglückende oder vernichtende Macht erfahren werden. 14 ]
7 Degering 1994: 7.
8 Degering 1994: 7.
9 Degering 1994: 8.
10 Degering 1994: 8-9.
11 Degering 1994: 8.
12 Degering 1994: 9.
13 Kunz 1973: 4.
14 Kunz 1973: 6.
4
Es ist allerdings kennzeichnend für die Novelle, dass sie sich nicht eindeutig auf bestimmte
Inhalte festlegt. Novellen können erheiternde oder betrübliche, unterhaltsame oder moralische
Ziele verfolgen. 15 Josef Kunz weist darauf hin, dass man nur im Hinblick auf die rein -
klassische Form der Novelle wie etwa zu Zeiten Boccaccios einen „Idealtypus“ 16 der
Novelle konstruieren könne. Er erwähnt in diesem Zusammenhang vier wesentliche
Merkmale : zum einen stellt auch er, das Moment der „Neuheit“ heraus, das die thematische
Basis für die Novelle bietet. Er argumentiert dabei logisch, dass es die Neuheit sei, die einer
Begebenheit den Reiz verleihe, nicht ihre Bedeutsamkeit oder Auswirkung.
Nur das Neue scheint gewöhnlich wichtig, weil es ohne Zusammenhang Verwunderung erregt und unsere
Einbildungskraft einen Augenblick in Bewegung setzt, unser Gefühl nur leicht berührt und unseren Verstand
völlig in Ruhe lässt. 17
Als zweites bedeutsames Merkmal sieht Kunz das „spezifische Klima des
Novellengeschehens “ Darunter versteht der Novellentheoretiker, das sich bei der Novelle, im
Gegensatz zum Märchen, der Hauptteil also der Teil der Novelle in dem die eigentliche
Entwicklung der Handlung stattfindet im Hier und Jetzt abspielt. Hinzu kommt, das die
geschilderten Begebenheiten zwar nicht alltäglich sind, aber dem Leser zu einem hohen Grad
wahrscheinlich erscheinen. An dritter Stelle verweist Kunz auf die „gesellschaftliche“
Erz ählsituation des Decameron, die Novellentheoretiker aller Zeiten bereits als bedeutsam
hervorgestellt haben im Decameron das Gesellschaftsideal der toskanischen Patrizier: eine
k ühle, distanzie rte Ironie, eine Norm der Beherrschtheit und Gefaßtheit 18 Eine Novelle will
also „in Gesellschaft genossen sein, aber nicht, wie ein Bühnenstück die Gefühle einer großen
Menge tief aufwühlen“ 19
In Zusammenhang mit diesem Thema, erwähnt Kunz das vierte bestimmende Merkmal der
Novelle - die Intention des Erzählers. Goethe beschreibt diese mit „Zerstreuung“
Jeder Mensch kann ohne die mindeste Rückkehr auf sich selbst an allem, was neu ist, lebhaften Anteil nehmen
ja , da eine Folge von Neuigkeiten immer von einem Gegenstande zum anderen fortreißt, so kann der großen
Menschenmasse nichts willkommener sein als ein solcher Anlaß zur ewigen Zerstreuung und eine solche
Gelegenheit , Tücke und Schadenfreude auf eine bequeme und immer sich erneuernde Weise auszulassen. 20
Grunds ätzlich sieht die heutige Novellenforschung den Ur - Autor der Novelle in Giovanni di
Boccaccio. Dieser, heutzutage recht bekannte, Italiener hatte im 14. Jahrhundert ein Werk
15 Degering 1994: 10.
16 Kunz 1973: 1.
17 Kunz 1973: 2.
18 Kunz 1973: 6.
19 Kunz 1973: 7.
20 Kunz 1973: 2-3
5
verfasst, das er Il Decamerone (1348-1353) nannte und welches wir heute als ersten, richtigen Novellenzyklus sehen. Aber auch Boccaccios Novellenzyklus hatte bereits Vorgänger. Dazu zählt beispielweise der berühmte arabische Märchenzyklus 1001 Nacht. Man könnte auch einige novellistisch-anmutende Merkmale an den Heiligenlegenden und Exempla -Sammlungen des Mittelalters entdecken. 21 Einen interessanten Aspekt, den André Jolles in diesem Zusammenhang erwähnt, ist die Tatsache, das Boccaccio - obwohl Novelle Neuigkeit bedeutet - oft bereits tradierte Stoffe wiedergegeben hat. [Prinzip der imitatio 22 ] Es geht dabei zwar immer noch um die „Darstellung eines als wahr zu empfindenden Ereignisses“ 23 , jedoch handelt es sich um einen bereits festgelegten Stoff. Das Genie des Künstlers, bzw. des Schriftstellers, zeigt sich nicht in der Genialität der (bereits erfundenen) Geschichte, sondern darin, wie der Künstler seine ganze Fantasie in die Darstellung eines immer wiederkehrenden Stoffes legen kann. Es geht also bei der Novelle nicht um die „Kunst des Erfindens“, sondern vielmehr um die „Kunst des Erzählens“ 24 . Die Novellistik ist also eine Gattung, bei der nicht auf den Erfindungsgeist des Autors ankommt, sondern mehr auf die geistige Kompositionsfähigkeit mit der er bereits gegebene Elemente zusammenfügt. Wie Boccaccio es bereits auch in der Vorrede Decameron erwähnt, möchte er durch kompositorische variatio, ebenfalls ein tradiertes Prinzip antiker Redekunst, seinen Leserinnen das höchste piacere bereiten. In der Vorrede zu seinem Werk merkt Boccaccio an, dass er sich hauptsächlich an Frauen wendet und rechtfertigt damit auch die Verwendung des volgare 25 , des Italienischen, des sprachlich zweifelhaften Stils, da die Leserinnen seine Geschichten ohne Probleme verstehen sollen. Jedoch ist Boccaccios Werk, Das Decameron, das erste, das durch seine novellistische Erzählweise eindeutig als echte Novellensammlung charakterisiert werden kann. Diese Ansicht scheint auch Corradina Caporello - Szykman zu teilen, denn sie geht davon aus, dass Boccaccio die Novelle als künstlerische Erzählgattung und die, in diesem Zusammenhang gültigen Gesetzmäßigkeiten, erst erschaffen und verlässlich festgelegt hat. Interessant ist, dass Frau Caporello - Szykman auf der Annahme beharrt, dass es für die Novelle an sich ganz bestimmte unverrückbare Merkmale gibt, die als maßgebliche Orientierungspunkte für die Erzählgattung der Novelle eingesetzt werden sollten 26 , wohingegen andere Novellen-theoretiker wie Kunz oder Degering sich nicht so weit vorwagen würden.
21 Degering 1994: 11.
22 Caporello-Szykman 1990: 34.
23 Kunz 1973: 115.
24 Kunz 1973: 115.
25 Caporello-Szykman 1990: 42.
26 Caporello-Szykman 1990: 2-3.
Arbeit zitieren:
Stefanie Deutzer, 2005, Novellistisches Erzählen am Beispiel von II,3 (Boccaccios Decameron), München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Darstellung der Pest in der Literatur von Giovanni Boccaccio und F...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 20 Seiten
'Calla! [ ] Baja la voz!' - Kommunikationsstrategien bzw. -ver...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit, 14 Seiten
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 14 Seiten
Die Griselda-Novelle (X, 10) im Spiegel der Forschung
Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 20 Seiten
Handlungs- und produktionsorientierter Umgang mit Kindergedichten in e...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 25 Seiten
Die morphologische Struktur französischer und spanischer Parasynthetik...
Romanistik - Lateinamerikanische Sprachen, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 10 Seiten
Die prosodischen Merkmale im Spanischen
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit, 10 Seiten
Energetisches Sanierungskonzept für 6 Mehrfamilienhäuser
Examensarbeit, 163 Seiten
Untreue als Motiv in Giovanni Boccaccios "Dekameron"
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Interpretation zu Boccaccios "Griseldanovelle"
Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit, 16 Seiten
Orientalismusbegriff - Edward Said's Buch "Orientalismus"...
Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien
Seminararbeit, 11 Seiten
Metafiktionales Erzählen in Italo Calvinos Roman "Wenn ein Reisen...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Die historische Entwicklung der Novelle bis ins 19. Jahrhundert (Bocca...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Hausarbeit, 18 Seiten
Vergleich der Ansätze Piagets und Kohlbergs zur Moralentwicklung
Psychologie - Entwicklungspsychologie
Seminararbeit, 22 Seiten
Stefanie Deutzer hat den Text Novellistisches Erzählen am Beispiel von II,3 (Boccaccios Decameron) veröffentlicht
Stefanie Deutzer hat einen neuen Text hochgeladen
Visualizing Boccaccio: Studies on Illustrations of the Decameron, from...
Jill M. Ricketts, Jillm Ricketts, Ricketts Jill M.
0 Kommentare