Gliederung
1. Einleitung S 3
2. Definition Satire S 3
3. Geschichtlicher Hintergrund des Romans
3.1 Sowjetunion in den späten 20er und den 30er Jahren S 5
3.2 Geschichtliche Entwicklungen der sowjetischen Satire S 9
in 20er und 30er Jahren
3.3 Die Forderung nach der Positiven Satire S 10
4. Konkrete Kritik in Master i Margarita
5. Das Karnevaleske in Master i Margarita S 19
6. Schlusswort S 21
7. Literaturverzeichnis S 22
2
1. Einleitung
In meiner Hausarbeit beleuchte ich den Roman „Master i Margarita“ unter dem Aspekt seiner satirischen Leseart, wobei ich mich auf die von Jochen-Ulrich Peters aufgestellte Definition des Begriffs der Satire stütze.
Um die satirischen Elemente herausarbeiten und verstehen zu können, ist es notwendig, sich mit den historischen Rahmenbedingungen, in die der Autor und der Roman eingebettet sind, auseinanderzusetzen. Deshalb nehmen die geschichtlichen Beschreibungen der SU in den späten 20er und 30er Jahren einen wichtigen Platz in meinen Ausführungen ein. Darauf basierend werde ich mich der konkreten Kritik in „Master i Margarita“ widmen und dabei die angesprochenen kritikwürdigen Missstände im Land, die Bulgakov in seinem Werk anprangert, betrachten. Anschließend folgen ein kurzer Umriss der karnevalesken Eigenarten des Romans und im Anschluss eine abschließende Bemerkung.
2. Definition „Satire“
Der russische satirische Roman weist in der Regel keine konkrete Struktur und keine konkreten thematischen Vorgaben auf, was eine Definition dieses Genres erschwert. 1 Um dennoch bestimmte charakteristische Tendenzen dieser Literaturgattung herauszuarbeiten, sollen zunächst die überhistorisch gültigen Merkmale der satirischen Schreibweise näher untersucht werden. Dabei dient als Grundlage die folgende Definition von Schwind: „Ein satirischer Text ist (…) ein modellbildendes Darstellungssystem, das im Zusammenhang der benutzten Zeichen auf Gemeintes in der ‚Wirklichkeit’ auf eine Weise anspielt, dass das Wahrnehmungsmodell als adäquat zur ‚Wirklichkeit’ bzw. als ‚Gegenmodell’ empfunden wird – oder werden soll – im Aufweis anderer, neuartiger Sichtweisen und Beziehungsmöglichkeiten“. 2
1 Vgl. Peters: Tendenz und Verfremdung, S. 16
2 ebd. S.16
3
Darauf aufbauend lassen sich für umfangreichere satirische Texte folgende Gesichtspunkte hervorheben. Im satirischen Roman werden in der Regel fiktionale Welten erschaffen, die sehr direkt auf bestimmte gesellschaftliche Problembereiche der realen Welt anspielen. Gleichzeitig wird beim Leser durch verschiedene stilistische Elemente wie Übertreibung, Ironie oder Sarkasmus eine negative Einstellung und Distanz zu dieser im Text dargestellten Wirklichkeit ausgelöst. 3 Der Leser, der in die Rolle eines kritischen Beobachters versetzt wird, soll diese Welt als eine Scheinwelt entlarven, in der die gültigen, etablierten Strukturen und Systeme ironisierend in Frage gestellt werden. Dies geschieht dadurch, dass die im Text agierenden Figuren, die dargestellten Lebensverhältnisse und Situationen ins Lächerliche gezogen werden und damit als amoralisch erscheinen. 4 Der Satire liegt eine appellative Intention des Autors zugrunde, der aus seiner sehr subjektiven Sicht gesellschaftliche Missstände in einer abwertenden Weise anprangert und den Leser zu animieren versucht, diese Missstände nicht nur zu erkennen, sondern gegen sie aktiv vorzugehen. Die Kritik erfolgt aus der Perspektive der in die Handlung integrierten Figuren, die selbst ein Teil der angegriffenen Welt sind. Sie können diese explizit attackieren oder als negative Beispiele mit bestimmten Lastern und Torheiten fungieren. Dabei wird dem Leser ein Spielraum bei seiner Interpretation eingeräumt, denn die satirische Kritik an der gezeichneten Welt erfolgt universell. Das gesamte ideologische und politische System erscheint im Ganzen als falsch und verkehrt.
Die Satire zielt darauf ab, dem Leser durch zielgerichtete Gegenüberstellung von Ideal und Wirklichkeit die Fehlfunktion seiner realen Welt zu verdeutlichen. Sie schreckt nicht davor zurück, die Menschen als ungebildet und bequem darzustellen. Sie richtet die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und die fehlende Moral. Sie offenbart dem Leser die gesellschaftlichen Zwänge und Konventionen, in denen er gebunden ist und attackiert durch bissige Ironie, Sarkasmus und Komik die Widersprüchlichkeit des Normensystems, in dem die Figuren gefangen sind und das der Betrachter auf seine
3 Vgl. Peters: Tendenz und Verfremdung, S.17
4 ebd. S. 17
4
eigene Wirklichkeit projiziert und sich mit ihr auseinanderzusetzen beginnt. 5 Der Autor versucht, durch die Darstellung der Gegensätze zwischen den gewünschten und den tatsächlich vorherrschenden Verhältnissen beim Betrachter eine starke Distanzierung zu seiner Außenwelt, zu seinen Mitmenschen und zu sich selbst zu erreichen. Der Leser soll, dadurch dass er mit amoralischem Handeln der fiktiven Figuren konfrontiert wird, sich mit seiner eigenen Welt kritisch auseinandersetzen und sie neu durchleuchten. Der Satiriker versteht sich als Aufklärer, der nicht seine persönliche, subjektive Meinung dem Leser aufzuzwingen vermag, sondern bei diesem generell versucht, ein kritisch-distanziertes Denken über die Fragwürdigkeit der geschilderten Welt auszulösen.
3. Geschichtlicher Hintergrund des Romans
3.1 Sowjetunion in den späten 20er und den 30er Jahren
Die Geschichte Russlands ist vom dauerhaften Terror geprägt, doch unter Stalin erreichte die Massenunterdrückung des Volkes ihren Höhepunkt. Immer wachsende Reglementierungen durch die Kommunistische Partei und gleichschaltende Strukturen schränkten die Freiheit der Bürger ein. Mit der Ausschaltung der Opposition in jeglichen gesellschaftlichen Institutionen wuchsen die Repressionen. Der Mord an Kirov im Jahre 1934 war der Auftakt zu den Massenverhaftungen, die bis 1939 andauerten. Vor allem Stalins Parteikollegen wurden in Schauprozessen verurteilt und anschließend in Arbeitslager (Gulags) gesteckt oder ermordet. Auch die einfachen Menschen, aber auch die Intellektuellen, fürchteten die Geheimpolizei, später unter dem Namen KGB bekannt, die in der Nacht ganze Familien willkürlich verschleppte. Kollektivarbeit und Kollektivwirtschaft bildeten das Fundament des gesellschaftlichen Alltags. Kommunalwohnungen mit gemeinsamen Küchen und Badezimmern wurden eingerichtet, in denen mehrere Familien auf dem kleinsten Raum zusammenleben mussten wodurch die Privatsphäre enorm eingeschränkt wurde.
5 ebd. S. 19
5
Um den Kommunismus zu festigen, praktizierte die SU eine wachsende Isolation von der westlichen Welt. Ausreisen war nicht gestattet und nur wenige Ausländer erhielten eine Einreiseerlaubnis, da sie als potentielle Feinde und Spione angesehen wurden. Die sowjetische Führung verstand es sehr gut, bei der Bevölkerung eine Atmosphäre der Angst gegenüber Fremden zu verbreiten. Der Export von sowjetischer Währung wurde verboten und der Devisenhandel unterlag strengen staatlichen Auflagen. Um den Devisenumlauf zu kontrollieren wurden spezielle Geschäfte, in denen man nur mit fremder Währung bezahlen konnte, eröffnet. Eines davon ist das im Roman erwähnte Torgsin.
Die Orthodoxe Kirche wurde als Symbol für das „alte System“ betrachtet und stellte ein Angriffsziel für die Bolschewiki dar. Moskaus größte Kirche – Храм Христа Спасителя – wurde 1931 gesprengt, andere wurden z.B. in Lagerhallen oder Fabriken umfunktioniert.
Die Bürokratie wurde auf den Höhepunkt getrieben. Unzählige Ämter und Einrichtungen sorgten für eine unüberblickbare Struktur des Staatswesens. Wer seinen Pass verloren hatte, hörte faktisch auf zu existieren. Armut, schlechte wirtschaftliche Lage, Analphabetismus bildeten die Grundlage für eine pessimistische und ängstliche Grundstimmung in der SU. Das Land befand sich in Stalins festem Griff und jeder, der seine Unzufriedenheit nur andeutete, musste mit den schlimmsten Konsequenzen rechnen.
3.2 Geschichtliche Entwicklungen der sowjetischen Satire in 20er und 30er Jahren
Nach der Oktoberrevolution 1917 und dem Sieg des Proletariats wurden in der SU unzählige satirische Zeitschriften gegründet, die – anknüpfend an die vorrevolutionäre proletarische Satire – Partei für die Revolution ergriffen und gegen „äußere Feinde“ 6 der SU vorgingen. Sie entsprachen demzufolge Lenins Vorstellungen über Sinn und Zweck der Literatur, die er als Instrument im Kampf gegen feindliche Ideologien und als politische und kulturelle Erziehungsmittel des Proletariats ansah.
6 Vgl. Mai: Satire im Sowjetsozialismus, S. 10
6
Quote paper:
Igor Blumberg, 2005, Die satirische Leseart des Romans "Der Meister und Margarita", Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Verweise auf Goethes Faust in ´MEISTER und MARGARITA´ Bulgakows
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 15 Pages
Das Motiv des Verschwindens im Roman 'Meister und Margarita'
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 23 Pages
Bernhard von Clairvaux: Epistula 363 - Der Aufruf zum Zweiten Kreuzzug...
Theology - Historic Theology, Ecclesiastical History
Scholary Paper (Seminar), 24 Pages
Phraseologie: Einführung und Grundbegriffe
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Wladimir Kaminer - Ausländer in der Wendeliteratur
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Eine Interpretation von Thomas Brüssigs Sonnenallee
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 39 Pages
Diskussion Thomas Brussigs "Am kürzeren Ende der Sonnenallee&quo...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 13 Pages
Das Zuschauermodell der psychoanalytischen Filmtheorie und des Neoform...
Termpaper, 16 Pages
The role of marriage in Jane Austen's 'Pride and Prejudice'...
English Language and Literature Studies - Literature
Termpaper, 15 Pages
The Humour Of Pride And Prejudice
English Language and Literature Studies - Literature
Termpaper, 14 Pages
Wenn Vertrautes fremdgeht - Über die literaische Funktion der groteske...
German Studies - Miscellaneous
Termpaper, 30 Pages
Narrative Zeit- Zeit in Literatur und Film Beispielanalyse des Films M...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 21 Pages
Analysis of Shelley’s "Ode to the West Wind"
English Language and Literature Studies - Literature
Termpaper, 18 Pages
Avantgarde im Königreich Jugoslawien
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 28 Pages
Das Vampirmotiv in Goethes Ballade "Die Braut von Korinth"
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 28 Pages
Igor Blumberg's text Die satirische Leseart des Romans "Der Meister und Margarita" is now available as a printed book
Igor Blumberg has published the text Die satirische Leseart des Romans "Der Meister und Margarita"
Igor Blumberg has uploaded a new text
Margaritas!: Mix and Enjoy More Than 70 Fabulous Margaritas and Tequil...
Henry Besant, Andres Masso, William Lingwood
0 comments