Inhaltsverzeichnis
1 Die konstante Kontroverse - eine Einleitung 3
2 Alles zu seiner Zeit - Einbettung in einen sensiblen historischen Kontext 3
3 Vom Pionier zum Klassiker - Methodik und Ergebnisse 5
3.1 Das Experiment in den Sozialwissenschaften 5
3.2 Versuchsaufbau und Ergebnisse 6
3.2.1 Das Grundexperiment 7
3.2.2 Die Variationen............................................................................................10
3.2.3 Milgrams Bewertung der Ergebnisse 12
3.3 Methodenkritik 14
3.4 Das Milgram- Experiment als methodischer Klassiker 16
4 Zwischen zwei Polen - Milgram und die Scientific Co mmunity 18
5. Und die Moral von der Geschicht - Fazit und Ausblick 21
6. Literaturverzeichnis 23
2
1. Die konstante Kontroverse – eine Einleitung Kaum ein sozialwissenschaftliches Experiment wurde in so unterschiedlichen Facetten betrachtet wie das Milgram- Experiment. Und selten wurde eine Studie zum Ankerpunkt in derart vielen Grundsatzdebatten. Bis heute steht Stanley Milgrams, Anfang der Sechziger Jahre entwickelte, Studie zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität im Kern der Debatte um allgemein gültige ethische Grundsätze in der Wissenschaft. Und noch immer initiiert sie Meinungsbildungsprozesse zur Adäquatheit des Laborexperiments als Forschungsmethode. Aber auch die konkreten Ergebnisse und die spezifischen Schlussfolgerungen Milgrams finden i n gleich bleibender Aktualität Beachtung. Kaum eine Studie erlangte, auch über wissenschaftliche Fachkreise hinaus, eine derart große Berühmtheit wie das Milgram- Experiment. Im Folgenden sollen nun die Gründe für diese Entwicklung nachvollzogen werden. Im Kern der Betrachtung steht dabei die Methodik der Untersuchung, wobei auch einige Nachfolgeuntersuchungen sowie der generelle Einfluss auf die so genannte scientific community näher beleuchtet werden. Zunächst jedoch fällt das Augenmerk auf die zeitgeschic htliche Einbettung des Milgram- Experiments, welche maßgeblich die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit sicherte.
2. Alles zu seiner Zeit – Einbettung in einen sensiblen historischen Kontext
Als Stanley Milgram im Jahr 1963 erste Auszüge seines Experiments zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität im Journal of Abnormal and Social Psychology veröffentlichte, zog er darin eine Parallele die Aufsehen erregte. Er schrieb: „Obedience, as a determinant of behavior, is of particular relevance to our time. It has been reliably
established that from 1933-45 millions of innocent persons were systematically slaughtered on
command… These inhumane policies may have originated in the mind of a single person, but they could
only be carried out on a massive scale if a very large number of persons obeyed orders”. 1 Mit diesem kurzen Verweis gab Milgram seinem Werk nicht nur einen Bedeutungshorizont, der ihm eine enorme Aufmerksamkeit und Kritikfähigkeit einbrachte. Er vollzog zudem eine zeitgeschichtliche Verankerung seines Experiments zu einer Zeit, in der sich die Wissenschaft einmal mehr fragte, wie viel Autorität und Folgebereitschaft für das Funktionieren einer stabilen sozialen Ordnung notwendig sind.
1 Milgram, „Behavioral Study of Obedience“ in: „The Obedience Experiments“, Miller 1986: 4
3
Um die Tragweite des Milgram- Experiments erfassen zu können, ist es daher unverzichtbar, zwei verschiedene Komponenten in die Betrachtung einzubeziehen: zum
einen den politischen und gesellschaftlichen Zeitgeist jener Nachkriegsjahre und zum anderen die daran anknüpfende Entwicklung der Sozialpsychologie als wissenschaftliche Disziplin.
Erst unter Einbeziehung beider Aspekte erschließt sich der besondere Stellenwert des Milgram-Experiments in den Sozialwissenschaften. Denn die Untersuchung des
Gehorsams als menschliche Charaktereigenschaft war durchaus kein Phä nomen, dem Milgram als Erster Beachtung schenkte. So hatte es zum Beispiel schon im Jahr 1944 eine Gehorsams-Studie von Jerome Franks gegeben. Er maß Gehorsam in der
Bereitschaft von Versuchspersonen, auf Geheiß des Versuchsleiters und unabhängig
vom eigenen Hungergefühl, große Mengen von Gebäck zu sich zu nehmen 2 . Zudem hatte bereits Theodor Adorno in seinen Studien zur autoritären Persönlichkeit aus dem Jahr 1950 versucht, das Phänomen der nationalsozialistischen Massenbewegung wissenschaftlich zu untersuchen. Er vertrat die Hypothese, dass Antisemitismus oder
auch die Anfälligkeit für nationalsozialistische Propaganda im Allgemeinen, auf eine
empirisch feststellbare Charakterstruktur zurück zu führen sei 3 . Hauptsächlich aber fand die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus in der Untersuchung einzelner Biografien ihren Niederschlag. Angelehnt an die gesellschaftliche wie auch politische Verarbeitungsleistung jener Zeit ging es in erster
Linie darum, Täter ausfindig zu machen und Dienstwege wie Abläufe zu rekonstruieren. Zu einer Zeit, als eine gesamte Weltöffentlichkeit fassungslos danach fragte, wie es zu
den Gräueltaten des Holocaust kommen konnte, tendierte sie gleichermaßen dazu, „die an diesen Verbrechen Beteiligten als `Monster´ zu bezeichnen, ihnen jede Vergleichbarkeit mit der eigenen Existenz, den eigenen Haltungen und Überzeugungen
absprechen zu wollen“ 4 . Stanley Milgram widersprach all dem. Er stellte die Behauptung auf, dass der Holocaust nicht auf bewusst handelnde, sadistische
Ausnahmepersönlichkeiten zurückzuführen sei, sondern auf die grundsätzliche menschliche Eigenschaft, den Anweisungen von Autoritäten Folge zu leisten. Eine bedeutende zeitgeschichtliche Parallele, in der Milgram seine Erkenntnisse bestätigt
2 vgl. Miller 1986: 15
3 vgl. Schurz in: Huemer/Schurz 1990: 50
4 ebd.: 35
4
sah, war der vielbeachtete Eichmann-Prozess aus dem Jahr 1961. Adolf Eichmann, im Dritten Reich Leiter der Gestapoabteilung IV, galt als Hauptorganisator der
Judendeportationen und zuständig für die so genannte Endlösung 5 . Eichmann wurde zum Paradebeispiel für den reuelosen Schreibtischtäter. Nicht nur, weil er bis zuletzt keinerlei Verantwortung für seine Taten übernahm und sich dadurch rechtfertigte, dass
er lediglich Befehle erhalten und weiter geleitet habe. Zudem empfand er eine große Distanz zu seinem Handeln, da es nie zu einer direkten Konfrontation mit seinen Opfern
kam 6 .
Stanley Milgram erwähnt selbst in seinem 1974 erschienenen Werk, dass er hier eine Parallele zwischen der Persönlichkeit Eichmanns und der Gehorsamsbereitschaft seiner
Versuchspersonen vermutete. Er behauptete, dass es eben nicht jene „brutale, perverse, sadistische“ Persönlichkeiten waren, die zu NS-Verbrechern wurden, sondern zum
Gehorsam erzogene „Durchschnittsmenschen“ 7 .
Hierin zeigt sich eine bemerkenswert enge Integration des Milgram-Experiments in den historischen Kontext seiner Zeit, die ihm starke Kritik angesichts dieses sensiblen
Themas einbrachte. Nicht zuletzt war Stanley Milgram selbst Jude und nahm unter anderem dadurch intensiv Anteil an der Aufarbeitung der NS-Zeit.
3. Vom Pionier zum Klassiker – Methodik und Ergebnisse
Im Folgenden soll nun die methodische Vorgehensweise Milgrams näher beleuchtet
werden. Um anschließend eine kritische Betrachtung seiner Arbeit folgen lassen zu können, erfolgt nicht nur eine Beschreibung des Versuchsverlaufes und der Ergebnisse,
sondern auch ein kurzer Überblick über das Experiment als sozialwissenschaftliche Erhebungsmethode.
3.1 Das Experiment in den Sozialwissenschaften
Das Experiment als sozialwissenschaftliche Methode ist seit jeher Inhalt zahlreicher
Diskussionen. Zum einen wird ihm die Möglichkeit weitreichender Erkenntnisgewinnung zugesprochen. Zum anderen ist aber auch immer wieder von spezifischen, methodenimmanenten Fehlerquellen die Rede. Unbestritten ist zunächst,
5 vgl. ebd.: 41
6 vgl. Mulisch 2002: 78
7 Milgram 1974: 22
5
dass das Experiment in den Sozialwissenschaften häufig und konstant Anwendung findet und vor allem in der Sozialpsychologie als „bevorzugte Methode bei der
Überprüfung von Gesetzeshypothesen“ gilt 8 . Als Spezifikum des Experiments gilt zum einen, dass B edingungszusammenhänge zwischen mehreren Variablen zum Beispiel durch die Variation des Erhebungsverlaufes in ihrer Stärke und Bedeutung vielfältig
gemessen werden können 9 . In der Laborsituation sollen außerdem, durch den weitmöglichen Ausschluss von äußeren Störfaktoren, explizit die Auswirkungen der
durch den Forscher gesetzten Stimuli untersucht werden. Allerdings untersteht das Laborexperiment zugleich dem Vorwurf, stets „künstlich“ zu bleiben und eine gänzliche Annäherung an die soziale Wirklichkeit sowie eine vollständige Natürlichkeit der
Versuchspersonen niemals leisten zu können 10 . Um dennoch eine größtmögliche Validität der Ergebnisse zu ermöglichen, bedient sich die Sozialwissenschaft einiger
methodischer Anforderungen, die im Folgenden am Beispiel des Milgram-Experiments dargestellt werden sollen. Hinzu kommen einige methodische Besonderheiten in der Vorgehensweise Milgrams, die nun näher erläutert werden.
3.2 Versuchsaufbau und Ergebnisse
Als der amerikanische Sozialpsychologe Stanley Milgram in Jahr 1960 ein Forschungsdesign über Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autoritäten entwickelte, suchte er nach einer möglichst einfachen Umsetzung, die eine zielgerichtete
Auswertung seines Datenmaterials ermöglichen sollte 11 . Tatsächlich hebt die wissenschaftliche Diskussion des mittlerweile zum Klassiker avancierten Werkes
immer auch die stringente Logik des Milgram-Experiments hervor und die klare Operationalisierung der zu untersuchenden Variablen. Neben dem Experiment als sozialpsychologische Erhebungsmethode wendete Milgram zusätzlich die Methode der
schriftlichen Befragung, sowie des Interviews an. Im Folgenden werden nun anhand des Grundexperiments die markanten Charakteristika der Untersuchung nachgezeichnet.
Anschließend erfolgt ein Blick auf die Variationen des Experiments, bevor schließlich eine kritische Auseinandersetzung mit der Methodik folgt.
8 Mertens 1975: 13; vgl. auch Phillips 1970: 109
9 vgl. Mertens 1975: 19
10 vgl. Cicourel 1974: 222, Mertens 1975: 21
11 vgl. Milgram 1974: 30
6
Quote paper:
Vera Zischke, 2003, 'Der Schüler bittet um Schock' - Das Milgram-Experiment in den Sozialwissenschaften, Munich, GRIN Publishing GmbH
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