Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S.1
2. Kurze Beschreibung des Films S. 2
3. Oscar und Constance Wilde im Diesseits 3.1. Geburt eines Genies S. 3 3.2. Erste Werke S. 4
3.3. Constance und Oscar Wilde: Erste Begegnung S.5 3.4. Die Verlobung S. 7 3.5. Die Hochzeit S. 8
4. Ehe und Entfremdung
4.1. Entfremdung/ Robert Ross S. 11 4.2. Lord Alfred Douglas 4.2.1. Eine Dreiecksbeziehung S. 15
4.2.2. Beziehungskrise zwischen Oscar und
Lord Alfred Douglas S. 20 4.3. Anfang eines Skandals S. 22
5. Constance Wilde: Eine kurze Affäre 5.1. Arthur L. Humphrey S. 22 5.2. Intrigen S. 24 5.3. Die Klage S. 25 5.4. Der Prozess/ Reading S. 26
5.5. Das Ende einer Ehe S. 27
6. In Freiheit
6.1. Flucht aus England/ Die Rückkehr zu Bosie S. 29 6.2. Constances Tod S. 31
6.3. Rückkehr nach Paris/ Oscar Wildes letzte Tage S. 33
7. Jacob Epstein
7.1. Kurze Biographie S. 35
8. Die Friedhöfe im Film „Herbsttage - Wildefalls“ 8.1. Bedeutung des Friedhofs S. 36
8.2. Allgemeine Friedhofsarchitektur S. 36
8.3. Friedhofstypen der Zukunft S. 37
9. Der Friedhof Père- Lachaise in Paris 9.1. Einführung S. 38
9.2. Geschichte der Pariser Friedhöfe 9.2.1. Die Verlegung der Friedhöfe S. 40
9.2.2. Der Friedhof der Moderne im 18. und 19. Jahrhundert S. 42
10. Der Cimitière du Père- Lachaise
10.1. Die Eröffnung S. 45 10.2. Anarchie der Stile S. 47
10.3. Denkmäler und Erinnerungen S. 48
10.4. Eine Bestattung in Paris im 19. Jahrhundert S. 52
10.5. Cimitière du Père Lachaise: Friedhof der Gegenwart und Zukunft S. 53
11. Il Campo Santo di Staglieno in Genua
11.1. Einführung
11.1.1. Entwicklung der Friedhöfe in Italien S. 54
11.1.2. Der architektonische Friedhof S. 56
12. Die Entstehung des Cimitero di Staglieno in Genua 12.1. Ein neuer Friedhof für Genua S. 57
12.2. Verwunschene Orte in Staglieno S. 59
12.3. Menschen, die kamen und gingen S. 61
13. Jenseits und Diesseits im Marmor erstarrt
13.1. Händeabdruck der Epochen
13.1.1. Der Stilpluralismus auf dem Cimitero di Staglieno S. 62
13.1.2. Der Stoff der Skulpturen S. 68
14. Atmosphäre auf dem Friedhof der Gegenwart S. 69
15. Literaturverzeichnis 15.1. Literatur S. 71 15.2. Quellen aus dem Internet S. 73
15.3. Abbildungsverzeichnis Internet S. 74
G. Monteverde- Tomba Celle 1891-1893 Foto: Produktion „Herbsttage“, Caroline Rosenau ©2004
1. Einleitung
In dieser Diplomarbeit möchte ich auf den Hintergrund des Diplomfilms „Herbsttage- Wildefalls“ eingehen, meine Beweggründe zur Thematik des Films aufzeigen sowie die Geschichte der weiteren Protagonisten des Filmprojektes, nämlich der Friedhöfe, erläutern.
Zunächst beginne ich mit einer kurzen Beschreibung des Films. Dann werde ich auf die Geschichte von Oscar Wilde und seiner Frau Constance sowie Wildes Freund Lord Alfred Douglas im Diesseits eingehen, welche das Grundgerüst von „Herbsttage- Wildefalls“ bildet. Anschließend folgt eine kurze Biographie zum Bildhauer und Architekten Jacob Epstein, danach wird die Geschichte der Friedhöfe Cimetière du Père Lachaise in Paris sowie des Cimitero di Staglieno in Genua erläutert und im speziellen auf die Architektur der Friedhöfe eingegangen.
2. Kurze Beschreibung des Films
Der Film „Herbsttage- Wildefalls“ fängt die Impressionen der beiden Friedhöfe Cimitière du Père Lachaise in Paris (Frankreich) und Cimitero di Staglieno in Genua (Italien) audiovisuell ein. Die Empfindung von Schuld und Reue, Constance Wildes Aufopferung und Verletzungen im irdischen Leben, die mit dem Tod aufhören zu existieren und somit „sinnlos“ werden, bildet das zentrale Thema des Films. Der nicht gelöste Konflikt zwischen Oscar Wilde und seiner Frau Constance im Dasein wird im Jenseits wieder aufgenommen. Anhand eines fiktiven Dialogs kommunizieren die beiden Grabstätten miteinander. Das Dilemma zwischen ihnen existiert über das Diesseits hinaus und die „Sinnlosigkeit aller Reue“ verblasst mit jedem Augenblick des Films. Die Friedhöfe bilden den Ort der Auseinandersetzung mit der Schuld und der Selbsterkenntnis, die Grenzen der Vergänglichkeit werden überwunden und verschmelzen mit der Gegenwart dieser beiden so unterschiedlichen Ruhestätten.
1 „Oscar Wilde- Leben und Werk“, Norbert Kohl, Insel Verlag 2000, S. 270
2 „Oscar Wilde- Leben und Werk“, Norbert Kohl, Insel Verlag 2000
3 http://www.todayinliterature.com/event_date=12/24/1881
Die drei anderen sind William Butler Yeats, James Joyce und Samuel Beckett.
Seine Mutter entstammte einer Juristenfamilie und war eine außergewöhnliche Frau. Ähnlich wie ihr Sohn, nahm sie es nicht so genau mit ihrem Geburtsdatum und entschied sich kurzum für 1826 als Geburtsjahr, was einen guten Kenner der Familienchronik zum schmunzeln bringen könnte, da ihr Vater Elgee bereits 1824 verstorben ist. Nachforschungen ergaben, dass Oscar Wildes Mutter 1821 das Licht der Welt erblickte. In ihrem Fall handelt es sich aber nicht um eine Versuch sich jünger zu machen, vielmehr weist es daraufhin, dass Jane Francesca Elgee die Neigung hatte, die Wirklichkeit nach ihren Vorstellungen zurecht zu biegen. Sie liebte publikumswirksame Selbstinszenierungen und war eine exzentrische Persönlichkeit. Sie stand gern im Mittelpunkt und hatte ein Faible für ausgefallene Kleidung. Anna Comtesse de Brémont beschreibt Jane Francesca Elgee, 1911 in London:
„Was machten da schon das altmodische, purpurrote Brokatkleid, der hochaufragende samtene Kopfputz, die langen goldenen Ohringe oder das gelbe, über der Brust gekreuzte und mit unzähligen Broschen besetzte Spitzentuch, die riesigen Türkis- und Goldarmbänder, die Ringe, die sie an jedem Finger trug. Ihr verblasster Glanz war eindrucksvoller als die modischste Aufmachung, denn sie trug diese alte Pracht mit einer Anmut und Würde, die ihrem Aufzug das Groteske nahmen.“ 6
Oscar Wildes Mutter war eine sehr gebildete Frau, sie beherrschte viele Sprachen und fertigte Übersetzungen aus dem Italienischen ins Deutsche an.
Von 1864- 1871 besucht Oscar die Portora Royal School in Enniskillen und geht anschließend für drei Jahre ans Trinity College in Dublin. 1874 gewinnt er die „Berkeley Gold Medal for Greek“ und erhält ein Stipendium für das Magdalen College in Oxford/ England.
4 „Vier Dubliner“, Richard Ellmann, Frankfut/ M. 1996. Dt. Übersetzung Wolfgang Held
5 “Oscar Wilde- Leben und Werk”, Norbert Kohl, Insel Verlag 2000
6 „Oscar Wilde and his mother“, Anna Comtesse de Brémont, London 1911
Der Besuch der Universität in Oxford beeinflusste Oscar Wilde dahingehend, dass seine Liebe zur Kunst und zum Schönen, sein Schaffen, in die Richtung des Ästhetizismus lenkte.
3.2. Erste Werke
Seine erste Italienreise (Norditalien: Genua, Mailand, Turin, Florenz, Verona, Padua, Venedig, Ravenna sowie Rom) unternimmt der junge Literat im Jahr 1875 und veröffentlicht zum ersten Mal seine Gedichte in diversen Zeitschriften. Mit seinem Gedicht „Ravenna“ gewinnt Oscar Wilde 1878 den Newdigate- Preis und schließt sein Studium mit einem sehr guten Examen ab. Ein Jahr vor Studienabschluss fragte ihn Hunter Blair, ein schottischer Kommilitone Wildes, der während des Studiums versuchte Wilde zum Katholizismus zu bekehren, nach seinen weiteren beruflichen Ambitionen. Daraufhin soll ihm Oscar geantwortet haben:
„Aus mir wird einmal ein Dichter, ein Schriftsteller, ein Dramatiker. Auf irgendeine Weise werde ich berühmt und wenn nicht berühmt dann zumindest berüchtigt.“ 7
Auch seine erste bedeutende Liebesaffäre mit Florence Balcombe, Tochter eines pensionierten Offiziers in Dublin, fiel in diesen Zeitabschnitt. Die Affäre hielt zwei Jahre an und endete durch Florences Vermählung mit Bram Stoker, Autor des Romans „Dracula“. Oscar Wildes Beziehungen zum anderen Geschlecht waren aber eher peripherer Natur.
7 Zitat in „The life of Oscar Wilde“,Hesketh Pearson, London 1946, S. 43-44, beruft sich auf David Hunter Blairs Erinnerungen in seinem Buch „In Victorian Days, and other Papers“, London 1939
8 „Oscar Wilde- Leben und Werk“, Norbert Kohl, Insel Verlag 2000
9 „Oscar Wilde“, Peter Funke, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, 1969, Auflage 42.-44. Tausend,
1983, S. 51
„Vera, or the Nihilists“, Wildes erstes Bühnenstück, erscheint erstmalig 1880. Im darauf folgenden Jahr erscheint sein erstes Band mit gesammelten Gedichten „Poems“, die er angeblich auf eigene Kosten hatte drucken lassen. Dieses Werk stieß auf eine gemischte und oftmals feindliche Aufnahme, nichtsdestotrotz erreichte das Buch knapp fünf Auflagen.
3.3. Constance und Oscar Wilde: Erstes Begegnung
Im Mai 1881 begegnet er zum ersten Mal Constance Mary Lloyd bei einem Besuch mit seiner Mutter, einer Angehörigen der Atkinson- Sippe. Sie ist drei Jahre jünger als Oscar Wilde und wurde am 2. Januar 1858 geboren. Ihr Vater Horace Lloyd ist Anwalt und starb bereits 1874. Sie lebte nicht bei ihrer wiederverheirateten Mutter Adelaide Barbara Atkinson aus Dublin, da sie schon als Kind ein gespanntes Verhältnis zu ihr hatte, sondern wohnte ab ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr bei ihrem Großvater, John Horatio Lloyd in London. Constances Neigungen verteilten sich auf Musik, Malerei, Stickkunst, sie las Dante im Original, verfügte über einen mathematischen Verstand und redete gern, trotz ihrer Schüchternheit. Oscar Wilde war sichtlich interessiert an ihr, trotz Aussagen von Constance Lloyds Bruder, der Oscar bei einem Gespräch mit seiner Schwester beobachtete und der Ansicht war, dass Oscar Wilde völlig teilnahmslos blieb,
„…als Constance ihm das Elend ihres Aufwachsens zu schildern versuchte. Leute die die Tragödien ihrer Kindheit hervorkramten, langweilten ihn.“ 11
Die Beiden treffen sich hin und wieder, entweder im Hause Lancaster Gate, 100 in London, dem Zuhause ihres Großvaters, bei dem Constance nach dem Tod ihres Vaters wohnte oder bei Oscars Mutter Lady Wilde. Constance beschreibt ihrem Bruder Otho Lloyd, der Oscar Wilde flüchtig von der Universität Oxford her kannte, einen Besuch von Wilde bei ihr zuhause:
„ O.W. kam gestern gegen 17.30 Uhr (ich habe vor Angst schon gezittert!) und blieb eine halbe Stunde; er bat mich, bald wieder bei seiner Mutter vorbeizuschauen- eine Bitte, die ich, was sich wohl von selbst versteht, für mich behalte. Ich mag ihn nun mal, denn wenn er mit mir allein ist, benimmt er sich kein bisschen affektiert und spricht ganz normal, nur dass er sich besser ausdrücken kann als die meisten.“ 12
10 „Oscar Wilde- Eine Bibliographie von Vyvyan Holland“, Vyvyan Holland, dt. Ausgabe Kindler Verlag München 1965, S. 27
11 „Brief an A.J.A. Symons“, Otho Holland, 27.Mai 1937 aus “Oscar Wilde”, Richard Ellmann, Piper Verlag München Zürich, 1991, S. 327
12 „Letters“, Brief von Constance Lloyd an Otho Lloyd, 7. Juni 1881 aus “Oscar Wilde”, Richard Ellmann, Piper Verlag München Zürich, 1991, S. 328
Lady Wilde, Oscars Mutter, hegte stets große Sympathien für die junge Constance und förderte die Beziehung ihres Sohnes zu ihr nach Kräften. Während seines USA Aufenthaltes schrieb sie ihm:
„Ich war nahe daran, ihm zu sagen, dass mir Constance als
Schwiegertochter durchaus lieb wäre, habe es mir dann aber doch verkniffen. Sie hat ihm jedenfalls unsere Adresse gegeben. Ich glaube der Besuch ist ein ermunterndes Zeichen.“ 13
Ende 1881/ Anfang 1882 begibt sich Wilde auf eine ausgedehnte Vortragsreise durch die USA und Kanada und traf dort mehr oder minder auf eine ihm eher feindlich gesinnte Presse. Die „Tribune“ schreibt über seine Reise:
„Wo immer er auftrat, stets fand das Publikum eine neue Art, sein Vergnügen zu erhöhen. Studenten in den Universitätsstädten erkannten in ihm ein geeignetes Objekt für ihren Spott. Quacksalber bedienten sich seine geliebten Sonnenblume, um ihre Heilmittel anzupreisen…“ 14
Die Gründe für Angriffe dieser Art bestanden darin, dass die Haltung der amerikanischen Frauen, die ihrerseits für den jungen Dichter schwärmten, ihn umfeierten, die amerikanischen Männer wütend machte. Seinetwegen wurden extravagante Partys veranstaltet und dies führte wiederum dazu, dass Oscar Wildes Ansehen bei den Damen anstieg, bei den Herren allerdings die Stimmung um ihn herum verschlechterte. Trotz allem war Oscars Amerika Reise ein voller Erfolg, auch wenn er nicht als berühmter Mann zurückkehrte, so hatte er dort für Gesprächsstoff sorgen können und war somit in aller Munde.
Zur gleichen Zeit besuchte Constance Lloyd eine Kunstschule und entwickelte eine Vorliebe für Ästhetik und Mode.
Im darauf folgenden Jahr begibt sich Oscar Wilde nach Paris, wo er einen längeren Aufenthalt verbringt. In der Metropole an der Seine möchte er die Kunst- und Kulturszene erobern.
„Ich bin im Herzen Franzose, der Geburt nach aber Ire und von den Engländern dazu verurteilt, die Sprache Shakespeares zu sprechen“ 15
13 „Brief an Wilde“, Lady Wilde, Dezember 1882 aus „Oscar Wilde“, Richard Ellmann, Piper Verlag München Zürich, 1991, S. 328
14 „Oscar Wilde- Eine Bibliographie von Vyvyan Holland“, Vyvyan Holland, dt. Ausgabe Kindler Verlag München 1965, S. 35
15 „Oscar Wilde- Leben und Werk“, Norbert Kohl, Insel Verlag 2000, S. 63
Dort lernt er unter anderem Edmont de Goncourt, Paul Bourget, Victor Hugo, Guiseppe de Nittis, Sarah Bernhardt, Emile Zola, Paul Verlaine, Alphonse Daudet sowie Robert Harborough Sherard kennen.
Letzterer erwies sich als dauerhafter Freund und von einer ganz besonderen Qualität, er wurde Oscar Wildes erster Biograph. In diesem Jahr erscheint die Vertragskomödie „The Duchess of Padua“ und die Erstaufführung von „Vera, or the Nihilists“ findet im Union Square Theater in New York statt.
Im Mai 1883 kehrt Oscar Wilde zurück nach England. Seine Beziehung zu Constance intensiviert sich, sehr zum Wohlgefallen seiner Mutter. Er bekommt einen Auftrag durch England und Irland zu reisen und Vorträge zu halten. Das Honorar ist dürftig, doch auf alle Fälle hatte Wilde wieder Einnahmen statt nur Ausgaben.
In einem Brief an Waldo Story, vom 22. Januar 1884, schreibt Oscar über Constance:
„Sie heißt Constance und ist noch ganz jung, sehr ernst und mystisch, mit wundervollen Augen und dunkelbraunen Locken: mit einem Wort vollkommen, außer dass sie Jimmy ( McNeill Whistler) nicht für den einzigen Maler hält, der je gelebt hat…sie weiß indes, dass ich der größte Dichter bin, in der Literatur kennt sie sich aus…Wir sind natürlich hoffnungslos verliebt.“ 16
3.4. Die Verlobung
Mitten auf seiner Vortragstournee, in der letzten Novemberwoche des Jahres 1883, machte er Constance Lloyd einen Heiratsantrag. Nachdem die Verlobung der Beiden bekannt wurde, schrieb Constance ihrem Bruder Otho Lloyd.
26. November 1883 1 Ely Place, Dublin „Mein liebster Otho,
mach Dich auf eine große Überraschung gefasst! Ich bin mit Oscar Wilde verlobt und vollständig und närrisch glücklich. Ich weiß, Du wirst Dich freuen, weil Du ihn gern hast, und jetzt bitte ich Dich, einmal für mich zu tun, was bisher meine Aufgabe Dir gegenüber war, und die Sache ins reine zu bringen. Großpapa wird bestimmt nett sein, er hat Oscar immer so gern gesehen. Die einzige, vor der ich mich fürchte, ist Tante Emily. Oscar wird an Großpapa und an Mama schreiben, wenn er heute in Shrewsbury ankommt, und wahrscheinlich zugleich auch an Dich, und nächsten Sonntag wird er vorsprechen (er kommt eigens in die Stadt), Du musst also zu Hause und nett zu ihm sein. Ich werde wahrscheinlich auch da sein, gebe Dir aber darüber in den nächsten Tagen noch Bescheid.
16 „Oscar Wilde Briefe I“, Rupert Hart Davis dt. Hedda Soellner, Rowohlt Verlag GmbH, 1966, S. 184
Ich möchte gern da sein, denn ich würde ihn sonst erst zu Weihnachten wiedersehen ... Jetzt, da er weg ist, bin ich so schrecklich nervös wegen der Familie; sie sind alle so nüchtern und praktisch. Hier sind alle ganz entzückt, besonders Mama Mary, die mich für einen Glückspilz hält. Wie wär's, wenn Du mir bald schriebest, alter Junge, und mir gratuliertest. Ich brenne darauf, zu wissen, wie Du es aufnimmst. Widerstand könnte ich nicht ertragen, hoffe daher, dass man es erst gar nicht versucht. Stets Deine Dich liebende Schwester Constance M. Lloyd“ 17
Nach der Verlobung schreibt Constance Oscar einen Brief, aus dem hervorgeht, dass er ihr seine zahlreichen vorangegangenen Affären gebeichtet haben muss:
„Ich glaube, ich werde nie Grund zur Eifersucht haben. Auf wen sollte ich heute auch eifersüchtig sein? Was die Gegenwart betrifft, so vertraue ich Dir; die Vergangenheit will ich gern begraben sein lassen, sie hat mit mir nichts zu tun. Was die Zukunft betrifft, so werden sich Vertrauen und Treue von selbst einstellen, denn wenn Du erst einmal mein Mann bist, dann halte ich Dich fest mit den Fesseln der Liebe.“ 18
Diese Sätze lösten später, als er sie betrog, bei ihm große Gewissensbisse aus.
3.5. Die Hochzeit
Auf die Verlobung folgte knapp sechs Monate später, am 29. Mai 1884 die Hochzeit. Die Trauungszeremonie fand in der St. James Church, Paddington in London statt. Für die Trauung hatte der Literat eigens die Ringe sowie das Hochzeitskleid entworfen. Ihre Hochzeit hinterließ einen sehr inszenierten Eindruck. Die Presse berichtete über das eigens entworfene Brautkleid von Oscar Wilde:
„es bestand aus: schwerer cremefarbener Atlasseide mit einem leisen Stich ins Primelgelbe; das Oberteil, mit quadratisch geschnittenem und etwas tiefen Dekolleté, schloss mit einem hohen Medicikragen ab; die weiten Ärmel waren gepufft; den eher schlichten Rock hielt ein herrlich gearbeiteter Silbergürtel, ein Geschenk von Mr. Oscar Wilde; der safranfarbene Schleier aus indischem Flor war mit Perlen besetzt und à la Maria Stuart geschlungen; ein mächtiger Myrtenkranz, aus dem ein paar weiße Blüten hervorschimmerten, krönte das helle gekräuselte Haar; auch
17 „Oscar Wilde Briefe I“, Rupert Hart Davis dt. Hedda Soellner, Rowohlt Verlag GmbH, 1966, S. 182
18 „Brief an Wilde“, Constance Lloyd, 1883 aus „Oscar Wilde“, Richard Ellmann, Piper Verlag München Zürich, 1991, S. 342
das Gewand war mit Myrtenlaub geschmückt; das große Bukett prangte in Grün und Weiß.“ 19
Auch wurden die Brautjungfern ähnlich herausgeputzt. Die Feierlichkeiten in der Kirche waren von einer hochästhetischen Manier. Laut Canterbury Times fiel der Kuss des Bräutigams hingegen zur überschwänglichen Umarmung seitens Lady Wilde „gelassen und kühl“ aus.
Constance Wilde bekam von ihrem Großvater 5000 Pfund als Vorerbe, damit sich das junge Paar ein Haus mieten und einrichten kann.
Kurz danach brachen die Beiden in die Flitterwochen nach Paris auf, wo sie im Hotel Wagram, Rue de Rivoli, unterkamen. Während ihres Aufenthaltes, lernte Robert Harborough Sherard Oscar Wildes Frau kennen und erzählt über diese Begegnung:
„Die Wildes wohnten in sehr hübschen Räumen in einem der obersten Stockwerke des Hotels, sie waren ein schönes Paar. Die reizende junge Frau wirkte überaus glücklich. Die Sonne schien strahlend, wie man das nur in Paris erlebt, auf die Tuilerien draußen, auch das Zimmer, in dem ich Constance kennen lernte, war heiter, voll Blumen, Jugend und Lachen. Als ich mit Oscar ging, sagte er mir die Ehe sei wirklich herrlich. Wir gingen damals über den St.- Honoré- Markt, er hielt bei einem Blumenstand an, beraubte ihn seiner reizendsten Blumen und sandte sie, mit einem Gruß voll Liebe auf seiner Karte, an seine junge Frau, die er eben erst verlassen hatte.“ 20
Oscar Wilde hatte eine Frau geheiratet mit der ihn so manch gemeinsames Interesse verband, allerdings trennten sich die beiden Welten voneinander in Bezug auf Naturell und Lebensanschauung. Constance wurde streng viktorianisch erzogen, sie war sehr gebildet und war für die ästhetischen Ideen ihres Mannes aufgeschlossen. Vom Temperament her war sie eine eher ernste Persönlichkeit und recht zurückhaltend, ganz im Gegensatz zu Oscar. Ihr Sinn für Humor hielt sich in Grenzen.
Nach ihren Flitterwochen in Paris verbrachten Constance und Oscar noch ein paar Tage in Dieppe. Am 24. Juni 1884 kehrten die Beiden zurück nach London, wo sie zunächst in Oscars Junggesellenwohnung leben mussten, bis ihr neues Zuhause in der Tite Street 16, fertig wurde. Kurz nach seiner Rückkehr nach London begrüßte ihn ein Freund mit der Frage:
„Hallo Wilde. Ich höre sie haben geheiratet?“
„Ja“, gab der Angesprochene trübsinnig zurück;“ und das auch noch weit unter Wert.“ 21
19 „New York Times“, 22. Juni 1884 aus „Oscar Wilde”, Richard Ellmann, Piper Verlag München Zürich, 1991, S. 346
20 Oscar Wilde- eine Bibliographie von Vyvyan Holland“, Vyvyan Holland, Kindler Verlag München,
1965, S. 52
21 „Moss from a Rolling Stone“, E.A. Brayley Hodgett, 1924, S.130
Constance Wilde bekam von ihrem Großvater ein paar hundert Pfund im Jahr und somit konnten die Beiden das Haus nach ihrem bzw. nach Oscars Geschmack ausstatten. Der bekannte Londoner Architekt E.W. Godwin, der bereits am Londoner Gerichtsgebäude mitgearbeitet hatte, war für die Innenarchitektur und Einrichtung ihres neuen Hauses verantwortlich.
Auch wenn die Vermutung nahe liegt, Oscar Wilde hätte lediglich Constance geehelicht da sie eine gute Partie abgibt und sie ihn mehr oder minder finanziell entlasten würde, so basiert ihre Heirat doch auf einer Neigungsehe. Zieht man die Briefe Wildes in Betracht, besteht kaum Zweifel, dass er tatsächlich in sie verliebt war.
„Liebste und Geliebte,
hier bin ich nun, und Du bist bei den Antipoden. O fluchwürdiges Leben, das unseren Lippen verwehrt, sich zu küssen, wenn auch unsere Seelen vereint sind.
Was kann ich Dir in einem Briefe sagen? Ach! nichts von alldem, was ich Dir sagen möchte. Die Botschaften der Götter werden nicht durch Feder und Tinte übermittelt, auch könnte selbst Deine leibliche Anwesenheit hier Dich nicht wirklicher machen: denn ich fühle Deine Finger in meinem Haar und Deine Wange an die meine geschmiegt. Die Luft ist erfüllt von der Musik Deiner Stimme, meine Seele und mein Leib gehören mir nicht mehr, sie sind in himmlischer Ekstase Dir verschrieben. Ohne Dich fühle ich mich unvollständig.
Stets und immer Dein
Oscar
Hier bleibe ich bis Sonntag.“ 22
Zumal Oscar Wilde sie in einem weiteren seiner zahlreichen Briefe beschreibt:
„ernsten, zierlichen Artemis mit veilchenblauen Augen und reich gelocktem braunem Haar“ 23
Allerdings kühlte seine Leidenschaft gegenüber seiner Frau Constance sehr bald ab.
22 „Oscar Wilde Briefe I“, Rupert Hart Davis dt. Hedda Soellner, Rowohlt Verlag GmbH, 1966, S. 194
23 „Oscar Wilde- Leben und Werk“, Norbert Kohl, Insel Verlag 2000, S. 71
4. Ehe und Entfremdung
4.1. Entfremdung/ Robert Ross
Da fast der gesamte Briefaustausch zwischen Constance und Oscar entweder verschollen ist oder vernichtet wurde, gestaltet es sich recht schwierig, den Zeitpunkt der wachsenden Entfremdung zwischen den Beiden festzustellen. Die Vermutung liegt aber nahe, dass mit der Geburt seines zweiten Sohnes Vyvyan und der Begegnung mit seinem ersten Liebhaber und später auch engem Freund Robert Ross im Jahre 1886, seine Zuneigung und Verlagerung zum gleichen Geschlecht stattfand.
Anfang 1885 bezogen die Wildes ihr neues Heim. Noch im selben Jahr erfolgte die Geburt ihres ersten Sohnes Cyril Wilde. An die Rolle des Ehemannes und Familienvaters konnte sich Oscar nur schwer gewöhnen, die dazugehörigen Verpflichtungen schienen ihm lästig zu sein. Mit seiner Tätigkeit als Literaturkritiker für die „Pall Mall Gazette“ sowie als Theaterkritiker für die „Dramatic Review“ versuchte er die Haushaltskasse aufzubessern, doch reichte es durch den Einzug sowie aufgrund der Geburt von Cyrill kaum um ein bequemes Leben, nach seinen Vorstellungen, führen zu können. 1886 wurde Oscar Wildes zweiter Sohn Vyvyan geboren. Im selben Jahr lernt er Robert Baldwin Ross, damals siebzehn Jahre jung, kennen. Wilde lässt sich von ihm verführen und sammelt seine ersten homosexuellen Erfahrungen, denen er zuvor schon unbefangen gegenüberstand. Er fand schon immer Gefallen an ephebischen Körpern und, dass er einen innigen Umgang mit Männern pflegte, war offenkundig.
24 „Complete Works of Oscar Wilde“, Oscar Wilde, London/ Glasgow 1966, S. 48 aus “Das Bildnis des Dorian Gray”, Oscar Wilde, Insel Verlag, 2002
25 „Oscar Wilde“, Peter Funke, Rowohlt Verlag GmbH, 1969, S. 86
„Aus dem „schönen Mädchen, zart und schlank wie eine Lilie“, die er einst geheiratet hatte, war nach zwei Schwangerschaften, aus seiner Sicht, eine Frau geworden, deren „blütengleiche Anmut“ dahin war, „füllig, unförmig, hässlich“, die sich „unsagbar elend, mit verzerrtem, fleckigem Gesicht und schrecklich entstelltem Körper“ durchs Haus schleppte.“ 26
In ihrem Wortlaut sind sie mit Vorsicht zu betrachten, allerdings beschreiben sie einen großen Teil von Oscar Wildes Beweggründen, warum er sich wenige Jahre nach der Hochzeit, von ihr entfremdete. Auch offenbaren diese Worte, was ihn so sehr zu Constance hingezogen hat.
Oscar Wilde im Gespräch mit Jean Palmer,
dahinter Constance mit einer Lilie in der Hand 28
Wildes Liebhaber Robert Ross, die Liaison hielt mit Unterbrechungen bis Herbst 1888 an, fühlte sich für die beiden Söhne Cyril und Vyvyan verantwortlich, da er ihren Vater zu homosexuellen Handlungen verführt hatte. Die Freundschaft der beiden Männer hielt bis an Oscars Lebensende an.
Zunächst ahnte Constance nichts von Oscars Neigungen zum selben Geschlecht.
Ihre Mütterlichkeit nahm ihm seinen Traum von ästhetischer Weiblichkeit und entwickelte sich zu einer Abneigung gegen das Eheleben. Ihm widerstrebte das häusliche Leben mit seinen dazugehörigen täglichen lästigen Pflichten, es langweilte Wilde zu Tode. Es zog ihn immer öfters fort von zuhause und Oscar suchte nach aufregenderer Gesellschaft junger Männer.
26 „Oscar Wilde. With a preface by Bernard Shaw“, Frank Harris, London 1938, S. 338 aus “Oscar Wilde- Leben und Werk”, Norbert Kohl, Insel Verlag, 2000, S. 72
27 http://www.besuche-oscar-wilde.de
28 „Oscar Wilde- Leben und Werk“, Norbert Kohl, Insel Verlag, 2000
Arbeit zitieren:
Caroline Rosenau, 2005, Herbsttage- Wildefalls, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Caroline Rosenau hat den Text Herbsttage- Wildefalls veröffentlicht
Caroline Rosenau hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare