Einleitung
Wenn man die Gegenstände in Abb.1 betrachtet und die räumlichen Relationen der Objekte Auto und Ball aus der Betrachterperspektive (Strichmännchen) mit den Präpositionen vor/hinter bestimmten sollte, so gibt es dafür verschiedene Möglichkeiten. Der Betrachter kann sagen:
a) Der Ball ist vor dem Auto.
Das bedeutet, dass der Ball sich zwischen ihm und dem Auto befindet. Er nimmt die Relationen von Ball und Auto aus seiner eigenen, egozentrischen bzw. deiktischen Perspektive wahr.
Der Betrachter kann aber auch sagen:
b) Der Ball ist hinter dem Auto.
Damit schreibt der Betrachter dem Auto eine objekteigene Rückseite zu, an deren horizontalen Verlängerung sich der Ball befindet, eben an der Rückseite des Objekts. Er betrachtet die Relation des Balls zum Auto aus der Perspektive des Autos. Aus der Betrachterperspektive (Strichmännchen) kann der Ball sowohl vor dem Auto (egozentrische Perspektive) oder hinter dem Auto liegen (kanonische Perspektive). Das Beispiel zeigt, dass Situationen existieren, in denen die selben Raumrelationen von Objekten einmal mit Objekt a steht vor b und genauso gut mit Objekt a steht hinter b angezeigt werden können. Probleme in Kommunikationssituationen gibt es dann, wenn der Sprecher eine Perspektive annimmt bzw. sprachlich ausdrückt, die der Hörer anders interpretiert. Man sollte davon ausgehen, dass Sprache so angelegt ist, dass solche Missverständnisse erst gar nicht auftreten. Die folgende Arbeit soll aufzeigen, dass das nicht der Fall ist. Vielmehr ist es so, dass Kommunikationsteilnehmern oft nicht bewusst ist, dass überhaupt verschiedene Perspektivmöglichkeiten existieren, die in Konflikt miteinander geraten können; dieser Konflikt wird oft nicht sprachlich markiert. Versuche von Joachim Grabowski haben dieses Problem behandelt; eine Auswahl dieser Versuche werde ich im dritten Kapitel erläutern.
Um das Problem der unterschiedlichen Auffassung von Raumrelationen beschreiben zu können, ist zunächst ein Überblick über die Determinanten der menschlichen Raumauffassung sinnvoll. Worin bestehen diese Determinanten? Wir beschreiben Raumrelationen immer, in dem wir zwei Objekte zueinander in Relation setzten. Der Ball liegt vor dem Auto, der Baum steht hinter dem Haus.
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Inhaltsverzeichnis
1. PRINZIPIEN DER RAUMAUFFASSUNG
1.1. FAKTOREN DER RELATUM-WAHL
1.2. AUFFASSUNG RÄUMLICHER RELATIONEN
2. ORIGO-INSTANZIERUNG
2.1. DAS INTRINSISCHE BEZUGSSYSTEM
2.2. DAS EXTRINSISCHE BEZUGSSYSTEM
2.3. DAS DEIKTISCHE BEZUGSSYSTEM
2.4. ORIGO-INSTANZIERUNG IM KONFLIKTFALL
3. ORIGO-WAHL UND SPRACHLICHER AUSDRUCK
3.1. MARKIERUNG DER ORIGO-WAHL
3.2. INTERPRETATION VON RAUMRELATIONEN
4. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die kognitiven und sprachlichen Mechanismen der menschlichen Raumauffassung, insbesondere wie Menschen Objektrelationen wahrnehmen, Bezugssysteme instanziieren und sprachlich ausdrücken. Im Fokus steht dabei die Forschungsfrage, unter welchen Bedingungen Sprecher und Hörer bei konfligierenden Perspektiven bestimmte Origo-Setzungen bevorzugen und wie es in Kommunikationssituationen zu Missverständnissen bei der Interpretation von Raumrelationen kommen kann.
- Prinzipien der menschlichen Raumauffassung und Raumkonstitution
- Differenzierung zwischen intrinsischen, extrinsischen und deiktischen Bezugssystemen
- Einfluss von Kontextfaktoren auf die Origo-Wahl
- Problematik der Interpretation von Raumrelationen in der Kommunikation
- Empirische Untersuchung von Perspektivwechseln und Präferenzen
Auszug aus dem Buch
2.4. Origo-Instanzierung im Konfliktfall
Gesetzt den Fall, das Relatum ist ungerichtet, hat keine Bewegungseigenschaften und befindet sich nicht in der Nähe von Objekten, die im Sinne des extrinsischen Bezugssystems dem ungerichteten Objekt analoge Pole zuweisen, so käme nur eine egozentrische (deiktisches Bezugssystem) Instanzierung der Origo in Frage. Diese Situation ist jedoch eher die Ausnahme, denn in vielen Kommunikationssituationen ist es möglich, verschiedene der genannten Bezugssysteme anzunehmen. Wenn ich in einem Auto die Straße hinunterfahre und mein Beifahrer sagt Park da hinter dem Sportwagen, dann gibt es zwei Möglichkeiten, der Anweisung Folge zu leisten. Hinter kann intrinsisch verstanden werden, weil ein Auto ein gerichtetes Objekt darstellt oder man kann hinter deiktisch verstehen, d.h. hinter wäre der Pol des Autos, der aus Betrachterperspektive (Fahrer im Auto) perzeptuell am schlechtesten zugänglich wäre.
Wie in diesem, so wird in den meisten Fällen nicht sprachlich ausgedrückt, welche Origo der Sprecher einsetzt; der Hörer muss sich also entscheiden, welche Origo instanziert wurde, er muss die sprachliche Äußerung interpretieren, dabei kann er sich durchaus irren, d.h. die Äußerung des Sprechers falsch interpretieren; er macht einen Fehler, wenn er die Anweisung befolgen möchte oder irrt sich in Bezug auf die Relationen von Objekten in einem Raum.
Zusammenfassung der Kapitel
1. PRINZIPIEN DER RAUMAUFFASSUNG: Dieses Kapitel erläutert die Faktoren, die die Wahl eines Referenzobjekts (Relatum) bestimmen, und diskutiert die grundlegenden Axiome menschlicher Raumauffassung sowie die Zuschreibung von Regionen und Polen an Objekte.
2. ORIGO-INSTANZIERUNG: Hier werden die verschiedenen Bezugssysteme – intrinsisch, extrinsisch und deiktisch – analysiert, mit denen der Mensch ein Koordinatensystem zur Beschreibung von Raumrelationen aufbaut.
3. ORIGO-WAHL UND SPRACHLICHER AUSDRUCK: Dieses Kapitel untersucht die sprachliche Markierung der Origo-Wahl und analysiert empirische Befunde zur Hörer-Interpretation von Raumrelationen unter Berücksichtigung verschiedener Kontextbedingungen.
4. FAZIT: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen, betont die mangelnde Präzision der Sprache bei konfligierenden Origo-Möglichkeiten und unterstreicht die Notwendigkeit weiterer Forschung zur Unterscheidung offizieller und inoffizieller Kommunikationssituationen.
Schlüsselwörter
Raumauffassung, Raumrelationen, Relatum, Origo-Instanzierung, Bezugssystem, intrinsisch, extrinsisch, deiktisch, Raumdeixis, Objektkonstellation, Perspektivwahl, Kommunikation, Interpretation, Raumkognition, Anthropomorphismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kognitiven und sprachlichen Art und Weise, wie Menschen räumliche Anordnungen von Objekten wahrnehmen, beschreiben und interpretieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Prinzipien der Relatum-Wahl, die Funktionsweise von intrinsischen, extrinsischen und deiktischen Bezugssystemen sowie die Faktoren, die bei konfligierenden Perspektiven zu einer bestimmten Origo-Entscheidung führen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass Kommunikationsteilnehmer oft unbewusst unterschiedliche Perspektiven einnehmen, was bei Konflikten zwischen diesen Möglichkeiten zu Missverständnissen bei der Interpretation sprachlicher Äußerungen über den Raum führen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die theoretische Herleitung von Axiomen der Raumauffassung sowie auf die Auswertung und Diskussion empirischer Versuchsreihen, wie sie beispielsweise von Joachim Grabowski oder Veronika Ehrich durchgeführt wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Grundlagenarbeit zur Raumkonstitution und zu Bezugssystemen (Kapitel 1 & 2) sowie die Analyse der sprachlichen Umsetzung und der Hörer-Interpretation in (Kapitel 3).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Raumrelation, Origo-Instanzierung, Bezugssystem, Perspektive (egozentrisch/kanonisch) und der Kontext einer Kommunikationssituation.
Wie beeinflusst der Kontext (z.B. Fahrprüfung vs. Nachhauseweg) die Interpretation von vor und hinter?
Die Experimente zeigen, dass in institutionalisierten, formalen Situationen wie einer Fahrprüfung eine objektive, kanonische Origo bevorzugt wird, während in privaten, inoffiziellen Situationen eher eine egozentrische Perspektive instanziert wird.
Warum ist die Origo-Wahl bei einem gerichteten Relatum konfliktreich?
Weil ein gerichtetes Objekt (z.B. ein Auto) sowohl eine intrinsische (kanonische) Perspektive zulässt als auch von einem Betrachter aus einer deiktischen Perspektive wahrgenommen werden kann, was ohne explizite sprachliche Markierung Raum für Interpretationsfehler lässt.
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- Miriam Kruppa (Author), 2002, Die Wahrnehmung von Raumrelationen und die Interpretation raumrelationaler Äusserungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4831