- 2 - 1.Einleitung
Immer wieder sind den Medien Meldungen ueber Unruhen in Nordirland zu entnehmen, die internationale Aufmerksamkeit erregen. Basierend auf Demonstrationen, Widerstaenden und Strassenkaemp fen zwischen Katholiken und Protestanten sind bislang Friedensbemuehungen offenbar erfolglos geblieben. Die Tatsache, dass die beiden Gruppen durch ihre Konfessionen markiert werden, legt die Vermutung nahe, dass es sich hierbei um einen religioesen Konflikt handelt. Was aber genau konstruiert diesen Konflikt? Um Antworten dazu zu finden, muss weit in die Geschichte Irlands zurueckgeblickt werden. In der folgenden Arbeit soll es darum gehen, wie die Gruppe der Katholiken sich in Nordirland, d. h. der Ulster-Region, und speziell in Belfast entwickelt hat, welchen Status sie in der Gesamtgesellschaft einnahm und welchen Verlauf die Identitaetsentwicklung innerhalb dieser Gruppe genommen hat. Besondere Beachtung soll dabei den Bemuehungen den Katholizismus zu e tablieren bis hin zu einem gesamtirischen Nationalismus und damit dem Versuch, sich von Grossbritannien abzunabeln, geschenkt werden. Da sich die Entwicklungen in Ulster politisch nicht aus dem Kontext Irlands loesen lassen, sollen auch spezielle Faktoren bezueglich einer nationalistischen Idee in Irland insgesamt beruecksichtigt werden. 2. Situation Anfang des 19. Jhd. in Irland
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hielt in vielen europaeischen Staaten, ganz besonders aber in Grossbritannien die Industrialisierung Einzug und ermoeglichte es, neue wirtschaftliche Dimensionen zu erschliessen. Irland jedoch stuetzte sich wirtschaftlich hauptsaechlich weiterhin auf die Lnadwirtschaft. Die zu dieser Zeit staendig wachsenden Bevoelkerungszahlen in Europa konnten mit der Ausbreitung und dem Fortschritt der Industriealiesierung ausgeglichen werden. Die Bevoelkerung Irlands hingegen hatte mit Problemen ganz anderer Art zu kaempfen. Obwohl Irland eine bedeutende Position bezueglich des Exports von Landwirtschaftsprodukten nach Grossbritannien hatte und als der ‘Brotkorb Britanniens’ galt, wurde das Ueberleben fuer die irischen Landwirte immer schwieriger. Ueber Jahre anhaltende Missernten sorgten dafuer, da der Export ins industrialisierte Britannien dennoch kontinuiertlich beibehalten wurde, dass die Produktion
- 3 -fuer die Eigenversorgung immer weniger ausreichte. Der groesste Teil der Getreideernten wurde nach Britannien exportiert, sodass die irische Bevoelkerung fast ausschliesslich auf Kartoffeln als einziges Nahrungsmittel ausgewichen war. Als 1845 erstmals die Kartoffelfaeule auftrat und auch in den folgenden Jahren nicht bekaempft werden konnte, eskalierte die Situation. Im Jahr 1847 war der Hoehepunkt der Katastrophe erreicht, es starben ca. 250.000 Menschen in nur einem einzigen Jahr an den Folgen (Beckett, 1991:196). Durch die Hungersnot, aber auch durch Massenabwanderung aufgrund der verheerenden Verhaeltnisse, hatte Irland eine dramatische Bevoelkerungsentwicklung aufzuweisen. Um 1800 gab es ca. 4,8 Millionen iren, 1820 6,8 Millionen, 1840 8,2 Millionen, 1860 5,8 Millionen, 1880 5,2 Millionen und 1900 nur noch 4,5 Millionen (Maurer, 1998: 184). Die Bevoelkerungszahl hatte sich innerhalb eines Jahrhunderts verdoppelt, um sich dann wieder zu halbieren. Ausserdem hatten die irischen Bauern Boden von den Landbesitzern, groesstenteils Englaendern, gepachtet, zu Preisen, die sich in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs ausgezahlt hatten, unter den danach folgenden Bedingungen jedoch kaum noch erschwinglich waren. Viele Landbesitzer kuendigten die Pchtvertraege, da Abgaben aufgrund der immensen Ernteausfaelle nicht mehr geleistet werden konnten. Ein Faktor, der auch entscheidend dazu beitrug, die Lage der laendlichen Bevoelkerung, speziell der Paechter, zu verschlimmern. Folge all dessen war hauptsaechlich, dass die Industriealisierung Britanniens von Irland profitierte, unterstuetzt und vorangetrieben wurde, waehrend Irland selbst weitstgehend agrarisch blieb. Ulster war gegenueber Gesamtirland eine Region, die auf eine fortschrittlichere Industrie verweisen konnte und war, gemessen am Verhaeltniss der Personen mit Einkommen aus Handel und Gewerbe, wirtschaftlich dominierend. Belfast galt als die einzige Industriestadt Irland (Maurer, 1998: 216) und war deshalb besonders interessant fuer folgende Migrationsbewegungen. 3. Migration in Belfast
Noch Ende des 18. Jahrhunderts war Belfast eine Hafenstadt mit ca. 13.000 Einwohnern, 5 % davon waren Katholiken. Der groesste Teil der Bevoelkerung stammte jedoch von den kolonialen Siedlern aus England des 18. Jahrhunderts ab (Hepburn, 1996: 233). Doch schon im 19. Jahrhundert war Belfast eine Stadt von Migranten, meist aus den umliegenden
- 4 -laendlichen Gebieten. Als die Krise in der Landwirtschaft andauerte und keine Existenzfrundlage mehr bot, war die Stadt als eine der wenigen industriell entwickelten Staedte Irlands, hauptsaechlich im Bereich der Textilindustrie, willkommenes Ziel fuer die laendliche Bevoelkerung, denn sie bot zumindest, im Gegensatz zum Landleben, Aussicht auf Unabhaengigkeit und Heiratschancen. In dieser Zeit wuchs Belfast stark an. Waehrend es 1800 noch 19.000 Einwohner zaehlte, waren es 1911 schon 378.000, d. h. dass 1821 3 % der Bevoelkerung Ulsters in Belfast lebten und 1911 Belfast bereits fuer 3 1 % der BevBevoelkerungswachstum im Allgemeinen beruecksichtigt, so erscheint es verwunderlich, dass der Anteil der katholischen Bevoelkerung in Belfast zwischen 1861 und 1911 um 10 % zurueckging. Sie emigrierten, aufgrund der Diskriminierung, die die Katholiken in Belfast erwartete, in hoeheren Zahlen in britische resp. amerikanische Staedte. Weil die protestantischen Arbeiter, die im Zuge der Industrialisierung neu entstehenden Wirtschaftszweige dominierten, wanderten sogar verstaerkt katholische Maenner von Belfast ab. Ausserdem waren die Reproduktionsrate der Katholiken niedriger bzw. die Kindersterblichkeitsrate hoeher, was jedoch diesselben demographischen Auswirkungen hervorruft. Dennoch wuchs die katholische Gemeinde rein zahlenmaessig an, konnte jedoch gemessen an den Protestanten, deren Zahl sich noch schneller vermehrte, nicht mithalten. So entwickelte sich die Gemeinschaft der Katholiken in Belfast, im Gegensatz zu Gesamtirland, immer mehr zu einer Minderheitsgesellschaft, die von der Gesamtgesellschaft diskriminiert und isoliert in einem Zustand der Segregation lebte, waehrend die Protestanten ihren Status der Mehrheitsgesellschaft in Ulster kontinuiertlich stabilisierte. Verstaerkender Aspekt dabei war, dass die gaelische Kultur immer mehr in den Hintergrund gedraengt wurde, was sich vor allem sprachlich aeusserte, denn wenn man aus oekonomischen Gruenden emigrierte, sei es nach Amerika, England oder in Irlands Industriestaedte wie Belfast, konnte man seine Chancen nur dann wahrnehmen, wenn man Englisch sprach. Somit war das Beherrschen der englischen Sprache immer mehr wirtschaftliche Notwendigkeit und erhoehte die Ueberlebenschancen. Man koennte sagen, es war eine, auf hauptsaechlich sprachlicher Ebene, selbst initiirte kulturelle Ueberformung der ehemals gaelischstaemmigen Iren. Mit der Alphabetisierungsbewegung und der Einfuehrung der allgemeinen Schulpflicht um 1830, aber auch durch Um- und
- 5 -Neubesiedlungen kamen von aussen weiterhin verstaerkende Faktoren dieses kulturellen Wandels hinzu (Maurer, 1998: 247).
4. Stabilisierung katholischer Milieus in Belfast
4.1. Wohnsituation
Die scharfe Spaltung der Gesellschaft Belfasts in eine katholische und eine protestantische Gemeinschaft spiegelt sich auch in einer sehr stark ausgepraegten Wohnsegregation wider, ein Zustand, der bis heute andauert. Die Stadt war weitestgehend, hauptsaechlich in den Vierteln der Arbeiterklasse, in katholische und protestantische Gebiete geteilt. Zunaechst entstanden, ungefaehr ab Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts, einige katholische Enklaven mit Kirchen, Schulen und kulturellen Einrichtungen. Als die Situation kritischer wurde und die Krawalle um Strassenzuege und Bezirke ab Mitte des 19. Jahrhunderts zunahmen, wurden die Wohnbezirke genuin monoethisch. Dies galt vorrangig fuer die Klasse der Arbeiter. 1901 lebten rund drei Viertel aller katholischen Arbeiter in katholischen Vierteln, waehrend etwa nur die Haelfte der katholischen Angestellten auch in katholischen Vierteln wohnte. Letztere, besonders materiell beguenstigte Familien der Mittelklasse, segregierten sich vielmehr durch Mitgliedschaften in ethnischen Assoziationen und Ausbildungsverbaenden (Hepburn, 1996: 239f.). Insofern war Wohnsegregation in gewissem Mass auch ein Klassenphaenomen. Ausgeloest wurde diese Tendenz durch die enorme Bevoelkerungsexplosion und der Migration aufgrund der Hungersnot in den laendlichen Gebieten, welche wiederum den Kampf um Wohnungen und Arbeitsplaetze in Belfast verschaerften. Deutliche Auspraegunge n, die, zusammenhaengend mit den getrennten Wohnverhaeltnissen bzw. diese auch beeinflussend, Segregation forcierten, waren die konfessionell getrennte Bildung und konfessionelle Endogamie. Schliesslich galt eine gemischte Ehe als eigentlich katholische Ehe, verstaerkt nach 1908, als es von katholischer Seite Sanktionen gab, die Hochzeit solcher Ehen nach katholischer Tradition zu begehen und die Kinder aus diesen Ehen katholisch zu erziehen (Hepburn, 1996: 36). Fazit daraus war, dass solche Paare und
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Grit Tuchscheerer, 2005, Entwicklung einer nationalistischen Identität bei den Katholiken in Belfast im Kontext einer gesamtirischen Identität, München, GRIN Verlag GmbH
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