INHALT
INHALT................................................................................................................................................. 2
I. EINLEITUNG 3
II. DIE GLIEDERUNG DES FILMS “VORHER UND “NACHHER 6
III. DAS “VORHER DIE ALTE WELT 8
III.I. Drogenrausch, versuchter Entzug, Drogenrausch, versuchter Entzug, Drogenrausch, versuchter
Entzug, Drogenrausch 8
III.II. Alternative Lebensentwürfe 14
IV. DER ÜBERGANG - DIE ERZIEHUNG 18
V. DIE NEUE WELT 25
V.I. Ein Yuppie in der Großstadt 25
V.II. Der Tag, an dem ich sterbe - carpe diem 30
VI. SCHLUß 33
VI.I. DIE BEWÄHRUNGSPROBE 33
VI.II. EINE WEITERFÜHRENDE ÜBERLEGUNG - DROGENVERHERRLICHUNG IN
“TRAINSPOTTING ? 37
LITERATURLISTE 39
Florian Scharr 40
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I. EINLEITUNG
1994 erschien der provozierende Roman “Trainspotting” des Schotten Irvine Welsh. Zwei Jahre später wurde der als “unverfilmbar” geltende Beststeller auf die Leinwand gebracht, und zum großen Erstaunen der Produzenten, des Regisseurs und der Autoren lief der schottische Independent-Film weltweit mit großem Erfolg in den Kinos.
“Trainspotting” erzählt aus der Ich-Perspektive die Entwicklung des jungen Mark Renton. In der ersten Hälfte des Films werden die Erlebnisse des arbeitslosen, kriminellen, heroinsüchtigen Jugendlichen in Edinburgh in einer Gruppe von Junkies und ihrer Freunde dargestellt, in einem Wechsel von Drogenrausch und nicht allzu ernsthaft unternommenen Versuchen, “clean” zu werden, kriminellen Aktivitäten sowie spaßigen und entsetzlichen Ereignissen in der Clique. Der zweite Teil des Films beginnt, nachdem Renton an einer Überdosis Heroin fast gestorben wäre. Daraufhin zwingen ihn seine Eltern endlich zum Entzug. Nach seiner “Menschwerdung” zieht er nach London und arbeitet dort erfolgreich als Immobilienmakler, doch dann holt ihn seine Vergangenheit wieder ein: die alten Freunde kommen ihn besuchen, nutzen ihn schamlos aus, sorgen dafür, daß er seine Arbeit verliert und zwingen ihn wieder zurück nach Edinburgh, zu Kriminalität und Heroininjektionen. Renton revanchiert sich, indem er ihnen eine durch gemeinsamen Drogenverkauf verdiente gewaltige Geldsumme stiehlt und sich auf den Weg zum Hafen macht, um das alte Milieu nun endgültig hinter sich zu lassen. Der Film endet mit einem freudestrahlenden Mark Renton auf dem Weg fort von den Britischen Inseln, der dem Zuschauer sinngemäß mitteilt: “Bald werde ich genauso sein wie ihr!”
Ziel meiner Hausarbeit ist es, nachzuweisen, daß auch der überaus moderne Film “Trainspotting”, der sich auf den ersten Blick in gar kein Schema einzuordnen lassen scheint, von nichts anderem handelt als von dem uralten literarischen Motiv
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der heldischen Bewährungsprobe. Spezifischer: “Trainspotting” ist ein Erziehungsroman, bei dem die Bewährungsprobe des Helden im Mittelpunkt steht.
1 behandelt die geistige Entwicklung der Hauptgestalt, meist Ein Erziehungsroman
eines jungen Menschen, von einer sich selbst noch unbewußten Jugend zu einer gereiften Persönlichkeit, die ihre Aufgabe in der Gemeinschaft bejaht und erfüllt. Dieser Bildungsgang führt über Erlebnisse der Freundschaft und Liebe, über Krisen und Kämpfe mit den Realitäten der Welt zur Entfaltung der natürlichen geistigen Anlagen. Jugendjahre - Wanderjahre - Läuterung Anerkennung und Einordnung in die Welt.
Kernpunkt dieses Romans ist die Bewährungsprobe, ein Motiv, das sich seit den ersten Romanen des Mittelalters wie ein Leitfaden bis zum heutigen Tage und wohl auch in Zukunft durch alle Heldengeschichten zieht: Im Kaiserreich handelte davon “Siegfried der Drachentöter”, in der Weimarer Republik “Emil und die Detektive”, im Dritten Reich die Kriegsliteratur, in unserer Zeit dann “Die unendliche Geschichte”, um nur einige von unzähligen literarischen Varianten des Themas zu nennen. Der Protagonist verläßt seine Heimat, in der er wohlbehütet aufgewachsen ist, um sich in der Fremde zu bewähren. Durch dieses Meistern einer schwierigen Situation gewinnt er neue Fähigkeiten dazu und kann sich als Held beweisen.
Die Entwicklung eines kriminellen Jugendlichen, der schließlich doch zu einem verantwortungsvollen Mitglied der Gesellschaft werden will und dieses Ziel über eine Bewährungsprobe erreicht, wird in diesem Film mit einer gewaltigen Portion Zynismus und somit als eine Groteske vorgetragen.
Groteske (ital. Grottesco = wunderlich, verzerrt) : Der groteske Stil ist dadurch gekennzeichnet, daß er scheinbar Unvereinbares miteinander verbindet, Seltsam-Abartiges dem Närrisch-Lustigen zugesellt und in dem paradoxen Nebeneinander heterogener Bereiche die Form ins Formlose umschlagen läßt, die Gestalt ins
1 = Metzler 1990, S. 55. & S.138
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Maßlose übersteigert und ihr teils humoristisch-karikiierende, meist eher schaurige und sogar dämonische Züge verleiht.
Die phantastische Verzerrung und Entstellung verdrängt vielfach das spielerische Moment und wird so zum Ausdruck einer im ganzen entfremdeten Welt, eine Darstellung des gesteigert Grauenvollen, das zugleich als Lächerlich erscheint. Dementsprechend findet sich das Groteske vor allem in Epochen, in denen das überkommene Bild einer heilen Welt angesichts der veränderten Wirklichkeit seine Verbindlichkeit verloren hat, in denen die Welt unfaßbar, der Vernunft unzugänglich
2 und von unversöhnlichen Widersprüchen beherrscht scheint.
Diese Beschreibung macht bereits deutlich, daß es sich bei “Trainspotting” nicht um eine konventionelle Bewährungsgeschichte handeln wird. Die Groteske zeichnet sich dadurch aus, daß sie uns durch eine bisweilen durchaus als “abartig” zu bezeichnende Art von Humor sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken bringen will. Dies wird erreicht, indem die bestehende Welt mit ihrer Moral und ihrem jeweiligen Gewissen durch Verdrehungen und Entstellungen der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Selbst die eigentliche Bewährungsprobe in “Trainspotting” findet auf eine auf den ersten Blick kriminell und geradezu lächerlich einfach anmutende Art und Weise statt. Ich will aufzeigen, daß dem nur auf den ersten Blick so ist und es sich bei der im Film ausgeführten Bewährungsprobe wahrhaftig um eine solche handelt, um eine Tat, die dem Helden einiges an Mut und Entscheidungskraft abverlangt.
Hierzu muß unter der Oberfläche der Groteske nachgeforscht werden. Ich will die Verwirrungen geraderücken, die die Darstellung einer Groteske auszeichen, um so die eigentliche, hinter der abartigen Fassade versteckte Aussage des Films deutlich zu machen und zu beweisen, daß die Handlung nichts anderes darstellt als eine moderne Variante der heldischen Bewährungsprobe.
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II. DIE GLIEDERUNG DES FILMS- “VORHER” UND “NACHHER”
So wenig “Trainspotting” dem traditionellen narrativen Kino verhaftet ist, ja sogar mit Formen traditionellen Filmerzählens zu brechen scheint, ist dies aber nur ein erster Eindruck. Es ist eher die Fremdheit der Bildgestaltung, die Ungewohnheit der Szenen und die Eigenheit der Formulierungen des Erzählers, die Irritationen verursachen, nicht die Bauweise des Films. Tatsächlich ist die Erzählung sehr konventionell, es handelt sich um eine biographische Erzählung, die in ein Vorher und ein Nachher gegliedert ist. Der Film verfügt ganz konventionell über eine Exposition, einen Plot Point 1 und 2 und ein glückliches Ende. Verwirrend wirkt neben der grotesk verdrehten Handlung die ebenso groteske Unterteilung der einzelnen Abschnitte von “Trainspotting”. Die Exposition, die der Konvention nach in allerspätestens zehn Filmminuten abgehandelt sein sollte, nimmt fast zwei Drittel des Films in Anspruch, der Plot Point 2, gemeinhin das große Finale, wird mit solch lapidarer Einfachheit ausgeführt, daß seine Bedeutung zunächst kaum auffällt.
Es ist die Fluchtszene der drei beim Ladendiebstahl ertappten Protagonisten, die den Film eröffnet und seinen ersten Teil, das “Vorher” einleitet. In ihrer Wiederholung leitet sie dann die Entzugsphase ein, die den zweiten Teil der Geschichte, das “Nachher”, die eigentliche Handlung, eröffnet und somit die gesamten zurückliegenden Geschehnisse zur Exposition degradiert. Auf diese jetzt reichlich verwirrenden Aspekte werde ich in der folgenden Analyse noch genau eingehen.
Die Filmhandlung besteht aus einer Reihe kleinerer Erzählungen, die die zwei auf den ersten Blick gegenläufigen Handlungsstränge des “Vorher” und des “Nachher” miteinander verbinden.
In der Drogenszene in Edinburgh, welche die erste Filmhälfte beherrscht, geschieht immer wieder das gleiche: da die Junkies von der “Scheiß-Welt” angewidert sind, suchen sie Zuflucht im Drogengenuß. Erwachen sie aus dem Rausch, finden sie
2 = Metzler 1996, S. 186
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sich in einem tristen Alltag wieder, der sie so anekelt, daß sie sich gleich wieder in Bewegung setzen, um sich das Geld für einen neuen Schuß zu verschaffen. Die innere Ordnung dieses ersten Teils ist eher durch Gleichartigkeit des Geschehens als durch die Handlungslinie einer klassischen Erzählung bestimmt, auf Kausalität oder Finalität des Geschehens wird weitestgehend verzichtet. Die Szenenfolge fußt auf der Gleichartigkeit der Handlungen aller Mitglieder der Junkie-Gruppe, der Ähnlichkeit ihrer Tagesabläufe und ihrer Routinen. Reines Dahinvegetieren ohne jegliches Ziel, die Tatenlosigkeit unterbrochen nur durch einzelne Geschehnisse, auf die durch Drogeninjektionen mit weiterer Tatenlosigkeit reagiert wird.
Gegenläufig zu dieser Wiederholung des Immergleichen stellen sich die - in der zweiten Filmhälfte in den Vordergrund tretenden - Anstrengungen von Renton dar, aus diesem Kreislauf auszubrechen.
Der zweite Teil von “Trainspotting” ist eine ganz normale Geschichte. Der Film wird konventionell, narrativ, weil der Held klare persönliche Ziele verfolgt und damit die Handlung auch ein klares Ende finden kann. Die Geschichte kann enden, weil der Held sein Glück in die Hand nimmt und sich aus der Be- und Gefangenheit der Gruppe löst. Die zunehmende Zielbezogenheit des Geschehens geht mit einer immer mehr deutlich werdenden Fokussierung auf den zentralen Helden einhergeht.
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III. DAS “VORHER” - DIE ALTE WELT
III.I. Drogenrausch, versuchter Entzug, Drogenrausch, versuchter Entzug, Drogenrausch, versuchter Entzug, Drogenrausch…
Folgende Szenen führen uns in den Film ein: Party, Freundschaft, Action (dargestellt durch die Verfolgungsjagd), Fußball, Frauen, die einen verehren und anfeuern - alles, was ein normaler Jugendlicher braucht! Im Voice-over beginnt “Trainspotting” mit einer klassischen
Publikumsbeschimpfung: in einem diese Szenen begleitenden Kommentar wiederholt Mark Renton voller Ironie, was Werbeanzeigen und staatliche Aufklärungsbroschüren, was Eltern, Pädagogen und Psychologen zum Besten geben: “Sag Ja zum Leben. Sag Ja zum Beruf. Sag Ja zur Karriere. Sag Ja zur Familie.” Und er erklärt uns gleich zu Filmbeginn: “Ich habe Ja zum Neinsagen gesagt!”
Der Protagonist bringt zum Ausdruck, wogegen er und seine Freunde sich wehren: die Junkies Renton, Spud, Sick Boy und Allison wollen sich von den Ja-Sagern abgrenzen, die in den Büros Karriere machen, Familien gründen, ihr Geld gewinnbringend anlegen, Waren- und Unterhaltungsangebote mit Genuß konsumieren. Renton stellt das normale Leben als langweilig und nicht lebenswert dar.
Das ist typisch für die nicht ohne Grund als “die wilden Jahre” bezeichnete Zeit der Jugend, in denen die Heranwachsenden ein reiches Innenleben haben, gesättigt mit Träumen, Erwartungen und Hoffnungen - doch die Gesellschaft ist wesentlich regulierter, als die Jugend das in ihrer hoffnungsvollen, optimistischen Subjektivität meint. Dies führt natürlich zu Konflikten, die ein Teil der Jugendlichen dadurch ausleben, daß sie über die Stränge schlagen. Wohl jeder Heranwachsende durchlebt eine Phase, in der er sich gegen die “spießige”, die “bürokratische” Erwachsenenwelt stellt.
Es ist recht amüsant, heute daran zurückzudenken, wie wir in der Zeit der Gymnasialen Oberstufe 68er-Phrasen zum Besten gaben, beispielsweise
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Quote paper:
Florian Scharr, 2001, "Trainspotting" - eine groteske Variante der heldischen Bewährungsprobe, Munich, GRIN Publishing GmbH
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