Universität Mannheim
SS 2001
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Florian Scharr
8. / 7. / 5. Fachsemester
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“Talkshows”, und ganz besonders die Bekenntnisshows, stehen in nahezu durchgehender Kritik, werden offensichtlich belächelt und allem Anschein nach von niemandem sonderlich ernst genommen. Dennoch findet sich täglich ein Millionenpublikum vor dem Fernseher ein, um diese oder jene Talkshow zu sehen, und beim Durchschalten der Fernsehkanäle kann man zu fast jeder Tages- und Nachtzeit auf irgendeinem Sender mindestens eine Talkshow finden.
Seit vielen Jahren schon nehmen diese “Gesprächsschauen” einen hohen Stellenwert im Nachmittags- und Abendprogramm des deutschen Fernsehens ein. Alleine am Nachmittag gibt es momentan jeden Tag von 11 bis 17 Uhr dreizehn Talkshows, in deren Mittelpunkt der Durchschnittsbürger die Gelegenheit hat, einem Millionenpublikum seine persönlichen und privaten Geschichten, Probleme, Schicksale, Vorlieben oder Abnormalitäten zu erzählen.
Meine persönliche Motivation, mich näher mit diesem Phänomen zu beschäftigen, beruht auf folgender Tatsache: Im Verlauf einer Tätigkeit als Jugendreiseleiter war ich eine Nacht lang als Hotelwächter eingeteilt, mit dem Fernseher als einzige Unterhaltungsmöglichkeit und RTL als einzigem deutschen Programm. Dort liefen ausschließlich Talkshows, deren erzwungener Konsum zu einer der sicher grauenhaftesten Nächte meines Lebens führte. Dennoch werden Talkshows im deutschen Fernsehen inklusive Wiederholungen täglich bis zu zwanzig Stunden lang gesendet. Es muß also ein starkes Bedürfnis nach diesen Sendungen bestehen. Daß dieses offiziell verachtete Sendeformat so häufig und von solch einer großen Zahl von Menschen konsumiert wird, macht es zu einem Produkt der Massenkultur. Somit stellt sich die Frage, an welche Bedürfnisse der Masse Talkshows anknüpfen, um ihren offensichtlichen Erfolg herzustellen. Welchen Sinn erfüllt dieses Medium für die Rezipienten? Bekanntlich haben Talkshows keinen offiziell informativen oder aufklärenden Charakter, sondern zelebrieren das Gerede über alltägliche und banale Probleme, über Skurriles und Bizarres bis hin zu schwerwiegenden psychischen Problemen, die eher in eine Therapie als ins Fernsehen gehören. Diese Hausarbeit wird aufzeigen, daß Talkshows hauptsächlich von den Emotionen leben,
die sie bei den Gästen, dem Publikum und den Zuschauern auslösen, und die Frage stellen, ob es vielleicht an der unserer modernen Gesellschaft immer wieder vorgeworfenen “Gefühlslosigkeit” liegen könnte, daß eine mediale Darstellung von Gefühlen sich als fester Bestandteil der Massenkultur etablieren kann. Weiter wird darauf eingegangen, ob Talkshows vielleicht sogar ein gesellschaftlich formender Faktor sein können, ob und welche Werte Talkshows uns vermitteln und welche Auswirkungen dies auf unsere Gesellschaft haben könnte.
Zur Beantwortung dieser Fragen werden in der Hausarbeit zunächst die Begriffe “Massenkultur” und “Talkshow” an sich definiert, dazu auch ein Überblick über die Entwicklung des Genres Talkshow gegeben und die erfolgreichsten der täglichen Talkshows in Deutschland analysiert. Dazu wird das Genre in seine Bausteine zerlegt, gezeigt, was Gäste zur Teilnahme an einem solchen “Seelenstriptease” bewegt und wie Talkshows überhaupt produziert werden.
Begrifflich muß angemerkt werden, daß in der Arbeit ausschließlich die nachmittäglichen Talkshows mit nichtprominenten Gästen behandelt werden, und hier besonders jene, die von den Fernsehzuschauern zwischen 14 und 29 Jahren bevorzugt konsumiert werden. Diese jungen Rezipienten sind mit dem Genre Talkshow aufgewachsen, eventuelle Veränderungen im Verhalten der Gesellschaft an sich oder vielleicht gar Veränderungen in der Kultur unserer Gesellschaft durch das Massenkulturprodukt Talkshow lassen sich bei ihnen wohl am leichtesten feststellen, weiter kann ich mich mit meiner eigenen Altersgruppe am ehesten identifzieren und nachvollziehen, was sie zum Konsum von Talkshows bewegt.
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Kultur ist - jedenfalls in unseren abendländischen, christlich geprägten Gesellschaften - kein festes, statisches Gebilde, sondern ein prozessuales Geschehen, dessen Dynamik auf engste Weise mit derjenigen der zugehörigen Gesellschaften verwoben ist.
Der Begriff “Kultur” bezieht sich auf die symbolischen Formen, mit denen und durch die eine Gesellschaft auftritt, auf bedeutungsvolle Handlungen, Objekte oder Ausdrucksweisen verschiedener und verschieden materialisierter Art. Diese stehen “in Beziehung zu strukturierten sozialen Kontexten und Prozessen, in denen und durch die sie produziert, übertragen und wahrgenommen werden.” 1 Kultur gibt uns Auskunft über die Denkfiguren, die typisch sind für eine Gesellschaft.
Die bestimmende Tendenz moderner Kulturentwicklung sehen wir in dem, was bei uns “Massenkultur” genannt wird.
“Es handelt sich im Unterschied zur traditionellen, bürgerlich affirmativen Kultur, die von auch sozialstrukturell definierten Eliten für dieselben Eliten veranstaltet wurde, um eine relativ klassenunabhängige, auf die Gesamtheit der Menschen eines Landes, heute, in der Ära der Internationalisierung der Medien und des Weltmarktes auf die Gesamtheit der Menschen der kapitalistischen Indurstriestaaten orientierte Kultur.” 2 Der Hauptgrund liegt zweifelsohne darin, daß das Gesamtsystem der kapitalistischen Warenproduktion, das sich in den Staaten der sogenannten “ersten Welt” zu einem System relativer Überflußproduktion entwickelt hat, mittlerweile zum Hauptträger, wenn nicht gar für die Masse der Bevölkerung zum einzigen Träger dieser Kultur geworden ist.
In diesem Zusammenhang hielt Adorno den Begriff “Kulturindustrie” für besser geeignet, den wahren Sachverhalt einer nicht unbedingt allein den Bedürfnissen der Masse entspringenden Kultur, sondern einer von den Medien vorgelebten und vorgekauten Kultur zu beschreiben, als den Begriff “Massenkultur”. Wörtlich schreibt er: “Wir ersetzen den Ausdruck “Massenkultur” durch “Kulturindustrie”, um von 1 = Thompson 1990, S.136
vorneherein die Deutung auszuschalten, die den Anwälten der Sache genehm ist: daß es sich um etwas wie spontan aus den Massen selbst aufsteigende Kultur handele, um die gegenwärtige Gestalt von Volkskunst. Von einer solchen unterscheidet Kulturindustrie sich aufs äußerste. Sie fügt altgewohntes zu einer neuen Qualität zusammen. In all ihren Sparten werden Produkte mehr oder minder planvoll hergestellt, die auf den Konsum der Massen zugeschnitten sind und in weitem Maß diesen Konsum aus von sich bestimmen. (…) Der Kunde ist nicht, wie die Kulturindustrie glauben machen möchte, König, nicht ihr Subjekt, sondern ihr Objekt.” 3
Dies erscheint mir nur allzu berechtigt. Denn auch bei Horkheimer lesen wir:”Was heute volkstümliche Unterhaltung heißt,” - das kann nur die Massenkultur meinen - “verdankt sich in Wirklichkeit einem von der Kulturindustrie künstlich erzeugten, manipulierten und infolgedessen depravierten Bedürfnis.” 4 Während die Analyse der
Kulturindustrie die kommerzielle Mediatisierung der Kultur ins Zentrum ihrer Analyse gestellt hatte, wird in der angelsächsischen Kultursoziologie der hier angesprochene ökonomische Reproduktionszusammenhang moderner Massenkultur gegenwärtig unter dem Stichwort “consumer culture” untersucht. Der Ansatz berücksichtigt begrifflich die Tatsache, daß Massenkultur nicht nur ein Medienphänomen darstellt, sondern von dem gesamten Produktions- und Marktsystem kapitalistischer Gesellschaften hergestellt wird. “Die Massenkultur wird also als zugleich differenziertes und homogenes und eben darin im Konsum egalitäres Warenuniversum industriell produziert, kommerziell verbreitet und konsumtiv angeeignet.” 5
Die moderne Massenkultur bildet ein umfassendes System aufeinander abgestimmter und ineinandergreifender Elemente. Die Grenzen dieses Systems werden von seinen zentralen, strukturierenden und tonangebenden Komponenten, den technischen Medien, klar definiert. Alles, was von ihnen und durch sie als Stoff verwertbar ist, gehört zum System, alles andere nicht. Das gilt für Menschen wie für Ereignisse. Da sich dieser Systemzusammenhang als eine eigene Ökonomie etabliert hat - man denke nur an die hohen Einschaltquoten des stark personen- und emotionsbezogenen “Trashsenders” RTL II - und ökonomische Systeme in allen 2 = Dröge / Müller 1995, S.28 3 = Adorno 1967, S.60f 4 = Horkheimer 1988, S.435f
westlichen Gesellschaften bis heute stark expansive Entwicklungstendenzen besitzen, verschieben sich die Grenzen immer weiter nach außen, was bedeutet, daß immer mehr Ereignisse und Menschen als verwertbarer Stoff in das System einbezogen werden. Innerhalb des Systems werden auf Dauer bevorzugt solche Elemente als kulturelle Sachverhalte reproduziert, die entweder unmittelbar als Inhaltsstoff oder mittelbar im Verbund mit Medien in Beziehung zu bringen sind, wie beispielsweise “Talkshows”, von denen stellenweise sogar behauptet wird, sie würden erzieherische Funktion übernehmen - doch dazu später mehr.
Der Hauptunterschied zwischen “Massenkultur” und jeder Art von Volkskultur wie auch vergangenen Hochkulturen, deren produktive Aneignung ein Höchstmaß an Ausbildung und Spezialisierung der Psyche voraussetzte - wofür es heutzutage allerdings kaum noch sozialisationsmächtige Instanzen gibt - liegt darin, daß ganz besonders die Benutzung der audiovisuellen Medien wie Film und Fernsehen keine hohe Lesekompetenz mehr voraussetzt und auch keinesfalls auf Kompetenz abzieht, da vorrangiges Ziel dieser Medien ja das Erreichen einer hohen Zuschauerquote durch Einbindung möglichst aller Konsumenten, also auch der breiten Masse und der weniger gebildeten niederen Schichten, ist.
Die modernen Massenmedien des 20 Jh - vor allem Zeitschriften, Film, Radio und Fernsehen - haben nicht nur eine weite Auffächerung der Ausdrucksformen der Massenkultur gebracht, sondern auch eine fast unbegrenzte Ausbreitung der Inhalte über alle Bevölkerungsschichten hinweg. Wir leben also in einer von Medien generierten kulturellen Ordnung, in Produkten und durch Produkte, die für die Masse und als Masse existieren.
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Der Begriff “Talkshow” stammt aus dem Amerikanischen und bedeutet auf Deutsch “Gesprächsendung”. Mittlerweile gibt es im deutschen Fernsehen so viele unterschiedliche Talkshowformate, daß das Finden einer einheitlichen und allgemeingültigen Definition schwierig ist. Bei Steinbrecher und Weiske lesen wir: 5 = Dröge / Müller 1995, S.28
Quote paper:
Florian Scharr, 2002, Was macht Talkshows zur Massenkultur und wie wirken sie auf die Gesellschaft?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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