Kurzfassung
Die vorliegende Arbeit befaßt sich vor dem Problemhorizont der inneren Kündi− gung mit der Bedeutung von Sinn für Individuum und Organisation und ver− gleicht eine sinnzentrierte Psychotherapierichtung, die Logotherapie, mit einer Managementlehre, die an der Hochschule St. Gallen entwickelt wurde. Damit ist sie interdisziplinär zwischen Psychologie und Organisationslehre angesiedelt. Es soll untersucht werden, inwieweit die beiden Konzepte geeignet sind, unter Ein− beziehung des Faktors Sinn, dem Problem der inneren Kündigung zu begegnen. Aus den beiden zu vergleichenden Konzepten wird ein Menschenbild und ein Organisationskonzept entwickelt bzw. vorgestellt. Im weiteren wird auf der Grundlage des Menschenbildes ein Führungskonzept diskutiert und auf dem Hintergrund des Organisationsverständnisses ein Organisationskulturmodell erörtert. Die vergleichende Betrachtung vollzieht sich anhand bestimmter Krite− rien, die im Laufe der Arbeit entwickelt werden. Durch den Vergleich wird sich herausstellen, daß die von beiden Konzepten verwendeten Begriffe, wie z.B. Sinn und Werte, unterschiedlich verstanden und in der Arbeitssituation umgesetzt wer− den. Als Fazit läßt sich die Logotherapie schlagwortartig mit ‘Management als Sinnfindung möglich machen’ und der St. Galler Ansatz mit ‘Management als Sinnvermittlung’ kennzeichnen. Beide Konzepte stoßen auf unterschiedliche Grenzen. Als Ausblick aus der Arbeit wird deshalb versucht, die beiden Konzepte zu verknüpfen, um so ein neues Modell zu entwerfen.
Seite IV
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis. VI
Tabellenverzeichnis. VI
I
1 Einleitung. 1
2 Die Bedeutung von Sinn. 4
2.1 Warum Sinn für die Arbeitswelt eine Bedeutung hat. 4
2.1.1 Wertewandel und Orientierungskrise. 4
2.1.2 Die Frage nach dem Sinn der Motivation. 5
2.2 Welche Bedeutung das Wort Sinn hat. 6
2.2.1 Der Sinn Begriff für das Individuum: die Logotherapie. 7
2.2.1.1 Das Menschenbild der Logotherapie. 10
2.2.1.2 Das Weltbild der Logotherapie. 11
2.2.1.3 Das Motivationskonzept der Logotherapie. 13
2.2.1.4 Übertragung auf die Arbeitswelt. 15
2.2.2 Der Sinn Begriff für die Organisation: der St. Galler Ansatz. 18
2.2.2.1 Objekt und Problembereich des St. Galler Ansatzes. 18
2.2.2.2 Mehrebenenbetrachtung sozialer Systeme die Ausein
andersetzung mit der Humanebene. 19
2.2.2.3 Sinn als Charakteristikum der Humanebene. 21
3 Die Bedeutung von Sinn für das Individuum Logotherapie. 24
3.1 Charakteristika der Sinn Kategorisierung. 25
3.1.1 Leistung. 25
3.1.2 Selbsttranszendenz. 26
3.1.3 Selbstdistanzierung. 27
3.2 Mitarbeiter, Vorgesetzter, Organisation. 28
3.2.1 Das Zustandekommen des individuellen Sinn Konzeptes: Mit
arbeiter. 28
3.2.2 Die Konsequenzen für die Führung: Vorgesetzter. 29
3 2 3 Die Organisation sinnvoller Arbeit: Organisation 31
Seite V
3.3 Kritik am Konzept der Logotherapie. 35
4 Die Bedeutung von Sinn für die Organisation Management
lehre. 42
4.1 Management als Sinnvermittlung. 43
4.2 Kritik am Konzept der Sinnvermittlung. 46
5 Vergleichende Betrachtung von Logotherapie und Manage
mentlehre. 56
6 Zusammenfassung, Fazit, Ausblick. 66
7 Literaturverzeichnis 75
Seite VI
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Aufbau der Arbeit.
Abbildung 2: Frankls Karikatur der drei Wiener Schulen der Psychotherapie.
Abbildung 3: Die Logotherapie Viktor Frankls.
Abbildung 4: Dimensionalontologie.
Abbildung 5: Der Mensch als offenes System.
Abbildung 6: Systemarten und Problemebenen nach H. Ulrich.
Abbildung 7: Kriterien für den Vergleich der beiden Konzepte aus Kapitel 2.
Abbildung 8: Ex sistenz des Menschen.
Abbildung 9: Kriterien für den Vergleich der beiden Konzepte aus Kapitel 3.
Abbildung 10: Kriterien für den Vergleich der beiden Konzepte aus Kapitel 4.
Abbildung 11: Kriterienkatalog für die vergleichende Betrachtung
Seite VII
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Das Spannungsfeld von Kultur und Unternehmung. 53
Tabelle 2: Zusammenfassung der vergleichenden Betrachtung 65
Kapitel 1 Einleitung Seite 1
1 Einleitung
Ein in jüngster Zeit häufig diskutiertes Phänomen ist die innere Kündigung von Mitarbeitern in ihren Organisationen. Innere Kündigung "bezeichnet einen persönlichen Zustand, der durch ein innerliches Abrücken von der Arbeitsumgebung und eine Verweigerung der Eigeninitiative gekennzeich− net ist" (Krenz−Maes 1998, S. 48). Ein Erklärungsansatz für innere Kündi− gung ist Arbeitsunzufriedenheit, denn die "für die Arbeitszufriedenheit relevanten Bereiche Einkommen, eigene Entwicklung, Führungsstil der Vorgesetzten, Unternehmenskultur und eigenes Tätigkeitsspektrum gehen [...] negativ mit innerer Kündigung einher" (Krenz−Maes 1998, S. 49). Dies hat die Psychologin Krenz−Maes in einer Studie herausgefunden (vgl. a.a.O.). "Die Folgen für ein Unternehmen können beispielsweise eine ver− ringerte Innovationsbereitschaft sein, oder aber eine Erhöhung der Bearbei− tungszeiten, eine Verschlechterung der Qualität, eine geringe Beteiligung am Vorschlagswesen, eine Überschreitung der Pausenzeiten, ein Anstieg von Arbeitsunfällen, eine geringe Kundenorientierung sowie eine geringe Bereitschaft, Überstunden zu leisten" (Krenz−Maes 1998, S. 49). Diese Aufzählung macht die Notwendigkeit deutlich, einer solchen Entwicklung entgegenzutreten.
Innere Kündigung als Entfremdung von der Arbeit deutet letztlich auf eine "sinnlose Arbeit" (vgl. Böckmann 1999, S. 78) hin. Die vorliegende Arbeit befaßt sich mit der Bedeutung von Sinn für Individuum und Organisation. Die hier diskutierten Konzepte werden daraufhin untersucht, ob sie durch ihre Beschäftigung mit dem Faktor ‘Sinn’ Lösungsansätze anbieten können, wie dem Phänomen ‘innere Kündigung’ und seinen Konsequenzen für die betriebliche Praxis begegnet werden kann. Es handelt sich dabei um eine interdisziplinäre Arbeit, die zwischen Psychologie und Organisationslehre angesiedelt ist. Aus dem ersten Wissenschaftszweig stammt die Logothera− pie, die eine sinnzentrierte Psychotherapierichtung ist. Zum Vergleich mit ihr wurde eine bestimmte Managementlehre ausgewählt: der St. Galler Ansatz. Da sich die Themenstellung an der Betrachtung von Individuum und Organisation orientiert, erschien der St. Galler Ansatz am besten geeignet, weil in St. Gallen ein (explizit auf den Faktor Sinn konzentriertes)
Kapitel 1 Einleitung Seite 2
Organisationsverständnis entwickelt wurde. Es gibt zwar noch weitere Konzepte aus der Organisationslehre, die sich mit der Sinnproblematik in Organisationen beschäftigt haben, im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen steht aber eher ein Unternehmenskulturmodell und nicht die Entwicklung eines Organisationsverständnisses. Außerdem beziehen sich viele Veröffentli− chungen aus St. Gallen auf die Logotherapie. Aus diesen Gründen erscheint die Vergleichbarkeit des St. Galler Konzeptes mit der Logotherapie höher als bei den anderen Sinn−Konzepten. Im Laufe der Arbeit sollen die ver− schiedenen Verknüpfungspunkte zwischen beiden Konzepten herausgear− beitet werden.
Die Logotherapie geht vom Individuum aus und wurde als Führungskon− zept in die Arbeitswelt übertragen. Der St. Galler Ansatz ist ein bestimmtes Organisationsverständnis, auf dem ein Unternehmenskulturmodell aufbaut. Von den oben genannten Bereichen, die für das Phänomen innere Kündi− gung relevant sind, werden diese beiden in der vorliegenden Arbeit näher beleuchtet.
Die Vorgehensweise in der vorliegenden Arbeit orientiert sich an der getrennten Betrachtung von Individuum und Organisation und damit auch von Führung und Unternehmenskultur.
Zunächst wird die Bedeutung von Sinn für die Arbeitswelt diskutiert, und der Begriff Sinn näher erläutert. Anschließend wird die Bedeutung von Sinn für das Individuum (anhand der Logotherapie) und die Bedeutung von Sinn für die Organisation (anhand der St. Galler Managementlehre) dargestellt und bewertet. Am Schluß steht die vergleichende Betrachtung der beiden Konzepte mittels ausgewählter Kriterien. Diese Kriterien sollen im Verlauf der Arbeit entwickelt werden und werden jeweils am Ende der einzelnen Kapitel aufgezählt.
Kapitel 1 Einleitung Seite 3
Folgende Abbildung soll die Vorgehensweise verdeutlichen:
Kap. 6
Ausblick
Fazit
Zusammenfassung
Kap. 5
Vergleichende Betrachtung
Kap. 3 Kap. 4
...für das ... für die
Individuum Organisation
Kap. 2
Die Bedeutung von Sinn...
Abbildung 1: Aufbau der Arbeit
Ziel der Arbeit ist es, aufzuzeigen, daß Sinn für die Arbeitswelt eine Bedeutung hat und welches Verständnis die beiden Ansätze von dem Wort ‘Sinn’ haben. Wenn es in den Kapiteln 3 und 4 um die Darstellung der bei− den Konzepte geht, soll überprüft werden, ob sie durch Einbeziehung des Faktors ‘Sinn’ geeignet sind, dem Phänomen ‘innere Kündigung’ zu begeg− nen. Im weiteren soll untersucht werden, inwiefern die theoretische Tren− nung der Betrachtungsebenen Individuum und Organisation aufgehoben werden kann, so daß die beiden Ansätze nebeneinander Verwendung finden können. Dazu muß geklärt werden, in welchem Verhältnis die beiden zueinander stehen. Abschließend wird versucht, anhand der Logotherapie ein neues Modell in Bezug auf die Organisation zu skizzieren.
Kapitel 2 Die Bedeutung von Sinn Seite 4
2 Die Bedeutung von Sinn
Um sich mit der Sinnproblematik für Individuum und Organisation aus− einandersetzen zu können, muß zunächst die Bedeutung von Sinn erläutert werden. Dabei geht es darum,
warum Sinn für die Arbeitswelt eine Bedeutung hat (Kap. 2.1) und
welche Bedeutung das Wort ‘Sinn’ im Kontext der dargestellten Ansätze
hat (Kap. 2.2).
2.1 Warum Sinn für die Arbeitswelt eine Bedeutung hat
Um die Frage zu beantworten, warum Sinn für die Arbeitswelt eine Bedeu− tung hat, wird als erstes auf die Situation in der heutigen Gesellschaft ein− gegangen und in einem zweiten Schritt die Bedeutung des Sinns für das Problemfeld Motivation erläutert.
2.1.1 Wertewandel und Orientierungskrise
Zunächst geht es um die Orientierungskrise und ihre Entstehung: Im Ver− lauf dieses Jahrhunderts entstanden im Zuge der Modernisierungsprozesse in den staatlichen und wirtschaftlichen Organisationen der westlichen Gesellschaften immer komplexere und umfassendere Handlungssysteme. Waren diese anfangs noch einigermaßen überschaubar, so ist es heute unmöglich, sie rational zu durchdringen und in ihren Entwicklungen voll− ständig zu erfassen. Die Verarbeitungskapazitäten der Organisationsmit− glieder reichen bei weitem nicht mehr aus. Dies verursacht die Orientie− rungskrise.
Hinzu kommt ein Verfall der Werte und Traditionen in Staat und Gesell− schaft, der die Menschen zunehmend verunsichert. Eine Entwicklung, die Viktor Frankl früh in ihrer Bedeutung erkannt hat: "Weder sagt dem Men− schen wie dem Tier ein Instinkt, was er muß, noch sagen ihm heute die Traditionen,was er soll, und es ist zu fürchten, daß er eines Tages nicht mehr wissen wird, was er will" (Frankl 1996a, S. 139). Frankl sprach in diesem Zusammenhang von einem existentiellen Vakuum, das Erlebnis
Kapitel 2 Die Bedeutung von Sinn Seite 5
einer inneren Leere, dem Gefühl einer abgründigen Sinnlosigkeit (vgl. a.a.O).
Zur Vertiefung dieser Problematik sei z.B. auf Bußkamp (1995), Kroker & Dechamps (1990) und Zihlmann (1980) verwiesen, die sich intensiv mit den Problemen des Wertewandels und des Sinnverlustes in einer versachlichten Welt befaßt haben. Die vorigen Ausführungen sollten das Thema des Wer− tewandels und der Orientierungskrise nur skizzieren, damit deutlich wird, daß Sinn für die Arbeitswelt eine Bedeutung hat. In diesem Zusammenhang stellt sich dann auch die Frage nach dem Sinn der Motivation.
2.1.2 Die Frage nach dem Sinn der Motivation
Sievers vertritt die These, daß "Motivation [...] erst dann zu einem Problem wurde, als der Sinn der Arbeit entweder verschwunden oder verloren gegangen war. Dieser Sinnverlust der Arbeit steht in unmittelbarem Zusam− menhang mit der Zunahme von Differenzierung und Fragmentie− rung" (1984, S. 1) der Arbeit.
Als Beispiel sinnvoller Tätigkeit sei hier ein Bauer genannt, der im letzten Jahrhundert seine Felder bestellt und Tiere hält, um seine Frau und die Kin− der, sowie seine Eltern ernähren zu können. Arbeitsteilung war kaum aus− geprägt, im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten mußte die ganze Familie für die unmittelbare, eigene Ernährung und das Wohl der Tiere sor− gen.
In einer solchen Situation war die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit wohl nicht in Frage gestellt. ‘Wir müssen doch etwas zu essen haben und die Tiere müs− sen versorgt werden’, könnte der Bauer auf die Frage nach dem ‘Warum’ seines Tuns geantwortet haben.
Heute ist die Situation anders: "Der einzelne handelt nicht mehr, um zu überleben, sondern er verrichtet eine pragmatisch sinnlose Tätigkeit, um vor allem über den Lohn− oder Gehaltsempfang diesen Aufwand gegen etwas Sinnvolles, z.B. in der Freizeit, einzutauschen.
Vordergründig betrachtet, tritt dann das Motivationsproblem [...] auf. Der Hebel der Beeinflussung des Leistungsverhaltens setzt dabei an verschiede−
Kapitel 2 Die Bedeutung von Sinn Seite 6
nen Faktoren an, ändert aber grundsätzlich an den bestehenden Bedingun− gen nichts" (Sander 1991, S. 3). Insofern ist die These von Sievers (1987) plausibel, daß das Motivationsproblem erst mit dem Verschwinden des Sinns in der Arbeit aufgetaucht ist.
Somit plädiert Sievers dafür, nicht die einzelnen Ansätze der Motivation zu diskutieren, sondern die Motivation selbst zu hinterfragen (1984, S. 1). Denn die Absicht, Mitarbeiter z.B. durch verschiedenste Belohnungssy− steme zu motivieren, beruht schlicht auf Mißtrauen (vgl. Wittenzellner 1994). Wer den Mitarbeiter zu mehr Leistung bringen will, unterstellt ihm ja, daß er nicht von sich aus die volle Leistung erbringt. Dabei hat er ja vielleicht genau dazu einen guten Grund (vgl. Romanos−Hofer 1994 bzw. Sprenger 1997). Er hat ‘keine Lust dazu’ bzw. er sieht keinen Sinn darin, mehr zu leisten. Im Gegensatz dazu konnte der Bauer leicht einen Sinnbe− zug in seiner Tätigkeit herstellen, zumal er ganzheitlich am Leistungsprozeß auf seinem Bauernhof, z.B. vom Füttern über das Melken bis zur Käseher− stellung, beteiligt ist. Das "umfassende Tätigkeitsspektrum" (Krenz−Maes 1998, S. 49) schützte ihn vor Arbeitsunzufriedenheit und damit vor der inneren Kündigung.
Die im weiteren zu diskutierenden Sinnansätze haben das Problem des Sinndefizits der Arbeit zur Grundlage und versuchen, das Motivationspro− blem bzw. das Problem der inneren Kündigung durch Ansetzen auf der Sinnebene zu beheben.
Sinnkonzepte sind also geeignet, dem Wertewandel und der Orientierungs− krise in der heutigen Gesellschaft entgegenzutreten; zuletzt wurde die Frage aufgeworfen, ob das in der Managementlehre häufig diskutierte Problem− feld der Motivation bzw. der inneren Kündigung ebenfalls mit Sinnkonzep− ten bearbeitet werden kann. Eine Antwort darauf soll in Kapitel 3 und 4 gefunden werden.
2.2 Welche Bedeutung das Wort Sinn hat
Das Wort ‘Sinn’ wird im alltäglichen Gespräch häufig verwendet. Man spricht von ‘sinnvollem Tun’, einem ‘sinnlosen Unterfangen’ oder ‘völli−
Kapitel 2 Die Bedeutung von Sinn Seite 7
gem Unsinn’. Für die weiteren Ausführungen im Rahmen dieser Arbeit ist es wichtig, den Begriff zu präzisieren.
Das ‘Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache’ (Duden) bezeichnet ‘Sinn’ als auf "Verstand und Wahrnehmung" bezogen und gibt die Grund− bedeutung "Gang, Reise, Weg" (Duden 1989, S. 675) an. Im ‘Brockhaus’ (1998, S. 254−256) heißt es, ‘Sinn’ sei "ein durch zahlrei− che Bedeutungen gekennzeichneter Begriff". Es werden vier Verwendungs− weisen unterschieden:
1. Sinn "ist die Fähigkeit des Organismus, Reize der Außenwelt oder des Körperinnern wahrzunehmen" (a.a.O.).
2. Sinn "heißt [...] die Bedeutung, die Worten, Sätzen, Kunstwerken, Ereignissen und überhaupt Zeichen zukommt hinsichtlich ihres hinwei− senden Bezuges auf das Bezeichnete und dessen Interpretation" (a.a.O.). 3. Sinn "bezeichnet den Zweck, die Endabsicht, das Ziel" (a.a.O.). 4. Sinn "wird die Bedeutung und der Gehalt genannt, den eine Sache, eine Handlung, ein Erlebnis (etwa eine Begegnung) für einen Menschen in einer bestimmten Situation hat" (a.a.O.).
In den nächsten Kapiteln wird der Sinn−Begriff der Logotherapie und des St. Galler Ansatzes näher präzisiert, dabei soll überprüft werden, ob das jeweilige Verständnis einer der oben genannten Verwendungsweisen zuge− ordnet werden kann.
2.2.1 Der Sinn−Begriff für das Individuum: die Logo−
therapie
In diesem Kapitel wird die Logotherapie vorgestellt. In den nächsten Absätzen geht es um den Begründer und die Entstehung der Logotherapie.
Begründer der Logotherapie ist Viktor Emil Frankl, ein Wiener Neurologe und Psychiater. Schon während seiner Gymnasialzeit Anfang diesen Jahr− hunderts korrespondierte er mit Sigmund Freud. Als Student der Medizin veröffentlichte er Artikel in der ‘Internationalen Zeitschrift für Psycho− analyse’ und der ‘Internationalen Zeitschrift für Individualpsychologie’.
Kapitel 2 Die Bedeutung von Sinn Seite 8
Nachdem er mit dem Menschenbild Freuds immer unzufriedener wurde und sich von ihm getrennt hatte, löste er später auch seine Bindung an Alfred Adler, um seine eigene therapeutische Richtung zu begründen. Mit der Ver− öffentlichung seiner "Ärztlichen Seelsorge" im Jahre 1946 legte er der psy− chologischen Fachwelt die "Grundlagen der Logotherapie und Existenzana− lyse" (Frankl 1982), so der Untertitel des Werkes, vor.
Die Logotherapie wird in amerikanischen Klassifizierungen häufig als dritte Wiener Schule der Psychotherapie nach der Psychoanalyse Sigmund Freuds und der Invididualpsychologie Alfred Adlers genannt. Die nachfolgende Karikatur hat Viktor Frankl im Alter von 91 Jahren gezeichnet. Sie ist in diese Arbeit aufgenommen worden, weil sie einen guten Einblick in die humorvolle Persönlichkeit Viktor Frankls gibt.
(die Grafik mußte leider der Möglichkeit zum Download zum Opfer fallen)
Abbildung 2: Frankls Karikatur der drei Wiener Schulen der Psycho− therapie (Frankl 1998, S. 324)
Sigmund Freud und Alfred Adler entwickelten aufgrund von Untersuchun− gen mit Neurotikern ihr Bild vom Menschen. Freud konstatierte einen ‘Willen zur Lust’ und Adler einen ‘Willen zur Macht’ als primäre Motiva− tion des Menschen. In beiden Vorstellungen handelte es sich um eine
Kapitel 2 Die Bedeutung von Sinn Seite 9
‘geschlossene’ Sichtweise, die nur den Menschen und seine innerpsychi− schen Impulse betrachtete.
Frankl war der erste, der sich von der Beschäftigung mit kranken Menschen löste und nach Bedingungen fragte, die den Menschen gesund erhalten. Er entwickelte somit nicht nur eine Psychotherapierichtung, sondern auch ein Verständnis vom Menschen und seiner Beziehungen zur (Um−)Welt. Die Logotherapie umfaßt also neben der Motivationstheorie ein Menschenbild und ein Weltbild (vgl. Abb. 3). Für die vorliegenden Ausführungen über die Bedeutung von Sinn für Individuum und Organisation steht das Motivati− onskonzept im Mittelpunkt; es wird ergänzt durch die Philosophie und Anthropologie Frankls.
Dies wird auch anhand der folgenden Abbildung deutlich; sie weist zugleich auf die Reihenfolge hin, in der die Logotherapie in den folgenden Kapiteln vorgestellt wird.
Logotherapie als...
Psychotherapie Philosophie Anthropologie
Weltbild Menschenbild Motivationstheorie Sinn Freiheit Wille
des Lebens des Willens zum Sinn
Kap. 2.2.1.2 Kap. 2.2.1.3 Kap. 2.2.1.1
Abbildung 3: Die Logotherapie Viktor Frankls (vgl. Lukas 1998, S. 18)
Kapitel 2 Die Bedeutung von Sinn Seite 10
2.2.1.1 Das Menschenbild der Logotherapie
Bei der Beschäftigung mit dem gesunden Menschen entdeckte Frankl die geistige Dimension des Menschen. Zusammen mit der psychischen und somatischen Dimension bildet sie das ‘Konzept der Dimensionalontologie’.
Zur Verdeutlichung dient folgende Abbildung:
Noet ische
Dimension Menschl iche Exist enz
Somatische
Dimension
Psychische Dimension
Abbildung 4 : Dimensionalontologie (vgl. Lukas 1998, S. 21) Anhand der Darstellung zeigt sich, daß Frankl sich nicht wie Freud (Über− Ich, Ich, Es) ein 3−Schichten−Modell vorgestellt hat, sondern daß sich die drei Ebenen des Mensch−Seins seiner Meinung nach vollständig durchdrin− gen.
Die somatische Dimension umfaßt die Leiblichkeit des Menschen, das Zell− geschehen und alle chemischen und physikalischen Prozesse. Die psychische Dimension ist die Sphäre seiner Gefühle, Empfindungen und Instinkte. Hierzu gehören auch die sozialen Prägungen und erworbenen Verhaltensmuster.
Die geistige Ebene schließlich verkörpert das ‘Urmenschliche’. "Eigenstän− dige Willensentscheidungen (‘Intentionalität’), sachliches und künstleri− sches Interesse, schöpferisches Gestalten, Religiosität und ethisches Emp− finden (‘Gewissen’), Wertverständnis und Liebe sind in der Geistigkeit des Menschen anzusiedeln" (Lukas 1998, S. 20). In der geistigen Ebene erhebt sich der Mensch sozusagen über sich selber, er schwingt sich auf, in die Transzendenz seines Seins (siehe in der Abbildung ‘Menschliche Exi− stenz’). Hier erst kann der Mensch ganz er selbst werden.
Kapitel 2 Die Bedeutung von Sinn Seite 11
Das Modell der Dimensionalontologie erfaßt neben dem Menschen auch alle anderen Lebewesen der Erde. Sie lassen sich nach ihrer Teilhaftigkeit an den verschiedenen Seinsdimensionen gliedern. Pflanzen, Tiere und Menschen −> Leib
Tiere und Menschen −> Leib, Psyche
Menschen −> Leib, Psyche, Geist
(vgl. Lukas 1998, S. 21)
An anderer Stelle setzt Frankl sein Menschenbild in Bezug zu dem anderer humanwissenschaftlicher Richtungen: "Vielfach sind die Humanwissen− schaften an das eigentliche Humanum noch gar nicht herangekommen. Sie sind nicht humanistisch, sondern homunkulistisch. Sie handeln von einem Artefakt, einem Kunstprodukt. Was ihnen zugrundeliegt, ist nicht ein Bild vom wirklichen Menschen, [...] sondern [...] das Bild vom Menschen in einem geschlossenen System. Der Mensch wird hingestellt als ein Wesen, das entweder nur auf Reize reagiert (das behavoristische Modell) oder nur Triebe abreagiert (das psychodynamische Modell)" (Frankl 1980, S. 32).
Im Gegensatz dazu sieht Frankl den Menschen mit einer Freiheit des Wil− lens, die auf die Welt ausgerichtet ist. Dort trifft der Mensch auf den Sinn des Lebens, den Frankl seinem Weltbild zugrundelegt.
2.2.1.2 Das Weltbild der Logotherapie
Frankl hat sich also einem Bild vom Menschen als geschlossenes System verweigert und ihn stattdessen als in−Beziehung−zur−Welt−stehend aufge− faßt.
Die Welt ist für Frankl voller Sinn, jede Situation hat einen Aufforderungs− charakter, dem sich der Mensch stellen soll. Frankl sieht Menschsein als In− Frage−Stehen und Leben als Antwort−Sein. Auf jeden Menschen wartet jemand oder etwas in dieser Welt. Soll Leben "gelingen, so kommt es ganz darauf an, sich auf das, was auf einen wartet, einzulassen und erkennend und liebend ‘Antwort’ zu ‘sein’ " (Längle 1988, S. 10). Die Suche nach der
Arbeit zitieren:
Markus Classen, 1999, Die Bedeutung von Sinn für Individuum und Organisation - eine vergleichende Betrachtung von Logotherapie und Managementlehre, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
G. Tsiakalos: Handbuch für antirassistische Erziehung – Der Aspekt des...
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Masterarbeit, 51 Seiten
Fremde - Migration - Frauenhandel - Prostitution
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Seminararbeit, 29 Seiten
Das logotherapeutische Konzept Viktor Emil Frankls in seiner Bedeutung...
Zur Möglichkeit einer sinnorie...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Diplomarbeit, 80 Seiten
Empathieentwicklung - Chance und Grenze für antirassistische Erziehung
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Seminararbeit, 17 Seiten
Interkulturelles Lernen in der Schule
Entwicklung der Disziplin &quo...
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Hausarbeit, 15 Seiten
Stereotype - Nutzen und Gefahren bei stereotypem Denken
Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation
Hausarbeit, 20 Seiten
Rassismus als pädagogisches Problem
Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik
Zwischenprüfungsarbeit, 29 Seiten
Die Problematik von Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus in...
Politik - Didaktik, politische Bildung
Seminararbeit, 11 Seiten
Alternative Unterrichtskonzepte: Suggestopädie und Total Physical Resp...
Englisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Sinnsuche und Wertorientierung bei Jugendlichen
Gesprächsclub mit Jugendlichen
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Diplomarbeit, 92 Seiten
Was macht Sinn? Die Thematisierung vom 'Sinn des Lebens' im t...
Eine historische Recherche
Psychologie - Beratung, Therapie
Diplomarbeit, 108 Seiten
Die fünf Sinne erfahren - Unterrichtsvorbereitung anlässlich eines bes...
Sachunterricht, Heimatkunde (Grundschulpädagogik)
Unterrichtsentwurf, 51 Seiten
Interkulturelle Pädagogik in Integrationsklassen
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Seminararbeit, 27 Seiten
Suizid und die Logotherapie Viktor E. Frankls
Theologie - Systematische Theologie
Seminararbeit, 19 Seiten
Politische Bildung gegen Rassismus und Ausgrenzung. Ein Vergleich ausg...
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Diplomarbeit, 158 Seiten
Die Logotherapie und Existenzanalyse Viktor Emil Frankls
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 24 Seiten
Markus Classen hat den Text Die Bedeutung von Sinn für Individuum und Organisation - eine vergleichende Betrachtung von Logotherapie und Managementlehre veröffentlicht
Markus Classen hat einen neuen Text hochgeladen
Fallstudien in der Personal- und Organisationsentwicklung
Anwendungen, Fälle und Lösungs...
Peter Heimerl, Oliver Loisel
Coaching als Instrument der Personal- und Organisationsentwicklung
Christian Zielke, Daniela Turck, Yvonne Faeber
Interkulturelle Personal- und Organisationsentwicklung
Methoden, Instrumente und Anwe...
Christoph I. Barmeyer, Jürgen Bolten
0 Kommentare