Minnebeziehungen in Heinrich von Veldekes Eneasroman
Inhaltsübersicht
1.1 Begriffsklärung. 3
1.2 Aktualität der Minnethematik im Mittelalter 4
1.3 Minnebeziehungen im Eneasroman. 5
2.1 Dido - Charakteristik und Vorgeschichte 6
2.2 Didos Minne. 7
2.3 Folgen für Dido 8
2.4 Das tragische Ende der Beziehung. 9
3.1 Lavinia - Charakteristik und Vorgeschichte. 11
3.2 Lavinias Minne. 11
3.3 Hochzeit 14
3.4 Glückliche Zukunft 15
4.1 Vergleich 15
4.2 Resümee 17
Bibliographie 19
1.1 Begriffsklärung
Ursprünglich bezeichnet der Begriff Minne das im Feudalismus übliche gegenseitige Treueverhältnis zwischen Lehnsherrn und Lehnsmann. Das Land ist im Besitz des Adels, der schwerttragenden Herrenschicht, und wird von untergebenen Bauern bewirtschaftet. Da nur der Adel das Recht hat, Waffen zu tragen, sind die Bauern auf den Schutz der Lehnsherren angewiesen. Im Gegenzug haben die Vasallen Abgaben zu leisten und müssen dem jeweiligen adligen Grundherrn die Treue schwören.
Im 12. Jahrhundert wird Minne auch zur Bezeichnung für das Liebesverhältnis zwischen Ritter und Dame. Es wird zwischen der Hohen Minne und der Niederen Minne unterschieden. Der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Arten der Minne ist die soziale Stellung sowie das Verhalten der Frau. In der Hohen Minne steht die Frau auf einer sozial höheren Stufe als der sie umwerbende Ritter und wird von diesem idealisiert. Charakteristisch für diese höfische Auffassung der Minne ist die „Ferne zur Frau“ 1 , denn die Dame gibt dem Werben des Ritters nicht nach. Da sie sich verweigert und der Werbende keine Möglichkeit hat, die Dame für sich zu gewinnen, wird die Minne für ihn zum Selbstzweck. Der Ritter hält trotz der Unerreichbarkeit der Dame an seiner Minne fest. Durch den steten Minnedienst erlangt der Ritter höfische Qualitäten. Die sich verweigernde Frau übt einen sittlichen Einfluss auf den Ritter aus, so dass dieser im Sinne der höfischen Kultur geläutert wird.
Die Hohe Minne kann aber auch zur Ehe des Ritters mit der von ihm umworbenen Dame führen. Im Feudalismus hat die Ehe eine öffentlich-politische Funktion 2 , die Liebe spielt als Grund für die Eheschließung keine Rolle. In der Vorstellung der Hohen Minne erfährt die feudale Ehe eine Aufwertung. Braut und Bräutigam, die aufgrund ihrer sozialen Stellungen ideal zueinander passen, sind sich schon vor der Heirat in „Fernliebe“ 3 zugetan. Nach aufwendigem Werben um die Dame folgt auf die Hohe Minne letztendlich die Eheschließung, welche sowohl politische und wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt, als auch die Glücksvorstellungen der Ehepartner befriedigt. Obendrein gilt eine derartige
1 Lutz. Bernd: Die epische Literatur der Stauferzeit. S.33
2 vgl. Wenzel. Horst: Fernliebe und Hohe Minne. Zur räumlichen und sozialen Distanz in der Minnethematik. S.
188
3 ebd.
Liebesbeziehung im mittelalterlichen Verständnis als von Gott begünstigte und gewollte Verbindung 4 .
Den Gegensatz zur Hohen Minne bildet die Niedere Minne, in der die Frau, der das Werben des Ritters gilt, weder sozial höher gestellt ist, noch idealisiert wird. Es handelt sich bei der Niederen Minne um eine auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe, beispielsweise zwischen einem Ritter und einem einfachen Mädchen aus dem Volk. Die Frau verweigert sich nicht, sondern gibt dem Werben des Mannes nach. Die Niedere Minne schließt auch die körperliche Vereinigung der Liebenden 5 außerhalb der Ehe ein und dient keinem höfischen Zweck. Die unmittelbare Begegnung steht konträr zur „Fernliebe“ der Hohen Minne. In der Niederen Minne folgt die Frau ihren persönlichen Neigungen, ohne damit sich selbst oder dem Ritter einen gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Vorteil zu verschaffen. Bei Liebesbeziehungen der Niederen Minne handelt es sich um gesellschaftsferne Bindungen 6 , deren Ursprung in einem magischen, nicht zu erklärenden Zwang liegt, dem die Liebenden, den gesellschaftlichen Konventionen trotzend, nachgeben.
1.2 Aktualität der Minnethematik im Mittelalter
Die Idee der Hohen Minne revolutionierte die im Mittelalter verbreiteten Ansichten über Liebe und Ehe, die als unvereinbare Gegensätze galten. Im mittelalterlichen Denken ist Liebe eine nicht zu erklärende Erscheinung, die mit krankheitsähnlichen Symptomen einhergeht und, wenn man sich ihr nicht widersetzt, zur zerstörerischen, die Ehre gefährdenden Kraft wird. Die Ehe hat einen praktischen Nutzen, sie dient dazu, Herrschaften zu festigen oder politische und wirtschaftliche Vorteile auszubauen. Das Minnekonzept hebt die Gegensätze auf und zeigt, dass Liebe, Ehre und Ehe durchaus miteinander zu vereinbaren sind.
Die Aktualität des Minnekonzeptes findet ihren Niederschlag in der Literatur des Mittelalters. In der epischen, an antikem Vorbild orientierten Literatur dominieren Monologe über das Wesen der Minne. In der Lyrik entsteht in Verbindung mit Musik der Minnesang, der zur Unterhaltung in Form von Klageliedern oder
4 vgl. Lutz. Bernd: Die epische Literatur der Stauferzeit. S.25
5 vgl. Lutz. Bernd: Die epische Literatur der Stauferzeit. S.33
6 ebd.
Tanzliedern sowohl an Fürstenhöfen als auch am Kaiserhof der Staufer vorgetragen wird.
Der Eneasroman von Heinrich von Veldeke enthält auktoriale Beschreibungen der Minnesymptomatik, Minnemonologe der Protagonisten und Gespräche der Figuren über die Minne.
1.3 Minnebeziehungen im Eneasroman
In Heinrich von Veldekes Eneasroman ist der Trojaner Eneas in Minnehandlungen mit zwei Damen involviert.
Seine Flucht aus Troja führt ihn zunächst nach Karthago, wo er von der Herrscherin Dido freundlich empfangen wird. Dido verliebt sich bereits am ersten Abend, den die Trojaner in Karthago verbringen, in Eneas. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Minnebeziehung, die endet, als Eneas Karthago auf Geheiß der Götter verlassen muss. Dido, die den Verlust ihres Geliebten nicht erträgt, begeht daraufhin Selbstmord.
In Italien, wohin die Götter ihn senden, wird Eneas von König Latinus empfangen, der ihm seine Tochter Lavinia zur Frau geben will. Lavinia ist jedoch bereits Turnus versprochen, den Eneas im Kampf besiegen muss, bevor er mit der Königstochter glücklich werden kann.
Offensichtlich ist die Beziehung zu Dido zum Scheitern verurteilt, während sich durch die Liebe zu Lavinia das Schicksal des Eneas erfüllt. Es stellt sich die Frage, worin die Gründe für das Scheitern der einen und das glückliche Ende der anderen Minnebeziehung des Eneas liegen.
Ich werde im Folgenden zunächst beide Minnehandlungen im Hinblick auf die Situation, die soziale Stellung und das Verhalten der Frau untersuchen, um anschließend einen Vergleich anstellen zu können. Ich werde Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausarbeiten, die ausschlaggebend für das tragische oder glückliche Ende der jeweiligen Minnebeziehung sein könnten.
2.1 Dido - Charakteristik und Vorgeschichte
Dido herrscht über das Land Libyen und hat Karthago gegründet und erbaut (daz was Kartâgô,/ die diu frouwe Dîdô/ bûwete unde stihte;/ daz lant sie berihte/ sô iz frouwen wol gezam.) 7 . Sie hat eine bewegte Vorgeschichte: Ursprünglich lebte Dido in Tyrus, wo sie mit Sychaeus, dem Herrscher, verheiratet war. Didos Bruder, der Tyrus in Besitz nehmen wollte, tötete Sychaeus und vertrieb seine Schwester aus dem Land. Mit ihren Reichtümern und einem kleinen Heer flüchtete Dido nach Libyen. In Libyen überlistete sie den Herrscher und bekam so ein Stück Land, auf dem sie Karthago errichtete. Durch ihr weiteres umsichtiges Handeln wurde sie schließlich zur Herrscherin über ganz Libyen (und warb dô listichlîche,/ unz sie sô verre vore quam,/ daz ir wart gehôrsam/ Libîâ daz lant al/ uber berch und uber tal.) 8 .
Dido ist mächtig, reich und klug, gleichzeitig aber auch sehr freundlich und hilfsbereit. Die mächtige Herrscherin hat nicht vergessen, dass auch sie schon in Not war. Dido hat Unglück und Vertreibung am eigenen Leib erfahren (wande ich weiz wol ein teil/ umb ellende und umb unheil/ und umbe solhe schifvart,/ sint daz ich vertriben wart,/ êr danne mich got hie beriet.) 9 , sie teilt das Schicksal der Trojaner und kann deren Not nachempfinden, deshalb nimmt sie Eneas und seine Gefährten bei sich auf und bietet ihnen ihre Hilfe an. Dido hofft, dass sie ihren Herrschaftsbereich zukünftig ausdehnen kann, deshalb bittet sie die Göttin Juno um Hilfe und hat ihr zu Ehren ein Münster erbaut (daz tete si dorch die scholde,/ daz Jûnô schaffen solde/ daz Kartâgô diu mâre/ houbetstat wâre/ uber alliu diu rîche,/ und daz ir gelîche/ diu lant wâren undertân.) 10 . Dido plant, ihr Reich zu vergrößern und strebt danach, sich andere Länder untertan zu machen. Wegen ihrer großen Klugheit und ihrer Macht wird sie in anderern Reichen gefürchtet (Michel was ir wîstûm./ si hete grôzen rîchtûm:/ des vorhte man si sêre.) 11 . Macht und Reichtum demonstriert Dido in Karthago durch prächtige, aus Marmor erbaute Paläste, breite Straßen und schöne Häuser.
Gegenüber den trojanischen Gästen verhält sich Dido sehr großzügig und lässt sie an dem Überfluß, in dem sie lebt, teilhaben (man enmohte niht gezellen/ diu rihte
7 S.20/22
8 S.24
9 S.34
10 S. 28
11 S.28
Arbeit zitieren:
Katrin Sümper, 2002, Minnebeziehungen in Heinrich von Veldekes Eneasroman, München, GRIN Verlag GmbH
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