INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung 4
2. Der ökonomische Ansatz. 10
2.1. WURZELN UND VARIANTEN DES ÖKONOMISCHEN VERHALTENSMODELLS 10
2.2. DAS KONZEPT DER HAUSHALTSPRODUKTIONSFUNKTIONEN NACH GARY S. BECKER. 11
2.3. DAS KLASSISCHE MODELL DES HOMO OECONOMICUS. 13
2.3.1. Das Individuum als Analyseeinheit 13
2.3.2. Anreize als Determinanten menschlichen Verhaltens. 15
2.3.3. Präferenzen und Restriktionen 15
2.3.4. Individuen verhalten sich eigennützig 16
2.3.5. Der mögliche Handlungsraum wird determiniert durch Einschränkungen. 17
2.4. RATIONALITÄT. 17
2.5. KOSTEN-NUTZE-NANALYSE 19
2.6. ENTSCHEIDUNG. 20
2.7. REGELN. 22
3. Der soziologische Ansatz 23
3.1. WURZELN UND VARIANTEN DES RATIONAL-CHOICE-ANSATZES IN DER SOZIOLOGIE 23
3.2. DAS SOZIOLOGISCHE MODELL NACH HARTMUT ESSER. 24
3.2.1. Die Logik der Situation. 27
3.2.2. Die Logik der Selektion 29
3.2.3. Die Logik der Aggregation 29
3.2.4. Die Definition der Situation. 30
3.2.5. Rahmung / Framing. 32
3.3. DAS KONZEPT DER SOZIALEN PRODUKTIONSFUNKTIONEN 33
3.3.1. Das Problem der abnehmenden Abstraktion 36
3.3.2. Kriterien und Regeln der Modellierung sozialer Prozesse. 36
3.3.3. Das SRSM-, OSAM- und SSS-MModell und die Modellierung sozialer Prozesse. 37
3.3.4. Das RREE-MMModell nach Siegwart Lindenberg. 39
3.4. ENTSCHEIDUNGSTHEORIEN BZW. SELEKTIONSREGELN 41
3.4.1. Die Theorie des subjektiv erwarteten Nutzens (SEU-Theorie bzw. Wert-Erwartungs-Theorie) 41
3.4.2. Die Einstellungstheorie 43
3.4.3. Die Prospekttheorie. 43
4. Zusammenfassender Vergleich der beiden Ansätze. 45
4.1. RATIONAL CHOICE-THEORIEN 45
4.2. ÖKONOMISCHER ANSATZ. 47
4.3. SOZIOLOGISCHER ANSATZ 49
4.4. BEGRÜNDUNG FÜR DIE AUSWAHL DES MODELLS AUF ANALYSEEBENE. 50
4.5. PROBLEME UND ERWEITERUNGEN DER BEIDEN MODELLE 52
4.6. RATIONALITÄT UND ENTSCHEIDUNG 52
4.6.1. Unvollständige Rationalität. 53
4.6.2. Begrenzte Rationalität 57
4.6.2.1. Die Theorie der Anspruchsanpassung 59
4.6.3. Kritische Würdigung der Konzeptionen von unvollständiger und begrenzter Rationalität 59
4.7. DIE THEORIE ÖFFENTLICHER GÜTER, TRITTBRETTFAHRERPROBLEMATIK (FREE -RIDER-DILEMMA) 61
4.8. ALTRUISMUS. 64
4.9. DAS PROBLEM DER VERSUNKENEN KOSTEN 68
4.10. ENTSCHEIDUNGEN IN LOW-COST BZW. HIGH-COST SITUATIONEN 69
5. Selbstmordterrorismus als strategische Entscheidung 72
5.1. ZUM BEGRIFF DES SELBSTMORDTERRORISMUS. 72
5.1.1. Eine Definition von Terrorismus 72
2
5.1.2. Terrorismus als strategische Entscheidung. 73
5.1.3. Die Definition von Selbstmordterrorismus 76
5.1.4. Selbstmordterrorismus als strategische Entscheidung 77
5.1.4.1. Charakteristika von Selbstmordterrorismus 78
5.1.4.2. Zur Geschichte des Selbstmordterrorismus 79
5.1.4.3. Terroristische Vereinigungen die mit Selbstmord-attentaten operieren 81
5.1.4.4. Anschläge durch Selbstmordattentäter 82
5.1.4.5. Profile von Selbstmordattentätern 83
5.1.4.5.1. Demographische Variablen. 84
5.1.4.5.1.1. Alter. 84
5.1.4.5.1.2. Familienstand 84
5.1.4.5.1.3. Geschlecht 84
5.1.4.5.1.4. Sozio-ökonomische Faktoren 85
5.1.4.5.1.5. Sonstige relevante Faktoren. 86
5.1.4.5.1.6. Persönliche und psychopathologische Faktoren 88
5.1.4.6. Ergebnisse 89
5.1.4.6.1. Indoktrination. 89
5.1.4.6.2. Gruppenverpflichtung 90
5.1.4.6.3. Persönliche Verpflichtung. 90
5.1.4.6.4. Öffentliche Unterstützung für Selbstmordattentate. 91
6. Anwendung des theoretischen Modells auf
Selbstmordterrorismus als rationale Entscheidung 91
6.1.1. Vorbemerkungen. Fehler Textmarke nicht definiert.
6.1.2. Vorgehensweise 92
6.1.2.1. Soziale Situation 1. 93
6.1.2.1.1. Kulturelle Wurzeln. 93
6.1.2.1.2. Soziale, politische und ökonomische Ursachen 94
6.1.2.1.3. Religiöser Extremismus 95
6.1.2.2. Ergebnisse Soziale Situation 1 96
6.1.2.3. Alternativen. 96
6.1.2.4. Kosten 97
6.1.2.5. Nutzen 100
6.1.2.6. Ergebnisse der Kosten-Nutzen-Abwägung 102
6.1.2.7. Anwendung der Selektionsregel. 102
6.1.2.8. Tiefenerklärungen 102
6.1.2.8.1. Psychologische Faktoren. 103
6.1.2.9. Soziale Situation 2. 104
6.1.2.10. Ergebnisse Soziale Situation 2 104
6.1.2.11. Variablen. 105
6.1.2.12. Hypothesen 105
7. Ausblick. 106
Group 107
Nationality 107
Motivation 107
Period. 107
8. Literaturverzeichnis 108
3
1. Einleitung
Das Phänomen der Selbstmordattentate hat seit dem 11. September 2001 eine neue Dimension erlangt. Durch den Anschlag auf das World Trade Center, bei dem Tausende von Unschuldigen ums Leben kamen, kann man von einer neuen Eskalationsstufe des Terrorismus auf internationaler Ebene sprechen. Journalisten, Politiker und Psychologen zeichnen seither das Bild:
„Selbstmordattentäter seien Fanatiker, Verrückte. Sie glaubten daran, hieß es, himmelwärts ins Paradies zu fahren, denn dort warteten in der Vorstellung dieser Fanatiker bereits 72 Jungfrauen.“ 1
Dabei wird den Ursachen, wie es dazu kommen kann, dass Menschen ihrem eigenen Leben so wenig Wert beimessen, dass sie es nur noch als Waffe benutzen wollen, nur wenig Beachtung geschenkt. Nur allzu gern beschränkt man sich mit den Erklärungen, dass Versprechungen wie etwa der Aufstieg ins Paradies, in dem 72 Jungfrauen 2 auf den Märtyrer warten, sowie die Möglichkeit bei ´Allah´ Fürsprache für 72 seiner engsten Freunde und Verwandten halten zu dürfen, ausreichen um die Motivation zur Selbstopferung zu schaffen. Den Grund hierfür fasst m.E. Christoph Reuter treffend zusammen, wenn er anmerkt, dass:
„ (...) es in jeder Zeitungsgeschichte hübsch klingt, dass wieder so ein 17-, 18-jähriger, zweifellos sexuell frustrierter Palästinenser ohne Freundin daran geglaubt habe, mit einem Knopfdruck das Elend mit der Orgie vertauschen zu können.“ 3 Gern wird übersehen, dass eine der ersten Nationen, die mit Selbstmordattentaten operierte, Japan war. Dabei konnten sich die Kamikazeflieger im Zweiten Weltkrieg weder auf das Paradies und die dort angeblich wartenden 72 Jungfrauen berufen, noch
1 Reuter, Christoph (2003): Mein Leben ist eine Waffe: Selbstmordattentäter: Psychogramm eines
Phänomens, München, 2002, S.13
2 Interessanterweise ist die Übersetzung des hier gemeinten Begriffs ´Huri´ nicht bei allen Muslimen
anerkannt. So ist z.B. Dr. Maher Hathout vom Islamischen Zentrum Südkaliforniens der Meinung, es
bedeutet ´Engel´ oder ´himmlisches Wesen´ und habe somit weder ein Geschlecht noch überhaupt etwas
mit Sexualität zu tun. Vgl. Reuter (2002): S. 261
3 Reuter (2002): S. 263
4
existiert in der japanischen Kultur der Begriff des ´Heiligen Krieges´. Dennoch gibt es interessante Parallelen zu den Suizidanschlägen im Nahen Osten. 4
Eine Analyse diese Phänomens muss m.E. über individualpsychologische Deutungsmuster hinausgehen 5 . Sie vermögen zwar einen Einblick in die Motivlage der Individuen zu geben, jedoch reichen sie nicht aus, um zu erklären warum zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten Selbstmordattentate begangen werde und warum einige terroristische Organisationen auf diese extremen Mittel zurückgreifen andere jedoch nicht. So stimme ich mit Christoph Reuter überein, wenn er schreibt: „Ein Handeln, dass sich eben nicht erklären lässt allein aus den Einzelbiografien der Täter, ihren individuellen Erfahrungen oder einer persönlich hoffnungslosen Lage. Es kommen Traditionsbedingungen hinzu wie das Einstehen für die Gemeinschaft, die Familie, den Clan, der Vorrang der Gruppe vor dem Individuum.“ 6 Problemstellung dieser Arbeit ist es, das Phänomen des Selbstmordterrorismus aus der Perspektive der Theorie der rationalen Wahl 7 zu beleuchten. Dabei geht es um die Anwendung einer deskriptiven Entscheidungstheorie. 8 mit deren Hilfe die soziale Zusammenhänge und Prozesse erklärt werden sollen, die zu Selbstmordattentaten führen.
Von besonderer Brisanz ist vor allem die Frage, wie es möglich ist, unter Abwägung von Nutzenargumenten zu der Entscheidung zu kommen, sich selbst und andere mittels einer Bombe zu töten. Aus rationalen Erwägungen scheint diese Entscheidung im ersten
4 Eine ausführliche Darstellung der Geschichte der Selbstmordattentate findet sich bei: Croitoru, Joseph
(2003): Der Märtyrer als Waffe - Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats, München / Wien,
2003
5 So bezweifle ich, dass es allein ein Phänomen wie der ´explosive Narzissmus´ ist, der sich für die
Entscheidung von Menschen, sich mit Hilfe einer Bombe zu sprengen, verantwortlich zeichnet. Zu
diesem Ergebnis kommt etwa der Psychologe Wolfgang Schmidtbauer. Vgl. Schmidbauer, Wolfgang:
Der Mensch als Bombe, Eine Psychologie des neuen Terrorismus, Reinbek bei Hamburg, 2003. Andere
Erklärungen verweisen auf Konzepte wie „Boderline-Persönlichkeit“ oder „präsuizidalem Syndrom“.
Vgl. Luczak/Kucklick/Reuter S. 264
6 Reuter (2002): S. 28
7 Innerhalb der Sozialwissenschaften existieren annähernd so viele Begrifflichkeiten für diese Theorie wie
es verschiedene Theoriefelder für diesen Ansatz gibt. Neben Theorie der rationalen Wahl spricht man
auch von Rational-Choice-Theorie, Nutzentheorie oder Rationalverhaltenstheorie. Im Folgenden werde
ich die Abkürzung RCT verwenden.
8 Der Soziologe Andreas Diekmann macht auf den Unterschied zwischen normativer und deskriptiver
Analyse aufmerksam. Seines Ermessens: „lautet die Frage nicht, wie Menschen gemäß einer bestimmten
Rationalitätsdefinition handeln sollen, sondern wie Akteure unter spezifischen Bedingungen in einer
Wahlsituation handeln werden.“ Diekmann, Andreas: HOMO ÖKOnomicus, In: Umweltsoziologie,
Sonderheft 36 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen, 1996, S. 92
5
Moment schwer nachvollziehbar. Gerade die Problematik einer scheinbar irrationalen Handlung, möchte ich jedoch im Sinne von Thomas S. Kuhn als Anomalie 9 innerhalb der Anwendung der RCT als Problemgegenstand wählen. Denn wenn mit dem Verweis auf die irrationale Handlung der Akteure ein Ergebnis feststehen würde, verböte sich z.B. jegliches Nachdenken über einen Prozess der politischen Versöhnung zwischen Israel und Palästina.
Im Rahmen dieser Arbeit verfolge ich nicht die Zielsetzung, die RCT gegen alle Vorwürfe und Kritikpunkte zu verteidigen. An den Stellen, wo es mir ratsam scheint, werde ich jedoch auf Argumente konkurrierender Ansätze verweisen. Zur Vorgehensweise
Zunächst werde ich das ökonomische Verhaltensmodell skizzieren. Aufbauend auf dem Konzept der Haushaltsproduktionsfunktionen des Nobelpreisträgers Gary S. Becker werde ich die wichtigsten Prämissen des ´homo-oeconomicus-Modells´ darstellen. Daran anschließend erfolgt eine Darlegung der Theorie der rationalen Wahl aus der Perspektive der Soziologie. Innerhalb des soziologischen Ansatzes werde ich mich vor allem auf die Theorie von Hartmut Esser beziehen. Meiner Ansicht nach stellt seine Theorie eine moderne Weiterentwicklung der klassischen RC-Modellierung dar. Hartmut Esser kann mit seiner Theorie m.E. am ehesten die Fragen beantworten, wie Akteure in Entscheidungssituationen das Kosten- und Nutzenverhältnis im Sinne ihrer Interessen definieren. Dies geschieht, wie ich noch zeigen werde, über die Einführung von Institutionen als generalisierte Handlungsmuster und von situationalen Interessen und Wissenskapazitäten, über die die Akteure verfügen. In diesem Zusammenhang werde ich auf das Konzept des ´Framing´ jedoch nur kurz eingehen, da es für meine Analyse keine weiterreichenden Erkenntnisse bringt. Im Anschluss an die Abbildung der beiden Theorien werde ich einen Vergleich vornehmen, der die Frage beantworten soll, welcher Ansatz die vielversprechenderen Anwendungsmöglichkeiten bietet und worauf sich diese Erkenntnis gründet.
9 Nach Kuhn beginnt eine Entdeckung: “mit dem Bewußtwerden einer Anomalie, das heißt mit der
Erkenntnis, das die Natur in irgendeiner Weise die von einem Paradigma erzeugten, die normale
Wissenschaft beherrschenden Erwartungen nicht erfüllt hat.“ Kuhn, Thomas J.: Die Struktur
wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt a.M., 1999, S. 65
6
Im nächsten Abschnitt werde ich Erweiterungen und Probleme, mit den sich die RCT im Allgemeinen auseinander zu setzen hat. Die wichtigsten im Hinblick auf diese Arbeit sind unter den Begriffen Rationalität und Entscheidung, Herstellung von Kollektivgütern, Altruismus sowie die Problematik der ´sunk-costs´ zu subsumieren. Daran anschließend werde ich im zweiten theoretischen Komplex dieser Arbeit Selbstmordterrorismus als Unterform von Terrorismus darstellen, die Begriffe definieren und ihre Ausprägungen erörtern.
Die abschließende Analyse hat zum Ziel, mit Hilfe des theoretischen Werkzeugs, welches im ersten Teil dieser Arbeit konzipiert wird, nach Variablen zu suchen, mit deren Hilfe eine theoretische Modellierung des RC-Modells mit Bezug auf das Phänomen des Suizidterrorismus als kollektivem Phänomen erfolgen könnte. Schließlich wird im Ausblick eine Diskussion der gewonnen Erkenntnisse erfolgen. Es werden Fragen formuliert, an die sich eine weitere Auseinandersetzung im Sinne dieses Forschungsgebietes ergeben könnten. Hier werde ich Hypothesen formulieren und die unabhängigen Variablen benennen, die sich aus meiner Analyse ergeben. Schwierigkeiten
Für diese Arbeit ergeben sich in Verbindung mit der gewählten Thematik folgende Schwierigkeiten. Zunächst stellt sich die Anwendung der RCT zur Erklärung eines solchen Phänomens schon als Herausforderung dar. Dies liegt zum einen darin begründet, dass es sich beim RC-Ansatz um kein einheitliches Theoriefeld handelt. Die Existenz unterschiedlichster Anwendungen und die Vielzahl von Bezugsmöglichkeiten machen einen Überblick über die gesamte Theorie der rationalen Wahl sehr schwierig. Ein Grund für die kritische Haltung vieler Sozialwissenschaftler ist sicherlich die Tatsache, dass die RCT nicht alle sozialen Phänomene gleich gut erklären kann. Die Politologin Ruth Zimmerling nennt diesen Ansatz:
7
„einen der derzeit umstrittensten theoretischen Ansätze in den Sozialwissenschaften“ 10 Material, welches sich der Problematik der Selbstmordattentate mit Hilfe des RC-Ansatzes nähert, ist nur unzureichend vorhanden. Zumindest sind theoretische Auseinandersetzungen, die sich mit anscheinend kostendominierten sozialen Situationen 11 befassen, dem Verfasser nicht bekannt.
Auch ist es aufgrund der Natur des Phänomens der Suizidattentate schwer, Datenmaterial oder Studien zur Thematik zu finden. Glücklicherweise kann ich hier auf eine Studie des Psychologen Ariel Merari von der Universität Tel Aviv zurückgreifen. Dieser hat Biografien von Selbstmordattentätern untersucht, und seine Ergebnisse werden im Rahmen meiner Analyse diskutiert. Das Ende der Geschichte oder ein Kampf der Kulturen?
Eine Diskussionen in die sich dieser Problemzusammenhang einordnen lässt, findet derzeit auch in der Politikwissenschaft statt. Hier stehen sich zwei gegensätzliche Entwürfe für die Zukunft der internationalen Politik gegenüber. Da ist zunächst das Werk Francis Fukuyamas 12 , der mit der Kapitulation der Sowjetunion als letztem großen konkurrierenden Systementwurf zum Kapitalismus ein Ende der Geschichte eingeläutet sieht. Von diesem ´idealistischen´ Bild zu unterscheiden ist der ´realistische´ Entwurf Samuel Huntingtons 13 , der mit seinem Konzept des Kampfes der Kulturen auf eine Neueinteilung der Weltordnung entlang der konfessionellen Grenzen abzielt. Danach wird die Zukunft geprägt sein von einer Auseinandersetzung des Islam mit dem ´christlichen Westen´. Diese Betrachtungsweise ist jedoch nicht unproblematisch und innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft höchst umstritten 14 . So merkt der Orientalist Guido Steinberg an, dass ein undifferenzierter Umgang mit den Begriffen
10 Zimmerling, Ruth: ´Rational-Choice´-Theorien: Fluch oder Segen für die Politikwissenschaft?,
Opladen, 1994, S. 14
11 Eine Ausnahme ist hier die aktuelle Diskussion von high-cost- und low-cost-Situationen im Bereich der
Umweltsoziologie. Diese wird im Kapitel Entscheidungen in low-cost bzw. high-cost Situationen
thematisiert. (Anm. d. Verf.)
12 Fukuyama, Francis: Das Ende der Geschichte: wo stehen wir? München, 1992
13 Huntington, Samuel: Der Kampf der Kulturen: die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert,
München, 1996
14 Ein Problem dieses Ansatzes ist sicherlich die fehlende Differenzierung zwischen Islam als
Weltreligion und Islamismus als radikal-politischer Strategie. Deshalb werde ich im Abschnitt religiöse
Motive eine Differenzierung zwischen Islam, Islamismus und islamistischen Terrorismus vornehmen.
8
Islam, Islamismus und islamistischer Terrorismus zu einer ´self-fulfilling-prophecy´ im Hinblick auf die Ergebnisse Huntingtons führen kann. 15
In diesem Zusammenhang verfolgt diese Arbeit auch das Ziel, die Handlungen von Selbstmordattentätern etwas differenzierter zu betrachten, als es aus der Lesart des Terrorismusexperten Rolf Tophoven hervorgeht, wenn er schreibt: „denn in diesem Tätertyp triumphiert nicht nur religiöser Eifer und fundamentalistisches Gedankengut; es triumphiert vor allem ein Irrationalismus, der mit den Maßstäben des abendländisch orientieren Kulturkreises nicht mehr zu messen ist.“ 16
Es wird sich zeigen, dass für das Phänomen der Selbstmordattentate von einer Rationalität 17 ausgegangen werden kann. Diese Rationalität ist allerdings geprägt von Faktoren, die sich nur erschließen, wenn man die komplexen Zusammenhänge ergründet, die den Motivationen und dem Verhalten der Täter innewohnen. So wird am Ende meiner Arbeit das Fazit stehen, dass es sich bei Selbstmordattentaten um ein modernes Phänomen handelt, das sich weder allein auf traditionelle Glaubensüberzeugungen, eine bestimmte Kultur oder individuellen Mängel in den psychischen Dispositionen reduzieren lässt, sondern dass im Anschluss an den Islamwissenschaftler Christoph Reuter von einer „Kosten-Nutzen-Rechnung einer Gesellschaft am Rande des Abgrunds“ 18 gesprochen werden kann.
15 vgl. Steinberg, Guido: Islamismus und islamistischer Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten -
Ursachen der Anschläge vom 11. September 2001, Sankt Augustin, 2002, S. 14
16 Tophofen, Rolf: Sterben für Allah: Die Schiiten und der Terrorismus, Herford, 1991, S. 108
17 So versucht etwa der Direktor des Instituts für Politik und Strategie in Herzliya, Uzi Arad, die
Parallelen zur Rationalität der Abschreckung, welches 40 Jahre lang Gültigkeit in der Doktrin der
Weltpolitik hatte aufzuzeigen: „Schließlich beruhte doch das gesamte Konzept der atomaren
Abschreckung nach dem Zweiten Weltkrieg auf der Androhung eines institutionalisierten Selbstmordes.
Es war paradox aber es funktionierte.“ Reuter (2002): S. 365
18 Reuter (2002): S. 184
9
2. Der ökonomische Ansatz
In den Wirtschaftswissenschaften hat sich in den letzten Jahrzehnten eine „andere Volkswirtschaftslehre 19 “ herausgebildet, welche die Zielsetzung verfolgt, Gegenwartsprobleme der Gesellschaft aus ökonomischer Perspektive zu analysieren. Diesen Bereich nennt Gebhard Kirchgässner ´Professor für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie´ Ökonomik 20 : jenes Gebiet der Wirtschaftswissenschaften, deren Forschungsbereich die Erklärung menschlichen Verhaltens unter rationalen Gesichtspunkten ist. Dabei hat sich dieser Zweig der Ökonomie auf Bereiche ausgedehnt, die im klassischen Verständnis keine ökonomischen Domänen sind, wie z.B. die ökonomische Theorie des Bildungsverhaltens, der Familie, der Kriminalität, der Diskriminierung, und des Drogenkonsums 21 .
Durch die Einführung eines Menschenbildes, das wesentlich von dem der Soziologie, Psychologie oder Politikwissenschaft abweichen soll, versucht das ökonomische Verhaltensmodell alternative Erklärungsmuster zu liefern. Allerdings darf, wie einleitend schon beschrieben, nicht übersehen werden, dass es viele Anknüpfungspunkte zu psychologischen Modellen gibt. So merkt der Ökonom Bruno S. Frey an:
„Das ökonomische Modell menschlichen Verhaltens ähnelt stark einem bestimmten psychologischen Modell, nämlich dem Verhaltensmodell der Sozialpsychologie.“ 22 Die Wurzeln des ökonomischen Ansatzes zur Erklärung menschlichen Verhaltens lassen, sich nach Frey schon im Werk von Adam Smith 23 ausfindig machen. Eben dort
19 Frey, Bruno S.: Ökonomie ist Sozialwissenschaft: die Anwendung der Ökonomie auf neue Gebiete,
München, 1990, S. V
20 Kirchgässner, Gebhard: Homo oeconomicus: das ökonomische Modell individuellen Verhaltens und
seine Anwendung in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Tübingen, 1991, S. 2
21 Habisch, André: ´Extending Capital Theory´ - gesellschaftspolitische Implikationen eines theoretischen
Forschungsprogramms, Tübingen, 1998, S. 31
22 Frey (1990): S. 21
23 Smith, Adam: Der Wohlstand der Nationen : eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, 10.
Aufl., München, 2003
10
identifiziert Frey die wichtigsten Prämissen des ökonomischen Verhaltensmodells, wenn er schreibt:
„Die Elemente des methodologischen Individualismus, der Glaube an die Existenz von Gesetzmäßigkeiten (nomologische Orientierung), das Eigeninteresse als Triebkraft, die Bedeutung von Institutionen zur Beeinflussung menschlichen Verhaltens (..) [lassen] 24
sich bereits im klassischen Erkenntnisprogramm [finden].“ In der ökonomischen Literatur wird die handlungstheoretische Perspektive mit verschiedenen Begrifflichkeiten versehen. Außer dem Ökonomischen Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, sind dies die ´Theorien der Neuen Welt der Ökonomie´; der ´Außermarktlichen Ökonomie´, der ´Neuen Politischen Ökonomie´; die ´vergleichende Analyse von Institutionen´ bzw. ´Institutional Choice´, sowie die ´Theorie des Neuen Institutionalismus´. 25
Die Bearbeitung sozialwissenschaftlichen Felder durch die Ökonomik befürwortet auch der Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson, denn:
„Economic (more precisely micro-economic) theory is in a fundamental sense more nearly a theory of rational behavior than a theory of material goods.” 26
2.2. Das Konzept der Haushaltsproduktionsfunktionen nach
Gary S. Becker
Der Nobelpreisträger und Ökonom Gary S. Becker kann als Vater der ökonomischen Verhaltenstheorie angesehen werden. Er formulierte das Konzept der Haushaltsproduktionsfunktionen, um, im Rahmen seiner ökonomischen Theorie der Familie, der Anomalie zu begegnen, nach der mit steigendem Einkommen die Fertilitätsrate in den USA dramatisch gesunken war.
Innerhalb der traditionellen ökonomischen Theorie sind Akteure lediglich passive Konsumenten von Gütern und Dienstleistungen. Die Bestrebungen der Maximierung des Nutzens wird von den Akteuren über den Erwerb von Marktgütern bewerkstelligt.
24 Frey (1990) : S. 10
25 Vgl. hierzu u.a. Becker (1982), McKenzie/Tullock (1988), Kirchgässner (1988), Bombach (1977/78),
Boettcher (1983), Lindenberg (1985), Schenk (1985), Coase (1984), Furobotn/Richter (1984).
26 Olson, Mancur: Economics, Sociology, and the best off all possible Worlds, Aldershot, 1991, S.54
11
Dabei sehen sich Individuen lediglich den monetären Einkommensrestriktionen gegenüber. Die vollständige Erklärung des Verhaltens von Akteuren erfolgt also über die Variablen Einkommen, Preise und Präferenzen 27 . Allerdings gingen damit Probleme einher.Zur Erklärung verschiedener Präferenzen und Personengruppen benötigte man zusätzliche Variablen 28 , für die innerhalb des klassischen theoretischen Konzepts kein Platz vorgesehen war.
Die Lösung dieses Problems versuchte Gary Becker zu erreichen, in dem er eine neue Form von Gütern einführte: die ´commodities´ 29 . Diese Güter können jedoch nicht auf einem Markt erworben, sondern müssen selbst hergestellt werden, wobei jeder Haushalt die Rolle einer kleinen Fabrik übernimmt. Bei der Herstellung der ´commodities´ sind Marktgüter, Zeit und individuelle Fähigkeiten die entscheidenden Terme. Da diese Güter nicht ge- und verkauft werden, haben sie auch keine Marktpreise, sondern werden durch Schattenpreise 30 bzw. Opportunitätskosten quantifiziert.
Diese Annahmen ergeben für die eben erwähnte Anomalie die folgende Erklärung. Personen, die bei ihrem ausgeübten Beruf einen hohen Stundenlohn erzielen, haben bei zeitaufwendigen Tätigkeiten hohe Schattenpreise zu berücksichtigen. Wenn man weiter davon ausgeht, dass z.B. Kindererziehung eine sehr zeitaufwendige Angelegenheit ist, wird deutlich das die Kosten von Kindern gerade bei gut verdienenden Personen steigen.
Zusammengefasst ist die Leistung Gary S. Beckers, die Erkenntnis, dass mit Hilfe seines theoretischen Modells das Verhalten nun auf gesellschaftliche Produktionsprozesse zurückgeführt werden konnte. D. h. durch die Betonung der Einkommens- und Preiseffekte gegenüber den angenommenen Präferenzen können diese nun auf Unterschiede innerhalb der individuellen Produktionsprozesse der ´commodities´ zurückgeführt werden.
27 Becker, Gary S.: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, Tübingen, 1982, S.
146
28 Hier zu nennen sind Variablen wie Alter, Familienstand, Bildung, Beruf u.a.m.
29 Hierzu zählt er Gesundheit, Anerkennung und Sinnfreuden.
30 Der Schattenpreis einer Tätigkeit ist das entgangene Einkommen, welches der Akteur bei Ausübung
einer Erwerbstätigkeit erhalten hätte.
12
2.3. Das klassische Modell des homo oeconomicus
In den folgenden Abschnitten möchte ich das Modell des homo oeconomicus vorstellen und auf die jeweils zentralen Annahmen näher eingehen. Nach Bruno S. Frey 31 lässt sich das Handeln des Menschen durch fünf Elemente kennzeichnen.
2.3.1. Das Individuum als Analyseeinheit
Das erste Element besagt, dass als Analyseeinheit nur der einzelne Akteur in Frage kommen kann. Diese Herangehensweise folgt dem Konzept des Methodologischen Individualismus, bei dem davon ausgegangen wird, dass Gruppenverhalten das Resultat individueller Entscheidungen ist, und deshalb das Individuum zentraler Ausgangspunkt für die ökonomische Analyse sein muss. So auch die Argumentation der Ökonomen Richard B. McKenzie und Gordon Tullock:
„... wenn wir Gruppenverhalten verstehen wollen, wir zunächst das Verhalten der Individuen verstehen müssen, die die Gruppe ausmachen. Wir gehen davon aus, daß nur Individuen handeln können.“ 32
Der Politikwissenschaftler Reinhard Zintl sieht eine prognostische Überlegenheit von Theorien, welche Regelmäßigkeiten auf der Mikroebene erfassen können, denn: „Regelmäßigkeiten auf der Makroebene müssen ihre Grundlage in Regelmäßigkeiten auf der Mikroebene, der Ebene individuellen Verhaltens haben.“ 33 Allerdings darf diese Betrachtungsweise nicht gleichgesetzt werden mit einer Theorie vereinzelter oder isolierter Individuen, denn es ist mit dem methodologischen Individualismus durchaus vereinbar, dass sich Menschen in Gruppenkontexten anders verhalten als im Rahmen von isolierten Situationen 34 .
31 Frey (1990): S. 4 - 8
32 McKenzie, Richard B., Tullock, Gordon (1984): Homo oeconomicus: ökonomische Dimensionen des
Alltags, Frankfurt a.M., 1984, S. 28
33 Zintl, Reinhard (1991): Wahlsoziologie und individualistische Theorie - der ökonomische Ansatz als
Instrument der Mikrofundierung von Aggregatanalysen, Bonn, 1991, S. 205
34 Vgl. Kirchgässner (1991): S. 24
13
Obwohl das ökonomische Verhaltensmodell ursprünglich der Mikroökonomie entstammt, setzt sich diese Sichtweise mittlerweile auch in weiten Teilen der Makroökonomie durch, denn:
„Sowohl die (eher links orientierte) >Neue (keynesianische) Makroökonomik< als auch die (eher konservativ orientierte) >Neue klassische Makroökonomik< verwende heute eine solche >Mikrobasis<, d.h. sie gründen ihre theoretischen Überlegungen auf die Annahme individuell rationalen Verhaltens der Wirtschaftssubjekte.“ 35 Ein wesentlicher Unterschied zu (neo)klassischen mikroökonomischen Modellen vollständiger Konkurrenz besteht in der Annahme, dass die Marktteilnehmer nicht perfekt informiert 36 sind und Transaktionskosten auftreten. 37 Diese beiden Annahmen sind es auch, die Kirchgässner von einer „modernen Version“ 38 des homo oeconomicus sprechen lassen.
Für eine adäquate Analyse von Verhaltensänderungen ist im Rahmen der Ökonomik eine Aggregation 39 der gewonnen Erkenntnisse auf Individualebene von Nöten. Denn die Ökonomie interessiert sich weniger für die Ergebnisse individueller Handlungen, als vielmehr für das Verhalten größerer Gruppen. Diese Größeren Gruppen können Konsumenten, Unternehmen oder Wähler sein und werden als Aggregate bezeichnet. So macht Gebhard Kirchgässner auf diese zentrale Aufgabe der Sozialwissenschaften noch einmal aufmerksam, wenn er anmerkt:
„Nur so können von den einzelnen Individuen nicht intendierte soziale Folgen individueller Handlungen erfasst werden, welche zu einer spontanen Ordnung führen.“ 40
35 Kirchgässner (1991): S. 93
36 Kirchgässner betont, dass Informationen im hier gebrauchten Sinne nicht nur unvollständig, sondern
häufig auch ungleich verteilt sind. Kirchgässner (1991): S. 72
37 Vgl. hierzu die zusammenfassende Gegenüberstellung des ökonomischen Verhaltensmodells mit dem
Modell nach Hartmut Esser in Abschnitt IV.
38 Kirchgässner (1991): S. X
39 Diese Aggregation ist Bestandteil jeder RC-Variante. Im Kapitel der soziologische Ansatz nach
Hartmut Esser werde ich diesen Punkt noch einmal genauer aufgreifen.
40 Damit wird genau auf das Problem bezug genommen, dass kein Individuum handelt um damit einen
Marktmechanismus in Gang zu setzen. Allerdings werden durch die Handlungen der Marktteilnehmer -
intendiert oder unintendiert- eben solche Mechanismen in Gang gesetzt. Vgl. Kirchgässner (1991): S. 22
14
2.3.2. Anreize als Determinanten menschlichen Verhaltens
Das zweite Element innerhalb des ökonomischen Verhaltensmodelles rekurriert darauf, dass Menschen in systematischer und somit auch vorhersagbarer Art und Weise auf bestimmte Situationen oder Problemstellungen reagieren. Diese Situationen und Problemstellungen wirken in Form von Anreizen auf das Individuum ein. Dem Individuum ist es möglich nach Problemlösungen zu suchen, und dabei seine Erwartungen 41 einzubeziehen. Außerdem ist der Mensch in der Lage zwischen den Vor-und Nachteilen der sich ihm bietenden Alternativen abzuwägen. Die soeben beschriebenen Anreize werden ihrerseits beeinflusst durch Präferenzen und Restriktionen.
2.3.3. Präferenzen und Restriktionen
Die Präferenzen werden in der ökonomischen Analyse mit dem Wertesystem des Individuums gleichgesetzt. Jede mögliche ausführbare Handlung besitzt für das Individuum einen bestimmten Nutzwert. Anhand dieser Nutzwerte kann das Individuum seine Handlungsalternativen nach dem Grad des Wertes gewichten und in eine systematische Reihenfolge bringen.
Restriktionen werden in der Ökonomie als Beschränkung der Möglichkeit, sich mit individuellen Gütern versorgen zu können interpretiert 42 . Ferner zählen nach Gebhard Kirchgässner auch soziale Institutionen zu den Restriktionen, da diese das Handeln des Individuums determinieren. 43 Ein wichtiger Aspekt ist hier, dass die Ökonomik zwischen Präferenzen und Restriktionen eine strikte Trennungslinie zieht 44 . Im ökonomischen Verhaltensmodell werden Verhaltensänderungen fast ausschließlich durch Änderungen auf der Restriktionsebene erklärt. Das liegt daran, dass Präferenzen deutlich stabiler sind und Veränderungen sich relativ langsam vollziehen. 45 Genau hier
41 Dabei bezieht das Individuum natürlich auch ein, dass es in der Zukunft Erwartungen haben wird. So
können etwa nicht sämtliche Ressourcen für sofortigen Konsum verbraucht werden.
42 Dies können Preise, Einkommen und Erstausstattungen mit Ressourcen sein. Vgl. Kirchgässner (1991):
S. 72
43 So bestehen für Kirchgässner Institutionen vor allem aus Rechtsvorschriften oder werden zumindest
von diesen beeinflusst. Er verweist hier auf die Ansätze der >Neuen Institutionenlehre< und die >neue
institutionelle Ökonomie< deren Zielsetzung es ist, die Wirkungsweise sozialer Institutionen auf den
Wirtschaftsablauf zu untersuchen. Kirchgässner (1991): S. 72
44 Dies macht nach Kirchgässner einen wichtigen Unterschied zu anderen sozialwissenschaftlichen
Ansätzen, z.B. der traditionellen Soziologie aus. Vgl. Kirchgässner (1991): S. 13
45 Kirchgässner (1991): S. 26
15
ist eine wichtige Fehlerquelle zu vermuten. Präferenzänderungen sind schwer bzw. gar nicht messbar, weshalb nur Veränderungen auf der Restriktionsebene für Verhaltensänderungen verantwortlich gemacht werden können. Einschränkungen bzw. Restriktionen werden in der ökonomischen Analyse zwar vorwiegend in Geldeinheiten gemessen, z.B. Einkommen, sowie Güter- oder Dienstleistungspreise, allerdings wird ebenso der Zeitfaktor, welcher für das Ausführen von Konsumhandlungen oder Handlungen generell benötigt wird, berücksichtigt. Unterschieden werden vor allem die Art der Kosten, die sich für das Individuum ergeben können. Dies sind monetäre Kosten, also Kosten, die direkt in Geldeinheiten erfasst werden können und sonstige Kosten. Zu diesen zählen neben den Opportunitätskosten und Transaktionskosten auch psychische Kosten. Dabei entstehen Opportunitätskosten, wenn durch die Verwendung von Ressourcen der Konsum anderer Güter ausgeschlossen wird. Transaktionskosten entstehen weil Individuen sich nur zum Teil mit den benötigten Gütern selbst versorgen können. Da die Versorgung mit anderen Gütern mit dem Überschreiten der persönlichen Sphäre einhergeht, spricht man von Transaktionen. Zu den Transaktionskosten zählen u.a. die Kosten der Informationsbeschaffung und -verarbeitung, der Entscheidungsfindung und -koordination sowie der Verhaltenskontrolle und -sanktionierung. Psychische Kosten entstehen dem Individuum, wenn es bewusst von internalisierten Normen abweicht 46 .
Somit kann allgemein gesagt werden, dass sich Individuen einer permanenten Beschränkung ihrer Möglichkeiten gegenübersehen (Gesamteinkommensrestriktion bzw. Budgetrestriktionen), d.h. sie können mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Budget zwar einige, nie jedoch alle Bedürfnisse befriedigen.
2.3.4. Individuen verhalten sich eigennützig
Das Eigennutzaxiom besagt, dass sich der Mensch dauerhaft nur an seinen eigenen Interessen orientiert. Dies bedeutet, dass für die Wahl der Handlung nur eigene Präferenzen und Restriktionen eine Rolle spielen. Zwar geht das ökonomische
46 Der Begriff der psychischen Kosten geht zurück auf die von Leon Festinger entwickelte Theorie der
kognitiven Dissonanz. Die Verwendung psychischer Kosten ist jedoch umstritten. Wenn man psychische
Kosten nämlich als eine Art Restgröße innerhalb des Rational-Choice-Ansatzes verwendet, kann damit
jedes Verhalten erklärt werden und keines ausgeschlossen. Vgl. Kirchgässner (1991): S. 59
16
Verhaltensmodell auch von sozialen Orientierungen aus, allerdings sind diese schon in den Präferenzen enthalten. Zusammenfassend heißt das, dass der Akteur die Interessen anderen Akteure nur insofern mit einbezieht, wie sie seinen Handlungsspielraum, also seine Präferenzen oder Restriktionen, betreffen.
Im Anschluss an Gary S. Becker sind die wichtigsten Determinanten innerhalb der ökonomischen Erklärung menschlichen Verhaltens das verfügbare Einkommen, die relativen Güterpreise, sowie die zum Konsum und Handeln benötigte Zeit. Aus diesen fünf Elementen lässt sich nach Bruno S. Frey ein zentrales Gesetz, dass verallgemeinerte Nachfragegesetz ableiten. Nach diesem geht mit einer Preiserhöhung eines Gutes bzw. einer Aktivität der Konsum dieses Gutes zurück bzw. wird die Aktivität weniger häufig ausgeführt.
Allerdings weist Frey auch darauf hin, dass dieses Gesetz auf einer marginalen Substitution beruht. Eine Änderung der relativen Preise zieht somit keine plötzliche Veränderung im Verhalten der Individuen nach sich. Vielmehr geschieht diese Änderung über einen gewissen Zeitraum und passt sich der neuen Situation nach und nach an. 47
Richard B. McKenzie und Gordon Tullock sehen die Anwendbarkeit des Gesetzes der Nachfrage nicht nur auf Güter und Dienstleistungen, die auf Märkten ausgetauscht werden beschränkt. Vielmehr gilt dieses Gesetz auch für:
„Güter wie Liebe, Ehrlichkeit, Rendezvous, die Geschwindigkeit auf Autobahnen, Babys und das Leben selbst.“ 48
2.4. Rationalität
47 Frey (1990): S. 7
48 McKenzie/Tullock (1984): S. 37
17
Im Folgenden werde ich einige meines Ermessens wichtige Zusatzannahmen, die innerhalb des ökonomischen Verhaltensmodells zu berücksichtigen sind darstellen. Dabei werde ich kurz auf die folgenden Konzeptionen eingehen: Rationalität, die Bedeutung von Kosten-Nutzen-Analysen, Entscheidungen innerhalb des ökonomischen Verhaltensmodells sowie die Bedeutung von Regeln innerhalb der Ökonomik. Ein zentraler Begriff im Rahmen der Analyse von menschlichem Verhalten ist der der Rationalität.
Sie ist nach McKenzie und Tullock durch ihre logische Konsistenz geprägt und sollte gewissen systematischen Anforderungen genügen. Menschen treffen eine rationale Auswahl aus alternativen Möglichkeiten und dies unabhängig vom jeweiligen Gegenstandsbereich 49 .
Eine andere Definition von Rationalität gibt Gebhard Kirchgässner. Für ihn bedeutet Rationalität lediglich, dass die Individuen prinzipiell in der Lage sind ihren Handlungsraum abzuschätzen, zu bewerten und dann nach ihrem relativen Vorteil zu handeln. 50 Er wendet sich damit explizit gegen das Zerrbild des perfekt informierten, in jedem Augenblick optimal handelnden Individuums 51 .
Auch der Ökonom Edward E. Williams schließt sich der kritischen Auseinandersetzung mit dem immer und zu jedem Zeitpunkt optimal handelnden Akteur an 52 , wenn er anmerkt:
“Nevertheless, it is becoming increasingly obvious from the research conclusions of other disciplines (psychology, philosophy, political science and, sociology in particular) that the simplistic notion of “economic man” posited so often in the economics literature, is more fancy than fact.” 53
Für den Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften Gary S. Becker stellt Rationalität ein Instrument zu Komplexitätsreduktion dar. Er führt den Begriff der ´alsob-Rationalität´ ein. Die Begründung hierfür liegt in dem Umstand, dass:
49 McKenzie/Tullock (1984): S.29
50 Vgl. Kirchgässner (1991): S. 17
51 Vgl. Kirchgässner (1991): S. 17
52 Für einen Überblick über die verschiedenen Erweiterungen des neoklassischen Rationalitätskonzepts
vgl. Williams, Edward E., Findlay, Chapman M., A Reconsideration of the Rationality postulate. ´Right
Hemisphere Thinking´ in Economics, Aldershot, 1991
53 Williams/Findlay (1991): S. 135
18
„Positive Einkommens- und negative Preiseffekte (..) sich (..) somit als eine Folge von Knappheit, nicht jedoch als Folge von Rationalität [erklären lassen], da sie auch aus 54
irrationalem Verhalten resultieren.“
Dieses Konstrukt besagt, dass sich der Haushalt oder das Individuum so verhalten, als ob sie ihre Nutzenfunktion rational maximieren. Mit Hilfe eines solchen Konstruktes lassen sich nach Becker erst empirische Aussagen auf analytischem Wege herleiten. Ob generatives Verhalten der Akteure durch bewusste, halbbewusste oder unbewusste Entscheidungen zustande kommt, ob es traditional oder emotional determiniert wird, kann offen bleiben.
Ein allgemein in den Wirtschaftswissenschaften verwendetes Konzept von Rationalität ist allerdings das des nutzenmaximierenden Egoisten.
Im Anschluss an die spieltheoretischen Ergebnisse, die das Programm ´TIT FOR TAT´ des Psychologen Anatol Rapoport zum Thema Defektion vs. Kooperation lieferte 55 , kommt Klaus-Dieter Lambert zu dem Schluss:
„Der wahre Egoist kooperiert, ist nicht neidisch und auch gar kein besonders raffinierter Stratege. Er ist umgänglich und freundlich, lässt sich aber auch nicht ausnutzen. Eigentlich ist der wahre Egoist also gar kein so ungenießbarer Zeitgenosse
56
wie ihn viele Kommunitaristen und andere Moralapostel so gerne beschreiben.“
2.5. Kosten-Nutzen-Analyse
Mit Hilfe der Kosten-Nutzen-Analyse werden die Vor- und Nachteile, die als Handlungskonsequenzen auftreten können, quantifiziert. Dabei geht man davon aus, dass Kosten und Nutzen nicht nur beim handelnden Individuum auftreten, sondern dass auch andere Gesellschaftsmitglieder im Sinne von Interaktionspartnern davon betroffen sind. Die Anwendung dieser Analyse vollzieht sich, indem versucht wird sämtliche Nutzenbeeinträchtigungen und Nutzensteigerungen in monetäre Einheiten
54 Pies, Ingo: Theoretische Grundlagen demokratischer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik - Der
Beitrag Gary S. Beckers, Tübingen, 1998, S. 9
55 Vgl. Axelrod, Robert (1995): Die Evolution der Kooperation, München, 1995
56 Lambert (2000): S. 77
19
umzurechnen. Im Anschluss daran können die Ergebnisse bewertet werden, seien diese nun positiv oder negativ. 57
In der traditionellen Ökonomie werden als Beispiele für solche Kosten-Nutzen-Analysen etwa die Anschaffung von Maschinen oder aber Investitionen im Allgemeinen zitiert. Solche Beispiele sind meist gut nachvollziehbar, weil sie sich in monetären Größen angeben lassen. Schwieriger wird dies natürlich, wenn es sich um menschliches Verhalten und eine dafür adäquate Analyse der Kosten und Nutzen handelt. Ein Beispiel für eine Kosten-Nutzen-Analyse aus dem Bereich der sozialen Beziehungen ist die Anbahnung einer Partnerschaft. Im Anschluss an den Volkswirtschaftler Karl-Hans Hartwig 58 bilden sich Partnerschaften, weil sich die Individuen durch Eingehen einer Beziehung eine Wohlfahrtsteigerung erhoffen. Diese Wohlfahrtssteigerung ist darauf zurückzuführen, dass die in der Partnerschaft produzierten ´heimischen Güter´ 59 von den Individuen allein nicht oder nicht so effizient hätten produziert werden können. Die Effizienz richtet sich dabei nach den Kosten, die für die Herstellung dieser materiellen aber auch immateriellen Güter hätten aufgewendet werden müssen.
2.6. Entscheidung
Im folgenden Abschnitt werde ich die wichtigsten Mechanismen der entscheidungstheoretischen Forschung kurz erläutern und ihren Einfluss auf das ökonomische Verhaltensmodell skizzieren. So wird z.B. gezeigt, dass die Entscheidung des Individuums nicht nur von seinen Informationen, Präferenzen und Restriktionen abhängt, wie das ökonomische Verhaltensmodell dies behauptet. In der Entscheidungsforschung assoziiert man mit dem Begriff der Entscheidung ein überlegtes, konfliktbewusstes, abwägendes und zielorientiertes Handeln. 60 Damit von
57 vgl. Schäfer, Hans-Bernd (1989): Die Ökonomisierung der Sozialwissenschaften, Frankfurt a.M., 1989,
172f.
58 Hartwig, Karl-Hans: Partnerschaften - Ökonomie zwischenmenschlicher Beziehungen, München,
1993, S. 35
59 Anhand dieses Begriffes ist zu erkennen, dass er sich an den vorangegangenen Arbeiten Beckers
orientiert.
60 Jungermann, Helmut (1998): Die Psychologie der Entscheidung: Eine Einführung, Heidelberg/Berlin,
1998, S. 3
20
einer Entscheidung gesprochen werden kann, muss ein Akteur in einer Situation mindestens zwischen zwei Optionen wählen können. Der Prozess der Entscheidung wird dabei in Beurteilungen / ´judgments´ und Wahlen / ´choices´ unterteilt. Entscheidungstheoretiker formulieren als Voraussetzung für Entscheidungen die Elemente Wissen, Motivation und Emotion. Wissen bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Akteur verstehen muss, welche Optionen vorgegeben sind. Weiter muss er seine Kenntnisse über Konsequenzen in ähnlichen Situationen einsetzen, um die Situation zu verstehen und eine nützliche Lösung herbeiführen zu können. Außer dieser Wissensaktivierung kommt der Komponente der Motivationsdynamik die Aufgabe zu, dass der Akteur das Problem selbst und nach seinen eigenen Vorstellungen lösen will. Emotionen sind die bisher am wenigsten untersuchten dieser drei Entscheidungskomponenten. Hier kann aber zumindest unterschieden werden, ob die aktuellen Stimmungen und Gefühle unabhängig von dem jeweiligen Entscheidungsproblem entstanden sind oder direkt mit den durch den Akteur erwarteten Handlungsfolgen verknüpft sind 61 .
In Abhängigkeit der Komponenten die in den Findungsprozess einfließen wird der Begriff Entscheidung in der psychologischen Forschung sehr stark differenziert. 62 Unterschiede hierbei sind u.a. die Merkmale von Entscheidungssituationen und die Art und der Umfang des kognitiven Aufwandes. So unterscheiden sich Entscheidungen beispielsweise danach, ob es sich um eine offene bzw. geschlossene Optionenmenge handelt, ob es einstufige oder mehrstufige Entscheidungen sind, ob sich die Entscheidungen wiederholen oder einmalig getroffen werden und ob es sich um routinisierte, stereotype, reflektierte oder konstruktive Entscheidungen handelt. Der Einfluss, den eine solche theoretische Erweiterung auf das ökonomische Verhaltenmodell hatte und noch hat, ist durch die Anomalien zu erklären, die den ökonomischen Modellierungen in empirischen Analysen oft nachhingen. 63
61 Jungermann (1998): S. 63f
62 Jungermann (1998); S. 25ff
63 Für einen Überblick über solche Anomalien sei auf den Band Psychologische Grundlagen der
Ökonomie (Fehr, Ernst, Schwarz, Gerhard (2002): Psychologische Grundlagen der Ökonomie: Über
Vernunft und Eigennutz hinaus, Zürich, 2002) verwiesen. Dort werden neuere Forschungsansätze
beschrieben, die u.a. zeigen, dass nicht nur eingeschränkte Rationalität, sondern auch Ungeduld,
Willensschwäche, intrinsische Motivationen, Fairness und Altruismus die ökonomischen Entscheidungen
von Individuen beeinflussen.
21
2.7. Regeln
Eine weitere wichtige Frage die sich bei Anwendung des ökonomischen Verhaltensmodells stellt, ist die Frage inwieweit sich der ´homo oeconomicus´ an Regeln orientiert.
Gebhard Kirchgässner widerspricht dabei der unter Nicht-Ökonomen verbreiteten Auffassung, Regeln würden durch den Akteur im Sinne des homo oeconomicus nicht befolgt. Vielmehr ist es auch innerhalb dieses Modells für den Akteur rational, sich an Regeln zu orientieren, weil in einer Welt die durch beschränkte Informationen und beschränkte Ressourcen geprägt ist, die Orientierung an Regeln als Vereinfachung gelten kann. Allerdings erfolgt innerhalb der ökonomischen Modellierung keine Absolutsetzung von Regeln. Vielmehr werden Regeln zur Entscheidungsfindung als Möglichkeit für das Sparen von Entscheidungs- und Informationskosten interpretiert 64 . Unterschieden wird zwischen internen Regeln und externen Regeln. Interne Regeln sind durch das Individuum selbst gesetzt und können bei Bedarf auch wieder geändert werden. Externe Regeln hingegen sind gesellschaftlich vorgegeben und das Individuum hat keinen Einfluss darauf. Es kann sich daran halten oder nicht. Solche gesellschaftlichen Regeln sind z.B. Rechtsvorschriften, deren Einhaltung von den Individuen erwartet wird und die somit weitere Restriktionen ihres Handelns darstellen 65 . Restriktionen sind diese Regeln deshalb, weil die Nichtbefolgung von Rechtsvorschriften ihrerseits ja mit Kosten verbunden sein kann. Allerdings kann es auch rational sein sich über die gesellschaftlichen Anforderungen hinwegzusetzen, da die Entscheidung ja auch durch die Wahrscheinlichkeit bei der Regelübertretung ertappt zu werden und die Höhe der jeweiligen Strafsanktion determiniert wird. Die Besonderheit von solchen Restriktionen liegt in der zeitlichen Wirkung, da die Nichtbefolgung kurzfristig keine oder nur wenig Kosten mit sich bringt kann. Langfristig gesehen, kann das Verstoßen gegen solche Regeln jedoch erhebliche Kosten nach sich ziehen. 66
64 Vgl. Kirchgässner (1991): S. 35
65 Vgl. Kirchgässner (1991): S. 34
66 Gebhard Kirchgässner verweist in diesem Zusammenhang auf das Modell des ´Rationalclowns´ des
Nobelpreisträgers für Wirtschaftswissenschaften Armatya K. Sen (1977). Dieser tritt als
´Minimaximierer´ auf, was bedeutet, dass dieser Akteur Vorteile nur kurzfristig bewertet, jedoch
langfristige (negative) Konsequenzen ignoriert.
22
Auch Harald Kunz bezieht sich in seinem Beitrag zur Kriminalitätsökonomik auf eben solche Regeln. Er beschreibt Regeln als Lösungsmechanismus von Problemen, die sich aus Knappheitsproblemen im Bereich menschlicher Interaktion ergeben 67 .
3. Der soziologische Ansatz
3.1. Wurzeln und Varianten des Rational-Choice-Ansatzes
in der Soziologie
Aus soziologischer Perspektive ist die Rational-Choice-Theorie eine allgemeine Handlungstheorie 68 , die versucht soziale Phänomene und Prozesse als intendierte und nicht intendierte Folgen rationaler Entscheidungen 69 einzelner Akteure zu erklären.
Als Wurzel kann hier das Modell rationalen Handelns des Soziologen George C. Homans 70 identifiziert werden, das jedoch seinerzeit innerhalb seiner Disziplin nur mäßige Beachtung fand 71 .
Eine erste geschlossene Gesellschaftstheorie auf Grundlage der Theorie der rationalen Wahl stammt von James S. Coleman mit seinen Grundlagen der Sozialtheorie 72 . 73
67 Kunz, Harald (1993): Kriminalität, München, 1993, S. 205
68 Weitere Vorschläge für solche allgemeinen Handlungstheorien sind behavioristische Lern- und
Verhaltenstheorien, der rollen- und normorientierte homo sociologicus nach Ralf Dahrendorf,
Austauschtheorien sowie phenomenologische Alltagstheorien. Vgl. Hill, Paul B. (2002): Rational-Choice-
Theorie, Bielefeld, 2002, S. 29
69 Der Soziologe Andreas Diekmann kritisiert die Verwendung von Begriffen wie „rational“, „rational
choice“ und „rationales Handeln“ und schlägt vor, neutral von einer Entscheidungstheorie zu sprechen,
denn: „Die Frage lautet nicht, wie Menschen gemäß einer bestimmten Rationalitätsdefinition handeln
sollen, sondern wie Akteure unter spezifischen Bedingungen in einer Wahlsituation handeln werden.“
Diekmann, Andreas: (1996): S. 92
70 Homans, George C., Social Behavior as Exchange, In: American Journal of Sociology, 63, 1958, S. 597
- 606
71 Vgl. Opp, Karl-Dieter, Soziale Probleme und Protestverhalten, Opladen, 1984b, S. 2. Die Gründe
hierfür liegen nach Ansicht von Klaus-Dieter Lambert darin begründet, dass viele Soziologen die
theoretischen Erkenntnisse Georg C. Homans als Reduzierung auf Psychologie empfanden und das er
ausschließlich mit Kleingruppen arbeitete. Weiter rief die Tatsache, dass er sich bei seinen Arbeiten auf
die lerntheoretischen Erkenntnisse von Burrhus Frederic Skinner stützte, der vorwiegend mit Tauben und
Ratten experimentierte, Zweifel hervor. Lambert (2000): S. 188
72 Coleman, James S., Grundlagen der Sozialtheorie, Band I - III, München, 1991
73 Weiter sind innerhalb dieses Forschungsprogramms die Namen Peter M. Blau, Raymond Boudon, Jon
Elster, Harold H. Kelley, Siegwart Lindenberg, John W. Thibaut und Mancur Olson als moderne
Klassiker der soziologischen Rational-Choice-Theorie gelten. Aus dem deutschsprachigen Raum sind die
Soziologen Hartmut Esser, Bernhard Nauck, Karl-Dieter Opp, Werner Raub, Thomas Voss und Reinhard
Wippler zu nennen.
23
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Simon Zabel, 2004, Der (Ir)Rationale Terrorismus - Selbstmordattentate aus ökonomischer und soziologischer Perspektive der Rational-Choice-Theorie, München, GRIN Verlag GmbH
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