Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Deixis 3
2.1 Der Referenzbegriff. 3
2.2 Zur Definition der Deixis. 6
2.3 Deixis als Forschungsgegenstand der Semantik und der Pragmatik 10
2.4 Kontext einer Äußerung 13
2.4.1 Sprachlicher versus nichtsprachlicher Kontext 13
2.4.2 Sprecherkontext versus Hörerkontext. 14
2.5 Origo 15
2.5.1 Verlagerung der Origo. 17
2.6 Deiktische Dimensionen 20
2.6.1 Personendeixis. 20
2.6.1.1 Pronomen der ersten Person 20
2.6.1.2 Pronomen der zweiten Person. 23
2.6.1.3 Pronomen der dritten Person 24
2.6.2 Lokaldeixis 26
2.6.2.1 Positionale Deixis. 27
Here versus there 27
This versus that. 32
2.6.2.2 Dimensionale Deixis. 32
Intrinsische Verwendung dimensionaler Ausdrücke 33
Deiktische Verwendung dimensionaler Ausdrücke 34
F älle, in denen Deixis und Intrinsik zusammenfallen 37
Interpretationsprobleme dimensionaler Ausdrücke. 39
Resistenz der intrinsischen gegenüber der deiktischen Orientierung 40
2.6.2.3 Direktionale Deixis 42
Come versus go 43
Nicht -deiktische Verwendung von come and go 48
2.6.3 Temporaldeixis. 49
Äußerungszeit 50
2.6.3.1 Tempora. 52
Reichenbach 52
Rauh 55
2.6.3.2 Temporaladverbien 60
I
Inhalt
Deiktische Verwendung der Temporaladverbien 60
Anaphorische Verwendung von then 66
Nicht -deiktische, nicht-phorische Verwendung von now und then. 66
2.6.4 Diskursdeixis 67
2.6.5 Sozialdeixis 69
2.6.6 Emotionale Deixis 70
2.6.7 Deixis am Phantasma 71
3 Genrespezifität deiktischer Ausdrücke 77
3.1 Annahmen. 78
Face -to-Face Gespräche 78
Briefe. 79
Sachtexte 80
4 Analyse 82
4.1 Face-to-Face Gespräche 83
4.1.1 At the Post Office 83
4.1.2 Ordering food in a restaurant 90
4.2 Briefe. 94
4.2.1 Personal letter 94
4.2.2 Letter of Recommendation. 100
4.3 Sachtexte 102
4.3.1 Lectures on Deixis. 102
4.3.2 Zeitungsartikel: Muslim leaders fly to Iraq to plead for Bigley’s life. 104
4.4 Vergleich 109
5 Zusammenfassung 114
Anhang 118
Bibliographie. 127
II
Inhalt
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Semiotisches Dreieck nach Ogden und Richards
Abb. 2: Modi der Kommunikation
Abb. 3: deiktisches Orientierungszentrum
Abb. 4: Darstellung zur Veranschaulichung der Origo
Abb. 5: die Vis-à-vis-Perspektive
Abb. 6: die Tandem-Perspektive
Abb. 7: Vis-à-vis- versus Tandem-Perspektive
Abb. 8: Zusammenfallen von Deixis und Intrinsik
Abb. 9: Zusammenfallen von Deixis und Intrinsik
Abb. 10: Problem der Perspektivenwahl
Abb. 11: kanonische Position
Abb. 12: nicht-kanonische Position
Abb. 13: kanonische Position
Abb. 14: nicht-kanonische Position
Abb. 15: nicht-kanonische Position
Abb. 16: nicht-kanonische Position
Abb. 17: Beziehung von E, R, S bei Reichenbach
Abb. 18: graphische Darstellung zeitdeiktischer Beziehungen
Abb. 19: graphische Darstellung des Present Perfect
Abb. 20: graphische Darstellung des Future Perfect
Abb. 21: graphische Darstellung des Future Perfect
Abb. 22: graphische Darstellung des Present Perfect
III
Inhalt
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Deiktika im Gespräch 1 83
Tabelle 2: Art der Verwendung der Deiktika im Gespräch 1 90
Tabelle 3: Deiktika im Gespräch 2 90
Tabelle 4: Art der Verwendung der Deiktika im Gespräch 2 93
Tabelle 5: Deiktika im Brief 1 94
Tabelle 6: Art der Verwendung der Deiktika im Brief 1 100
Tabelle 7: Deiktika im Brief 2 100
Tabelle 8: Art der Verwendung der Deiktika im Brief 2 101
Tabelle 9: Deiktika im Sachtext 1 102
Tabelle 10: Art der Verwendung der Deiktika im Sachtext 1 103
Tabelle 11: Deiktika im Sachtext 2 104
Tabelle 12: Art der Verwendung der Deiktika im Sachtext 2 108
Tabelle 13: Durchschnittliches Vorkommen der Deiktika 109
Tabelle 14: Deiktische Verwendung der Deiktika im Durchschnitt 113
IV
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
1 EINLEITUNG
'You may. Put him over the bar, just there, look where my finger is’. Obwohl man jedes einzelne dieser Wörter kennt und auch dessen Sinn versteht, ist es einem Hörer nicht möglich, die Bedeutung der gesamten Aussage zu verstehen. Offensichtlich ist, dass my auf den Verfasser dieser Aufforderung referiert, während you auf den Adressaten bzw. den Gesprächspartner, him auf den Gesprächsgegenstand und there auf einen bestimmten Ort hinweist. Es bleiben aber dennoch einige Fragen offen:
Ein ähnliches Problem wie bei obigem Exempel ist bei der an einer Bürotür hängenden Notiz ‚Back in twenty minutes’ zu beobachten. In diesem Beispiel sind weder Personalpronomen noch räumliche Adverbien (spatial adverbs) vorhanden, die mit einer konkreten Bedeutung ausgefüllt werden müssen; aber dennoch bereitet die Interpretation Schwierigkeiten. Denn ohne die Kenntnis, wann die Notiz verfasst bzw. an der Tür befestigt wurde, kann der Rezipient nicht erkennen, ob er nur noch eine Minute oder nahezu zwanzig Minuten zu warten hat.
Die Propositionen der beiden Beispielsätze sind dementsprechend unterbestimmt. Zu ihrer vollständigen Bestimmung ist die genaue Kenntnis des kontextabhängigen Bedeutungsanteils der unterstrichenen Ausdrücke unerlässlich. Genau an dieser Stelle tritt das Phänomen Deixis in Erscheinung. Deiktische Ausdrücke sind solche, die sowohl einen kontextunabhängigen, invarianten Bedeutungsanteil aufweisen, als auch einen kontextabhängigen Bedeutungsanteil, der sich mit der jeweiligen Äußerungssituation ändert. Ihre vollständige Bedeutung finden deiktische Ausdrücke dementsprechend erst im außersprachlichen Kontext, der Äußerungssituation. Das Pronomen I beispielsweise kann einer bestimmten Person nur dann zugeordnet werden, wenn der Situationskontext, in dem I geäußert wird, bekannt ist. Dies mag eindeutig und simpel erscheinen. Dass I aber nicht immer auf die Person referieren muß, die dieses Pronomen äußert - He said: ’I take you out for dinner tomorrow’. I promise. - zeigt bereits, dass das Phänomen Deixis komplexer ist, als man wahrscheinlich zunächst vermutet hätte.
1
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
Der Inhalt dieser Magisterarbeit gliedert sich folgendermaßen:
Das Phänomen Deixis wird in der Forschung explizit oder implizit unter dem Stichwort ‚sprachliche Referenz’ behandelt. Aufgrund dieser Tatsache scheint es mir angebracht, zuerst den Begriff der Referenz zu klären und ihn klar von dem Begriff Sinn zu unterscheiden, da diese beiden Termini fälschlicherweise häufig gleichgesetzt werden. Im Anschluss daran werden unter Punkt 2.2 einige Erklärungsversuche verschiedener Autoren zum Phänomen Deixis vorgestellt, die zeigen, dass sich diese Erklärungsversuche in manchen Punkten voneinander unterscheiden und der Begriff Deixis somit nicht immer einheitlich verstanden wird. Abschließend zu diesem Punkt werde ich eine Deixisdefinition herausarbeiten, die die Grundlage für diese Arbeit bilden soll.
Da deiktische Ausdrücke, wie bereits erwähnt, sowohl einen symbolischen, invarianten als auch einen kontextabhängigen, indexikalischen Bedeutungsanteil aufweisen, ist es nicht verwunderlich, dass mehrere Teildisziplinen der Linguistik das Phänomen Deixis als Forschungsgegenstand für sich reklamieren. Diese Teildisziplinen werden unter Punkt 2.3 kurz umrissen. Aufgrund des kontextabhängigen Bedeutungsanteils der Deiktika wird in den beiden darauffolgenden Teilabschnitten erläutert, was der Begriff ‚Kontext’ alles umfasst und was bzw. wer das Orientierungszentrum für die Identifikation dieses kontextabhängigen Bedeutungsanteils bildet. Denn wie in der Literatur schon vielfach betont, ist der Vollzieher einer Referenzhandlung nicht der sprachliche Ausdruck, sondern der Sprecher.
Im Abschnitt 2.6 werden schließlich die Dimensionen der Deixis und die für sie charakteristischen Ausdrücke vorgestellt und analysiert. Dabei wird ersichtlich, dass nicht nur Pronomen und Adverbien zu den deiktischen Ausdrücken zählen, sondern dass auch die Tempusformen der Verben und einige Verben selbst deiktischen Charakter besitzen. Unter anderem wird dabei auch gezeigt, dass deiktische Ausdrücke nicht notwendigerweise auch deiktisch gebraucht werden müssen. Bevor ich im empirischen Teil dieser Arbeit - Kapitel 4 - Texte aus verschiedenen Genres auf Personal-, Lokal- und Temporaladverbien untersuche, werde ich für jedes einzelne dieser Genres Thesen bezüglich des Vorkommens, der Häufigkeit und der Verwendung dieser Ausdrücke aufstellen. Im Anschluss an die Analyse werde ich die Ergebnisse mit den zuvor aufgestellten Thesen vergleichen und zeigen, inwieweit sich die zuvor gemachten Annahmen über die Genrespezifität bestätigt haben.
2
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
2 DEIXIS
2.1 Der Referenzbegriff
Referenz (reference) ist ein umfassendes und komplexes Phänomen und wird in den unterschiedlichsten Gebieten verschieden verwendet. In der Linguistik bezeichnet der Begriff Referenz die Beziehung zwischen sprachlichem Zeichen und der außersprachlichen Wirklichkeit. Referenz ist dementsprechend die sprachliche Bezugnahme auf Personen, Gegenstände, Ereignisse, Orte, Zeitpunkte etc. in einer bestimmten Äußerungssituation. Das, worauf ein sprachlicher Ausdruck referiert, ist der Referent (bei Frege Bedeutung). In der Frage Have you ever seen a unicorn? bezieht sich you - je nachdem ob im Singular oder Plural stehend - auf einen oder mehrere bestimmte Referenten in der aktuellen Redesituation. Wird diese Frage mehreren Personen unabhängig voneinander gestellt, so wechselt der Referent von you bei jeder erneuten Fragestellung (Boeder u. Calbert 1995: 61). Bernd Kortmann (1999: 161) verdeutlicht den Begriff der Referenz an folgenden Beispielsätzen: 1) Take the bottle and put it in the dustbin. 2) He took a bottle and put it in a dustbin
In diesen beiden Beispielsätzen referieren die Nominalphrasen the bzw. a bottle und the bzw. a dustbin auf eine konkrete Flasche bzw. einen konkreten Mülleimer. Der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen besteht darin, dass die Referenten von the bottle und the dustbin im ersten Satz eindeutig vom Hörer identifiziert werden können, während dies im zweiten Satz nicht der Fall ist. Für beide Beispiele gilt jedoch, dass die Referenten von the bzw. a bottle und the bzw. a dustbin von Äußerung zu Äußerung variieren.
Die Bedeutung als Referent ist etwas Außersprachliches. Der Bezug zwischen dem sprachlichen Symbol (Wörter, Nominalphrasen, etc.) und dem bezeichneten Gegenstand - dem Referenten - ist nach der klassischen Darstellung des sogenannten ‘semiotischen Dreiecks’ von Ogden und Richards (1945) ein indirekter Bezug, der über eine gedankliche Vorstellung - die Referenz - vermittelt wird:
3
Im Gegensatz zu den Sätzen ‘Take the bottle and put it in the dustbin’ und ‘He took a bottle and put it in a dustbin’ werden die Nominalphrasen a bottle und a dustbin in dem Satz ‘A bottle is not a dustbin’ nicht-referierend verwendet, da sie nicht auf eine bestimmte Flasche bzw. einen bestimmten Mülleimer verweisen und somit keinen direkten Referenten haben (Kortmann 1991: 161). Obwohl die Nominalphrasen a bottle und a dustbin hier keinen direkten Referenten haben, haben sie eine Extension, d.h. sie haben eine Menge potentieller Referenten; nämlich die Menge aller Flaschen bzw. die Menge aller Mülleimer.
Zu unterscheiden von der Referenz (bei Frege Bedeutung) eines sprachlichen Ausdrucks ist dessen Sinn (sense). In der Sinntheorie Freges betrifft der Sinn eines sprachlichen Ausdrucks die Art des Gegebenseins (Hügli, Lübcke 1991: 530). Den Sinn des sprachlichen Ausdrucks girl machen beispielsweise ganz bestimmte Merkmale aus: + Human, - Adult, + Female. Der Sinn des Ausdrucks girl bleibt immer der gleiche, unabhängig davon, wann und wo das Wort girl geäußert wird. Mit dem Kontrastpaar Sinn-Bedeutung 1 hat Gottlob Frege auf den Unterschied zwischen der Art des Gegebenseins eines sprachlichen Ausdrucks und dessen Bezug
1 inzwischen wird anstelle der Fregeschen Terminologie vorwiegend das Begriffspaar
Bedeutung-Referenzgegenstand (Bezeichnetes) verwendet und die Termini Sinn und
4
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
auf die außersprachliche Wirklichkeit hingewiesen. Anhand der Ausdrücke
Morgenstern
und
Abendstern
hat er gezeigt, dass sprachliche Ausdrücke, die einen unterschiedlichen Sinn haben, den gleichen Referenten haben können. Die Bedeutung (der Referent) von
Morgenstern
als auch die Bedeutung (der Referent) von
Abendstern
ist dieselbe, nämlich der Planet Venus. Dass
Morgenstern
und
Abendstern
sich im Hinblick auf ihren Sinn unterscheiden, ist offensichtlich. Die Venus wird
Morgenstern
genannt, weil sie aufgrund ihrer Nähe zur Sonne niemals länger als drei Stunden vor Sonnenaufgang im Osten zu sehen ist. Als
Abendstern
wird sie bezeichnet, weil sie nach Sonnenuntergang niemals länger als drei Stunden im Westen zu sehen ist. Gleiches gilt für die folgenden Nominalphrasen:
3)
The director of ‘Schindler’s List’ und the director of ‘Indiana Jones and the Temple of Doom’ unterscheiden sich hinsichtlich ihres Sinns, nicht aber hinsichtlich ihrer Bedeutung (Frege) bzw. ihres Referenten Steven Spielberg. Auch The Prime Minister of Great Britain und the Leader of the Labour Party haben nicht den selben Sinn, verweisen aber auf ein und dieselbe Person: Tony Blair.
Die Nominalphrasen the capital of Prussia, the capital of the Third Reich, the capital of Germany referieren allesamt auf die Stadt Berlin. Zudem lässt sich an der Nominalphrase the capital of Germany verdeutlichen, dass sich bei gleichbleibendem Sinn auch der Referent eines sprachlichen Ausdrucks ändern kann, da in dem Zeitraum von 1949 bis 1990 noch Bonn die Hauptstadt der Bundesrepublik war.
Schließlich gibt es auch sprachliche Ausdrücke wie unicorn, angel oder dragon, die einen Sinn, aber keine Bedeutung (Referenten) haben, da Einhörner, Engel und
Bedeutung somit als synonym angesehen (vgl. Husserl in Hügli, Lübcke 1991: 530, Kortmann
1991: 160f.)
5
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
Drachen nur in einer möglichen vorgestellten Welt, nicht aber in der realen Welt existieren (Boeder/Calbert 1995:69).
Abschließend kann hinsichtlich der Begriffe und Sinn Bedeutung
(Referenzgegenstand) folgendes festgehalten werden:
Ausdrücke, die denselben Sinn haben, haben auch dieselbe Bedeutung
bzw. denselben Referenten (Sinngleichheit impliziert Bedeutungs-gleichheit)
Sinnverschiedene Ausdrücke können dieselbe Bedeutung (denselben
Referenten) haben (Bedeutungsgleichheit impliziert nicht notwendiger-weise eine Sinngleichheit)
Nicht alle Ausdrücke, die einen Sinn haben, haben auch eine Bedeutung
(einen Referenten)
2.2 Zur Definition der Deixis
Schon in der Antike haben sich die griechischen Philosophen mit dem Phänomen Deixis beschäftigt und seit jeher ist es Gegenstand sprachtheoretischer Betrachtungen. Für alle neueren Untersuchungen zu diesem Phänomenbereich werden die Überlegungen von Karl Bühler (Sprachtheorie 1934) aufgegriffen, da sie als der Wendepunkt zu einem modernen Verständnis des Begriffes betrachtet werden können (Lenz 1997: 23, Sennholz 1996: 16). Besonders viele Arbeiten zum Thema Deixis sind in den letzten 40 Jahren entstanden. Obwohl die Deixis kein brandneues Forschungsgebiet darstellt, wird der Begriff Deixis im Allgemeinen sowie auch die Subkategorien Personal-, Temporal-, Lokal-, Sozial- und Diskursdeixis in der Literatur nicht immer einheitlich verstanden und entsprechend in verschiedener Weise verwendet. Das mag unter anderem daran liegen, dass die Deixis aus verschiedenen Blickwinkeln bzw. unterschiedlichen linguistischen Teildisziplinen betrachtet wird. So wird die Deixis häufig vor dem Hintergrund der Semantik, der Pragmatik oder aus referenztheoretischer Sicht fokussiert (Sennholz 1996: 17). Zudem gestaltet sich die Formulierung einer geeigneten Deixisdefinition aus zwei weiteren Gründen als schwierig: zum einen, weil eine Definition einen Begriff bzw. einen Sachverhalt so kurz wie möglich, d.h. in wenig Sätzen genau bestimmen, erklären und festlegen soll, und zum anderen, weil die Deixis ein sehr komplexes
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Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
Phänomen ist. Dass sich hier ein Problem ergibt, zeigen bereits die Wörter ‘genau’, ‘kurz’ und ‘komplexes Phänomen’. Deixisdefinitionen, wie ‘Der Begriff Deixis - abgeleitet vom griechischen Wort deiknymi, das zeigen
bedeutet - bezieht sich auf die hinweisende Funktion von Wörtern in einem
bestimmten Kontext’
die sich in Wörterbüchern finden lassen, sind nicht sehr aussagekräftig. Mit stark vereinfachten Beschreibungen wie dieser kann nicht oder nur schlecht gearbeitet werden, da das Phänomen Deixis nicht hinreichend exakt gegen andere benachbarte Phänomene, wie z.B. das der Anaphora, abgegrenzt wurde.
Im folgenden werden vier Deixisdefinitionen vorgestellt. Die erste stammt von John Lyons. Er definiert Deixis als
‘… the location and identification of persons, objects, events, processes
and activities being talked about or referred to, in relation to the
spatiotemporal context created and sustained by the act of utterance and
the participation in it.’ (Lyons 1977: 637)
Weiterhin schreibt Lyons 1982 in seinem Buch Deixis and Subjectivity: Loquor, Ergo, Sum:
‘… the basic function of deixis is to relate the entities and situations to
which reference is made in language to the spatiotemporal zero-point - the
here-and-now - of the context of utterance;’ (Lyons zitiert in Jones 1995:
28.)
‘the zero point (the here and now) is ‘egocentric’, in the sense that ‘the
speaker, by virtue of being the speaker, casts himself into the role of ego
and relates everything to his viewpoint’ (Lyons 1977 zitiert in Jones 1995:
28)
Eine weitere Definition, die der von Lyons nahe kommt, ist die von Clemens-Peter Herbermann (1988:53):
‘Deixis ist die definite und Identifizierbarkeit gewährende Referenz auf
bestimmte (lokale, temporale, personale o.a.) Gegebenheiten vermittels
solcher (zum Teil durch Gesten unterstützter) sprachlicher Ausdrücke, die
die betreffenden Gegebenheiten in (ausschließlicher) Abhängigkeit von den
jeweils entsprechenden Faktoren der Befindlichkeit des Äußerungsträgers
zum Zeitpunkt der Äußerung bezeichnen.’
Charles Fillmore schildert Deixis in Deictic Categories in the Semantics of ‘come’ folgendermaßen:
7
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
‘Deixis is the name given to those aspects of language whose interpretation
is relative to the occasion of utterance: to the time of utterance, and to the
time before and after the time of utterance; to the location of the speaker at
the time of utterance, and to the identity of the speaker and the intended
audience.’ (Fillmore (1966) zitiert in Sennholz 1996:15)
Die letzte Definition, die hier vorgestellt wird, stammt von Roland Harweg (1990: 177):
‘Deixis ist die Funktion bestimmter sprachlicher Ausdrücke, die lokalen,
temporalen oder personalen Örter von Sachverhalten oder
Sachverhaltselementen in Relation zu den lokalen, temporalen oder
personalen Örtern (und zum Teil auch Positionen) der Produzenten
und/oder Adressaten (oder Rezipienten) der die Sachverhalte
bezeichnenden Äußerungen zu bezeichnen.’
Auch wenn diese Definitionen auf den ersten Blick alle sehr ähnlich scheinen, fällt auf, dass Herbermann Deixis explizit als Referenzphänomen einordnet. Lyons hingegen scheint in seiner Deixisdefinition von 1977 den Referenzaspekt eher beiläufig im umgangssprachlichen Sinne zu erwähnen, während er bei Harweg und Fillmore keinen expliziten Einzug in die Definition findet.
Gemein haben die angeführten Definitionen zunächst, dass es scheinbar so etwas wie ein Koordinationszentrum bzw. einen Verankerungs- oder Ausgangspunkt für die Deutung bzw. die Identifizierung deiktischer Ausdrücke in der Äußerungssituation gibt. Während bei Lyons und Herbermann jedoch lediglich der Sprecher als Ausgangspunkt zu fungieren scheint, scheinen Harweg und Fillmore zusätzlich zum Sprecher auch den bzw. die Adressaten einer Äußerung als mögliches Koordinationszentrum zu sehen. Analog zu Harweg und Fillmore argumentiert Stephen Levinson ‘that it is generally (but not invariably) true that deixis is organized in an egocentric way’ (Levinson zitiert in Harweg 1990: 178).
Die Sprecherorientiertheit der Deixis, die von manchen Autoren auch als Egozentrismus bezeichnet wird, scheint den prototypischen Fall der Deixis darzustellen. Wie unter Punkt 2.5.1 gezeigt wird, ist es jedoch auch durchaus möglich, dass andere Instanzen als der aktuelle Äußerungsträger - der Sprecher - den Ausgangspunkt deiktischer Referenz bilden können. Die Formen der nichtegozentrischen Deixis sind in der Literatur jedoch stark umstritten (Jin 2002: 13). Ungeachtet dessen, wer oder was das Koordinationszentrum bildet, scheint aber Einigkeit darüber zu bestehen, dass die jeweilige Referenz deiktischer Ausdrücke mit der Äußerungssituation variabel ist.
8
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
Neben den Annahmen, dass es einen Ausgangspunkt - um in Bühlers Terminologie zu sprechen eine ‚Origo’ - gibt und deiktische Ausdrücke erst in der Äußerungssituation eindeutig referieren, besteht relativer Konsens darüber, dass es drei traditionelle Kategorien bzw. Dimensionen der Deixis gibt. Zu diesen Haupterscheinungsformen zählen die personale, die lokale und die temporale Deixis. Nimmt ein Sprecher an einem bestimmten Ort zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Äußerung vor und verwendet dabei Ausdrücke, wie I, you, here, today oder yesterday, so wird der Sachverhalt der Äußerung mit sprachlich manifestiertem Bezug auf Ort, Zeit und Träger der Äußerungssituation lokalisiert.
Zwei weitere deiktische Dimensionen, die anscheinend aufgrund ihrer eher marginalen Bedeutung in den oben angeführten Definitionen keinen Einzug gefunden haben, sind die Diskursdeixis - auch Textdeixis genannt - und die Sozialdeixis. Diskursdeixis betrifft die Steigerung der Kohärenz eines Textes oder eines Gesprächs, in dem mit sprachlichen Ausdrücken explizit auf bestimmte Abschnitte des vorangegangen oder folgenden Diskurses verwiesen wird, während die Sozialdeixis, die häufig fälschlicherweise zur Personendeixis gezählt wird, die Enkodierung des sozialen Status zwischen den am Kommunikationsgeschehen direkt Beteiligten (Sprecher und Adressat) oder indirekt Beteiligten (zuhörende Dritte oder Personen, die Redegegenstand sind) betrifft (Levinson 1994: 856; Kortmann 1999: 194). Damit die drei Hauptaspekte der Deixis - Referenz, Origo, deiktische Dimensioneneinen konkreten Einzug in die Definition finden, könnte das Phänomen Deixis zusammenfassend wie folgt definiert werden:
‘Deixis ist die direkte Referenz auf Personen, Objekte, Orte, Ereignisse,
Prozesse, Handlungen und/oder soziale Beziehungen in einem zeitlich-
räumlichen Kontext, der durch den Äußerungsakt und die Teilnahme von
normalerweise einem Sprecher und wenigstens einem Adressaten
geschaffen und aufrecht erhalten wird. In der Regel bildet der Sprecher das
Orientierungszentrum (Origo) für die Interpretation deiktischer Ausdrücke,
da er natürlicherweise, kraft seines Amtes als Sprecher, alles um sich
herum in Beziehung zu sich selbst, zu seinem ‘viewpoint’, setzt. Mit dem
Pronomen I und den Adverbien here und now verweist der Sprecher auf
sich selbst, auf einen Ort, der sich in seiner unmittelbaren Nähe befindet
bzw. auf einen Zeitpunkt oder eine Zeitspanne, der bzw. die in direkter
Nähe zum Äußerungszeitpunkt liegt. Eine Verlagerung der Origo (origo
shift) auf andere Entitäten, wie beispielsweise den Adressaten, ist jedoch
nicht ausgeschlossen.’
Die Ausdrücke, die das Phänomen der Deixis sprachlich repräsentieren, werden deiktische Ausdrücke (deictic expressions) oder Deiktika, manchmal auch Zeigwörter
9
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
(Bühler 1934), indices (Peirce 1932), indicators (Goodman 1951), indexical expressions (Bar-Hilla 1954, Kaplan) oder indexical symbols (Burks 1948) genannt. Deiktische Ausdrücke sind sprachliche Ausdrücke, deren Bedeutung relativ zum Kontext der Äußerung definiert ist, in der sie enthalten sind, d.h. die Bedeutung deiktischer Ausdrücke hängt davon ab, wann, wo und von wem sie gebraucht werden (kontextabhängige Referenz) (Rauh 1978: 36; Schneider 2001: 15; Thomas 1999: 9f.). Einige Beispiele für deiktische Ausdrücke sind: Personale Deiktika: Personalpronomen: I, you
Possessivpronomen: my, your
Personalmarkierungen von Verben: (he) buys, (she) plays ...
Temporale Deiktika: Zeitadverbien: today, tomorrow, next week …
Tempusmarkierungen von Verben: (I) played, (we) walked …
Lokale Deiktika: Ortsadverbien: here, there ...
Demonstrativpronomen: this story, those shoes …
Diskurs - bzw. textdeiktische Ausdrücke: Satzadverbien: in the next chapter, but …
Sozialdeiktische Ausdrücke: Honorifika
Personalpronomen (Deutsch und Französisch): Sie, Ihr, Du, tu, vous
2.3 Deixis als Forschungsgegenstand der Semantik und der
Pragmatik
Die Untersuchung deiktischer Ausdrücke fällt sowohl in den Bereich der lexikalischen Semantik (lexical semantics), den der Wahrheitsbedingungen-Semantik (truth condional semantics) - häufig auch wahrheitsfunktionale Semantik genannt - als auch in den Bereich der Pragmatik (pragmatics). Alle Untersuchungsbereiche beschäftigen sich mit der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke (Wörter, Phrasen, Sätze). Die lexikalische Semantik konzentriert sich dabei auf die wörtliche, vom Kontext der Sprechsituation unabhängige Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken. Im Gegensatz zu Peirce, für den Deiktika reine indices, d.h. reine Zeigwörter zu sein scheinen (Rauh 1983: 10), heben andere Sprachwissenschaftler und Psychologen, wie beispielsweise
10
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
Karl Bühler und Burks hervor, dass deiktische Ausdrücke zusätzlich zu ihrer in erster Linie kontextabhängigen Bedeutung auch einen unveränderlichen symbolischen Bedeutungsgehalt (symbolic/lexical d.h. eine kontextinvariante meaning),
sprecherunabhängige Bedeutung aufweisen (vgl. Rauh, Kortmann). Für Karl Bühler sind deiktische Ausdrücke somit nicht nur Zeigwörter, sondern auch Symbolwörter. Burks (1948: 681ff.) bezeichnet Deiktika als indexical symbols. Das Pronomen I beispielsweise hat insofern deskriptiven bzw. symbolischen Gehalt, als dass es auf nur eine Person verweist (Singular) und diese Person in der Regel der Sprecher (speaker) bzw. der Verfasser (writer) ist. Die unveränderliche Bedeutung des Pronomens you hingegen liegt darin, dass es sich immer auf einen (Singular) bzw. mehrere (Plural) Adressaten bezieht. Aufgrund ihres symbolischen Bedeutungsgehalts sind Deiktika Untersuchungsgegenstand der lexikalischen Semantik.
Die Wahrheitsbedingungen-Semantik befasst sich - wie der Terminus bereits andeutet - mit dem Wahrheitsgehalt (truth value) von Sätzen. Wahrheits-bedingungen (truth conditions) sind Bedingungen, unter denen ein Satz wahr ist. Die Bedeutung eines Satzes ist dementsprechend ‘die Menge der möglichen Umstände, Situationen, Welten oder dergleichen, in denen der Satz wahr ist.’ (Stechow 1988: 6). Hinsichtlich des Wahrheitsgehaltes eines Satzes wird zwischen analytischer Wahrheit (analytic truth) und synthetischer Wahrheit (synthetic truth) unter-schieden. Beim analytischen Wahrheitsgehalt spielt das Kompositionalitäts-prinzip - in der Literatur auch Fregeprinzip genannt, da Gottlob Frege die erste explizite Formulierung dieses Prinzips zugesprochen wird - eine zentrale Rolle. Das Kompositionalitätsprinzip besagt, dass sich die Bedeutung bzw. der Wahrheitsgehalt eines komplexen Ausdrucks (z.B. eines Satzes) von der Bedeutung seiner einzelnen Teile (Phrasen, Wörter) ableiten lässt (Stechow 1988:7). Lässt sich anhand der Bedeutung bzw. des Sinns (Frege) der einzelnen Wörter eines Satzes bestimmen, dass dieser wahr ist, spricht man von analytischer Wahrheit. So ist beispielsweise der Satz ‚A man is an adult’ analytisch wahr, da man aus der Bedeutung von man (+ HUMAN, + ADULT, + MALE) den Wahrheitsgehalt des Satzes nämlich ‚A human male adult is an adult’ bestimmen kann.
Im Gegensatz zur analytischen Wahrheit spricht man von synthetischer Wahrheit, wenn sich der Wahrheitsgehalt eines Satzes nicht nur aus der Bedeutung seiner einzelnen Teile ableiten lässt, sondern wenn sich der Wahrheitsgehalt eines Satzes nur anhand unseres Weltwissens erklären lässt. Der Wahrheitsgehalt des Satzes
11
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
’John’s neighbor is a detective’ lässt sich nur dann bestimmen, wenn man weiß, wer John ist, wer sein Nachbar ist und ob sein Nachbar Kriminalbeamter ist. Der Satz ’Gerhard Schröder is the chancellor of Germany’ ist synthetisch nur für diejenigen wahr, die wissen, dass Gerhard Schröder tatsächlich der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland ist.
Die Frage, die jetzt unmittelbar auftritt, lautet: ‘Wie kann der Wahrheitsgehalt von Sätzen, die deiktische Ausdrücke enthalten und deren Bedeutung somit von Kontext zu Kontext variiert, bestimmt werden?’ Die Antwort hierzu ist: ‘Sätze, die Deiktika enthalten, können einer semantischen Wahrheitsbedingungen-Analyse nur dann zugänglich gemacht werden, wenn man die kontextabhängigen Ausdrücke durch ihre Kontextbezüge ersetzt (Schneider 2001: 3). Der Satz ’I’ll be back in an hour’ ist dementsprechend nur in den Situationen wahr, in denen sich der Sprecher eine Stunde nach dem Zeitpunkt der Äußerung auch wieder am Ort der Äußerung befindet. Gleiches gilt für die Äußerung ’I live here’. Wenn ein Sprecher, der zum Zeitpunkt der Äußerung in Oldenburg lebt und diesen Satz auch in Oldenburg äußert, ist er wahr. Wenn ein anderer Sprecher den selben Satz in Amsterdam äußert und auch dort lebt, ist er ebenfalls wahr. Es können dementsprechend unterschiedliche Inhalte mit ein und dem selben Satz ausgedrückt werden (Stechow 1988: 8ff.).
Werden die deiktischen Ausdrücke eines Satzes durch ihre Kontextbezüge ersetzt, so kann beurteilt werden, ob bzw. unter welchen Umständen ein Satz wahr ist. Somit fällt die Behandlung deiktischer Ausdrücke in den Bereich der truth conditional semantics. Die Pragmatik ist ein relativer Neuling unter den Teildisziplinen der Linguistik, zu denen sie spätestens seit Anfang der frühen 80er Jahre zählt. Sowohl die Definition als auch der Gegenstandsbereich der Pragmatik sind in der Literatur nicht eindeutig umschrieben. Eine klare Abgrenzung zu den linguistischen Nachbardisziplinen, insbesondere zur Semantik, ist nicht einfach, da die Grenzen fließend sind (Kortmann 1999: 189). Der Terminus Pragmatik stammt aus der Semiotik (Zeichentheorie) und wurde von Charles W. Morris übernommen. Laut Morris versteht man unter Zeichenprozessen den Zusammenhang von Zeichenträger (Sprache), dem Bezeichneten (Inhalt der Sprache) und dem Interpreten (Sprachbenutzer). Die Pragmatik untersucht folglich die Beziehungen zwischen Sprache und Sprachbenutzer. Sie berücksichtigt dabei die situationsspezifischen Faktoren von Äußerungen wie
Situation und Rolle des Sprechers und Hörers die soziale Beziehung zwischen den Gesprächsteilnehmern
12
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
Zeit und Ort der Äußerung - vor allem auch in Bezug auf den Wahrnehmungsraum (Äußerungen im Dunkeln oder vor verschlossener Tür) Form der Äußerung
Inhalt der Äußerung, der wiederum latent oder eindeutig sein kann sowie nicht versprachlichte Phänomene wie Gebärden, Gefühle, Ironie etc.
um die konkrete Bedeutung in einem gegebenen Kontext aufzuzeigen (Kortmann 1999: 189ff.; Microsoft Enzyklopädie 1999: Stichwort Pragmatik). Auch wenn sich die Pragmatik in erster Linie mit dem beschäftigt, was die Wahrheitsbedingungen-Semantik nicht erfasst, nämlich das vom Sprecher Intendierte zu erkennen 2 , zählt auch die Interpretation von kontextsensitiven sprecherabhängigen sprachlichen Ausdrücken zu ihrem Aufgabengebiet (Schneider 2001: 1). Da Deiktika sowohl eine symbolische als auch eine kontextabhängige Bedeutung haben, ist eine ausschließliche Zuordnung zur lexikalischen Semantik, zur Wahrheitsbedingungen-Semantik oder zur Pragmatik nicht möglich. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass diese drei Teildisziplinen das Phänomen Deixis als Forschungsgegenstand für sich beanspruchen (Kortmann 1999: 196).
2.4 Kontext einer Äußerung
2.4.1 Sprachlicher versus nichtsprachlicher Kontext
Um die ganze und genaue Bedeutung deiktischer Ausdrücke erschließen zu können, ist die genaue Kenntnis des Kontexts, des sprachlichen als auch des nichtsprachlichen, erforderlich. Unter sprachlichem Kontext oder auch Kotext versteht man die rein sprachliche Umgebung einer Äußerung, während der nichtsprachliche Kontext oder auch Situationskontext die Äußerungssituation (Gesprächsteilnehmer, Ort und Zeit der Äußerung, Thema und Zweck der Kommunikation, sozialer und kultureller Hintergrund der Kommunikationspartner, Grad der Formalität) umfasst, in die ein sprachlicher Ausdruck eingebettet ist (Kortmann 1999: 192).
2 Was die wahrheitsfunktionale Semantik nicht erfasst die Pragmatik aber schon, lässt sich an
folgender Frage-Antwort-Sequenz zeigen: A: ‘Will you come to my party tonight? B: ‘I’m still
fighting this flu.’ In diesem Fall kann der Äußerung von Sprecher B zwar ein Wahrheitswert
zugewiesen werden, wenn B zum Äußerungszeitpunkt tatsächlich eine Grippe hat, aber das ist
hier nicht das Entscheidende, denn es geht nicht in erster Linie darum, ob B immer noch durch
seine Grippe ans Bett gefesselt ist, sondern dass er mit seiner Äußerung eine negative Antwort
auf die Frage von A geben möchte.
13
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
2.4.2 Sprecherkontext versus Hörerkontext
Beim nichtsprachlichen Kontext kann weiterhin zwischen Sprecher- und Hörerkontext unterschieden werden, da in der Regel - mit der Ausnahme von Selbstgesprächenmindestens zwei Gesprächsteilnehmer an einem kommunikativen Akt beteiligt sind, wobei beide Gesprächsteilnehmer unterschiedliche Rollen einnehmen. Der Sprecherkontext ist der Kontext, in dem eine Äußerung produziert wird. Dazu zählen der Sprecher (encoder, speaker (S)), der Zeitpunkt zu dem die Äußerung produziert wird (coding time (CT)), der Ort, an dem die Produktion stattfindet (coding place (CP)) sowie der soziale und kulturelle Hintergrund des Sprechers. Als Hörerkontext wird der Kontext der Interpretation einer Äußerung bezeichnet. Er umfasst den Hörer (hearer, addressee, decoder (H)), den Zeitpunkt der Interpretation durch den Hörer (receiving time (RT)), den Ort der Interpretation (receiving place (RP)) sowie den sozialen und kulturellen Hintergrund des Hörers (Schneider 2001). Der Sprecher konstruiert und kodiert zunächst eine Nachricht aus seiner Perspektive heraus, d.h. neben der vom Sender relativ unabhängigen syntaktischen Form 3 und dem relativ vom Sender unabhängigen semantischen Inhalt, enthält seine Äußerung auch bestimmte sprecherabhängige pragmatische Informationen. Die Aufgabe des Hörers bzw. Lesers besteht anschließend nicht nur darin, die syntaktische Form und den semantischen Inhalt der Aussage zu identifizieren und zu dekodieren, sondern auch die Perspektive des Sprechers zu rekonstruieren. Wenn die Perspektive des Sprechers für die Konstruktion der Äußerung relevant ist, so ist sie es auch für die Rekonstruktion durch den Empfänger (Rauh 1983: 9).
Zwischen Sprecher- und Hörerkontext besteht ein bestimmter Zusammenhang, der durch die Art bzw. den Modus der Kommunikation gegeben ist. Die folgende Tabelle zeigt die Zusammenhänge zwischen Hörer- und Sprecherkontext für 5 Gesprächsmodi (vgl. Schneider 2001: 14f.):
3 Die syntaktische Form kann nur als ‘relativ’ sprecherunabhängig betrachtet werden, da der
Sprecher beispielsweise durch Passivformen seine Absicht unterstreichen kann.
14
2.5 Origo
Der Begriff Origo (auch: deictic centre, zero point, Orientierungszentrum) wurde 1934 erstmals von Karl Bühler im Rahmen seines Buches Sprachtheorie eingeführt und bezeichnet den Ursprung bzw. den Ausgangspunkt in einem Koordinatensystem, von dem aus die personalen, die räumlichen sowie die zeitlichen Beziehungen von Äußerungen festgelegt werden. Bühler nennt dieses Koordinatenkreuz ‘das Koordinatensystem der subjektiven Orientierung’ (Fricke 2003: 71). In situationsgebundenen Äußerungen (situation-bound-utterances, canonical situations of utterance) bilden in der Regel der Verfasser der Äußerung (I), der Ort und der Zeitpunkt an dem bzw. zu dem er eine Äußerung vornimmt (here und now) das Orientierungszentrum für die Identifizierung des kontextabhängigen Bedeutungsanteils (Bühler 1934: 102; Kortmann 1999: 193; Jarvella u. Klein 1982: 10ff.). Der Sprecher setzt das non-ego, d.h. den natürlichen und kulturellen Kontext in Bezug zu sich selbst,
4 Vorstellbar wäre z.B., dass sich zwei Personen auf einem Jahrmarkt vor dem Riesenrad
verabredet haben. Beide sind dort, können sich aber aufgrund der vielen Besucher nicht sehen.
Der eine ruft den anderen an, wo er denn bleibt. In diesem Fall gilt CP = RP.
5 Möglich wäre beispielsweise, dass jemand seinen Anrufbeantworter bespricht und sich die
Aufzeichnung im Anschluss daran zur Überprüfung anhört. In diesem Fall wären nicht nur S
und H identisch, sondern auch CP und RP.
6 Denkbar wäre, dass sich zwei Schüler, die nebeneinander sitzen, kleine Zettel schreiben, um
den Unterricht nicht zu stören. In diesem Fall wären coding und receiving place identisch. Ein
weiteres Beispiel ist eine Notiz an einer Bürotür; auch hier stimmen CP und RP relativ überein.
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Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
seinem ego und fungiert damit als moment marker, place marker und sender marker (Rauh 1983 :30; Jarvella u. Klein 1982: 13).
Diese Art von Deixis, in der der Sprecher das Orientierungszentrum bildet und die Objekte, auf die er mittels deiktischer Ausdrücke verweist, in der Äußerungssituation, d.h. im realen Wahrnehmungsraum (realen Zeigfeld) präsent sind, wird von Bühler demonstratio ad oculos et ad aures genannt. Bei Searle heißt sie (1959: 96) extralinguistic deixis; bei Harweg (1968: 167) Realdeixis, bei Lyons (1973:10) deixis at its purest und bei Klein (1978:19) Realdeixis. Der Gebrauch deiktischer Ausdrücke als demonstratio ad oculos et ad aures ist naturgemäß auf die gesprochene Sprache festgelegt.
Die folgende Abbildung dient zur Veranschaulichung der Darstellung der Origo:
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
4) ‘The ball is to the right of the car.’ 5) ‘The ball is in front of me.’ 6) ‘The ball is there’
In Beispiel 4 sowie in den Beispielen 5 und 6 bildet der Sprecher das Orientierungszentrum. Erst wenn der Hörer die Position des Sprechers kennt, kann er die Position des Balls bestimmen (Herrmann u. Schweizer 1998: 51).
2.5.1 Verlagerung der Origo
Das Orientierungszentrum kann sich aber auch verschieben oder bewusst verschoben werden (shift of the deictic centre, origo shift). Im folgenden werden die unterschiedlichen Typen der Verlagerungsmöglichkeiten dargestellt: Typ I
Eine Verschiebung des deiktischen Zentrums findet natürlich bei jedem Sprecherwechsel statt:
7)
Bei einem Dialog - wie in Beispiel 7 dargestellt - wird das Orientierungszentrum mit jedem Sprecherwechsel neu festgelegt. Person A, die in dem Fragesatz die Origo bildet und der Referent von I ist, wird in der Antwort von Person B zum Adressaten und folglich zum Referenten von yours. Person B hingegen, die in der Frage noch der Referent von you war, bildet in der darauffolgenden Antwort die Origo und wird zum Referenten von I. (Kortmann 1999: 193). Jedes I besitzt eine eigene Referenz und entspricht jedes Mal einem einzelnen Sprecher, der sich als solcher hinstellt. Typ II
Wenn eine Person die Rolle des Sprechers einnimmt, hat sie damit auch die Möglichkeit, die Origo festzulegen. Der Sprecher kann die Origo zum Beispiel bewusst auf den Rezipienten und die räumlichen und zeitlichen Koordinaten der Hörer- bzw. Lesersituation projizieren (vgl. Helmbrecht in Lenz 2003: 187). Abbildung 4 auf der vorherigen Seite dient als Grundlage für die nachfolgenden Beispielsätze. 8) ‘The ball is in front of you’.
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Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
9)
‘The ball is in front of the car’.
10)
Dass der Hörer und nicht der Sprecher in Satz 8 das deiktische Zentrum bildet, ist eindeutig. Etwas weniger offensichtlich mag dies in Beispiel 9 der Fall sein. Der Sprecher selbst kann hier nicht als Origo fungieren, da der Ball von ihm aus gesehen nicht vor dem Auto, sondern rechts davon liegt. Ferner ist auch eine intrinsische Sichtweise - in diesem Fall würde der Wagen das Orientierungszentrum bilden - zur Lokalisierung des Balls durch den Sprecher auszuschließen. Intrinsische Objekte sind Objekte, die eine klare Vorder- und Rückseite haben, wie beispielsweise ein Haus, ein Auto, ein Schiff etc.. Dementsprechend sind nicht-intrinsische Objekte solche, denen keine klare Vorder- und Rückseite zugeordnet werden kann wie beispielsweise Bäumen, Büschen, Laternen, Bälle etc. (Fricke 2003: 73) Würde es sich in Beispiel 9 um eine intrinsische Lokalisierung des Balls handeln, müsste sich der Ball vor der Frontseite des Wagens und nicht, wie in Abbildung 4 dargestellt, an der Heckseite befinden. Wie dieses Beispiel zeigt, können Objekte aus intrinsischer Sichtweise lokalisiert werden, müssen es aber nicht notwendigerweise (Fricke 2003: 74). Da ‘The ball is in front of the car’ weder für die Position des Sprechers noch für die Position des Wagens Gültigkeit besitzt, bleibt nur die Position des Hörers, in der die Aussage Gültigkeit findet, und somit bildet der Hörer in diesem Fall die Origo (Fricke 2003: 76; Herrmann u. Schweizer 1998: 51).
Auch in Beispiel 10 bildet nicht der Sprecher, die Sprechzeit - in diesem konkreten Fall der Zeitpunkt des schriftlichen Verfassens der Notiz - und der Ort, an dem die Notiz verfasst wurde, das Orientierungszentrum, sondern der Hörer und die Referenzzeit d.h. der Zeitpunkt, zu dem der Hörer die Notiz liest. Der Verfasser kann zwar nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, wann genau der Empfänger den Brief erhalten und lesen wird, aber dieses Ereignis wird wohl vor einer möglichen Rückkehr des Verfassers eintreten.
Bei Beispiel 11 handelt es sich um eine zeitversetzte Radiosendung und ebenso wie in Beispiel 10 bildet auch hier der Hörer die Origo der Äußerung. Today bezieht sich hier allein auf den Tag, an dem die Sendung im Radio für die Hörer übertragen und von ihnen rezipiert wird, nicht aber auf den Tag, an dem die Aufzeichnung von today tatsächlich stattgefunden hat, da es sich nicht um eine Live-Übertragung sondern um
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Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
eine zeitversetzte Sendung handelt (Coding Time ≠ Receiving Time). An welchem Tag der Moderator today gesagt hat, ist an der Äußerung nicht erkennbar (Sprecher ≠ Origo). Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Moderation zeitgleich mit der Aufnahme des Programms erfolgt. Es kann aber auch an jedem anderen beliebigen Tag, der vor dem Tag der Ausstrahlung und nach dem vorangegangenen Dezember liegt, geschehen sein. Typ III
Des weiteren besteht die Möglichkeit, dass weder der Sprecher noch der Adressat die Origo bilden, sondern eine dritte Person oder ein anderes Objekt, die bzw. das im realen Wahrnehmungsraum der Äußerungssituation vorhanden ist. Als Grundlage für die nachfolgenden Beispiele dient Abbildung 4 (Seite 16). 12) ‘The ball is behind the car’ 13) ‘The ball is in front of Anna’ 14) ‘The ball is to the left of the car’*
Bei Satz 12 handelt es sich nicht um eine deiktische sondern um eine intrinsische Lokalisierung, da die Aussage nur aus der Sichtweise des Wagens heraus Gültigkeit besitzt. In diesem Fall fungiert das Auto als Orientierungszentrum (Herrmann u. Schweizer 1998: 51).
Die Beispiele 13 und 14 zeigen die Verlagerung der Origo auf eine dritte Person - hier Anna - die im Wahrnehmungsraum real vorhanden, aber nicht direkt am Gespräch beteiligt ist, d.h. weder Sprecher noch Adressat der Äußerung ist. Bei Äußerung 13 handelt es sich allerdings wieder wie bei Beispiel 12 um eine intrinsische Darstellung, da Personen als Bezugsobjekt eine klare Vorder- und Rückseite besitzen. Für Beispiel 14 muss festgehalten werden, dass diese Aussage in der Realität so nicht vorkommen würde. Hier kann die Lokalisierung des Balls aber nur aus der Perspektive von Anna erfolgt sein, da der Satz ansonsten seine Gültigkeit verlieren würde. Denn würde der Sprecher die Origo bilden, so müsste sich der Ball an der Frontseite des Wagens, also gegenüber seiner jetzigen Position befinden (vgl. Abb. 4 Seite 16). Hätte der Hörer als Origo fungiert, hätte der Ball auf der Fahrerseite neben dem Auto gelegen (vgl. Herrmann u. Schweizer 1998: 51).
19
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
2.6 Deiktische Dimensionen
Wie bereits unter 2.5 dargestellt, sind an einem kommunikativen Akt in der Regel mindestens zwei Personen (Sender/ Empfänger) beteiligt. Des weiteren zeichnet sich eine konkrete Sprechsituation durch eine zeitliche und räumliche Verankerung aus, die durch die am Sprechakt beteiligten Individuen erfolgt. Gemäß dieser Parameter wird in der Literatur zwischen Personendeixis (person deixis), Ortsdeixis (spatial deixis, space deixis) und Temporal- bzw. Zeitdeixis (time deixis) unterschieden. Der Vollständigkeit halber werden im Folgenden neben diesen drei zentralen Dimensionen auch die zwei deutlich marginaleren Dimensionen Diskursdeixis (discourse deixis) und Sozialdeixis (social deixis) kurz beschrieben.
2.6.1 Personendeixis
Personendeixis betrifft die Rollenkodierung der Teilnehmer in einem Sprechereignis. Zu den personendeiktischen Ausdrücken im Englischen zählen somit insbesondere die Personal- und Possessivpronomen (Kehrein 2003: Folie 5). Soweit bekannt, kommen in jeder Sprache die Pronomen der ersten und zweiten Person vor, auch wenn diese, wie beispielsweise im Japanischen, von den Titeln der dritten Person hergeleitet werden. Aber nicht in jeder Sprache kommen die Pronomen der dritten Person vor (Levinson 1994: 855).
Ein Sprecher verwendet Pronomen, um die Aufmerksamkeit des Adressaten auf eine oder mehrere Personen zu lenken, die in der aktuellen Äußerungssituation präsent oder abwesend sind. Pronomen haben einen bestimmten semantischen Gehalt, weil sie die Rollen in einem Sprechakt (Sprecher, Hörer und weitere Personen, die nicht am Gespräch beteiligt sind) definieren. Gleichzeitig sind Pronomina auch Zeigworte, weil die Personen, auf die sie referieren, nur anhand der aktuellen Äußerungssituation bestimmt werden können. Da die Referenz der Pronomina von einem Wechsel in der Sprechaktrolle abhängig ist, werden die Pronomina auch häufig als shifters bezeichnet (Helmbrecht 2003: 189).
2.6.1.1 Pronomen der ersten Person
Das Orientierungszentrum für personendeiktische Beziehungen, d.h. Beziehungen, die in einer konkreten Äußerungssituation zwischen den beteiligten Individuen bestehen, ist die I-Origo. Im Normalfall verweisen die Pronomen der 1. Person Singular I, me, my,
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Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
mine etc. auf den aktuellen Sprecher. 7 Neben dem sprachlichen Hinweis mittels der Pronomina charakterisieren in Face-to-Face Gesprächen auch außersprachliche Zeighilfen wie beispielsweise die Gestalt und das Aussehen (optische Zeighilfen) sowie der Klang der Stimme (akustische Zeighilfe) den Sprecher (Rauh 1978: 35). Pronomen können sowohl einzelne Rollen der am Sprechakt beteiligten Personen als auch verschiedene Kombinationen dieser Rollen kodieren (Helmbrecht 2003: 188). Im Gegensatz zu I, dass auf einen einzelnen Sprecher hinweist, bedeutet we nicht, dass es sich um mehrere Sprecher handelt. In der Regel verweist das Personalpronomen we auf den Sprecher plus eine oder mehrere zusätzliche Personen. Zu den zusätzlichen Personen können der bzw. die Adressaten und/ oder eine oder mehrere Personen, die nicht an der aktuellen Gesprächssituation beteiligt sind, zählen. Wie zwei der folgenden Beispiele zeigen, ist es zudem auch möglich, dass we auf nur eine einzelne Person - ‘nur’ den Sprecher oder ‘nur’ den Hörer (sprecherexklusives ‘we’)referiert. 15) ‘We always spent our Holiday in Spain’
In diesem Beispiel schließt we den Sprecher mit ein. Die Verweisgruppe kann hier beispielsweise eine Familie oder befreundete Ehepaare sein, die seit Jahren ihren Urlaub gemeinsam verbringen. Der Rezipient der Äußerung kann nicht in we enthalten sein, weil die Aussage dann keinen Sinn ergeben würde. Aus welchem Grund sollte der Sprecher einem Hörer gegenüber diese Äußerung vornehmen, wenn sie jährlich gemeinsam in den Urlaub fahren?
Das Pronomen we kann sich auf beliebig große Gruppen von Personen beziehen: 16) ‘Hello, we are the parents of Barbara. Nice to meet you.’
Die Referenten von we sind der Sprecher und eine weitere Person, die aber nicht der Hörer ist. 17) ‘We always play according to the official chess rules.’
7 Eine Ausnahme bilden zitierte Äußerungen. Hier referieren die Personalpronomen der ersten
Person nicht auf den aktuellen Sprecher, sondern auf die vom aktuellen Sprecher zitierte
Person.
21
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
Die Verweisgruppe setzt sich hier aus den Mitgliedern des Schachvereins inklusive Sprecher zusammen. Der Adressat ist hier ebenfalls nicht in we enthalten.
18) ‘We don’t have enough schools.’
Die Verweisgruppe können hier beispielsweise die Bewohner einer Stadt, eines Bundeslandes oder eines ganzen Staates bilden. Ebenfalls in diesem
we
enthalten ist der Sprecher, während der Hörer in
we
enthalten sein kann aber nicht muss, je nachdem, ob er zu den besagten Bewohnern einer bestimmten Stadt, eines bestimmten Bundeslandes oder Staates gehört.
19)
Die Personalpronomen we und our beziehen sich hier eindeutig auf eine ganze Volksgruppe, der auch der Sprecher angehört (we = die Deutschen). Sofern auch der Adressat Deutscher ist, ist auch er in we inkludiert. 20) ‘We are highly emotional and intelligent creatures.’
In Äußerung 20 handelt es sich um ein ‘generisches’
we,
d.h.
we
ist in diesem Fall ein ‘Allausdruck’ (Heusinger 2003: 37). Es schließt sowohl Sprecher und Hörer als auch den Rest der gesamten Menschheit ein (Hundt 2001: 3).
21)
Teacher: ‘For today we prepared problem number 5.’
22)
Bei den Äußerungen 21 und 22 handelt es sich um ein ‘potentiell’ inklusives we. Potentiell aus dem Grund, weil auch die Möglichkeit besteht, dass der Sprecher nicht in we enthalten ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat sich der Lehrer von Äußerung 21 ebenso wie die Schüler auf Aufgabe 5 vorbereitet (sprecherinklusives we). Es ist aber auch durchaus möglich, dass der Lehrer Aufgabe 5 nicht vorbereitet hat bzw. vorbereiten hat müssen, da er durch langjährigen wiederkehrenden Unterricht im gleichen Fach mit der Materie vertraut ist. In diesem Fall würde es sich um ein sprecherexklusives we handeln.
22
Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch
Ähnliches gilt für Beispiel 22. In der Regel hält ein Lehrender die Vorlesungen in einem Fach das gesamte Semester hindurch ab. Dementsprechend wäre der Sprecher in we miteingeschlossen. Denkbar wäre aber auch, dass sich zwei Dozenten eine Vorlesung teilen oder ein Lehrender durch Krankheit verhindert ist, und die Person, die we in ihrer Äußerung verwendet, die letzte Vorlesung nicht abgehalten hat. In diesem Fall würde es sich hier um ein sprecherexklusives we handeln. Im Hinblick auf die Adressaten in 21 und 22 kann festgehalten werden, dass ein Großteil der Schüler bzw. Studenten, die im Klassenzimmer bzw. Hörsaal anwesend sind, in we enthalten ist. Möglich ist, dass einige Schüler Aufgabe 5 nicht vorbereitet haben, oder dass einige Studenten nicht an der letzten Vorlesung teilgenommen und sich dementsprechend auch nicht mit einer bestimmten Frage beschäftigt haben. We kann auf alle im Raum anwesenden Adressaten verweisen, tut es aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. In den vorangegangenen Beispielen waren immer mindestens zwei Personen in we inkludiert. Die zwei folgenden Äußerungen hingegen zeigen die bereits oben erwähnten Sonderfälle, in denen we auf nur eine einzige Person verweist: 23) ‘We, Franz Josef, emperor by the grace of God, …’ 24) ‘How are we feeling today?’
Äußerung 23 zeigt die Bezeichnung der eigenen Person durch den Plural (Pluralis Majestatis). Ebenfalls nur auf eine Einzelperson verweisend ist das we in Äußerung 24. Der Unterschied zu Beispiel 23 liegt darin, dass es nicht auf den Sprecher, sondern den Adressaten der Äußerung verweist. Anstelle von we hätte in 24 ebenso gut you stehen können, da die Krankenschwester sich nach dem Befinden des Patienten und nicht nach ihrem eigenen erkundigt. Ein weiteres Exempel für ‘Sprecherexlusivität’ lässt sich in der Alltagssprache im Umgang mit Säuglingen - wie in ‘Haben wir heute schon ein Bäuerchen gemacht?’ - erkennen.
2.6.1.2 Pronomen der zweiten Person
Die sprachlichen Mittel, mit denen ein Sprecher auf einen oder mehrere Adressaten einer Äußerung verweisen kann sind - je nachdem ob sie im Singular oder Plural stehen - die Pronomen der zweiten Person (you, yourself, yours, etc.). Des weiteren hat der Sprecher in Face-to-Face Gesprächssituationen zusätzlich zu den sprachlichen Mitteln die Möglichkeit, den Adressaten durch optische Zeighilfen, wie z.B. durch gestisches Zeigen oder durch Hinwenden zu einer Person, zu identifizieren.
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Arbeit zitieren:
Constanze Ries, 2004, Deiktische Bezüge im geschriebenen und gesprochenen Englisch, München, GRIN Verlag GmbH
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