„Du weißt genau, daß „Atemkristall“, der mir die Wege der Dichtung geöffnet hat, aus deinen Stichen geboren ist.“
Inhalt
1 Einleitung. 1
2 Der „kleine Ehemann“ und sein „kleines Zweiglein“: aus dem privaten Leben
Paul Celans und Gisèle Celan- Lestrange. 1
3. Paul Celan findet zur bildenden Kunst. 3
4 Der Zyklus „Atemkristall“ aus dem Gedichtband „Atemwende“ (1967) 4
4.1 „Atemkristall“ als textueller Zyklus Paul Celans- Entstehung, Strukturen und
Besonderheiten. 4
4.2 „Atemkristall“ als bildlicher Zyklus Gisèle Celan- Lestranges- Technik,
Wirkung und Inspiration 5
5. Aufzeigen des Dialoges zwischen Bild und Sprache anhand der Radierungen
und der Gedichte „Du darfst“ und Weggebeizt“ 7
6 Fazit. 12
7 In der Seminararbeit behandelte Gedichte 133
8 Quellenverzeichnis 14
1 Einleitung
Diese Seminararbeit untersucht die Beziehung Paul Celans und seiner Frau Gisèle Celan- Lestrange auf zwischenmenschlicher sowie auch auf künstlerischer Ebene. Zur Verdeutlichung der Bindung zwischen der Poetik Paul Celans und der Graphik Gisèle Celan- Lestranges werde ich aus der 1965 von den Künstlern gemeinsam publizierten Arbeit „Atemkristall“ einige Gedicht- und Graphikbeispiele miteinander vergleichen.
Ziel ist es aufzuzeigen, dass mit Paul Celan und Gisèle Celan- Lestrange ein bemerkenswerter Dialog zwischen Bild und Sprache entstanden ist, der aus vielen nennenswerten Facetten des Lebens dieser Künstler besteht. Eine genaue textuelle und bildhafte Untersuchung von „Atemkristall“ sowie die Beschäftigung mit der privaten Beziehung der Eheleute und dem Interesse Paul Celans zur bildenden Kunst werden Bestandteil dieser Seminararbeit sein und helfen, die komplexe Bindung der Künstler zu entschlüsseln.
2 Der „kleine Ehemann“ und sein „kleines Zweiglein“: aus dem privaten Leben Paul Celans und Gisèle Celan- Lestrange
Im Dezember 1951, einen Monat nach der ersten Begegnung von Paul Celan und Alix Marie Gisèle de Lestrange schrieb die Graphikerin und Malerin in einem Brief an Paul: „Es muss sehr schwierig sein, einen Dichter zu lieben (…)“ 1 . Dieses doch sehr wahre Bedenken hinderte Gisèle jedoch nicht daran, Paul im Dezember 1952 zu heiraten und ihn trotz der verschiedenartigen Herkunft, Religion und Muttersprache, jahrelanger Depressionen, dem mit Ingeborg Bachmann im Oktober 1957 begangenen Ehebruch, einem Mordversuch im November 1965 und der räumlichen Trennung 1967 ihr Leben lang zu lieben und zu ihm zu stehen. „Ich bin so sicher, dass ich auf dem Weg mit dir, einem schwierigen aber wahren Weg in der Wahrheit bin. Auf diesem Weg kämpfe ich, falle ich, stolpere ich, verliere ich mich unaufhörlich mon chérie (…). Aber es ist auch der Weg auf dem ich mich wieder finde.“ 2 Diese sonderbare Liebe definierte sich vor allem über das gegenseitige Verständnis und die Bewunderung der Kunst des jeweils anderen, die eine lebenslange Wechselbeziehung von Mut, Inspiration und Energie bedeutete. Die Zusammenarbeit der Eheleute auf künstlerischer Basis begann schon mit Titeln, die sich Celan für die Radierungen seiner Frau ausdachte, die ihm wiederum Anregung für neue Gedichte seinerseits gaben. „(…) der Lyriker lernte von der
1 Paul Celan, Gisèle Celan- Lestrange: Briefwechsel. Hsg. Bertrand Badiou. 3 Audio CDs. München 2002, CD1, Track3.
2 Paul Celan, Gisèle Celan- Lestrange: Briefwechsel. Hsg. Bertrand Badiou. 3 Audio CDs. München 2002, CD1, Track 15.
1
Visualität der Bildkunst für seine Gedichte, die Graphikerin (…) sensibilisierte sich für das poetische Potential von Bildern.“ 3 . Auch Lesungen mit Ausstellungen gekoppelt (z.B. 1964 in Hannover und Frankfurt) waren Bestandteile des anfänglichen Zusammenwirkens. Im Herbst 1963 entstanden die Planungen für „Atemkristall“, was als erstes wirkliches Projekt gesehen werden kann, gefolgt von „Schlafbrocken“ (1967), „Portfolio VI“ (1968) und „Schwarzmaut“ (1969).
Der Briefwechsel (insgesamt 737 Briefe) spielte ebenfalls eine zentrale Bedeutung im Leben des Ehepaares. Vor allem wenn die Familie durch Klinikaufenthalte Celans, getrennt verbrachte Urlaube oder Reisen nicht zusammen war, wurden geistige Nähe und Gemeinsamkeit durch Briefe vermittelt. Im Laufe der Zeit änderte sich der Ton der Briefe jedoch erheblich. Am Anfang standen noch Liebkosungen im Vordergrund; später Unterhaltungen über den gemeinsamen Sohn Eric, Gesundheitliches, Seelisches und Berufliches, wie z.B. Vorankommen in einer Arbeitsphase oder Stagnation. Dinge, die das Eheleben eigentlich überschatteten blieben meist unbenannt (wie z.B. der Mordversuch). Stattdessen wurde immer sehr viel Verständnis und Zuversicht in schwierigen Zeiten (z.B. Goll- Affäre) vermittelt. Erst als sich Gisèle im April 1967 dazu entschied, sich zumindest räumlich von Paul zu trennen, gab es eine unüberschaubare Veränderung: Nun ersetzten oft Gedichte von Paul und kleine Graphiken von Gisèle das Wort an sich, das beide nicht mehr glaubten füreinander finden zu können:“ Ich schicke Dir meine besten Wünsche für 1969, möge diese kleine Radierung sie Dir besser übermitteln, als ich es tun kann.“ 4 Gisèle machte sich schwere Vorwürfe, Paul angesichts seiner Depressionen nicht helfen zu können und nannte als Trennungsgrund:“ Wenn ich beschlossen habe, nicht mehr mit dir zusammen zu leben, wie vorher, dann deshalb, weil ich auch meine, daß ich dir nicht nur nicht habe helfen können, sondern weil ich auch meine, daß wir uns so nahe beisammen, weh taten.“ 5
Der so oft, besonders im Briefwechsel erwähnte Satz: „Wir sind es noch immer!“ 6 , kann wohl als Leitspruch und Grund gesehen werden, warum das Künstlerpaar immer wieder über alle Krisen hinweg zueinander fand und bis zum letzten Atemzug an der gemeinsamen Liebe festhielt und für diese Liebe kämpfte. Inwieweit „Atemkristall“ als erste gemeinsame Arbeit für die Beziehung eine Rolle spielte und
3 Ute Allmendinger: « Wege im Schatten- Gebräch deiner Hand ». In: Gisèle Celan- Lestrange, Paul Celan: À l´image du temps. Ausstellungskatalog Tübingen. Tübingen 2001, S.59.
4 Barbara Wiedemann: Sur la trace de tes mains. Ausstellungskatalog, Goethe Museum. Frankfurt 2001, S.37.
5 Paul Celan, Gisèle Celan- Lestrange: Briefwechsel. Hsg. Bertrand Badiou. 3 Audio CDs. München 2002, CD 3, Track 15.
6 Paul Celan, Gisèle Celan- Lestrange: Briefwechsel. Hsg. Bertrand Badiou. 3 Audio CDs. München 2002, CD 2, Track 15.
2
auf welche Art und Weise ein Dialog zwischen Graphik und Gedicht entstand, der dazu beitrug, dass Gisèle und Paul „es noch immer“ waren, soll nun Hauptbestandteil der Untersuchung werden.
3 Paul Celan findet zur bildenden Kunst
Das Interesse an der bildenden Kunst signalisierte Paul Celan schon 1945, als er sich einem surrealistischen Künstlerkreis anschloss und mit Edgar Jené mehrere Projekte erarbeitete, die Poetik und bildende Kunst vereinten. Außerdem übersetzte er Picassos Drama „Le désir attrapé par la queue“ und Jean Bazaines Buch „Notes sur la peinture d´ aujourd´ hui“ wodurch er Künstlerkontakte fand, die ihm neben Beschäftigungen mit einzelnen Bildern von z.B. Van Gogh Denkanstöße für seine dichterische Arbeit gaben und seine Horizonte erweiterten. Eine rasche Abwendung vom Surrealismus erfolgte jedoch, als Jené Celans Gedichtband „Der Sand aus den Urnen“ illustrierte, das heißt vielmehr „konkret verbildlicht(e)“ 7 , wodurch der Dichter seine Gedichte mit „unerträglich „geschmacklosen“ Illustrationen Jenés“ 8 als geradezu entstellt empfand.
So musste es doch eine ganz neue Erfahrung für Paul Celan gewesen sein, Gisèle arbeiten zu sehen und zu erkennen, dass sich seine Frau auf eine sehr intelligente und sensible Art und Weise in seine Gedichte hineindenken konnte 9 und das Talent besaß, diese in Radierungen zu „übersetzten“, die wie kein anderer Künstler und keine andere Kunst das ausdrückten, was Celan mit seiner Poesie auszudrücken vermochte: „In Deinen Stichen erkenne ich meine Gedichte wieder, sie gehen in sie ein, um in ihnen zu bleiben.“ 10
7 Christine Ivanovic: Celans Dialog mit der bildenden Kunst. In: Gisèle Celan- Lestrange und Paul Celan, Ausstellungskatalog Museum Schloss Moyland. Malden 2000, S.23.
8 Christine Ivanovic: Celans Dialog mit der bildenden Kunst. In: Gisèle Celan- Lestrange und Paul Celan, Ausstellungskatalog Museum Schloss Moyland. Malden 2000, S.23.
9 Paul Celan gab seiner französisch- sprachigen Frau Deutschunterricht, der sich (auch) an seinen Gedichten orientierte.
10 Wolfgang Emmerich: Paul Celan. Hamburg 2004, S.134.
3
Arbeit zitieren:
Anna-Lena Henkel, 2005, Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange. Ein Dialog zwischen Bild und Sprache basierend auf dem Gedichtzyklus "Atemkristall", München, GRIN Verlag GmbH
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