Inhalt
1. „Ich werde jetzt wieder etwas weiblicher sein.“ - Einführung
3
2. „Ein Körper, der nichts taugt im Leben“ 5
2.1. Auha oder Relation In Space 7
2.2. Atemnot oder Breathing In Breathing Out 10
2.3. Schweineweh oder Expansion in Space 13
3. „Ich habe mich als Projektionsfläche perfektioniert“ 16
4. „Ich bin kein Agent der symbolischen Ordnung.“ - Schluss und
Ausblick 18
Literatur 20
2
1. „Ich werde jetzt wieder etwas weiblicher sein.“ 1 -Einführung
„Nur die Ausnahme, die Unterbrechung des Regelhaften gibt die Regel zu sehen und verleiht ihr wieder, wenn auch indirekt, den in der fortdauernden Pragmatik ihrer Anwendung vergessenen Charakter Fragwürdigkeit.“ 2 radikaler So formuliert der Frankfurter
Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann die Bedeutung des Umgangs mit Regeln und Konventionen im postdramatischen Theater. Aber führen nicht auch Rollenbilder in der bürgerlichen Gesellschaft zu bestimmten Konventionen oder Regeln? Werden diese Regeln nicht eingehalten - ergo unterbrochen - so folgen Irritationen. Es ist trotz aller Bemühungen um Gleichberechtigung noch immer
ungewöhnlich, dass der Mann Haus und Kinder hütet, während die Frau arbeitet. Erst ein Verhalten entgegen der klassischen Rollenbilder Regeln 3 zeigt, dass die gesellschaftlich akzeptierten zum
Geschlechterverhältnis höchst fragwürdig sind. 4 Einige Performances von Marina Abramovic und ihrem Partner Ulay (d.i. Uwe Laysiepen) lösen bei den Zuschauerinnen 5 Assoziationen wie „Geschlechterkampf“ aus, dies geschieht auch durch die Darstellung von Schmerz und Körperlichkeit. Nackte Menschen - eine Frau und ein Mann - die ständig gegeneinander laufen und dabei Schmerzen erleiden zwingen das Publikum dazu an Geschlechterverhältnisse zu denken: „Der Mann ist stark, die Frau schwach, ist so etwas nicht ein ungleicher Kampf?“, wären mögliche Assoziationen, hier spielen durch Idiome wie „ganzer Mann“ oder „holde Weiblichkeit“ geprägte Vorstellungen eine Rolle.
In dieser Untersuchung werde ich in erster Linie die Performances Relation In Space, Breathing In Breathing Out und Expansion In Space
1 Gesine Danckwart (2001): Girlsnightout. In: Theater Theater. Anthologie.
Aktuelle Stücke 10. Hrsg. v. Uwe B. Carstensen u. Stefanie von Lieven.
Frankfurt a. M., S. 131
2 Hans-Thies Lehmann (2002): Das politische Schreiben. Essays zu
Theatertexten. Berlin
3 Die in dieser Arbeit häufig nebeneinander auftretenden Wörter Regel und
Frau bergen eine gewisse Kalauergefahr, intendiert ist diese Komik
natürlich nicht
4 Dass Geschlechterverhältnisse wie sie existieren, ohne hinterfragt zu
werden, akzeptiert werden beweisen schon diverse Stellungnahmen
(konservativer) Politiker im vergangenen Wahlkampf
5 Ich verwende im Plural auch die weibliche Form als allgemeine, sprich:
Zuschauerinnen bezeichnet sowohl Männer als auch Frauen
3
aus der Reihe Relation Work 6 analysieren, diese bieten sich an, da das Verhältnis zwischen Marina Abramovic - als Frau - und Ulay - als Mann - hier das größte Potential liefert. Da es sich um Performances handelt eröffnet sich eine eigene Dialektik von Wirklichkeit und Inszenierung, denn Performances leben davon, dass sie real sind; die Grenzen zwischen Kunst und Wirklichkeit werden zu Gunsten der Wirklichkeit verschoben. Im Falle der Body Art sogar meist schmerzhaft und grausam für die Künstlerinnen selbst, doch die Situation ist immer noch eine inszenierte, zuvor komponierte sowie vor Publikum präsentierte. Body Art ist zur Schau gestellter Masochismus. Damit ist das Werk eine Reflexion auf gesellschaftliche Verhältnisse und entsteht nicht nur durch die Darbietung sondern erst durch die Rezeption, die im Falle einer gelungenen Performance die Rezipientinnen irritiert oder Fragen an sie aufwirft,
Performances zwingen die Zuschauerinnen also zum Reagieren, so lässt sich auch das aktive Eingreifen von Seiten des Publikums beobachten. Hier führt die fast konsequente Nicht-Beachtung von Rollenbildern durch die Künstlerinnen dazu, dass die gesellschaftlich akzeptierten und beim Publikum vorhandenen Konventionen in ihrer von Lehmann angesprochenen radikalen Fragwürdigkeit zu Tage treten. Dennoch sind auto-agressive Performances keine Sinn-stiftende Kunst mehr, sondern experimentelle: Was löst die Transformation des Körpers aus? Im Gegensatz zum Theater ist diese Transformation real, sie ist in jedem Augenblick präsent, die Künstlerinnen repräsentieren nicht jemand anderen, sondern scheinen nur noch als Körper vorhanden. RoseLee Goldberg bezeichnet Performance als „live art by artists“ 7 , es steht explizit die Aktion im Mittelpunkt und nicht der Sinn. Ich bezeichne die vorhandenen Rollenvorstellungen und Erwartungen überspitzt mit dem Terminus Männlichkeitswahn, dies soll zeigen, dass eine Erwartungshaltung von Seiten des Publikums besteht, den Mann als das „starke Geschlecht“ zu betrachten, der eben in einer Gewaltsituation immer im Vorteil ist - interessanterweise sind viele
6 Das Material liegt als schlechte Kopie vor von: Marina Abramovic u. Ulay
(1989): A Performance Anthology Volume 3. Relation Work 1976-79. Video.
s/w. Amsterdam
7 RoseLee Goldberg (1988): Performance Art. From futurism to the present.
New York u.a. S. 7
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Performerinnen aber weiblich 8 , gerade im assoziativ eher männlichaggressiv besetzten Bereich der Body Art. In der inszenierten Wirklichkeit der Performance aber wird mit Erwartungen gebrochen, so erst wird deutlich, wie theatral die Wirklichkeit ist, denn im Theater werden Rollen gespielt und ist das gesellschaftlich bedingte Geschlecht - genannt gender - nichts anderes als eine vom realen Diskurs aufgezwungene Rolle? So wird der zunächst primäre
Realitätsstatus des Materials Körpers, an dem allein das biologisch bedingte Geschlecht - genannt sex - wahrnehmbar scheint durch kulturelle Kodierung, eben der Zuweisung von gender sekundär und somit zeichenhafter.
Nun ist durch die Struktur der Performances eine deutliche Inszenierung des Geschlechterkampfes festzustellen, die als eine Reflexion über die Fragwürdigkeit des Geschlechterverhältnisses in der Realität verstanden werden kann. Body Art gelingt durch eine Einstellung der Zuschauerinnen zu denen im Werk verhandelten Themen, hier unter anderem Masochismus. Mein Ziel ist es zu zeigen, dass auch die Auseinandersetzung mit den klassischen Rollenbildern durch Assoziationen während der Performance zu ihrem Gelingen beiträgt. Die einzelnen Performances werden dazu beschrieben und strukturiert, dabei werden insbesondere jene Elemente in den Vordergrund rücken, die mit dem Thema Geschlechterkampf in Zusammenhang zu bringen sind, interessant ist dabei, warum die Wirklichkeit der Performance der Einstellung der wirklichen Zuschauerinnen widersprechen kann. Der Erkenntnis des Ödipus gleich wird offenbar, dass die bürgerliche Gesellschaft selbst Ursache für die Pest des Rollenzwangs ist. „Kunst ist die gesellschaftliche Antithesis zur Gesellschaft, nicht unmittelbar aus dieser zu deduzieren.“ 9 , heißt es aber und so kann auch diese Analyse die Frage nach den wirklichen Gründen für Geschlechterverhältnisse nicht lösen, sie wird durch reine
philosophische Arbeit terra incognita bleiben, doch wahr ist, dass sie auch dadurch hinterfragt werden können, damit in medias res.
2. „Ein Körper, der nichts taugt im Leben“ 10
8 Diese Aussage ist richtig, wenn Performerinnen sowohl Männer als auch
Frauen einschließt und dient in erster Linie der Irritation und der Frage
nach dem Umgang mit Geschlechterverhältnissen im Konstrukt Sprache
9 Theodor W. Adorno (2003b): Ästhetische Theorie. Gesammelte Schriften.
Band 7. Hrsg. v. Rolf Tiedemann u.a. Frankfurt a. M., S. 19
10 Danckwart (2001), S. 111
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Was bedeutet bloße Körperlichkeit? Man kann einen Körper nichts als bloßes Material ohne kulturelle oder soziale Kodierung betrachten, denn dem angeblich rein biologischen Körper wird nach seinem Geschlecht auch eine gesellschaftliche Rolle zugeschrieben, er wird also kodiert. Judith Butler geht so weit und bezeichnet auch das biologisch bedingte Geschlecht als Effekt kultureller Norm 11 , kurz: Körper taugen wegen ihrer Geschlechtlichkeit nur bedingt oder nur zu eine bestimmten Leben, das Geschlecht ist also immer performativ und kann nicht nur an und für sich stehen, ohne durch Diskurse semantisch konstruiert zu sein, wie wir sie wahrnehmen sind sie eine „Neuerfindung der Natur“ 12 . Eben diese Aufgeladenheit und Normierung führt in der Performance-Art zu (bisweilen höchst widersprüchlichen) Assoziationen. Paradigmatisch für Performance-Künstlerinnen stehen die
Belgraderin Marina Abramovic und ihr Partner Ulay, deren Aktionen in den 70er Jahren durch die Offensichtlichkeit von Schmerz und Gewalt zu einem Rezeptionsereignis werden, in dem die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung zu oszillieren beginnen. Die hier zu analysierenden Performances lösen Assoziationen von Kampf und Verzweiflung aus, gemeinsam ist ihnen, dass dieser Kampf jeweils zwischen Marina Abramovic und Ulay stattfindet, es scheint sich um einen Wettkampf zu halten: Wer gibt angesichts der Agonie zuerst auf - Frau oder Mann? Die Zuschauerinnen - ob nun körperlich während der Performance anwesend und vielleicht gar eingreifend, oder nur die Videoaufzeichnung betrachtend - geben sich der Illusion hin körperlich mitzuleiden. Sie erleben keinen realen, physischen Schmerz wie die Künstlerinnen, dennoch wird der Akt des Zuschauens durch die Sichtbarkeit des Schmerzes unangenehm oder unerträglich, die Performance wird zum Basilisk, ihr entsetzlicher Anblick lässt die Zuschauerin erstarren. Körperliche Gewalt kann geistig nicht völlig verarbeitet werden und verhindert eine klassische Katharsis, die Frage „Warum nur?“, bleibt, es fehlt der offenbare Sinn. Erkennen geschieht erst unterbewusst, vergleichen ließe sich die Wirkung der Performance mit der Intention von Artauds Theater der Grausamkeit: „Ich schlage daher ein Theater vor, in dem
11 Vgl. Judith Butler (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt a.
M.
12 Vgl. Donna Haraway (1995): Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs
und Frauen. Frankfurt a. M./New York
6
körperliche, gewaltsame Bilder die Sensibilität des Zuschauers, der im Theater wie in einem Wirbelsturm höherer Kräfte gefangen ist, zermalmen und hypnotisieren.“ 13 Die Zuschauerin wird aktiv, aber ist sie das im Theater nicht immer? Ja, doch hier bietet sich keine offensichtliche Lösung, die Zuschauerinnen werden in einer
Endlosschleife verschiedener Assoziationen gehalten. Dionysos, der Gott der Zweiheit: Rausch und Ekstase, jedoch auch Schmerz und Wahnsinn war einst Ursprung des Theaters, heute sind diese Erregungszustände Teil der Performance und werden von realen, nicht fiktionalen Vorgängen erzeugt.
Abramovic, so häufig mit dem Etikett „Großmutter der Performance-Art“ apostrophiert, scheint sich von den Anfängen der europäischen Performance in Amsterdam bis heute anhand eines Ariadnefadens durch das Labyrinth der Performancegeschichte zu bewegen, veränderte Mechanismen kennzeichnen ihr Werk, dem masochistischen Körpereinsatz folgt heute der verstärkte Einsatz theatraler Mittel. Doch Penelope bleibt Odysseus während dessen Irrfahrt treu, Abramovic der Gesellschaftskritik: „I'm only interested in an art, which can change the ideology of society.“ 14 In der Performance Die Lippen von Thomas ritzt Abramaovic sich einen fünfzackigen Stern in den Bauch, die symbolisch blutrote Farbe der sowjet-kommunistischen Ideologie wird real. Kann ein irrationaler Akt - die Selbstverletzungangesichts der Irrationalität des Sowjet-Kommunismus wieder rational werden? Auch die bürgerliche Gesellschaft des Spätkapitalismus ist in sich irrational: Wird Kunst zur Ware, zum reinem Amüsement in der Kulturindustrie, so „betrügt es [=das Kunstwerk] die Menschen vorweg um eben die Befreiung vom Prinzip der Nützlichkeit, die es leisten soll.“ 15 Dem kann Kunst nur durch die Dekonstruktion des
Kunstbegriffs entkommen, wird Gewalt zur Kunst, kann erst die ureigene Gewalt der bürgerlichen Gesellschaft Gegenstand ästhetischer Rezeption werden.
Performances von Abramovic und Ulay, stets gleichberechtigte Partner oder Pole, zwingen durch Identifikation mit einer der beiden zur Auseinandersetzung mit bürgerlich-ideologischen Prinzipien, so
13 Antonin Artaud (2001): Schluß mit den Meisterwerken. In: Manfred
Brauneck: Theater im 20. Jahrhundert. Programmschriften, Stilperioden,
Reformmodelle. Reinbek b. Hamburg, S. 411
14 http://www.fluxfactory.org/otr/golbergmarina.htm (05.11.2005)
15 Max Horkheimer u. Theodor W. Adorno (2003): Dialektik der Aufklärung.
Philosophische Fragmente. Frankfurt a. M., S. 167
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Arbeit zitieren:
Adrian Breul, 2005, Männlichkeitswahn und Wirklichkeit?, München, GRIN Verlag GmbH
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