Inhaltsverzeichnis
1. Entstehung der Pietisterey im Fischbein-Rocke. 3
2. „Der Schauplatz ist Königsberg“ Konkrete Zeit- und Sittenkritik in
L.A.V. Gottscheds Die Pietisterey im Fischbein-Rocke und ihre Wirkung. 5
2.1. Christliche Glaubensströmungen im 17. und18. Jahrhundert. 5
2.1.1. Der Jansenismus in Frankreich. 5
2.1.2. Der Pietismus in Deutschland. 6
2.2. Zeit- und Sittenkritik. 8
2.2.1. Verhältnis der Gottschedin zum Pietismus. 8
2.2.2. Gesellschaftskritischer Inhalt der Pietisterey. 9
2.3. Wirkung der Kritik. 12
2.3.1. Die Situation in Königsberg. 12
2.3.2. Reaktionen auf die Pietisterey 13
3. Zusammenfassung. 13
Literaturverzeichnis. 15
2
1. Entstehung der Pietisterey im Fischbein-Rocke
Luise Adelgunde Gottsched wurde am 11. April 1713 in Danzig als Tochter des Arztes Dr. Johann Georg Kulmus geboren. Sie genoß eine sehr gute Ausbildung und wurde in ihrer Jugendzeit stärker als damals für Mädchen üblich geistig gefördert.
„Ihr Vater, ein Leipziger Arzt, leitete ihre Ausbildung, und auch andere Familienmitglieder haben sie unterrichtet: Ihre Mutter in Französisch und Musik, ein Vetter im deutschen Prosastil und ihr Halbbruder im Englischen, weitere Fächer waren Geschichte, Geographie, Philosophie, Mathematik und Dichtung. Es war eine erstaunliche Bildung für ihre Zeit, auch in der Familie eines Arztes und besonders für eine Tochter“. 1
Als 16jährige schickte sie Johann Christoph Gottsched, Professor für Poesie in Leipzig, ihre literarischen Arbeiten. Es entspann sich ein reger Briefwechsel, bis sie 1735 heirateten. Die Vorlesungen ihres Mannes mußte die intelligente und begabte Frau der Konvention wegen hinter einer verschlossenen Tür lauschend verfolgen. Der aufgeklärte Gottsched führte sie jedoch in seinen geistigen Kreis ein und ließ sie an allen Aktivitäten teilhaben. Luise war äußerst sprachbegabt, sie beherrschte Englisch und Französisch und eignete sich Latein und Griechisch an. Für die Reformbestrebungen ihres Mannes schuf sie Übersetzungen französischer Stücke, u. a. von Molière, Destouches und Voltaire und schrieb auch selber Gesellschaftskomödien, Gedichte und Satiren. Gottsched selber nannte sie seine „geschickte Freundin“, sie besaß „intelligence, wit and talent“ 2 , war eine „aktive und sogar streitbare Persönlichkeit“ 3 und ihr Werk „ought not to be overlooked or underestimated“ 4 . Die Pietisterey im Fischbein-Rocke ist der erste Beitrag zur Schaffung einer regelmäßigen literarischen Komödie in Deutschland nach den Regeln Gottscheds: Die Einheit von Zeit, Ort und Handlung ist gewahrt, das Stück besteht aus fünf Handlungen und die Komödiensprache ist die Prosa. Mittlerer Stand und mittlere Stillage prägen das Bühnenstück: die Szenen spielen im bürgerlichen Milieu, die Sprache folgt mit ihrer Prosa dem Ideal des Natürlichen.
1 Sanders. Ruth H.: „Ein kleiner Umweg“: Das literarische Schaffen der Luise Gottsched. In: Becker-Cantario, Barbara (Edition): Die Frau von der Reformation zur Romantik. Die Situation der Frau vor dem Hintergrund der
Literatur- und Sozialgeschichte. Bonn. 1980. 174.
2 Richel, Veronica C.: An Enlightened Jest: Luise Gottsched´s Horatii. In: Germanic Notes. Bemidji. Lexington. 1973. 50.
3 Paulin, Roger: Luise Gottsched und Dorothea Tieck: vom Schicksal zweier Übersetzerinnen. In: Shakespeare-Jahrbuch 134. Bochum. 1998. 110.
4 Bryan, George B., Richel Veronica C.: The Plays of Luise Gottsched. A Footnote to German Dramatic History. In: Neuphilologische Mitteilungen. Helsinki. 1977. 193.
3
Während der zweijährigen Abwesenheit des Herrn Glaubeleicht, der sich auf einer Dienstreise in England befindet, hat sich seine Ehefrau zu einer fanatischen Pietistin entwickelt und das Haus in einen Treffpunkt der Konventikel sowie zu einem Druckort pietistischer Schriften umgewandelt. Unter dieser Entwicklung leidet unter anderem ihre jüngste Tochter Luischen, die die ihr verhaßten Erbauungsschriften nur aus Gehorsam ihrer Mutter gegenüber liest. Daneben bekümmert sie der stete Aufschub ihrer Hochzeit, bereits vor seiner Abreise hatte der Vater ihr Herrn Liebmann als ihren zukünftigen Ehemann versprochen und seinen Entschluß durch die Verlobung beider besiegelt. Luischen drängt nun endlich auf eine Heirat, der ihre Mutter nun nicht mehr abgeneigt scheint. Allerdings möchte sie den Verwandten des von ihr sehr geschätzten Magister Scheinfromm, Herrn von Muckersdorff, als ihren Schwiegersohn sehen. Scheinfromm nutzt die ihm gegebene Chance aus und arbeitet einen Ehekontrakt aus, wodurch das gesamte Vermögen an Luischen fallen sollte und damit in den Besitz ihres Ehemanns gelangen würde. Rechtzeitig greift aber der Bruder von Herrn Glaubeleicht, Herr Wackermann, in das Geschehen ein. Er bietet seine Nichte Hilfe an und deckt schließlich die bösen Absichten des Herrn Scheinfromm auf. Als letztlic h auch noch der Familienvater zurückkehrt, wird die sofortige Heirat von Luischen und Herrn Liebmann beschlossen.
Frau Gottsched lehnte sich mit diesem Stück eng an das französische Original La femme docteur ou la théologie janseniste tombée en quenouille des Jesuiten Guillaume-Hyacinthe Bougeant an, das 1732 in Frankreich erschienen war. „Das Stück ist halb Übersetzung, halb Original“ 5 postuliert Schlenther, Waters findet Meinungen, die von „an original German work“ über „Bearbeitung“, „Nachbildung“, „translation“ bis „sklavische Nachahmung“ differieren 6 .
Bougeant wiederum orientierte sich an den Werken Molieres, denen er „frömmelnde Heuchler, welche den Frieden eines guten bürgerlichen Hauses stören und die einzelnen Familienmitglieder unter einander verhetzen“ entnahm, „einen solchen fand er im Tartufe “ 7 , „und er brauchte ein Paar eitler verbildeter Damen, welche in der Verkennung des echten Frauenberufs nach Dingen trachten, so ihnen nicht geziemen: und solche fand er in den Femmes savantes“ 8 . Im Origina l wird nicht der Pietismus, sondern der Jansenismus in Frankreich angegriffen. Frau Gottsched bearbeitet das Stück und überträgt es auf deutsche Verhältnisse; sie übernimmt weitenteils die Handlung und die Personen, transponiert aber die Sprache von Vers in Prosa.
5 Schlenther, Paul: Frau Gottsched und die bürgerliche Komödie. Ein Kulturbild aus der Zopfzeit. Berlin. 1886. 142.
6 Waters, Michael: Frau Gottsched´s Die Pietisterey im Fischbein-Rocke. Original, Adaption or Translation? In: Forum for Modern Language Studies. St. Andrews. 1975. 252/253.
7 Schlenther. 143.
8 Schlenther. 143.
4
2. „Der Schauplatz ist Königsberg“. Konkrete Zeit- und Sittenkritik in
L.A.V. Gottscheds Die Pietisterey im Fischbein-Rocke und ihre Wirkung
2.1. Christliche Glaubensströmungen im 17. und 18. Jahrhundert
2.1.1. Der Jansenismus in Frankreich
Der Jansenismus stellte eine katholische Reformbewegung dar, die im 17. und 18. Jahrhundert besonders in Frankreich Bedeutung erlangte. Der Name geht auf den flämischen Theologen und Bischof von Ypern, Cornelius Jansen, zurück, der seine Ideen 1640 in dem Traktat Augustinus niederschrieb. Seine Lehre bezog sich auf einen bestimmten Aspekt der Philosophie des Augustinus. Er behauptete, der Mensch sei notwendig auf Gottes unergründliche Güte angewiesen, um gute Werke zu vollbringen. Gott habe überdies vorausbestimmt, wer auf immer verdammt sei und wer zur Erlösung gelange. Nur einigen wenigen sei diese letzte Gnade beschieden. Jansens Prädestinationslehre deckte sich hierin mit dem Kalvinismus, was ihren Anhängern den Vorwurf einbrachte, protestantische Gedanken unter dem Deckmantel einer katholischen Lehre zu verbreiten. Die Jansenisten beharrten gleichwohl auf ihrer Zugehörigkeit zur römischen Kirche, die sie allein als die wahre Kirche ansahen. In Frankreich verbreitete Jansens Freund Jean Du Vergier de Hauranne, besser bekannt als Abbé de Saint-Cyran, die neue Lehre, die sich hier durch eine besonders strenge Frömmigkeit und Moralvorstellung auszeichnete. Damit bildete sie einen Gegenpol zur toleranteren Ethik und den prachtvollen Zeremonien der herrschenden kirchlichen Strömungen, insbesondere der Jesuiten.
Um 1640 etablierte sich das Kloster von Port-Royal-des-Champs bei Paris als spirituelles Zentrum der Jansenisten. Zahlreiche für die Inhalte der Bewegung aufgeschlossene Adlige, königliche Richter und Intellektuelle zogen sich zeitweilig hierher zurück. Von Beginn an wurden die Jansenisten sowohl von den Jesuiten als auch von der französischen Regierung bekämpft, die ihnen Verbindungen mit verschiedenen politischen Oppositionsgruppen unterstellte. Der Konflikt gipfelte darin, daß König Ludwig XIV im Jahre 1709 die Schließung und Zerstörung von Port-Royal anordnete. Im 18. Jahrhundert erhielt der Jansenismus insbesondere von Pariser Theologen starken Zulauf. Hunderte von Klerikern weigerten sich, die Bulle Unigenitus , welche 101 Punkte der Abhandlung des Jansenisten Pasquier Quesnels, verurteilte anzuerkennen, und verlangten nach einem Konzil, das den Streitgegenstand unabhängig von Rom untersuchen sollte. Nun breitete sich die Bewegung auch in anderen europäischen Ländern wie z. B. in Spanien, Italien und Österreich aus. An den königlichen Gerichtshöfen Frankreichs gelang es den Jansenisten, die Gallikaner zu einer Allianz zu bewegen. Diese führten ebenfalls Auseinandersetzungen mit den Jesuiten und lehnten überdies jede päpstliche
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Arbeit zitieren:
M.A. Erwin Maier, 2000, Konkrete Zeit- und Sittenkritik in L.A.V. Gottscheds 'Die Pietisterey im Fischbein-Rocke' und ihre Wirkung, München, GRIN Verlag GmbH
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