Inhaltsverzeichnis
I Vorbemerkung 3
II Begriffsdefinition Maßwerk 3
III Entwicklung des Maßwerkfensters in Deutschland 4
Maßwerk der Hochgotik (1220-1270 80) 5
Maßwerk des Rayonnant-Stiles (1260-1360 80) 6
Maßwerk des Flamboyant-Stiles (1350-Anfang des 16 Jh ) 13
IV Schlussbemerkung 15
V Literaturverzeichnis 17
VI Abkürzungsverzeichnis 18
VII Abbildungen 19
VIII Abbildungsnachweis 32
3
I. Vorbemerkung
Diese Arbeit ist als Ergänzung zum Referat „Der Regensburger Dom“ entstanden und stellt deshalb die Maßwerkfenster des Regensburger Domes in den Mittelpunkt. Wenn Epochen der Entwicklung des Maßwerks nicht an den Fenstern des Domes nachgewiesen werden können, werden, so weit vorhanden, Beispiele aus anderen Regensburger Kirchen herangezogen.
Ziel dieser Arbeit ist es, die Entwicklung des Maßwerks in Deutschland, bzw. im damalig deutschsprachigen Raum, aufzuzeigen, die besondere Entwicklung in England wird deshalb außer Acht gelassen. Die Maßwerksformen in Frankreich sind zwar nicht Gegenstand dieser Arbeit, aber da sie vor allem in den frühen Phasen die Grundlage für die Entwicklung der Formen in Deutschland bilden, ist es oft unverzichtbar, Beispiele aus Frankreich zu benennen. Im Zuge dieser Arbeit wird vor allem auf das Maßwerk der Fenster eingegangen, Maßwerk an anderen Bauteilen folgt zwar ähnlichen Prämissen, ist aber nicht Thema dieser Arbeit. Maßgebend stütze ich mich bei dieser Arbeit auf Literatur von Günther Binding und Lottlisa Behling, die sich mit dem Maßwerk in Deutschland, Frankreich und England intensiv auseinandergesetzt haben, wobei ich mich für Bindings Terminologie als der stringenteren und moderneren entschieden habe. Des weiteren habe ich für die Baugeschichte des Regensburger Domes vor allem das recht aktuelle Werk von Achim Hubel und Manfred Schuller herangezogen.
II. Begriffsdefinition „Maßwerk“
Unter Maßwerk versteht man eine Bauzier, die aus rein geometrischen Formen entsteht, d. h. sie ist unter Verwendung von Zirkel und Richtscheit zu erzeugen, mit dem „gemessen“ wurde. Entstanden als architektonische Schmuckform, war dementsprechend Stein das Material des Maßwerks; im Laufe der Zeit gab es aber bald kein plastisches Material mehr, aus dem nicht Maßwerkformen gestaltet worden wären. Holz, Ton, Elfenbein, edle und unedle Metalle wurden in Maßwerkornamente verwandelt. 1 1 Vgl. Knobloch, Charlotte, Studien zur Konstruktion und Komposition des Maßwerks, Univ. Diss. Berlin 1991, im Folgenden zitiert als Knobloch 1991, S. 3.
4
Günther Binding beschreibt das Wesen des Maßwerks lexikonartig genau: „Maßwerk (´Gemessenes Werk´) ist ein ausschließlich aus exakten Kreisbogen geometrisch konstruiertes Element zur Unterteilung des über der Kämpferlinie gelegenen Bogenfeldes (Couronnement) von gotischen Fenstern, später auch zur Gliederung von Mauerflächen (Blendmaßwerk) oder frei gespannt vor ganzen Wänden (Schleiermaßwerk), sowie für Wimperge 2 und Brüstungen“. 3 Es ist
ungegenständliches Bauornament der Gotik und entwickelt sich aus rein geometrischen Figuren, deren wesentlichstes Bildungsgesetz das Symmetrieprinzip darstellt. Das Maßwerk selbst ist als Netz profilierter Stege ausgearbeitet; ein Fehlen der Profilierung würde der Schmuckform ihren Maßwerkcharakter nehmen. 4
III. Entwicklung des Maßwerks in Deutschland
Erstmals tritt in Deutschland um 1235 mit dem Bau der Elisabethkirche in Marburg hochgotisches Formengut auf. Nachdem vorher nur Versatzstücke und Einzelformen aus der gotischen Formensprache Frankreichs entlehnt worden sind, um in die spätromanischen deutschen Kirchen eingebaut zu werden, entstehen ab 1235, also rund ein viertel Jahrhundert später als in Frankreich, einzelne komplett gotische Bauten in der Rheingegend in Deutschland, die auch die Gesamtheit der gotischen Formensprache aufweisen, einschließlich des ersten deutschen Fenstermaßwerks. Erst ab 1250 verbreitete sich der gotische Baustil zur allgemein gültigen Bauform in Deutschland. Zwar gab es den Transfer von Wissen um den neuen Stil, da im Mittelalter eine rege Migration von Bauleuten innerhalb Europas üblich war, allerdings schränkten die unsicheren politischen Bedingungen in Deutschland die Ausbreitung der Gotik ein. Es fehlte eine Zentralgewalt, die für eine konzentrierte Verbreitung hätte Sorge tragen können. 5
Nach Binding unterscheidet man drei große Phasen des Maßwerks: Hochgotik, Rayonnant und Flamboyant 6 , diese Phasen werden im Folgenden nun genauer
erläutert.
2 Ein Wimperg ist ein über Portalen, Türen und Fenstern angebrachter Ziergiebel der gotischen Architektur, an den Schrägen mit Krabben besetzt, häufig von zwei Fialen flankiert und von einer Kreuzblume bekrönt.
3 Binding, Günther, Maßwerk, Darmstadt 1989, im Folgenden zitiert als Binding 1989, S. 22. 4 Vgl. Knobloch 1991 (wie Anm. 1), S. 3.
5 Vgl. Binding 1989 (wie Anm. 3), S. 196.
6 Binding 1989 (wie Anm. 3), S. 22.
5
Maßwerk der Hochgotik (1220-1270/80) 7
„Die Urform des Maßwerks entstand in Frankreich, dem Ursprungsland der Gotik überhaupt. Der Meister der Reimser Chorkapellen (1211-1227) erfand die Form, die von dort für alle folgenden Bauten Frankreichs und der übrigen Länder auf gleicher Stilstufe verbindlich wurde: Ein umgreifender Spitzbogen wird von zwei Spitzbögen auf Säulchen unterteilt, deren Scheitel, auf kurze Strecke mit ihm verschmolzen, ein Rund mit eingesetztem Sechspass tragen“ 8 (Abb. 1). In der Frühgotik spricht man
noch nicht von Maßwerk, erst die Hochgotik kennt das Maßwerk als Zierform. Zunächst einzeln stehende, spitzbogige Fenster rückten nach und nach zu Gruppen zusammen, die schließlich ihrerseits wieder von einem Spitzbogen überwölbt worden sind. Der verbleibende Raum im Scheitel des übergreifenden Spitzbogens wurde immer mehr aufgebrochen, erst waren es Lochfiguren, die wie aus der massiven Wand ausgestanzt wirkten, später löste sich der Wandbezug gänzlich auf. Die Reimser Chorkapellenfenster gelten deshalb als. Innerhalb des übergreifenden Spitzbogens gibt es keine Wandreste mehr, „das Rund mit dem eingesetzten Sechspass ist nicht mehr Lochfigur in einem bretthaften Grunde (...), sondern ein ringförmiger Körper in einem raumerfüllten Grunde“ 9 . Durch das Schwinden selbst
der Wandzwickel zwischen Rahmen und Unterteilungsbogen schwebt das Rund des Sechspasses gleichsam auf den Scheiteln der beiden Spitzbögen (Abb. 2). 10
Direkt in der Reimser Tradition stehen in Deutschland neben den Chorfenstern der Liebfrauenkirche in Trier (um 1235 bis vor 1243) (Abb. 13) die Chorfenster der Elisabethkirche in Marburg (Chor 1235-1248). Das Profil zeigt einen Rundstab, der einem relativ breiten Pfosten aufgelegt ist. Der Kreis berührt den Laibungsbogen 11
zwar, aber nur mit der Vorderfläche, jedoch nicht mit dem Rundstab (Abb. 3). Die aufgelegten Rundstäbe von Kreis und Lanzettbogen berühren sich, verschmelzen aber nicht. 12 Im Westteil des Langhauses (Abb. 4) erfolgt dann der nächste Schritt
der Einbindung des Maßwerks, indem die Profile der Lanzettbögen mit denen des Kreises und diese wiederum mit dem Profil des Laibungsbogens verschmelzen.
7
Zur Datierung vgl,. Binding 1989 (wie Anm. 3), S. 22.
8 Behling, Lottlisa, Gestalt und Geschichte des Maßwerks, Köln, Wien 2 1978 (erweiterte Auflage,
1. Auflage Halle an der Saale 1944), im Folgenden zitiert als Behling 1978, S. 11.
9 Behling 1978 (wie Anm. 8), S. 18.
10 Vgl. Behling, 1978 (wie Anm. 8), S. 18.
11 Unter Laibung versteht man die senkrechte, oft schräg verlaufende Schnittfläche in der Mauer bei Fenster- und Türöffnungen.
12 Vgl. Binding 1989 (wie Anm. 3), S. 197.
6
Diese frühe Maßwerkform kann man in Regensburg in leicht abgewandelter Form an der Dominikanerkirche St. Blasius (2. Hälfte des 13. Jh.) finden. Ein Spitzbogen umschließt zwei spitzbogig geschlossene Bahnen, die einen Kreis mit einbeschriebenem liegendem Dreipass (Abb. 5) bzw. stehendem Vierpass 13 (Abb. 6)
tragen, allerdings sind hier die Stäbe nicht als Säulchen oder Rundstäbe ausgebildet, sondern im Maßwerk erster Ordnung abgeschrägt profiliert und im Maßwerk zweiter Ordnung als Bandprofil ausgeführt.
Im Gegensatz zu den Maßwerkfenstern, die in dieser Anfangsphase sehr stark den französischen Vorbildern nachempfunden sind, haben sich die Rosenfenster in Deutschland verhältnismäßig selbständig aus einer langen romanischen Tradition entwickelt. Aus den romanischen Rad- und Lochscheibenfenstern, die wie aus der Wand ausgestanzt wirkten, entwickeln sich, im Sinne der Gotik überformte neue Figuren. Die beiden Südquerhausrosen des Straßburger Münsters (Abb. 7) liegen als Kreisfenster in der von Blendbogen überfangenen zurückgestuften Mauerfläche, also noch nicht frei in einen Spitzbogen eingefügt. Allerdings sind sie nicht mehr aus der Fläche geschnitten, sondern mit einem, der Fläche aufgelegtem Rundstab gezeichnet; somit sind sie als die ersten Maßwerkrosen in Deutschland zu bezeichnen. 14
In Frankreich entsteht um 1230 das vierbahnige Maßwerkfenster mit abgestufter Profilierung. „Das klassische Gliederungssystem von zwei Lanzetten mit Kreis wird in den beiden Lanzetten wiederholt; das Profil des Fenstergewändes 15 setzt sich aus
einer Folge von Gliedern zusammen, von denen die äußeren auch den Spitzbogen des Gewändes umziehen, während die inneren um die Hauptteilung des Fensters geführt und von den alten Stäben 16 aufgenommen werden“ 17 . Durch die Verbreiterung zu
vierbahnigen Fenstern wird der Bereich des Couronnements größer und bietet damit mehr Raum für mehr und vor allem größere Maßwerkskonstruktionen.
Nach 1250 wird das Maßwerk dynamischer. Man wendet sich ab von den einfachen, klaren Grundstrukturen; eine Bereicherung der Schmuckform setzt sich allgemein durch. 18 Durch die Stelzung des Bogenfeldes der zweibahnigen Fenster entsteht dort 13 Zur Veranschaulichung der Passformen vgl. Abb. 12.
14 Vgl. Binding 1989 (wie Anm. 3), S. 206.
15 Als Gewände bezeichnet man den schräg verlaufenden Einschnitt in der Mauer bei Fenster- und Türöffnungen; bei Gewölben und Bögen die untere Wölbfläche. Das Gewände kann profiliert sein, z. B. als Stab oder Hohlkehle.
16 Bei Fenstern mit mehreren Bahnen können die teilenden senkrechten Stäbe in ihrer Dicke unterschieden sein. Man unterschiedet die mittig teilenden Hauptstäbe (alte Stäbe) und die dünneren Nebenstäbe (junge Stäbe).
17 Behling 1978 (wie Anm. 8), S. 23.
18 Binding 1989 (wie Anm. 3), S. 200.
7
ebenfalls mehr Raum für Maßwerkfiguren; wie bei den vierbahnigen Fenstern werden kleinere Drei- und Vierpässe in Kreisen zwischen dem Hauptpass und dem Gewände eingefügt. Das Ersetzen der Rundstäbe durch abgeplattete Grate ist auch eine typische Entwicklung im gotischen Deutschland der Zeit nach 1250. Ebenso findet die Figur von einem oder mehreren, dann gestapelten, ungerahmten Dreipässen im Bogenfeld Verwendung, wie in Regensburg an der Dominikanerkirche St. Blasius zu sehen ist. Durch die selbstauferlegte Einfachheit in den Kirchen- und Ornamentformen der Dominikaner wirkt hier das Maßwerk allerdings sehr flächig und grob modelliert (Abb. 14).
Maßwerk des Rayonnant 19 -Stiles (1260-1360/80) 20
In dieser Stilepoche werden eine Reihe von neuen Formen eingeführt: die Nasen an den Lanzettbögen der Bahnen und der Dreistrahl gehören dazu. Ungerahmte Passformen treten ab 1260 auf, ebenso wie erste dreibahnige Fenster. Diese treten in verschiedenen Spielarten auf: die mittlere Bahn kann über die seitlichen hinaufgezogen sein oder niedriger enden, wenn das Zentralmotiv sich zwischen die seitlichen Bahnen senkt. Nun finden sich auch sechsbahnige Fenster, die entweder zu drei und drei Bahnen oder zu dreimal zwei Bahnen zusammengefasst sind. Von 1310-1330 werden große Prachtfenster dekorativ ausgestaltet, deren Formenreichtum sich nach 1330 verselbständigt. In dieser Zeit entsteht als völlig neue Figur die Zwickelblase 21 .
Am Regensburger Dom kann man gut die verschiedenen Phasen der Entwicklung des Maßwerks nachvollziehen. Anfangs wurde die gotische Formensprache nur zögerlich zitiert, was im zuerst entstanden Südchor nachzuweisen ist. „Hier läßt sich (...) die Architekturauffassung der ursprünglichen Planung bis heute nachvollziehen. Dabei fällt eine bewußt altertümliche, retrospektive Grundhaltung auf, welche die ehrwürdige Traditionen des Hochstifts im Bewußtsein wachhalten wollte. Man ging sogar so weit, in den Arkadennischen des Chorschlusses zwei Säulchen mit 19 Rayonnant (franz.): strahlend.
20 Zur Datierung vgl,. Binding 1989 (wie Anm. 3), S. 22.
21 Vgl. Binding 1989 (wie Anm. 3), S. 25-27.
Arbeit zitieren:
M.A. Erwin Maier, 2002, Das gotische Maßwerkfenster, München, GRIN Verlag GmbH
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