′Trennung der Liebenden′ in Gottfrieds von Straßburg ′TRISTAN′
von: Jean-Claude Eichenseher
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
1.1. Thema der Hausarbeit, Ziel und Vorgehensweise 3
1.2. Literarische Bedeutung der ‚Trennung der Liebenden’ 4
2. Trennung der Liebenden 5
2.1. Kritische Analyse der Abschiedsszene 5
2.1.1. Tristans Abschiedsmonolog 5
2.1.2. Isoldes Abschiedsmonolog 6
2.2. Das Leben der Liebenden während der Trennung 8
2.2.1. Tristan auf der Flucht vor sich selbst 8
2.2.3. Isolde Weißhand 12
3. Isolde, die Göttin – Tristan, der Treuebrecher? 17
4. Der Fragment-Charakter bei Gottfrieds ‚Tristan’ – Absicht oder Abbruch? 20
5. Zusammenfassung 22
Literaturverzeichnis 24
1. Einleitung
1.1. Thema der Hausarbeit, Ziel und Vorgehensweise
Gegenstand dieser Hausarbeit ist die ‚Trennung der Liebenden’ bei Gottfrieds von Straßburg ‚Tristan’. Vorab soll auf die Bedeutung dieses zweiten Teils von Gottfrieds Werk hingewiesen werden, das, dessen ungeachtet, in der Forschung längere Zeit nur wenig Beachtung fand. Ein Grund für das mangelnde Interesse seitens der Literaturwissenschaft könnte die – beabsichtigte oder nicht beabsichtige – Nichtvollendung des Werkes bei Gottfried sein. Einige Philologen betrachten die Baumgartenszene als Wendepunkt bei ‚Tristan’. Manche, beispielsweise Schröder, geben des Weiteren den schlechten Überlieferungszustand der Vorlagen als Ursache für das Forschungsdesinteresse an. 1 Dem widerspricht jedoch die Tatsache, dass fast alles, was vom ‚Tristan’ Thomas d’Angleterre, die Hauptquelle, auf die sich Gottfried beruft2, erhalten ist, dem letzten Teil der Erzählung zuzuordnen ist.3 Demzufolge ist die Trennung der Liebenden – was Thomas als Quelle betrifft – der bestüberlieferte Teil überhaupt. Im Hauptteil wird versucht, die Abschiedsmonologe von Tristan und Isolde sowie ihr Leben während der Trennung zu entwirren und zu analysieren. Die in der Forschung zahlreich existierenden Kontroversen, die laut Haug „an der provokativen Lebendigkeit des Werkes selbst“4 hängen, sollen neu überdacht und auf ihre Glaubwürdigkeit hin nachgeprüft werden. Verkörpert Tristan das von Gottfried im Prolog vorgestellte Minneideal oder fungiert er vielmehr als schlechtes Exempel?
Im letzten Kapitel der Hausarbeit sollen die Umstände geklärt werden, unter denen Gottfrieds ‚Tristan’ unvollendet geblieben ist – oder muss man Tristans langen Monolog5 als von Gottfried gewünschten Höhepunkt seines ‚Tristan’ verstehen? Ziel dieser Hausarbeit kann es nicht sein, auf all diese Fragen eine endgültige Antwort zu finden, denn, wie Lanz-Hubmann treffend formuliert hat, „es scheint so gut wie keinen Punkt zu geben, in dem über Gottfrieds ‚Tristan’ Einigkeit herrscht.“6 Doch sollen zumindest die wahrscheinlichsten Theorien und Interpretationen herausgearbeitet sowie die ungewissen widerlegt werden. Um der Gefahr der Überinterpretation zu entgehen, wird die Nähe zur Erzählung beibehalten. Aufgestellte Theorien werden durch Textbeispiele belegt und erläutert.
1.2. Literarische Bedeutung der ‚Trennung der Liebenden’
Im Text Gottfrieds ‚Tristan’ lassen sich mehrere Hinweise auf die Bedeutung der ‚Trennung’ für die Liebenden auffinden. Bereits im Prolog wird die Liebe als untrennbar von Freude und Leid dargestellt.7 Durch die Trennung wird die Liebe von Tristan und Isolde auf eine neue Bewährungsprobe gestellt. Bislang hatten sie – bis auf die kurze Phase während der Anklage – stets Gelegenheit, sich zu sehen und sich auszutauschen; lediglich die „körperliche Vereinigung“8 war eingeschränkt. Nun jedoch müssen sie unter Beweis stellen, dass ihre Liebe auch über die Entfernung hinaus andauert: „der innecliche minnen muot/ so der in siner senegluot/ ie mere und mere brinnet,/ so er ie serer minnet.“9 Die Trennung gibt ihnen die Gelegenheit, allen, aber vor allem sich selbst, zu beweisen, dass ihre Liebe mehr ist als nur sexuelle Begierde und körperliche Befriedigung. Sie können demonstrieren, dass sie auch in der Ferne Bestand hat.10 Ein weiterer Hinweis auf die Bedeutung liefert der Passus, an der die Trennung einsetzt. Als Marke die beiden Geliebten im Baumgarten erspäht, werden sie mit einem Kunstwerk verglichen, das nicht vollkommener sein könnte: „und waere ein werc gegozzen/ von êre oder von golde,/ ezn dorfte noch ensolde/ niemer baz gevüget sîn.“11 Diese Beschreibung des Liebespaares erweckt den Anschein als wäre dies der Gipfel ihrer Liebesbeziehung, sie formen ein „Bild vollkommener Liebeseinheit“12, das augenfällig nicht mehr verbesserungsfähig ist. Dass es dennoch eine Steigerung gibt, wird in dem kurz darauf folgenden Monolog Isoldes13 dargelegt; durch die Trennung sollen Tristan und Isolde zu einer Herzenseinheit verschmelzen – die Liebe wird zu einem „geistig-sittlichen Phänomen“14.
2. Trennung der Liebenden
Inwieweit die beiden Liebenden die Bewährungsprobe annehmen, und ob ihre Liebe diese übersteht, soll im folgenden Teil der Hausarbeit zugrunde gelegt werden.
2.1. Kritische Analyse der Abschiedsszene
2.1.1. Tristans Abschiedsmonolog
[...]
1 Vgl. Schröder 1993, S.44.
2 Vgl. V. 150. Sämtliche Versangaben beziehen sich, wenn nicht anders vermerkt, auf den Text von Friedrich Ranke. STRASSBURG, Gottfried von: ‚Tristan’. Stuttgart 20027.
3 Vgl. Bonath 1985, S.9.
4 Haug 1989, S.600.
5 V.19424-19548.
6 Lanz-Hubmann 1989, S.13
7 Vgl. V.193-210.
8 Schröder 1993, S.43.
9 V. 111-114.
10 Vgl. Schröder 1993, S.48
11 V.18208-18211.
12 Huber 2000, S.120.
13 V. 18288-18358.
14 Schröder 1993, S.47.
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Jean-Claude Eichenseher, 2004, 'Trennung der Liebenden' in Gottfrieds von Straßburg 'TRISTAN', Munich, GRIN Publishing GmbH
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