1. Einleitung
Kinder- und Jugendlichenarmut in Deutschland nimmt alarmierende Ausmaße an und wird sowohl sozialpolitisch als auch wissenschaftlich zunehmend zum Thema. Laut Angabe des Zweiten Armuts- und Reichtumsberichtes bezogen 2003 insgesamt 1,1 Mio. Kinder unter 18 Jahren laufend Hilfe zum Lebensunterhalt und stellten somit die größte Gruppe unter den Sozialhilfeempfängern dar (vgl. Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung 2005, S. 27). Diese und weitere alarmierende Zahlen, die im folgenden noch genannt werden, haben dazu beigetragen, dass in jüngster Zeit zunehmend dazu übergegangen wird, auch kindbezogene Armutsforschung zu betreiben, wie zum Beispiel im Zuge der 1. AWO-ISS-Studie, auf die ich im Folgenden noch detaillierter eingehen werde. In meiner Arbeit möchte ich nun einige der Ergebnisse der kindbezogenen Armutsforschung vorstellen. Vor allem werde ich auf die Benachteiligungen eingehen, denen arme Kinder und Jugendliche in verschiedenen Lebensbereichen ausgesetzt sind. Hierbei stehen in meinen Ausführungen deutsche Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt, da solche mit Migrantenhintergrund noch mal eine eigene Gruppe darstellen, deren Erläuterung und angemessene Berücksichtigung den Rahmen meiner Arbeit sprengen würde. Ebenso gehe ich weniger auf die famlien- bzw. sozialpolitischen Maßnahmen ein, sondern stelle eher die kindliche Wahrnehmung und die verschiedenen Bewältigungsstrategien in den Vordergrund. Zudem möchte ich bei meiner Betrachtung besonders auf geschlechtsspezifische Unterschiede im Erleben von und im Umgang mit Armut eingehen und einige Erklärungsansätze hierfür wiedergeben. Zunächst erachte ich es jedoch als notwendig, einige Armutsbegriffe- und Armutskonzepte vorzustellen und den meiner Arbeit zugrunde liegenden Armutsbegriff zu definieren. Anschließend werde ich erläutern, wie Kinder Armut erleben und einige Bewältigungsmodelle vorstellen, wobei das Bewältigungsverhalten in sozialen Brennpunkten gesondert behandelt werden wird. Bevor ich zu einer abschließenden Bewertung komme, möchte ich das
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Thema Jugendarbeitslosigkeit wenigstens kurz anreißen, da ich der Meinung bin, dass diese eines der größten Probleme der nahen Zukunft darstellt. Am Ende meiner Arbeit werde ich schließlich Kritik anmerken und erläutern, wo ich, besonders für die sozialpädagogische Praxis, Handlungsbedarf sehe.
2 Armutsbegriffe und Armutsdefinitonen
2.1 Relative und absolute Armut
Für den Begriff Armut gibt es bis heute noch keine einheitliche Definition. Zunächst kann Armut als absolut oder relativ definiert werden. Von absoluter Armut spricht man, wenn die Existenz eines bzw. mehrerer Menschen psychisch oder physisch absolut bedroht ist (z.B. weil sie hungern müssen oder obdachlos sind). In Deutschland kommt der absoluten Armut heute dank sozialstaatlicher Maßnahmen und aufgrund des Anstiegs des allgemeinen Lebensstandards kaum noch eine Bedeutung zu, auch wenn sie trotzdem nicht gänzlich ausgeschlossen werden darf. Spricht man in Deutschland aktuell von Armut, so ist in den meisten Fällen die relative Armut gemeint. Als arm gilt folglich, wer in Relation zum Durchschnitt der Bevölkerung zu einem bestimmten Grad von gesellschaftlicher und sozialer Benachteiligung betroffen ist und über so wenig Mittel verfügt, dass er von der Lebensweise ausgeschlossen ist, die in seiner Gesellschaft „als unterste Grenze des Akzeptablen gilt“ (TOPPE/DALLMANN 2000, S. 130).
2.2 Ressourcenansatz und Lebenslagenansatz
Weiterhin geht man in der Armutsforschung vor allem von zwei Hauptkonzepten aus: dem Ressourcenansatz und dem Lebenslagenansatz. Der Ressourcenansatz sieht Armut als Fehlen von ökonomischen Mitteln, wobei hauptsächlich das (nicht) verfügbare Einkommen betrachtet wird. Es gibt mehrere Möglichkeiten, um Armut im Bereich des Einkommens zu messen. Häufig wird der Sozialhilfebezug als Indikator von Armut benutzt. Ist dies der Fall, bleibt das gesellschaftlich durchschnittliche Einkommen außer Acht und man wird den Personen nicht gerecht,
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die zwar sozialhilfeberechtigt wären, diese aber aus unterschiedlichen Gründen nicht in Anspruch nehmen. In der Wissenschaft am häufigsten verwendet wird jedoch die 50%- Grenze nach einer Empfehlung der Europäischen Union. Nach dieser Definition gilt als arm, wer 50% oder weniger des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens monatlich zur Verfügung hat. Der Lebenslagenansatz hingegen sieht Armut als Anhäufung von Unterversorgungslagen in relevanten Lebensbereichen (z.B. Bildung, Wohnen, Gesundheit, etc.). Von Unterversorgung beziehungsweise Deprivation betroffen ist folglich, wer unterhalb des für den jeweiligen Bereich festgesetzten Minimalstandards liegt, der sich wiederum am gesellschaftlichen Durchschnitt bemisst. Problematisch bei diesem Ansatz ist, dass es noch immer viele Unstimmigkeiten gibt, welche Bereiche des Lebens in die Analyse miteinbezogen und wie die Minimalstandards festgesetzt werden sollen. Aufgrund dieser Unklarheiten wird der Lebenslagenansatz als ein noch unfertiges Forschungskonzept gesehen, als eine Sichtweise, die den Ressourcenansatz lediglich in einigen Bereichen ergänzt (vgl. zu 2.1 und 2.2 insgesamt TOPPE/DALLMANN 2000, S. 129-133).
2.3 Kinderarmut
Die oben definierten Armutsbegriffe beziehen sich nun jedoch hauptsächlich auf Armut von Erwachsenen. Kinder werden selten als eigenständige Gruppe gesehen, sondern lediglich im Zusammenhang mit armen Familien oder Haushalten mitthematisiert, ohne dass auf die Sicht der Kinder näher eingegangen wird. Obwohl also, wie oben bereits erwähnt, die Armut von Kindern immer mehr zum öffentlichen Thema wird, bleibt sie vom wissenschaftlichen Diskurs weitgehend ausgeschlossen (vgl. NEUBERGER 1997, S. 79 f.). In vielen Veröffentlichungen zum Thema Armut liest man sogar von Kindern als Armutsrisiko (vgl. MANSEL/NEUBAUER 1998, S.10, Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung 2005, S. 27 f.). Nicht aber davon, welche Auswirkungen Armut direkt auf die Kinder und Jugendlichen hat.
Eine der ersten Studien zum Thema Armut von Kindern, die den Blickwinkel der Kinder in den Mittelpunkt stellen, ist die 1.AWO-ISS-Studie, die unter anderem als Reaktion auf die Forschungsdefizite im Bereich Kinderarmut ins Leben gerufen
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wurde. Sie wurde im Auftrag des AWO-Bundesverbandes durch das „Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Frankfurt am Main“ (ISS) durchgeführt und ist bis jetzt noch nicht beendet. Diese Studie ist bundesweit die erste Langzeitstudie in dieser Form die sich mit dem Thema Kinderarmut beschäftigt. Im Rahmen der AWO-ISS-Studie entstand ein neues eigens für Kinder geltendes Armutskonzept, dass ich für sehr gelungen halte. Es ist ein Mischung aus Ressourcen- und Lebenslagenansatz und betrachtet zunächst die Ressourcen der Familien, um die Kinder vorweg in „arm“ und „nicht-arm“ einzuteilen. Als Armutsgrenze wird hierfür die oben bereits erwähnte 50%-Grenze des Netto-Einkommens bzw. der Sozialhilfebezug benutzt. Zusätzlich wird jedoch betrachtet, was die Armutsbedingungen für das Kind bedeuten und wie Kinder mit Armut umgehen. Zu einem kindgerechten Armutsbegriff gehören folglich neben den Ressourcen der Familie folgende Grundbedingungen:
- eine Definition, die vom Kind ausgeht - familiärer Gesamtzusammenhang muss berücksichtigt werden - die Definition muss mehrdimensional sein - Armut darf nicht als Sammelbegriff für benachteiligte Kinder und Jugendliche benutzt werden (als arm gilt nur, wessen Familie sich in einer materiellen Mangellage befindet.)
Deshalb werden innerhalb dieser Definition folgende Dimensionen berücksichtigt:
Mit dieser Definition wird versucht, den Kindern und Jugendlichen, die in Armut leben, gerecht zu werden und Armut nicht nur rein materiell zu betrachten, sondern möglichst viele Faktoren mit einzubeziehen (vgl. hierzu insgesamt HOLZ/PUHLMANN 2005, S. 1-8).
Dieses Kinderarmutskonzept möchte ich nun auch meiner Arbeit zugrunde legen und versuchen ihm gerecht zu werden, indem ich möglichst viele Aspekte von Kinderarmut beleuchte und die Entwicklungsmöglichkeiten und Teilhabechancen der von Armut betroffenen Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt stelle.
3. Geschlechtsspezifische Betrachtung (Sex und Gender)
Bevor ich nun endgültig in das Thema einsteige, möchte ich zuvor noch klären, welche Faktoren für mich im Hinblick auf die geschlechtsspezifische Betrachtung von Bedeutung sind. Zunächst ist in diesem Zusammenhang wohl die Unterscheidung von sex (biologisches Geschlecht) und gender ( soziales, bzw. soziologisches Geschlecht) von zentraler Bedeutung (vgl. BÖHNISCH 1996, S. 122). In meiner Arbeit vertrete ich die These, dass ein Großteil, dessen, was eine Frau bzw. einen Mann ausmacht, nicht angeboren, sondern das Ergebnis von unterschiedlichen Sozialisationsprozessen 1 ist, denen der Mensch im Laufe seines Lebens ausgesetzt ist (vgl. SCHEU 1977, S. 61-80). Bei meinen Ausführungen möchte ich keine feministische Sichtweise einnehmen, sondern das Thema eher aus der Gender-Maintreaming-Perspektive betrachten, also die unterschiedlichen Lebenswelten von Männern und Frauen bzw. Mädchen und Jungen allgemein
1 Laut WHO ist Gesundheit (vollständiges) körperliches, geistiges und soziales Wohlbefinden und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen
1 „Sozialisation ... umfasst die Prozesse, in denen Individuen sich durch Teilnahme an sozialer Kommunikation und an sozialen Handlungen eine Sprache, gesellschaftliche Gewohnheiten, Regeln, Normen und Wissensbestände aktiv aneignen, Sprach- und Handlungsfähigkeit entwickeln sowie ein Verständnis ihrer eigenen Persönlichkeit, ein Selbstbild, entwickeln“ (KORTE/SCHÄFERS 2002, S. 47).
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thematisieren und nicht die besondere Benachteiligung der Frauen bzw. Mädchen hervorheben (vgl. ROSE 2003, S. 9). Hierbei werde ich versuchen, möglichst wertfrei zu bleiben und für keines der Geschlechter Partei zu ergreifen, da ich der Meinung bin, dass beide Geschlechter benachteiligt werden, wenn auch in unterschiedlichen Lebensbereichen. Die „Chancenungleichheit qua Geschlecht“ (Rose 2003, S.10) spielt auch im Zusammenhang mit Armut eine große Rolle, doch diesen Aspekt werde bei den jeweiligen Unterpunkten noch genauer erläutern.
4.Wie erleben Kinder Armut und wie gehen sie mit materieller Not um?
Die Wahrnehmung von Kindern wird sehr stark von der Wahrnehmung der Eltern beeinflusst. Deshalb hängt es in großem Maße von den Eltern ab, wie es den Kindern gelingt, mit finanzieller Not oder elterlicher Arbeitslosigkeit umzugehen. Viele Soziologen weisen darauf hin, dass es einen Unterschied gibt, zwischen tatsächlicher Armut und der subjektiven Einschätzung durch die Betroffenen. Vor allem für die Kinder ist z.B. Arbeitslosigkeit, wenn sie erst seit kurzer Zeit besteht, zunächst nicht unmittelbar spürbar, da viele Eltern zu Beginn ihrer Notsituation noch versuchen, ihre Kinder so gut wie möglich von den notwendigen Einsparungen zu verschonen. Gleichzeitig hat dies auch die Funktion, den Schein nach außen hin zu wahren, so dass Arbeitslosigkeit in der Anfangsphase von außen oft nicht oder nur schwer zu erkennen ist. Auf Dauer gelingt es den Eltern jedoch nicht, ihre Kinder von den Auswirkungen der Armut zu verschonen (vgl. NEUBERGER 1997, S. 83).
Wie sich diese Einsparungen und auch die zunehmenden Spannungen im zwischenmenschlichen Bereich auf die Kinder auswirken und welche Bemühungen die Kinder unternehmen, um mit der Belastung umzugehen, werde ich im folgenden erläutern.
4.1 Materiellen Einschränkungen
Da Kinder ihre ersten Erfahrungen in der Familie sammeln und diese auch die wichtigste Sozialisationsinstanz darstellt, bedeutet das Aufwachsen in einer armen
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Familie „eine ganz direkte Beeinflussung des Sozialisationskontextes“ (KLOCKE/HURRELMANN 1998, S. 13). Auf Dinge, die innerhalb der eigenen Familie noch „normal“ erscheinen, erhalten viele arme Kinder einen völlig neuen Blick, sobald sie in Schule oder Kindergarten mit anderen Kindern in Kontakt kommen, denn dann erkennen sie meist sehr schnell den Unterschied. Wenn andere Kinder von der letzten Urlaubsreise, dem neuen Elektroauto, der Markenjeans oder dem tollen Tag auf der Kartbahn erzählen, haben Kinder aus armen Familien oft das Nachsehen, da ihnen solche Anschaffungen oder Freizeitaktivitäten aus finanziellen Gründen nicht oder nur auf niedrigerem Niveau möglich sind. Ihr Taschengeld, sofern sie überhaupt welches bekommen, fällt geringer aus und die Mittel die von Vereinen oder Schulen verlangt werden, können von ihren Eltern nicht ohne weiteres aufgebracht werden. Klassenausflüge stellen sie vor unlösbare Probleme, was in vielen Fällen dazu führt, dass ihre Kinder nicht daran teilnehmen können. Diese Einschränkungen führen dazu, dass die Kinder langsam immer mehr stigmatisiert werden. Hinzu kommt noch, dass sie sich im Laufe der Zeit oft auch durch ihr Äußeres von anderen Kindern unterscheiden, da sie nicht ständig mit der Mode gehen können und oft die Klamotten von älteren Geschwistern, Freunden oder Verwandten auftragen müssen. Wie stark sich Kinder von diesem vielen kleinen Zurücksetzungen aus der Bahn bringen lassen, hängt von ihrer Persönlichkeit, den Eltern, anderen Betreuungspersonen und auch der Peergroup ab (vgl. KLOCKE/HURRELMANN 1998 S.13 f.). Häufig ist jedoch zu beobachten, dass es aufgrund der unzähligen Konflikte in Folge der Armutssituation häufiger zu Aggressionen zwischen den Geschwistern bzw. in der Schule oder innerhalb der Peergroup kommt (siehe hierzu auch Punkt 4.3).
Auch die Grundversorgung mit Nahrung und die Wohnsituation von armen Kindern unterscheidet sich im Vergleich zu nicht-armen Kindern erheblich. Kinder die von Armut betroffen sind ernähren sich in der Regel schlecht. Ernährungswissenschaftler haben darauf hingewiesen, dass zum Beispiel bei Sozialhilfeempfänger das Geld zu knapp ist, um ihre Kinder ausgewogen und ausreichend zu ernähren. Kinder aus armen Familien erhalten hauptsächlich fettreiche und vitaminarme Kost und bewegen sich zusätzlich auch noch zu wenig, was auf Dauer ihre Gesundheit negativ beeinflusst. (vgl. TRABERT 2002, S.62). Auch hinsichtlich der Wohnverhältnisse lassen sich eindeutige Benachteiligungen feststellen. Hierbei spricht man heute nicht mehr nur von schlechter Bauqualität, zu
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Arbeit zitieren:
Julia Knapp, 2005, Armut bei Kindern und Jugendlichen - geschlechtsspezifische Unterschiede?, München, GRIN Verlag GmbH
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