den Vereinigten Staaten und deren individuelle Mitglieder eine besondere Bindung zu Israel haben. Weiterhin soll auch beleuchtet werden, welche Rolle der Konflikt zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern in diesem Verhältnis spielt und welche Auswirkungen diese Rolle mit sich bringt. In der Schlussbemerkung soll schließlich ein Fazit gezogen, sowie der Versuch eines Ausblicks auf mögliche zukünftige Entwicklungen unternommen werden.
Die Darstellung und Analyse stützt sich im Wesentlichen auf Veröffentlichungen jüdischer Autoren, die sich mehr oder weniger kritisch mit dem Phänomen des Zionismus in den USA befasst haben, auf aktuelle Artikel aus seriösen - auch aber nicht ausschließlich jüdischen -nordamerikanischen Zeitschriften und Zeitungen, sowie auf die Internetpräsenzen verschiedener US-jüdischer Organisationen. 2
2. Aktuelle Umfragedaten zur "American Jewish Opinion"
Als Basis für spätere Ausführungen, sollen in diesem Kapitel einige Ergebnisse aus drei Studien zur Meinung der jüdischen Bevölkerung der USA - die jeweils Fragenkomplexe zum Thema "Israel" haben - zitiert werden. Dabei geht es zum einen um grundsätzliche Einstellungen und Meinungen zu Israel, und zum anderen um Fragen, die den Nahost-Friedensprozess im besonderen betreffen.
2.1. Einstellungen zu Israel im Allgemeinen
Das American Jewish Committee (AJC) führt jährlich eine Survey of American Jewish Opinion durch, wobei 1000 US-Bürger, die sich selbst als Juden betrachten, telefonisch zu ihren Meinungen über verschiedene politische und soziale Themen befragt werden. Die Studie für das Jahr 2003 wurde von Ende November bis Mitte Dezember 2003 durchgeführt und ist, nach eigener Aussage, für die erwachsene jüdische Bevölkerung in den USA demographisch
2 NB: Aufgrund der hohen politischen Sensibilität, die das Thema naturgemäß mit sich bringt, wird bei der Argumentation in größerem Umfang als üblich auf wörtliche Zitate aus diesen Veröffentlichungen zurückgegriffen.
2
repräsentativ. 3
Auf die Frage "How close do you feel to Israel?" antworteten 31% der Befragten mit "very close", 43% mit "fairly close", 12% mit "fairly distant" und 8% mit "very distant" - fast drei Viertel der Befragten fühlen sich also zumindest einigermaßen eng mit Israel verbunden. Dem Satz "Caring about Israel is a very important part of my being a Jew." stimmen 76% der Befragten zu, also ebenfalls etwa drei Viertel, nur 22% lehnen ihn ab. Allerdings ne nnen, im Rahmen eines anderen Fragenkomplexes zum Thema "Jewish Identity", nur 6% der Befragten "support for Israel" als wichtigsten Faktor ihrer jüdischen Identität - eine überraschend g eringe Zahl, im Hinblick auf den weitgehenden Konsens der wissenschaftliche n Arbeiten zum Thema Zionismus, wie im nächsten Kapitel deutlich werden wird. Eine weitere Studie, die National Jewish Population Survey 2000-01 die im Auftrag und unter der Leitung der United Jewish Communities durchgeführt wurde, ist wesentlich ausführlicher und mit 4523 Befragten auch breiter angelegt, und ergibt demensprechend ein genaueres Bild der "Connections with Israel" der amerikanischen Juden - die Ergebnisse der Befragung datieren allerdings von August 2000 bis August 2001 und sind daher nur eingeschränkt aktuell, weil davon ausgegangen werden kann, dass die seitdem andauernde "Zweite Intifada" in Israel einen Einfluss auf die Daten hätte. 4
Den Ergebnissen der Studie zufolge fühlen sich 63%, also etwa zwei Drittel der Befragten, "emotionally attached to Israel", sogar 72% sind der Auffassung, dass Juden in den USA und in Israel ein gemeinsames Schicksal teilen. Fast die Hälfte der Befragten - 45% - haben enge freundschaftliche oder verwandtschaftliche Beziehungen zu Personen, die in Israel leben; 35% haben Israel bereits mindestens einmal und 20% mindestens zweimal besucht. Die Verbundenheit mit Israel variiert regional sehr stark und hängt darüber hinaus vor allem davon ab, wie sehr die Befragten institutionell in die jüdische Gemeinde eingebunden sind. Ein weiterer wichtiger Befund der Studie ist, dass sich die verschiedenen Indikatoren für das Merkmal "Connections with Israel" gegenseitig verstärken - es besteht ein starker positiver Zusammenhang zwischen Reisen und sozialen Beziehungen nach Israel auf der einen und der persönlichen Meinung zu Israel auf der anderen Seite. 5
3 Vgl. American Jewish Committee, "2003 Annual Survey of American Jewish Opinion", American Jewish Committee, Nov 25 - Dez 11, 2003, URL: http://www.ajc.org/inthemedia/publicationsprint.asp?did=1030 [13.09.2004].
4 Vgl. United Jewish Communities, "Population Survey", S i-1 und S 11f.
5 Vgl. United Jewish Communities, "Population Survey", S 22f.
3
2.2. Einstellungen zum Nahost-Friedensprozess
Im Auftrag der US-jüdischen Friedensbewegung
Americans for Peace Now
und des
Arab American Institute
wurde - im Zusammenhang mit dem inoffiziellen
Geneva Peace Accord
- in einer im Oktober 2002 ausgeführten Umfrage eine Zufallsstichprobe von jeweils 500 jüdischen und arabischen US-Bürgern befragt zu ihren Meinungen über den Nahost-Friedensprozess und die Rolle der amerikanischen Regierung darin.
6
Der Umfrage zufolge sind 85,5% der amerikanischen Juden der Meinung, dass "Palestinians have the right to live in a secure and independent state of their own", nur 8,4% widersprechen dieser Aussage. Verantwortlich gemacht für das Sche itern der Friedensverhandlungen in der Vergangenheit werden von den jüdischen Befragten zu 50,5% die Palästinenser, und 40,2% sind der Auffassung, dass beide Seiten zum Scheitern beigetragen haben. Den Genfer Friedensplan - der einen sicheren und unabhängigen palästinensischen Staat neben einem sicheren und unabhängigem Israel in den Grenzen von 1967, die Auflösung der meisten jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten, ein Recht der palästinensischen Flüchtlinge nur innhalb des neuen Palästinenser-Staates und Jerusalem als die gemeinsame Hauptstadt beider Staaten vorsieht - würden 51,7% der jüdischen Befragten unterstützen, eine Minderheit von 30,3% würde ihn ablehnen und 18% sind sich unsicher.
7
Die aktuelleren Daten aus der
Annual Survey of American Jewish Opinion
des
AJC
zeichnen ein etwas weniger optimistisches Bild: demnach befürworten nur 54% der amerikanischen Juden in der derzeitigen Situation die Errichtung eines unabhängigen palästinensischen Staates und 41% lehnen dies ab, während eine überwältigende Mehrheit von 81% der Befragten der Aussage "The goal of the Arabs is not the return of occupied territories but rather the destruction of Israel" zustimmt. Auch die Aufgabe jüdischer Siedlungen im West-jordanland und eine gemeinsame Hauptstadt Jerusalem stoßen auf wenig bis gar keine Zustimmung. Hervorzuheben ist darüber hinaus, dass 60% der Befragten die gegenwärtige Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern befürworten, gegenüber 32% die sie ablehnen und sogar eine noch größere Mehrheit von 63% dem Satz "Regardless of their individual views on the peace negotiations with the Arabs, American Jews should sup-port the policies of the duly elected government of Israel" zustimmen und nur 34% - also etwa ein Drittel der Befragten - diese absolut unkritische Haltung der israelischen Regie-
6
Vgl.Arab American Institute / Americans for Peace Now, "Survey of Jewish American and Arab American Opinion", Americans for Peace Now, Nov 21, 2002, URL:
http://www.peacenow.org/nia/pr/poll.pdf
[13.09.2004], S 1.
7
Vgl. Arab American Institute / Americans for Peace Now, "Survey", S 3.
4
rung gegenüber ablehnen. 8
3. Zionismus in den USA als "surrogate religion"
Bei Betrachtung der eben dargestellten Meinungsdaten wird schnell deutlich, dass die Ver-bundenheit der jüdischen US-Bürger zu Israel, die Sympathie und Unterstützung für den jüdischen Staat überwältigend groß sind - etwa zwei Drittel der amerikanischen Juden gehen sogar soweit, die israelische Regierung bedingungslos zu unterstützen. Ein Hinweis auf die möglichen Gründe für diese enge Verbundenheit ist weiter oben im Zuge der Vorstellung der National Jewish Population Survey 2000-01 schon deutlich gewo rden: freundschaftliche oder verwandschaftliche Verbindungen fördern Empathie und Unterstüzung für den Staat Israel. In der Tat hat wo hl für eine große Mehrheit amerikanischen Juden oder ihre Familie - so wie praktisch jeder davon, entweder persönlich oder in der näheren Verwandtschaft, in der Vergangenheit eine Holocaust-Erfahrung vorweisen kanndie zionistische Bewegung oder der Staat Israel in der Vergangenheit direkt eine wichtige wenn nicht entscheidende Rolle gespielt. 9 Eine Erklärung für überwiegend zionistische Einstellung der amerikanischen Juden könnte also in dieser persönlichen Erfahrung liegen. Bevor das Phänomen des Zionismus in den USA nun weiter untersucht wird, soll jedoch zunächst kurz geklärt werden, was überhaupt unter dem Begriff "Zionismus" allgemein ve r-standen wird: "Der Zionismus (von Zion) ist eine während der zweiten Hälfte des 19. Jahr-hundert entstandene jüdische Nationalbewegung, die sich für das Recht der Juden auf einen eigenen Staat einsetzt." Diese Bewegung, die in der europäischen Disaspora entstand und zunächst auch innerhalb des jüd ischen Volks nicht unwidersprochen blieb, erhielt vor allem in der Folge der Veröffentlichung der Schrift "Der Judenstaat" von Theodor Herzl im Jahr 1896 - die gemeinhin als Beginn des modernen, politischen Zionismus festgelegt wird -und noch stärker nach Beginn der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland in den 30er Jahren, gewaltigen Zulauf. Nachdem der frühe Zionismus nicht nur religiös, sondern vor allem auf praktischen, aktivistischen Erwägungen begründet war, und der ersehnte neue Heimat in den ersten Jahren auch nicht unbedingt in gegründet werden sollte, konzentrierten sich die Bestrebungen bald auf die Errichtung eines jüdischen Staates im he utigen Israel. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts, vor allem in den 30er Jahren und nach
8 Vgl. American Jewish Committee, "2003 Annual Survey".
9 Vgl. David Biale, "Bound to Israel", in: TIKKUN , Vol. 16, No. 5, S 20.
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Arbeit zitieren:
Florian Seidl, 2004, Juden in den USA und ihr Verhältnis zu Israel, München, GRIN Verlag GmbH
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