Inhaltsverzeichnis
1 Politischer und gesellschaftlicher Hintergrund
des „oppositionellen Buchmarkts“ 1
2 Die Raubdruckerbewegung 2
3 Alternative Verlagslandschaft 4
3.1 Neue Verlagskonzepte 4
3.2 Der Verlag Klaus Wagenbach 5
3.3 Der Verlag der Autoren 6
4 Der linke Buchhandel 9
4.1 Sortiments- und Zwischenbuchhandel sowie
andere Vertriebswege 9
4.2 Verband des linken Buchhandels 10
5 Buchmessen alternativer Verlage 12
6 Der „Geist der 68er“ - Auswirkungen damals
und bis in die heutige Zeit 14
Literaturverzeichnis S. 16
Internetverzeichnis S 17
1 Politischer und gesellschaftlicher Hintergrund des „oppositionellen Buchmarkts“
Die 1960er gelten in der bundesrepublikanischen Geschichte als Jahrzehnt der politischen Unruhen und des gesellschaftlichen Umbruchs: Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und der Restauration eines patriarchalisch-autoritären Systems begann nun die Generation, die noch während des Krieges oder schon danach geboren worden war, das saturierte Leben ihrer Eltern im neu gewonnenen Wohlstand in Frage zu stellen. Vor allem Studenten forderten eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus und einen generellen Wandel überkommener gesellschaftlicher Strukturen in Arbeitswelt, Familie, Kirche und Staat. Mit den einschneidenden Veränderungen in Politik und Gesellschaft musste auch im Buchmarkt - bisher Bastion tradierter und überholter Strukturen - ein Wandel vollzogen werden: Die sozialistische Studentenbewegung kritisierte die bürgerlichen Massenmedien und suchte ihrerseits ein publizistisches Sprachrohr um die Presse zu demokratisieren. Zudem wollte sie (linkes) Bildungsgut jedermann zugänglich machen. Viele etablierte Verlage verweigerten sich aber der sozialistischen Idee. Einige Verlage und Buchhandlungen versuchten zwar mit dieser Entwicklung - durch neue Programme oder ein verändertes Sortiment - Schritt zu halten, konnten aber oft schon allein wegen ihrer kapitalistischen und konservativen Strukturen kein adäquater Partner der Studentenbewegung sein. Diese Konstellation führte dazu, dass sich die Bewegung zum Handeln gezwungen sah und mit alternativen, selbstorganisierten Verlags- und Buchhandelsformen den Buchmarkt revolutionierte.
Die radikalsten Veränderungen im deutschen Buchmarkt durch die sozialistische Bewegung in den 60er und 70er Jahren, wie die neue Raubdruckerbewegung, die alternativen Verlagsformen und der linke Buchhandel mit seinen Buchmessen sollen in dieser Arbeit im Rahmen des Seminars „Der Buchmarkt in den 60er Jahren“ skizziert werden. Behandelt werden also ausschließlich Entwicklungen, die auf eine Korrelation zur linken Bewegung bzw. Studentenbewegung schließen lassen. Die Literatur und Literaturdiskussion in der Bewegung wird - obwohl natürlich auch sie den Buchmarkt beeinflusste - jedoch weitgehend außer Acht gelassen. Abschließend stellt sich die Frage, wie viel des Geistes der 1960er bis heute im Buchmarkt überlebt hat.
1
2 Die Raubdruckerbewegung
Für die Studentenbewegung war es elementar für den aktuellen Gebrauch in Lese-, Studien-und Diskussionsgruppen Raubdrucke von Schriften herzustellen, die zu dieser Zeit nicht oder nur schwer auf dem normalen Wege aus Bibliotheken oder aus dem Buchhandel zu beschaffen waren. Bereits seit den frühen 1960er Jahren existierten deshalb u.a. Raubdrucke von Werken von Adorno, Horkheimer oder Marcuse. Diese „sozialisierte[n] Drucke und Reprints“ 1 - wie die Raubdrucke von der linken Bewegung genannt wurdenwurden mit fotomechanischen Verfahren so günstig wie möglich hergestellt. Copyrights oder Urheberrechte fanden dabei keine Beachtung. 2 Ein Großteil der sozialisierten Drucke war nach geltendem Recht illegal, viele Nachdrucker stützten sich aber auf die These, dass „(...) der Urheber grundsätzlich dort im Interesse der Allgemeinheit freien Zugang zu seinem Werk gewähren müsse, wo dies unmittelbar der Förderung der geistigen und kulturellen Werte diene, die ihrerseits Grundlage für sein Wertschaffen seien.“ 3 Was für die Schulbuchverlage galt, so meinten sie, müsse auch für sie gelten. Andererseits wurden aber auch Absprachen mit den etablierten Verlagen getroffen, oder Lizenzen von den Rechteinhabern vergeben. 4
Oft entstanden Drucke aus der Notwendigkeit heraus, dass Titel vergriffen waren und kein Verlag eine Neuauflage drucken wollte. Auch waren nach Ansicht einiger Nachdrucker Texte von Autoren wie Walter Benjamin bewusst unterschlagen oder nur unzureichend, da unvollständig oder zerstückelt, editiert worden, was ihrer Meinung nach einen „korrekten Nachdruck“ rechtfertigte. 5 Daneben wurden wichtige Grundlagentexte, die von den Autoren zurückgehalten wurden, weil sie dem Stand der gegenwärtigen Entwicklung ihrer Ansicht nach nicht mehr entsprachen, von den Raubdruckern reproduziert. 6 Primär ging es den Druckern also darum, den aus der NS-Herrschaft und dem kalten Krieg entstandenen Mangel an grundlegenden Werken der marxistischen Theorie, der Geschichte der Arbeiterbewegung sowie sozialistischen und psychoanalytischen wissenschaftlichen Werken zu beheben. 7 Beispielhaft sind hier die Zeitschriften-Reprints des Archivs für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung anzuführen. 8 Ein sekundärer aber wichtiger Grund war die preiskorrigierende Funktion der Nachdrucke: So wurde auch weniger bemittelten Gesellschaftsschichten - wie z.B. Schülern und Studenten - der Zugang zu wissenschaftlichen Schriften ermöglicht. 9
Die Münchner Tagung der Literaturproduzenten definierte die Nachdrucke „(...) als Protest gegen die kapitalistische Verwertung und Monopolisierung von Kollektiveigentum; als
2
1 Götz von Olenhusen, Albrecht: Aufklärung durch Aktion - Kollektiv-Verlage und Raubdruck. In: Estermann, Monika; Lersch, Edgar (Hgg.): Buch, Buchhandel, Rundfunk, 1968 und die Folgen. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2003, S.196 f
2 Ders.: Schwarze Kunst und rote Bücher. Zur Produktion von Raubdrucken in der Bundesrepublik. In: Widmann, Hans (Hg.): Gutenberg Jahrbuch 1972. Mainz: Verlag der Gutenberg-Gesellschaft 1972, S. 278
3 Götz von Olenhusen, Albrecht: Schwarze Kunst und rote Bücher, S. 274 f
4 Götz von Olenhusen, Albrecht: Schwarze Kunst und rote Bücher, S. 276
5 Götz von Olenhusen, Albrecht: Aufklärung durch Aktion - Kollektiv-Verlage und Raubdruck, S. 196 - 212
6 http://de.wikipedia.org/wiki/Raubdruck 3.8.05
7 Götz von Olenhusen, Albrecht: Schwarze Kunst und rote Bücher. S. 274 f
8 http://www.bsz-bw.de/depot/media/3400000/3421000/3421308/98_0087.html 2.8.05
9 ebd.
2
zeitweise wirksames Gegenmittel gegen die Manipulation der Literatur durch Selektion und Unterschlagung; als eine Voraussetzung zur Bildung sozialistischer Kultur und proletarischen Klassenbewußtseins.“ 10 - Letztendlich steckte also auch der ideologische Gedanke der Bildung einer sozialistischen Gesellschaft hinter den ersten Raubdrucken. Dem Anspruch der Demokratisierung des Wissens und der Bildung wurde zunächst noch mit der Produktion von wissenschaftlichen Texten nachgekommen. Bereits Ende der 60er und besonders in den 70er Jahren wurde die Diskrepanz zwischen Anspruch und „verlegerischer Wirklichkeit“ der Raubdrucker jedoch immer größer: Einige Drucker orientierten sich nun auch am Profit und vergriffen sich an Bestsellern wie z.B. Michael Ende’s „Unendliche Geschichte“. 11 Durch die Umgehung des Sortimentrabatts und der Autorenhonorare konnten sie so hohe Gewinne erzielen. Der alternative Buchmarkt distanzierte sich aber alsbald von diesen Nutznießern. Sie selbst hatten interne Schwierigkeiten mit dem Nachdruck, da einige Titel von mehreren Raubdruckern in Konkurrenz gedruckt worden waren. Der Verband des linken Buchhandels versuchte sich als Kontrollinstanz zu etablieren, scheiterte jedoch an der Masse der Drucke (siehe 4.2 Verband des linken Buchhandels). 12 Die Mitglieder des Börsenvereins des deutschen Buchhandels hingegen reagierten auf die Raubdruckbewegung mit Klagen, Durchsuchungen und einer Pressekampagne, die diese kriminalisierte. 13 Zugleich lancierten sie selbst raubdruckartig gestaltete Veröffentlichungen, die den Bedarf der Szene decken sollten. 14 Somit veränderte die Raubdruckbewegung auch das Bild traditioneller Bücher und beschleunigte womöglich den Erfolg des Taschenbuchs: Für Verkauf und Rezeption von Texten, so wurde jetzt anerkannt, war die Ausstattung der Bücher von untergeordneter Bedeutung. 15 Diese Entwicklung und die bereits angesprochene Kommerzialisierung des Raubdrucks führten dazu, dass diese Bewegung ihren Höhepunkt bereits Anfang der 1970er überschritt. 16
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10 Volpers, Helmut: Alternative Kleinverlage in der Bundesrepublik Deutschland. Göttingen: Davids Drucke 1986, S. 37
11 Wittmann, Reinhard: Geschichte des deutschen Buchhandels. München: C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung 1999, S. 432 f
12 Götz von Olenhusen, Albrecht: Aufklärung durch Aktion - Kollektiv-Verlage und Raubdruck, S. 209
13 http://de.wikipedia.org/wiki/Raubdruck 3.8.05
14 Götz von Olenhusen, Albrecht: Aufklärung durch Aktion - Kollektiv-Verlage und Raubdruck, S. 210
15 Peter, Franz Wilhelm: Zur Problematik der neuen Raubdrucke. In: Widmann, Hans (Hg.): Gutenberg Jahrbuch 1972. Mainz: Verlag der Gutenberg-Gesellschaft 1972, S. 285
16 ebd.
3
3 Alternative Verlagslandschaft
3.1 Neue Verlagskonzepte
Im Impressum vieler Raubdrucke tauchten als herstellende „Verlage“ Namen wie robber’s press berlin oberschöneweide oder Rotkohl auf, ob diese Phantasiegebilde jedoch als Verlagsunternehmen im eigentlichen Sinne zu sehen sind, ist fraglich. 17 Die tatsächlichen alternativen Verleger neuer Literatur jedoch waren auf der Suche nach einer „umstoßenden Lektüre, nach Texten, welche die Welt anders interpretieren sollten.“ 18 „Die neue Linke war eine Bewegung neuer Texte“, erklärt Albrecht Götz von Olenhusen. 19 Ausgehend von der Maxime, dass „das zu Vermittelnde (...) durch den Vermittlungsapparat bestimmt“ 20 wird, wollte man anders als die bisherigen Verlage diese Suche aber nicht einzelnen Verlegern oder Lektoren überlassen: Im sozialistischen Sinne entstanden neue Verlagsformen wie Kollektivverlage oder Autorenverlage. Einige funktionierten wie herkömmliche Verlage mit Verlegern, Lektoren und Angestellten, wenn auch hier mit wesentlich mehr Mitspracherechten der Mitarbeiter, zumal sie nach genossenschaftlichen Modellen arbeiteten. Beispiele für das sozialistische Verlagskollektiv sind der Merve Verlag, der explizit als Non-Profit-Unternehmen wissenschaftliche Arbeiten z.B. von Ernest Mandel verlegte, oder der Wagenbach Verlag, dessen Idee und Verwirklichung noch beispielhaft dargestellt werden sollen (siehe 2.2.1 Der Verlag Klaus Wagenbach). 21
Durch die linke Bewegung wurden sich auch viele Autoren ihrer Rolle in den „Produktionsverhältnissen“ des etablierten Literaturbetriebs gewahr, wodurch zum einen eine Abwanderung z.T. auch etablierter Autoren hin zu alternativen Verlagen eingeleitet wurde. 22 Zum anderen schlossen sich viele Autoren auch der Meinung Frank Benseler’s an, damals Lektor im Luchterhand Verlag, der eine Selbstorganisation der Literaturproduzenten forderte. 23
Diese Forderung erfüllte der 1969 gegründete Verlag der Autoren, der hier exemplarisch vorgestellt werden soll, oder - in seinen Anfängen - der März-Verlag, der sich jedoch in der Praxis vor allem wegen der ungerechten Gewinnverteilung schnell disqualifizierte. 24 Gleichzeitig entwickelten sich Mischformen zwischen Kollektiv- und Autorenverlag wie der Oberbaum-Verlag, dessen Publikationen vom Kollektiv der Mitarbeiter erarbeitet wurden. 25
Allen alternativen Verlagen gemeinsam war die Kapitalschwäche, oft eine geringe Titelproduktion sowie, unter dem Einfluss der Diskussion um den Warencharakter des
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17 Götz von Olenhusen, Albrecht: Aufklärung durch Aktion - Kollektiv-Verlage und Raubdruck, S. 210
18 a.a.O. S. 198
19 ebd.
20 Volpers, Helmut: Alternative Kleinverlage in der Bundesrepublik Deutschland. Göttingen: Davids Drucke 1986, S. 37
21 a.a.O. S. 206 f
22 a.a.O. S. 36 f
23 a.a.O. S. 203 f
24 ebd.
25 a.a.O. S. 206
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Arbeit zitieren:
Ina Fuchshuber, 2005, Der oppositionelle Buchmarkt der 1960er und 1970er Jahre in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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