1. Inhaltsverzeichnis
1. Inhaltsverzeichnis 2
2. Einleitung 3
3. Die Macht des Gesangs und die Macht
des Schweigens
3.1 Die Sirenen bei Homer:
Ein Text über die Macht des Gesangs 5
Kafka - Das Schweigen der Sirenen:
3.2. Die Macht des Schweigens im Vergleich
zur Macht des Gesangs 8
4. Mythische Sirenen
4.1. Definition von Sirenen 13
4.2. Definition von Sirenengesang 16
5. Interpretation
5.1 Das Machtverhältnis zwischen Odysseus 18
und den Sirenen bei Homer
5.2 Das Machtverhältnis zwischen Odysseus
und den Sirenen bei Kafka 19
6. Literaturverzeichnis 23
2
2. Einleitung
Die Stimme ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Mit Hilfe der Stimme können wir direkt oder indirekt miteinander kommunizieren, denn sie ist die Basis für Sprache als primäre Oralität. Stimme kann Emotionen ausdrücken, Wissen tradieren und ist als direkte Relation von Gefühlsausdrücken auch Träger der Seele des Menschen. Gerade deshalb kann uns die Stimme aber auch betören. Nicht umsonst ist die Musikindustrie eine der größten Branchen, nicht umsonst strömen Massen in Musicals, Konzerte, oder Opern. Eine wohlklingende Stimme, ein schöner Gesang übt eine große Faszination aus. Jeder kennt die Situation, wenn einem eine Gänsehaut über den Rücken läuft oder man zu Tränen gerührt ist, bloß, weil man ein bezaubernd schönes Gesangstück gehört hat.
Auch in die Literatur hat die Stimme und der damit verbundene Gesang Einzug gefunden. Literarische Werke wie Goethes „Der Fischer“ oder Heinrich Heines „Loreley“ haben die Stimme und ihre Macht zum Thema. Von der Antike bis hin zur heutigen Zeit taucht das Phänomen der Stimme immer wieder in Texten auf und wird unter verschiedenen Aspekten betrachtet. Dabei befassen sich Autoren aber nicht immer nur mit Stimme als direktes Kommunikationsmittel oder Sangesstück einer spezifischen Person. Oft geht es um die Präsenz einer körperlosen Stimme, die fast immer weiblich konuntiert ist und eine Verlockung darstellt. Eine Verlockung ohne Körperlichkeit, nur über den Klang der Stimme, ist auch der Fokus des homerischen Odysseus Abenteuers, das wiederum als Vorlage für Franz Kafkas Text „Das Schweigen der Sirenen“ diente. Umso verblüffender ist es, dass bei Kafka die Hauptthematik nicht der Gesang selbst ist, sondern vielmehr die Abwesenheit dessen. Während die homerischen Sirenen singen und mit ihrem Gesang Odysseus bezwingen wollen, nutzen Kafkas Sirenen das „nicht - Einsetzen“ ihrer Stimme als Waffe. Inwiefern diese Stille und das Schweigen Macht ausüben kann, und ob die Abwesenheit des Gesangs
3
sogar machtvoller sein kann, als der Gesang selbst, soll in dieser Arbeit untersucht werden.
Dass das Schweigen vielmehr als nur die Abwesenheit von Geräuschen ist, soll die Untersuchung des Kafka Textes und die anschließende Interpretation zeigen. Dazu wird hauptsächlich die Literatur von Wolf Kittler, Norbert Rath, Günter Samuel und Dietrich Krusche verwendet, die sich jeweils mit Kafkas „Das Schweigen der Sirenen“ beschäftigt haben. Um den Sirenenmythos als solchen zu untersuchen benutze ich die Literatur von Sabine Wedner, Heinz Politzer und Maurice Blanchot, die sich näher mit dem homerischen Mythos befassen. Der wichtigste Aspekt des Sirenenmythos ist der Gesang der Sirenen, der die Macht dieser darstellt. Aus diesem Grund soll in der Arbeit Gesang als solcher definiert werden, um zu klären, warum dieser überhaupt eine Verlockung darstellt und weshalb gerade der Sirenengesang eine solche Versuchung ist. Die Stimme als weiblich konuntierte Verführung in Form von Sirenen wirft die Frage auf, on eine Sirene überhaupt ein weibliches Wesen ist. Hierzu ist es notwendig, das Wesen „Sirene“ zu definieren. Für die Definitionen von Gesang wird das Lexikon der Kunst, das Lexikon der griechisch- und römischen Mythologie sowie der neue Pauly herangezogen werden.
In der homerischen Version und in der Kafka Version ist das Verhältnis von Macht und Stimme unbestritten. Am Ende der Arbeit soll dieses
Machtverhältnis genauer untersucht werden. Die An- oder Abwesenheit des Sirenengesanges und der Sieg oder die Niederlage des Odysseus über die Sirenen und damit über die Verführung in Form des Gesangs soll näher untersucht werden, um zu klären, welche Macht der Gesang hat und inwieweit sich diese Machtposition im Kafka-Text und in der Odysseus-Version gleicht oder verändert.
4
3. Die Macht des Gesangs und die Macht des Schweigens
3.1 Die Sirenen bei Homer: Ein Text über die Macht des
Gesangs
„Homer ist der erste Dichter des europäischen Kulturkreises, von dem vollständige Werke größeren Umfangs stammen, die seit ihrer Entstehung vor ca. 2700 Jahren kontinuierlich in der gesamten europäischen Welt rezipiert wurden und die Kulturentwicklungen bis heute offen und latent beeinflusst haben.“ 1
Das Sireneabenteuer hat die „Überwindung mythischer Gewalt“ zum Thema. 2
Das Sirenenabenteuer des Odysseus handelt von der Seefahrt des Odysseus und seiner Mannschaft bei der sie an einer Insel vorbeikommen, auf der zwei Sirenen hausen, die durch ihren Gesang Seeleute anlocken und so ein Kentern der Schiffe auf den Felsenriffen der Insel verursachen. Odysseus, aufgeklärt und vorgewarnt durch göttlichen Beistand von Kirke, will die Sireneninsel unbeschadet passieren. Die Insel, auf der die Sirenen leben wird als sehr idyllisch beschrieben. Das Szenario wirkt anfangs als ruhige Landschaft, mit einer „blumige[n] Wiese“ 3 . Im scharfen Gegensatz
1 Cancik, Hubert: Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Stuttgart 2003, S. 686. Vgl. hierzu auch: Wedner, Sabine: Tradition und Wandel im allegorischen Verständnis des Sirenenmythos. Ein Beitrag zur Rezeptionsgeschichte Homers. Frankfurt am Main, 1997, S.18: „Die homerischen Epen bezeichnen als Beginn der griechischen literarischen Überlieferung zugleich schon einen Höhepunkt Eminent ist ihr Einfluß auf die folgenden Generationen des gleichen Kulturkreises, und vielfältig sind ihre Rezeptionen [...]“.
2 Samuel, Günter: Schrift-Körper in tonloser Fernsicht. Kafkas Sirenen-Text. In: Wirkendes Wort. Hrsg. Von. Heinz Rölleke. Bonn, 1990, S.50.
3 Homer: Odyssee. Übersetzt, mit einem Nachwort und Register von Roland Hempe. Stuttgart 2004, S.198.
5
zu dieser idyllischen Atmosphäre stehen die Knochen, „von vermodernden Männern“ 4 , die überall auf der Insel der Sirenen verteilt sind. Da der Gesang der Sirenen, einmal vernommen, eine unüberwindbare Macht auf den Hörenden ausübt, was im Kapitel 4.2 noch genauer definiert wird, kann das Passieren der Insel nur gelingen, wenn der Gesang nicht vernommen wird.
Odysseus jedoch, will die Gefahr, die von den Sirenen ausgeht, nicht nur überwinden, indem er die Insel zu passieren vermag, vielmehr will er trotz allem in den Genuss des als göttlich beschriebenen Gesanges gelangen, ohne Schaden davon zu tragen. Zu diesem Zweck stopft Odysseus seinen Gefährten Wachs in die Ohren, so dass diese den verlockenden Gesang der Sirenen erst gar nicht vernähmen und lässt sich selbst an den Mast fesseln, um „sich am Anblick [und am Gesang] der Sirenen ohne Risiko zu weiden [...]. 5
Die Sirenen verkörpern die „fatalen Stimmen, auf die man nicht hören soll“ 6 und die eine Bedrohung für den Menschen als solchen Darstellen, da sie symbolisch für die teuflischen Verführungen stehen, denen sich der Mensch zu entziehen versucht. Deutlich wird dies auch durch die Figur des Odysseus, der sich an den Mast binden lässt und dort eine ähnliche Position wie Christus am Kreuz einnimmt. Odysseus entgeht dieser fast diabolischen Verführung jedoch nicht, indem er sie überwindet, vielmehr kommt er in den Genuss dieser Verführung, ohne ihr jedoch wirklich zu unterliegen. Odysseus lässt sich vom Gesang der Sirenen verführen und entgeht gleichzeitig dessen tödlicher Wirkung. Durch das Anbinden an den Mast und den Auftrag an die Gefährten, ihn noch fester anzubinden, falls er um Befreiung bettelt, kann Odysseus dem Gesang der Sirenen lauschen, ohne ihnen zu unterliegen. Dadurch nimmt er außerdem eine
4 Homer: Odyssee. Übersetzt, mit einem Nachwort und Register von Roland Hempe. Stuttgart 2004, S.194.
5 Blanchot, Maurice: Der Gesang der Sirenen. Essays zur modernen Literatur. München, 1962, S. 13.
6 Ebd. S. 12.
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Arbeit zitieren:
Jennifer von Glahn, 2005, Kafka: Das Schweigen der Sirenen, München, GRIN Verlag GmbH
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