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I. Einleitung
Die Industrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert war prägend für das Leben der Menschen dieser Zeit. Die veränderten Lebensbedingungen wurden von den Künstlern aufgegriffen. Gerhart Hauptmanns novellistische Studie Bahnwärter Thiel thematisiert die Gefahren der industriellen Technologie zur Zeit des Naturalismus.
Das zweite Kapitel der vorliegenden Arbeit nimmt eine epochale Einordnung von Hauptmanns Novelle vor, wobei nachgewiesen wird, dass es sich dabei nicht um einen rein naturalistischen Text handelt. Im Weiteren erfolgt eine Charakterisierung der Titelfigur im Hinblick auf ihre psychologische Entwick- lung und eine Analyse der Symbolik in der Darstellung von Natur und Technik in der Novelle. Abschließend wird untersucht, inwiefern die Bilder aus Natur und Technik das Innenleben des Bahnwärters spiegeln.
II. Bahnwärter Thiel – Ein (nicht nur) naturalistischer Text
Die literarische Epoche des Naturalismus (ca. 1880-1900) zeichnete sich aus durch die naturgetreue Abbildung der Wirklichkeit ohne Stilisierung oder me- taphysische Erhöhung. Die Naturalisten forderten eine von der Wahrheit durchdrungene Literatur, sie forderten Lebensnähe von der Kunst und komple- xe Darstellung des Lebens ohne Idealisierungen. Die Alltagsrealität sollte mög- lichst objektiv dargestellt werden, ohne Manipulation durch Erzählerfiguren. Die Kunst orientierte sich an wissenschaftlichem Positivismus und einem na- turwissenschaftlich geprägten Weltbild. Das literarische Werk sollte ein natur- wissenschaftliches Experiment sein, in dem der Schriftsteller die menschliche Maschine auseinander nimmt. Die Literatur findet ihre wissenschaftliche Legi- timation in Evolutionstheorie, Determinismus, Kausalität und Objektivität; e- volutionäre Mechanismen werden nachgeahmt. Inhaltlich geht es häufig um Scheiternde, denen die gesellschaftliche Anpassung nicht gelingt. Im Natura- lismus werden erstmals die unteren Schichten literaturfähig, der Mensch wird in seiner Abhängigkeit von ökonomischen, sozialen und familiären Bindungen
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dargestellt. Häufig ist in naturalistischer Literatur die Darstellung sozialer Un- terschichten im Sekundenstil. 1 Gerhart Hauptmanns 1888 erschienene Novelle Bahnwärter Thiel weist we- sentliche Elemente des Naturalismus auf. Sie behandelt die Determiniertheit menschlichen Lebens, die Titelfigur ist schicksalhaft in ihrer Passivität gefan- gen. Das Leben des Bahnwärters nimmt seinen vorherbestimmten Lauf, die drohende Gefahr durch die Züge wird bereits auf der ersten Seite angedeutet. Die Novelle ist eine Milieustudie ohne subjektive Kommentare eines Erzählers, besonders Anfang und Ende sind in sehr sachlichem Stil gehalten. Ansätze der Vererbungslehre zeigen sich in der Figur des kleinen Tobias, der die kränkeln- de Gestalt seiner verstorbenen Mutter und die innerlichen Schwächen beider Eltern in sich trägt 2 . Bei E. Hilscher heißt es dazu:
"In der Novelle kann man viele Merkmale des naturalistischen The- menkatalogs wiedererkennen: die schicksalhafte Passivität einer plebe- jischen Zentralgestalt, Vererbungsprobleme, Triebhaftigkeit, Milieuge- bundenheit, eine naturwissenschaftlich exakte Krankheitsanalyse und eine sehr detailliert beschreibende Erzählweise, die kaum über den Standort der Beteiligten hinausgeht." 3
Die Verknüpfung der Beschreibung der Außenwelt mit der psychologischen In- nenwelt der Titelfigur war eine Neuerung des Naturalismus, die es so in realisti- schen Erzählformen zuvor nicht gegeben hat, ebenso neu war das Motiv einer Abhängigkeit durch sexuelle Triebsteuerung.
Des weiteren war die Eisenbahn ein beliebtes Motiv des Naturalismus, der ers- ten Kunstströmung der industriellen Gesellschaft, wobei besonders Hauptmann erstmals auf die Gefahren der neuartigen Technologie verweist:
"Die inhaltliche Zuwendung der Naturalisten zu den Produkten der technischen Revolution entspringt eher einer negativen Faszination, ist
1
Vgl. Žmegač, Viktor (Hrsg.): Kleine Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Berlin 1981. S. 220-227.
2
Vgl. Böckmann, Paul: Der Naturalismus Gerhart Hauptmanns. In: Gerhart Haupt- mann. Wege der Forschung. Darmstadt 1976. S. 217 - 249
3
Hilscher, Eberhard: Gerhard Hauptmann. Berlin 1969. S. 100.
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weithin von Skepsis und Furcht bestimmt. Gleich der erste Absatz des Bahnwärter Thiel deutet die Gefährdung des Menschen durch die Technik an." 4
Dennoch weist der Text darüber hinaus auch viele moderne und realistische E- lemente auf: Hier finden sich nur wenige, kaum mundartliche Dialoge, Gesprä- che werden nur skizzenhaft angerissen. Der Text weist sogar Modernismen wie die erlebte Rede auf. Der Erzähler gibt detaillierte, an Metaphern reiche Natur- beschreibungen und folgt der Tradition realistischer Erzählweise durch Erzäh- lerkommentare und symbolische Szenerien. Hauptmanns Werk steht in einem Spannungsfeld zwischen Poetischem Realismus und Naturalismus,
"[...] zum Beispiel läßt er trotz aller psychologischen Akribie Natur- empfindungen und Gedanken in die Erzählung einfließen, die dem sonst so pedantischen Bahnwärter schwerlich zuzutrauen sind. Eine ungewöhnliche Bilderfülle steht im dann zu Gebote. Auch im übrigen weicht die Geschichte von einer naturalistischen Formgebung ab. Sie enthält nur wenige Dialoge und verzichtet [...] auf mundartliche Fär- bung; sie bietet dramatisch zugespitzte Konflikte, ernste Lebensprob- leme eines einfachen, kontaktscheuen Menschen und kein weitschwei- figes Zustandsprotokoll.". 5
Der Text enthält nicht nur die objektiven Beschreibungen des Erzählers, der Er- zähler berichtet auch von Träumen und Visionen der Figur und gibt mythisch anmutende Naturbeschreibungen. Die Novellenstruktur des Realismus wird verkehrt, die Handlung steuert auf eine Katastrophe zu.
Abschließend ist also festzuhalten, dass Gerhart Hauptmanns Novelle eine Vermischung von naturalistischen Detailwiedergaben mit Stimmungsbildern und symbolhaften Motiven, eine symbolisch durchwirkte realistische Darstel- lung ist, und damit kein rein naturalistischer Text. Laut P. Sprengel ist die No- velle "der Tradition des realistischen Erzählens [...] in der wiederholten Ein-
4
Sprengel, Peter: Gerhart Hauptmann. Epoche – Werk – Wirkung. München 1984. S. 188.
5
Hilscher, a.a.O., S. 100
5
schaltung von Erzählerkommentaren, im Wechsel der Perspektive und im Auf- bau symbolischer Szenerien verpflichtet." 6
III. Figurenpsychologie der Titelfigur
Hauptmanns Novelle beginnt mit der zeitlich gerafft erzählten Biografie des Bahnwärters. Die Exposition erfolgt aus der Perspektive eines sonntäglichen Kirchgängers. Der Erzähler beschreibt Thiel als ordentlichen, pflichtbewussten, frommen Mann von kräftiger Gestalt, der in zehn Jahren nur zwei Mal nicht zum Dienst und in der Kirche erschienen ist, und zwar aufgrund von Verletzun- gen durch vorbeifahrende Züge (S.3). 7 Thiels Trauer nach dem Tod seiner ers- ten Frau Minna wird vom Erzähler durch die Beschreibung von Äußerlichkeiten ausgedrückt, die jedoch auf innere Zustände verweisen:
"Die Knöpfe seiner sauberen Sonntagsuniform waren so blank geputzt
als je zuvor, seine roten Haare so wohl geölt und militärisch gescheitelt wie immer, nur dass er den breiten, behaarten Nacken ein wenig ge- senkt trug und noch eifriger der Predigt lauschte oder sang, als er es früher getan hatte." (S.4).
Thiels robustes Äußeres steht im Gegensatz zu seinem Innenleben; er ist ein emotionaler, sensibler Mensch mit "unverwüstliche[m] Phlegma" und einem "kindgute[n], nachgiebige[n] Wesen" (S.6). Während sein Innenleben mit dem seiner verstorbenen Frau korrespondiert, mit der er "durch eine mehr vergeistigte Liebe verbunden gewesen war" (S.6), entspricht sein Äußeres dem seiner zweiten Frau Lene, "einem dicken und starken Frauenzimmer" (S.4), deren "Gesicht ganz so grob geschnitten war wie das seine, nur dass ihm im Gegensatz zu dem des Wärters die Seele abging" (S.5). Obwohl Lene zwar "eine unverwüstliche Arbeiterin, eine musterhafte Wirtschafterin" ist, zeichnet sich ihr Charakter durch "eine harte, herrschsüchtige Gemütsart,
6
Sprengel, a.a.O., S. 194
7
Angaben von Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe des Primärtextes der Rec- lam-Ausgabe Bahnwärter Thiel, Stuttgart 2001. Der Text folgt der Edition: Hass, Hans-Egon (Hrsg.): Gerhart Hauptmann: Sämtliche Werke. Centenar-Ausgabe. Bd. 6: Erzählungen, Theoretische Prosa. Berlin 1963
Arbeit zitieren:
Simona Kirpal, 2005, Korrespondenzen zwischen Symbolik und Figurenpsychologie in Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel", München, GRIN Verlag GmbH
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