INHALT
1. Einleitung 04
2. Mignon - das geheimnisvolle Wesen 05
3. Mignon - Attributzuschreibung 07
3.1 Hermaphroditismus 07
3.2 Animalisierung 08
3.3 Zitherspiel und Gesang 09
3.4 Epiphanie und Liebesreligion 11
4. Mignon - Symbol einer unüberwindbaren Lebensstufe
Leidenschaft o hne Ende 13
5. Mignon - Geschöpf des Sturm und Drang´ 15
5.1 Das Herz als bestimmende Instanz 15
5.2 Erfüllung von Werthers Erlösungswunsch 16
5.3 Abschied von der Naturpoesie 17
6. Résumé 20
7. Sigelliste 22
8. Literatur 22
9. Internet 24
10. Abbildungsverzeichnis 24
3
1. Einleitung
Schiller schrieb am 28. Juni 1796 an Goethe: „Aus der Masse der Eindrücke, die ich empfangen, ragt mir in diesem Augenblick Mignons Bild am stärksten hervor. Ob die so stark interessirte Empfindung hier noch mehr fordert, als ihr gegeben worden, weiß ich jetzt noch nicht zu sagen. Es könnte auch zufällig sein, denn beim Aufschlagen des Manuscripts fiel mein Blick zuerst auf das Lied, und dieß bewegte mich so tief, daß ich den Eindruck nachher nicht mehr auslöschen konnte“ 1 . Und am 23. Oktober 1796 ergänzte er: „Mignon wird wahrscheinlich bei jedem ersten und auch zweiten Lesen die tiefste Furche zurücklassen“ 2 . Dieser Eindruck wurde von vielen zeitgenössischen und auch späteren Kritikern des „Wilhelm Meister“ geteilt.
Wie kann diese tiefe Furche in Worte gefasst werden? Worin liegt der Zauber, den Mignon auf Schiller und unzählige weitere Leser ausübte? Mignon wirbelt durch den Roman und ist tatsächlich schwer zu fassen. Dennoch ist es sicherlich möglich, sich über Attributzuschreibungen der Figur Mignon zu nähern und eine Interpretation auf die wesentlichen Eigenschaften der Mignon zu stützen. Nach der Attributzuschreibung wird sich die Möglichkeit ergeben, Mignon als Symbol des „Sturm und Drang“ zu deuten, bzw. in ihr nicht nur wichtige romantische Wesenszüge zu erkennen - wie es bereits viele Interpreten behaupteten -, sondern sie eindeutig als Relikt des „Sturm und Drang“ zu sehen. Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass eine solche Analyse in einer langen Tradition steht. Über Mignon ist viel geschrieben worden, und die Interpretationen der letzten einhundert Jahre könnten unterschiedlicher kaum sein. Viele widmeten sich einzelnen Merkmalen der Mignon und konnten für das Ganze wenig bewirken. Die vorliegende Arbeit nimmt stets auf die lange Tradition der Mignon-Forschung Bezug, die für die Zielsetzung dieser Arbeit interessanten Aspekte der verschiedenen Aufsätze und Bücher werden zusammengetragen und der hier zu Grunde liegenden Fragestellung zugeordnet.
Zum Schluss soll die Frage beantwortet werden, ob Mignon als Teil des „Sturm und Drang“ in den „Lehrjahren“ direkten Bezug auf die „Leiden des jungen Werther“ nimmt. Die Frage ist, ob Mignon die Werther-Thematik nicht nur
1 Goethe-HA, Briefe an Goethe in zwei Bänden, Bd. 1, S. 229.
2 Goethe-GA, Bd. 20, S. 261.
4
aufnimmt, sondern sie sogar weiterentwickelt. Die These ist, dass in Mignon der Erlösungswunsch von Werther noch einmal Gestalt annimmt. An Mignon erfüllt sich, was für Werther Verheißung bleibt.
2. Mignon - das geheimnisvolle Wesen
Mignon, die Tochter einer sündhaften Geschwisterehe, wurde von ihren Eltern „zu guten Leuten unten am See“ 3 gegeben und somit früh von ihren Eltern allein gelassen. Von dort von einer Gruppe wandernder Seiltänzer und Akrobaten entführt, finden Wilhelm Meister und seine Theatergruppe sie in einer kleinen deutschen Stadt. Wilhelm Meister ist sogleich von ihr fasziniert und kauft sie dem Anführer der Seiltänzer ab 4 . Das Alter Mignons bleibt unbekannt 5 , es wird nur geschätzt: „Er [Wilhelm Meister; d.V.] schätzte sie zwölf bis dreizehn Jahre; ihr Körper war gut gebaut, nur daß ihre Glieder einen stärkern Wuchs versprachen oder einen zurückgehaltenen ankündigten. Ihre Bildung war nicht regelmäßig, aber auffallend; ihre Stirne geheimnisvoll, ihre Nase außerordentlich schön, und der Mund, ob er schon für ihr Alter zu sehr geschlossen schien, und sie manchmal mit den Lippen nach einer Seite zuckte, noch immer treuherzig und reizend genug. Ihre bräunliche Gesichtsfarbe konnte man durch die Schminke kaum erkennen“ 6 . Mignon spricht nur gebrochen Deutsch; ihr Wortschatz enthält viele italienische und französische Wörter. Mignons Ausdrucksmittel ist ihr Körper, das Tanzen 7 . Dorothea Flashar urteilte daher 1929: „Mignon ist ein geheimnisvoll in sich verschlossenes Wesen, fremd den Forderungen der Welt gegenüber, nur der Stimme ihres Herzens gehorchend“ 8 . Gleichzeitig ist Mignon
3 Goethe-HA, Bd. 7, S. 587.
4 Vgl. Goethe-HA, Bd. 7, S. 104/105: „[...] wegen des Kindes [...], das unserm Freunde für dreißig Taler überlassen wurde, gegen welche der schwarzbärtige heftige Italiener seine Ansprüche völlig abtrat [...]“.
5 Vgl. Goethe-HA, Bd. 7, S. 98: „`Wie nennst du dich?´, fragte er [Wilhelm Meister; d.V.]. - `Sie heißen mich Mignon.´ - `Wie viel Jahre hast du?´ - `Es hat sie niemand gezählt.´ - `Wer war dein Vater?´ - `Der große Teufel ist tot.´“ Anmerkung: Der große Teufel war der Bruder des Mignon peinigenden Seiltänzers und nicht ihr leiblicher Vater, als den Mignon ihn offenbar erkannte. Vgl. Goethe-HA, Bd. 7, S. 105.
6 Goethe-HA, Bd. 7, S. 98-99.
7 Vgl. dazu die Beschreibung des Eiertanzes; Goethe-HA, Bd. 7, S. 116: „Streng, scharf, trocken, heftig und in sanften Stellungen mehr feierlich als angenehm zeigte sie sich.“
8 Flashar (1929): S. 18.
5
die einzige „unter den Figuren des Romans, die Wilhelm eine immer gleiche, zuverlässige, uneigennützige Liebe entgegenbringt“ 9 .
Die geheimnisvolle Verschlossenheit Mignons führte in den letzten über 100 Jahren - wie in der Einleitung bereits erwähnt - zu widersprüchlichen Interpretationen. Mignon wurde auf authentische Personen wie die Seiltänzerin Petronella zurückgeführt, die „1764 in Göttingen in einer Seiltänzergruppe [auftrat; d.V.]. Sie litt offensichtlich unter einem brutalen Peiniger, Caratta, tanzte nur widerwillig und hatte so ein bescheidenes und zurückhaltendes Benehmen, dass sich das Gerücht verbreitete, sie sei ein vornehmes, ihren Eltern geraubtes Kind“ 10 . Andere Interpreten sahen in Katharina Zimmermann, einer Arzttochter, oder der Sängerin Elisabeth Schmeling, die erst als erwachsene Frau schreiben lernte und deren einzige Ausdrucksmittel das Zitherspiel und der Gesang waren, reale Vorbilder der Mignonfigur 11 .
Man suchte nach literarischen Einflüssen 12 , man diskutierte das „Pathologische“ in Mignons Verhalten vom medizinischen Standpunkt aus: Gustav Cohen suchte nach Hinweisen auf „geistige Minderwertigkeit oder den angeborenen Schwachsinn“ 13 in Mignons Verhalten. Psychoana lytisch ausgerichtete Arbeiten fragten nach der Beziehung Mignons zu Wilhelms oder gar Goethes seelischen und partnerschaftlichen Problemen.
Während Mignon und der Harfner von Kritikern im 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert als Schlüsselfiguren des Romans gesehen wurden 14 , gerät in der neueren Forschung „insbesondere Mignon buchstäblich unter die Räder“ 15 . Dem zarten Geschöpf werde - so Erwin Seitz - „eine Zentnerlast von negativen Attributen aufgehalst“ 16 .
9 Flashar (1929): S. 21.
10 Flashar (1929): S. 6.
11 Vgl. Flashar (1929): S. 7/ 8.
12 Vgl. Flashar (1929): S. 12 ff. / „Die Möglichkeit einer Geschwisterehe taucht in Wielands `Don Sylvio von Rosalva´ und in seinem `Agathon´ auf. [...] Goethes unmittelbares Vorbild scheint Gellerts `Schwedische Gräfin´ gewesen zu sein.“ Flashar (1929): S. 13.
13 Cohen (1920): S. 147.
14 Eine gute Übersicht über die verschiedenen Interpretationen bietet Lienhard (1978): S. 7-18.
15 Seitz (1996): S. 122.
16 Ebenda.
6
Arbeit zitieren:
Thorsten Schulte, 2004, Mignon - Geschöpf des 'Sturm und Drang' - Erfüllung von Werthers Erlösungswunsch, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
"Ich bin ein Knabe: ich will kein Mädchen sein!" Ein Verglei...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 25 Seiten
Hamlet-Deutungen im Vergleich: Goethe, Schopenhauer und Nietzsche
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Der Einfluss Shakespeares auf die Dramentheorie des Sturm und Drang
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 24 Seiten
Rausch und Kokain in der Lyrik Gottfried Benns
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 37 Seiten
Die Zigeunermotivik in Goethes Götz von Berlichingen
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 14 Seiten
Aspekte des Schauers in Villiers de l'Isle-Adams Novellen "Le...
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 24 Seiten
Zu: Georg Büchners Woyzeck - Die Sprache der Herrschaft und Herrschaft...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
'Prometheus' und 'Ganymed' als Höhepunkte des Sturm un...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 24 Seiten
Hier ist das Rätsel! Versuch über die Figur der Mignon in Goethes &quo...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Thorsten Schulte hat den Text Mignon - Geschöpf des 'Sturm und Drang' - Erfüllung von Werthers Erlösungswunsch veröffentlicht
Thorsten Schulte hat einen neuen Text hochgeladen
Sturm Und Drang: Lenz, Wagner, Klinger, and Schiller: The Soldiers, th...
Friedrich Schiller, J. Friedrich Von Schiller, Alan C. Leidner
Einführung in die Literatur des Sturms und Drang und der Weimarer Klas...
Matthias Buschmeier, Kai Kauffmann
Deutsche Literaturgeschichte 2. Aufklärung und Empfindsamkeit, Sturm u...
Ernst von Borries, Erika von Borries
0 Kommentare