1. Einleitung
Wer heute ans Mittelalter denkt, lässt Bilder von Burgen, Rittern und Abenteuern vor seinem inneren Auge ablaufen. Es spielen sich Szenen ab, die wir aus Filmen und Büchern kennen. Man sieht das Mittelalter häufig einerseits als finstere Zeit mit dunklen Geheimnissen, andererseits aber auch als eine Zeit der Abenteuer und wahren Helden. Allgemein fasst man als Mittelalter die Zeit von 500 bis 1500 auf. Doch diese Abgrenzung ist durchaus nicht selbstverständlich. Die verschiedenen Vorschläge zur Abgrenzung des Mittelalters von ihm vorangegangenen und ihm folgenden Zeiten und zur inneren Unterteilung zeigen, wie unterschiedlich Periodisierungen der Geschichte begründet werden können.
Diese Arbeit thematisiert die Periodisierung des Mittelalters mit ihren Problemen. Dazu muss jedoch zuerst eine Definition der Begriffs Mittelalter mit seiner Entstehung gegeben werden, was gleichzeitig die Entstehung unseres eingangs genannten Mittelalterbildes erklären kann.
2. Der Begriff „Mittelalter“
„Der heute fest eingebürgerte [...] Begriff Mittelalter ist nicht selbstverständlich, sondern seinerseits „historisch“ gewachsen“. 1 Die gängige Einteilung von Geschichte wurde erst mit der Zeit geschaffen und von den Menschen im Mittelalter selbst noch vollkommen anders gesehen. 2 In diesem Sinne ist der Begriff Mittelalter nicht zeitgenössisch, da die Menschen im Mittelalter nicht wissen konnten, dass auf die Zeit, in der sie lebten, eine Neuzeit folgen würde. Periodisierungen sind somit grundsätzlich immer erst im Nachhinein möglich. 3 Das Mittelalter sah das Geschehen unter endzeitlichem und heilsgeschichtlichem Aspekt 4 und orientierte sich mit seinen Vorstellungen nicht am Geschichtsverlauf selbst 5 . Man lebte in Erwartung des jüngsten Gerichts und dessen Vorzeichen 6 . Das Mittelalter verstand sich somit nicht als Mittel- sondern als Endzeit, wobei das Ende nicht berechnet werden konnte. 7 „Solche Vorstellungen (allmählich) aufzugeben und den Aufbruch eines neuen Zeitalters wahrzunehmen, das sich vom (finsteren) Mittelalter abhob, war ein Kennzeichen der Renaissance und des Humanismus des 14. und 16. Jahrhunderts“. 8 Die Humanisten entwickelten eine Bezeichnung für das minderwertige Latein („media et infima latinitas“)
1 Hans-Werner Goetz. Moderne Mediävistik. Stand und Perspektiven der Mittelalterforschung. Darmstadt 1999.
S.36.
2 Ulrich Knefelkamp. Das Mittelalter. Paderborn 2002. S.12.
3 Goetz. Moderne Mediävistik. S.36.
4 Horst Fuhrmann. Einladung ins Mittelalter. [2.Auflage]. München 1987. S.16.
5 Arnold Angenendt. Das Frühmittelalter. [2.Auflage]. Stuttgart 1995. S.23.
6 Knefelkamp. Das Mittelalter. S.13.
7 Goetz. Moderne Mediävis tik. S.36.
8 ebd.
2
zwischen ihrer Zeit und der Antike. Aus dieser Bezeichnung entwickelte sich dann der Begriff „media aetas“ für die finstere und minderwertige Zeit zwischen der Antike und der sich anbahnenden Erneuerung. 9
Der älteste bekannte Beleg stammt von Petrarca, der von den „tenebrae“ zwischen der „nova et antiqua aetas“ sprach (1341/59): „Zwischen der (verherrlichten) Antike und der nun anbrechenden Moderne lag gewissermaßen ein „dunkles“ Zeitalter“. Er verwendete auch als erster den Epochenbegriff „medium tempus“, der im 15. und 16. in allen Teilen Europas gebräuchlicher wurde, wobei es sich bei der Verbreitung keineswegs um einen geradlinigen Prozess handelte. 10
Die Einteilung in die drei Zeitalter Antike, Mittelalter und Neuzeit wurde erst im 17. Jahrhundert populär. Hornius wies erste Schritte in diese Richtung. Er verfasste 1666 in Leiden eine Weltgeschichte („Arca Noae“), die in drei Te ile geteilt war („historia vetus“, „historia nova“, „historia aevum“), allerdings noch auf vier Weltreiche verwies. 11 Entgültig verbreitet wurde diese Vorstellung jedoch erst durch Cellarius, der in Halle seine Universalgeschichte „Historia tripartita“ 12 in drei Epochen gliederte: „Historia antiqua“ (1685), „Historia medii aevi“ (1688) und „Historia nova“ (1696). 13 Der humanistische Begriff „media aetas“ entspricht noch nicht unserem Epochenbegriff vom Mittelalter, dieser findet sich erst bei Cellarius, durch den er sich im 18. Jahrhundert schnell durchsetzte. 14
Durch das Aufkommen des Begriffs selbst ist bereits eine negative Wertung impliziert, die das Mittelalter als eine Zwischenzeit betrachtet. Seit der Aufklärung wurde das Mittelalter als Zeit des „finsteren Aberglaubens“ gesehen, in der Romantik bemühte man sich um eine positivere Wertung, was schließlich zu einer Romantisierung des Mittelalters führte. Man rückte bei der Betrachtung des Mittelalters die angebliche Einheit der Christenheit und die Ideale des Rittertums in der Vordergrund. Diese zwei vereinfachten Charakterisierungen - die Abwertung einer- und die Verherrlichung anderseits - beeinflussen unser Mittelalterbild vielfach bis heute. 15
9 Knefelkamp. Das Mittelalter. S.13.
10 Goetz. Moderne Mediävistik. S.36f.
11 Knefelkamp. Das Mittelalter. S.12.
12 Goetz. Moderne Mediävistik. S.36.
13 Knefelkamp. Das Mittelalter. S.13.
14 Goetz. Moderne Mediävistik. S.37.
15 Der große Ploetz. S.356.
3
Trotz zahlreicher Forderungen in der Vergangenheit, den Begriff „Mittelalter“ ganz abzuschaffen, da er sich nicht vollständig begründen lassen kann, sondern tatsächlich nicht überall das gleiche bedeutet, hat er sich bis heute weitgehend gehalten. 16
3. Zeitliche Abgrenzung des Mittelalters
Traditionell versteht m an unter dem Mittelalter die Zeit von 500 bis1500 nach Christi. Tatsächlich sind solche Eckdaten jedoch schon lange strittig. 17 Es handelt sich hierbei lediglich um „eine Übereinkunft von Historikerinnen und Historikern, denn eine akzeptierbare Begründung dafür aus der Geschichte heraus gibt es nicht“. 18 „Der Begriff Epoche des Mittelalters legt nahe, dass es sich um eine Gesamtepoche mit Gemeinsamkeiten der Zeit, der Kulturräume, der Mentalitäten und der Gesellschaftsordnungen handelt“. 19 Tatsächlich ist es jedoch so, „dass es in anderen Regionen der Welt ganz andere Entwicklungen und demnach auch andere Bezeichnungen für den gemeinten Zeitraum gibt“. 20 Der Anfang und das Ende des Mittelalters sind also faktisch von Land zu Land unterschiedlich. 21 „Wenn man üb er die Grenzen des Mittelalters immer wieder gestritten hat, so hat man doch durchweg vorausgesetzt, dass es das Mittelalter als Epoche gegeben hat (was keineswegs selbstverständlich ist)“. 22 Wenn auch das Mittelalter unterschiedlich abgegrenzt wird, „wird man gewisse Lebensformen und Leitideen, wenn auch in zeitbedingten Veränderungen im dem mit „Mittelalter bezeichneten Zeitraum immer wieder antreffen“. 23 Die Abgrenzung eines Zeitraums kann sich jedoch immer nur auf einzelne Kultureinheiten beziehen. 24 So gab es in der Vergangenheit zahlreiche Abgrenzungsversuche unter verschiedenen ideologischen Ausgangspunkten, wie zum Beispiel von Oswald Sprengler, Arnold Toynbee, Karl Jaspers, Oskar Halecki, Max Weber, Karl Marx oder der marxistischen Geschichtswissenscha ft. 25 Zu Beginn der Debatte um die Abgrenzung des Mittelalters standen eher die Anfänge als das Ende im Brennpunkt des Interesses. 26 Bei den stattgefundenen Diskussionen geht es jedoch nicht nur um die Abgrenzung des Mittelalters von Antike und
16 Goetz. Moderne Mediävistik. S.38
17 ebd., S.39.
18 Knefelkamp. Das Mittelalter. S.12.
19 Carl August Lückerath/ Uwe Uffelmann (Hrsg.). Das Mittelalter als Epoche. Versuch eines Einblicks. Idstein
1995. S. 11.
20 Knefelkamp. Das Mittelalter. S.12.
21 Fuhrmann. Einladung ins Mittelalter. S.16.
22 Goetz. Moderne Mediävistik. S.39.
23 Fuhrmann. Einladung ins Mittelalter. S.17.
24 Hübinger. Spätantike und frühes Mittelalter. Ein Problem Historischer Periodenbildung. Darmstadt 1977.
S.16.
25 Knefelkamp. Das Mittelalter. S.14.
26 Goetz. Moderne Mediävistik. S.39.
4
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Evi Arbeiter, 2003, Das Mittelalter - Begriff und Periodisierungsprobleme, München, GRIN Verlag GmbH
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