Biographie – Egon Erwin Kisch
Die Bedeutung der Realität für Egon E. Kisch
Die Wahrheit als Dogma für den Reporter
Die Änderung der Theorien aufgrund politischer Wandlung
Die Reportagen „Bei den Heizern“ und „Bei den Heizern
des Riesendampfers“ – Rhetorische Textanalyse
Textanalyse: „Bei den Heizern“
Textanalyse: „Bei den Heizern des Riesendampfers“
Gemeinsamkeiten und wesentliche Unterschiede der
beiden Reportagen
Der Wahrheitsanspruch in bezug auf die beiden Reportagen 7
„Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit, in der man lebt!“ 1 Dieser oft zitierte Satz von Egon E. Kisch fasst seine Theorie zum Wesen der Reportage gut zusammen. Für Kisch ist das genaue Abbilden der Wirklichkeit die oberste Priorität eines Reporters. Dieser soll sich genau an die Fakten und die von ihm vorgefundenen Tatsachen ha lten, er darf nichts dazuerfinden oder Informationen vorenthalten. Wer solche hohen Ansprüche an seine Kollegen stellt, muss ihnen natürlich auch selbst ge- recht werden. Ob Kisch dies immer gelungen ist, soll im folgenden untersucht werden.
Biographie – Egon Erwin Kisch
Egon Erwin Kisch wurde am 29. 4. 1885 als Sohn eines deutschsprachigen jüdischen Tuc h- händlers in Prag geboren. Nach dem Abbruch seines Studiums an der TH Prag, erhielt er 1905 ein Volontariat beim „Prager Tagblatt“ und begann ein Jahr darauf als Lokalreporter bei der „Bohemia“. Ab 1913 arbeitete er beim „Berliner Tagblatt“, bis er 1914 zum Kriegsdienst ein- gezogen wurde. 1917 kehrte er von der Front zurück, war Oberleutnant im Kriegspressequar- tier in Wien und nahm ab 1918 an Aktionen der Arbeiter- und Soldatenräte teil. Ein Jahr spä- ter wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs. Nach seiner Übersiedelung nach Berlin im Jahre 1921 arbeitete er für verschiedene Zeitungen und unternahm Reisen durch Europa, Afrika, die Sowjetunion und die USA, die er in seinen Reportagen festhielt. 1924 erschien seine erste Reportagensammlung: „Der rasende Reporter“, die schnell zum Bestseller wurde und deren Titel ihm von da an anhaftete. 1925 trat er der KPD bei und ab 1928 engagierte er sich im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“, 1931 bekam er die Professur für Journalistik an der Universität Charkov. 1933 wurde er von den Nationalso- zialisten verhaftet, jedoch durch Interventionen der tschechoslowakischen Regierung wieder freigelassen. Daraufhin emigrierte er nach Paris und nahm am antifaschistischen Widerstand teil. 1934 reiste er durch Spanien, Belgien, die Niederlande und Australien und kehrte 1937 für kurze Zeit nach Prag zurück, bevor er sich auf seiten der Republikaner am spanischen Bürgerkrieg beteiligte. 1939, nach Beginn des zweiten Weltkrieges emigrierte er nach Mexiko und kehrte schließlich 1946 endgültig nach Prag zurück, wo er in den Stadtrat gewählt wurde. Am 31. 3. 1948 starb Kisch überraschend nach einer kurzen, schweren Krankheit.
Die Bedeutung der Realität für Egon E. Kisch
Die Wahrheit als Dogma für den Reporter
Wie eingangs schon gesagt betont Kisch immer wieder, die oberste Pflicht eines Reporters sei es, die Wirklichkeit in seinen Reportagen genau abzubilden. Warum Tatsachentreue für ihn persönlich eine so hohe Stellung erhielt, erklärt er durch einen Vorfall während seiner Zeit bei der Prager Zeitung: Kisch war beauftragt über den Brand in einer Mühle zu berichten, dort
angekommen, fiel ihm jedoch nichts spannendes ein, was er darüber hätte schreiben können. Deshalb erfand er, unter redaktionellem Druck stehend, eine aufregende Szenerie, für die er von der Redaktion (in seinen eigenen Augen unverdient) gelobt wurde. Nach diesem Erlebnis stand für Kisch fest, dass von nun an die Wahrheit im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen würde. „Er sagt später darüber: ‚Gerade weil mir bei der ersten Jagd nach der Wahrheit die Wahrheit entgangen war, wollte ich ihr fürderhin nachspüren. Es war ein sportlicher Entschluß.’“ 2 Trotzdem gesteht Kisch dem Reporter auch Phantasie zu, er bezeichnet diese aber als „logi- sche Phantasie“. Diese beschreibt er sehr bildlich, davon ausgehend, dass der Reporter nie- mals alle vorhandenen Fakten betreffs eines Ereignisses zusammentragen kann, und die Re- portage ohne logische Phantasie demzufolge Lücken aufweisen würde. Deshalb muss der Re- porter „die Pragmatik des Vorfalles, die Übergänge zu den Ergebnissen der Erhebungen selbst schaffen und nur darauf achten, dass die Linie seiner Darstellung haarscharf durch die ihm bekannten Tatsachen (die gegebenen Punkte der Strecke) führt. Das Ideal ist nun, dass diese vom Reporter gezogene Wahrscheinlichkeitskurve mit der wirklichen Verbindungslinie aller Phasen des Ereignisses zusammenfällt; erreichbar und anzustreben ist ihr harmonischer Ver- lauf und die Bestimmung der größtmöglichen Zahl der Durchlaufpunkte.“ 3
Der Reporter darf also, im Gegensatz beispielsweise zum Romanautor, seine Phantasie nie- mals frei spielen lassen, sondern sich nur im Rahmen der von ihm gefundenen Tatsachen be- wegen. Die Phantasie soll hier also dazu verwendet werden, die Realität nachzuempfinden.
Kisch weist dem Reporter darüber hinaus eine Vermittlerrolle zwischen den gesellschaftli- chen Extremen zu. Dem „Künstler“, der die Wirklichkeit nur intuitiv erahnen kann und dem „Bürger“, der nicht imstande ist die Wirklichkeit zu durchschauen. Um seiner Mittlerrolle gerecht zu werden besteht die Aufgabe des guten Reporters demzufolge darin, die Wirklich- keit exakt wiederzugeben. 4
Abänderung der Theorien aufgrund politischer Wandlung
Nachdem Kisch begonnen hatte, sich in den Arbeiter- und Soldatenräten in Wien und danach in der KPD zu engagieren, kritisiert er in seinen Reportagen zune hmend das kapitalistische System und versucht durch das Aufdecken von sozialen Missständen den Klassenkampf des Proletariats zu unterstützen. Auch zuvor schon hatte er viele Reportagen über das Milieu der Unterschicht verfasst, jedoch noch nicht aus politischem Interesse, sondern aus spontanem Mitleid mit dem Lumpenproletariat. Diese politische Wandlung lässt er auch in seine Theo- rien zur Reportage einfließen: „Die grausame Wirklichkeit hat gelehrt, dass die rührendsten Stimmungsbilder, die sentimentalsten Liebesszenen und die raffiniertest erklügelten Detektiv- tricks weit zurückbleiben hinter der Phantasie der nackten Tatsachen, hat gelehrt, dass jene feuilletonistischen und novellistischen Plaudereien nichts mit den Problemen zu tun haben, welche jeden Menschen betreffen. Man hat sich daran gewöhnt, in der Zeitung nicht Ablen- kung von der Realität zu suchen, sondern die Realität selbst. Fast gleichzeitig wurde in Frank- reich und in Deutschland die Reportage als Kunstform erkannt, als literaturfähig erklärt, in ernster Weise geleistet und in ernster Weise besprochen. (...) Jeder (Publizist) kann sein Bes- tes leisten, wenn er von einem ehrlichen Willen zur Sachlichkeit und zur Wahrheit beseelt ist und geleitet vom sozialen Gefühl, von der Absicht, den Unterdrückten und Entrechteten durch seine ungeschminkte Zeugenaussage zu nützen und zu helfen.“ 5
2
Dieter Schlenstedt: „Die Reportage bei Egon Erwin Kisch“, Berlin 1959; S.14f.
3 E. E. Kisch: „Wesen des Reporters“. In: Erhard H. Schütz (Hg): Reporter und Reportagen, Giessen 1974; S. 41. 4 Dieter Schlenstedt: „Die Reportage bei E. E. Kisch“; S. 15ff.
5 Michael Haller: „Die Reportage“, München 1990 2 ; S.45.
Quote paper:
Sarah Trede, 2001, Der Wahrheitsanspruch bei Egon Erwin Kisch, Munich, GRIN Publishing GmbH
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