Eberhard Karls Universität Tübingen, Philosophisches Seminar
Proseminar: Immanuel Kant – Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
Sommersemester 2005
Semesterzahl: 3
Immanuel Kant - Der Weg zum kategorischen Imperativ
von: Joachim Waldmann
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
2.1. Wo nach einem obersten Prinzip gesucht werden muss
2.2. Der Begriff des Willens
2.3. Der Begriff der Pflicht
2.3.1. Pflichtmäßige Handlung und Handlung aus Pflicht
2.3.2. Der Begriff der Achtung
2.3.3. Zwischenbemerkung
2.3.4. Der Begriff der Maxime
2.4. Der kategorische Imperativ
2.5. Zusammenfassung
3. Schlussbemerkung – Kritische Würdigung
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Intuitiv wird in unseren westlichen Gesellschaften das Vorgehen etwa religiöser Fanatiker von den meisten als moralisch verwerflich oder als falsch bewertet.1 Allgemeine Grundsätze wie Toleranz, Respekt, Gewaltlosigkeit und Rücksichtsnahme werden – wenn nicht als moralisch „richtig“, so doch zumindest als moralisch „besser“ oder „richtiger“ angesehen als etwa heilige Kriege zur Bekämpfung Andersgläubiger. Religiöse Fanatiker sind dabei ein Beispiel für Anhänger von Moralen, die die Einhaltung moralischer Normen nur gegenüber den eigenen Stammes-, Volks- oder Glaubengenossen gebieten.2 Solche partikularistischen Moralen „waren in der Geschichte der Menschheit dominant“.3
Für Vertreter universalistischer Moralen stellt sich daher die grundsätzliche Frage, wieso einer solchen Moral der Vorzug zu geben ist; oder anders: warum es eine solche verdient haben sollte, von allen Menschen akzeptiert zu werden? Um Anhänger partikularistischer Moralen davon zu überzeugen, dass es bestimmte moralische Normen gibt, die für alle Menschen gleichermaßen gelten müssen, dass diese Normen also eine universale Geltung besitzen, reichen unbegründete intuitive Gefühle von der Richtigkeit westlich-humanistischer Grundüberzeugungen sicherlich nicht aus. Es ergibt sich vielmehr die Notwendigkeit einer Ermittlung und Begründung eines obersten Prinzips aller Moralität.
2. Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
Mit seiner Grundlegung hat Kant sich genau dieses Ziel gesetzt: er möchte „nichts mehr, als die Aufsuchung und Festlegung des obersten Prinzips der Moralität“.4
2.1. Wo nach einem obersten Prinzip gesucht werden muss
Um dieses Vorhaben realisieren zu können ist es zunächst wichtig, Empirisches und Rationales strikt zu trennen, da aus einer Vermischung beider Bereiche nur Stümperei resultieren kann. Ein oberstes Moralprinzip lässt sich nur auffinden, wenn man sich auf den reinen5, d.h. apriorischen Teil der Ethik konzentriert; „von allem, was nur empirisch sein mag“ gilt es sich zu distanzieren. 6
Ein allgemeingültiges moralisches Gesetz ist nur dann in vollem Wortsinne allgemeingültig, wenn es sich auf alle möglichen Vernunftwesen bezieht, nicht nur auf den Menschen. Dies ist ein Grund, warum (menschliche) Erfahrung niemals die Grundlage für ein solches Gesetz bilden kann. Ein anderer ist die Tatsache, dass jeder Mensch unterschiedliche Erfahrungen macht, und dass aufgrund dessen kein gemeinsamer Nenner gefunden werden kann. „Der Grund der Verbindlichkeit“ eines moralischen Gesetzes darf also „nicht in der Natur des Menschen, oder den Umständen in der Welt“, sondern muss, wie gesagt, „a priori lediglich in Begriffen der reinen Erfahrung“7 gesucht werden. In Analogie zu den Naturgesetzen der Physik Newtons8, die ihre Wirksamkeit ja auch nicht nur auf den Menschen beschränken, sondern im gesamten bekannten Universum wirken, hält Kant das moralische Gesetz wohl für ein nicht vom Menschen geschaffenes, sondern im Menschen aufgrund seiner Eigenschaft als Vernunftwesen wirksames Faktum. Vom Menschen kann demnach völlig abstrahiert werden, es bedarf nur der praktischen Vernunft, der „Idee eines möglichen reinen Willens“9 zur Bestimmung des Gesetzes.
2.2. Der Begriff des Willens
[...]
1 Wenn auch viele die Zwecke, die mit Anschlägen, Selbstmordattentaten etc. erreicht werden sollen – wie etwa ein eigenständiger Palästinenserstaat (die damit oft gleichzeitig implizierte Vernichtung Israels einmal ausklammert) – für richtig erachten, so können doch die Mittel zur Erlangung dieser Zwecke schwerlich von einem westlichen Beobachter gut geheißen werden.
2 In den meisten sogenannten heiligen Schriften gibt es beispielsweise Tötungsverbote. Dennoch wurde und wird dieses Verbot von manchen Anhängern so interpretiert, dass es nur in bezug auf Mitglieder des eigenen Glaubens Gültigkeit besitzt.
3 Ott, Konrad, Moralbegründungen zur Einführung, S. 18
4 Kant, Immanuel, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 391f.
5 Rein im Sinne Kants bedeutet, dass sich die Gründe, auf die sich die Morallehre stützt, ausschließlich Sätze a priori sein müssen. Vgl. dazu Höffe, Otfried (Hrsg.), Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 17
6 Kant, Immanuel, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 388f.
7 ebd., S. 389
8 vgl. Ott, Konrad, Moralbegründungen, S. 80
9 ebd., S. 390f.
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Joachim Waldmann, 2005, Immanuel Kant - Der Weg zum kategorischen Imperativ, Munich, GRIN Publishing GmbH
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