1. Einleitung ............................................................................................................................... 2
2. Der zweite Beweis für die Unsterblichkeit der Seele (72e-76d) ............................................ 2 2.1. Zwischenbemerkung........................................................................................................ 3 2.2. Zwischenbemerkungen.................................................................................................... 4
3. Schlussbemerkung - Kritische Würdigung ............................................................................ 6 Literaturverzeichnis .................................................................................................................... 7
1. Einleitung
„Lernen [ist] nichts anderes […]als Wiedererinnerung“. 1 Diese These - von Kebes vorgetragen, der damit aber nur eine von Sokrates häufig geäußerte Ansicht wiedergibtleitet den zweiten Beweis für die Unsterblichkeit der Seele im Phaidon ein. Der Begriff des Lernens lässt sich definieren als die Aneignung von Kenntnissen und Fähigkeiten, als die Änderung von Denken, Einstellungen und Verhaltensweisen aufgrund von Einsicht oder Erfahrung. 2 Bedingung der Möglichkeit zu lernen ist somit zuallererst die Wahrnehmung der Umwelt. Darauf folgen muss ein Verknüpfen mit Bekanntem (Erfahrung) und das Erkennen von Regelmäßigkeiten. Wahrnehmen und Erkennen sind zwei Aspekte des Lernens.
Warum aber setzen das Wahrnehmen und das Erkennen und somit das Lernen Wiedererinnerung voraus?
2. Der zweite Beweis für die Unsterblichkeit der Seele (72e-76d)
Nachdem Kebes die Ausgangsthese, dass nämlich Lernen nichts anderes sei als Wiedererinnerung, vorgetragen hat, bittet Simmias ihn darum, Beweise für diese Behauptung zu liefern, da er zwar prinzipiell von der Wiedererinnerungslehre weiß, die Beweise dafür jedoch vergessen hat. Kebes führt daher nur „den einen, schönsten“ Beweis an, „[…] dass, wenn die Menschen gefragt werden und einer sie nur recht zu fragen versteht, sie alles selbst sagen[…]“ 3 .
1 Platon, Phaidon, 72e
2 Meyers großes Taschenlexikon, Band 13, S.157
3 Platon, Phaidon, 73a
2
Daraufhin legt Sokrates dar, ebenfalls von Simmias dazu aufgefordert, inwiefern Lernen Wiedererinnerung sein kann:
Nimmt ein Mensch etwas irgendwie wahr - gleichgültig mit welchem äußeren oder inneren Sinn - und kommt ihm, neben der Vorstellung die die Wahrnehmung erzeugt, noch eine andere, mit der ersten nicht identische Vorstellung in den Sinn, so handelt es sich bei dieser anderen Vorstellung um eine Erinnerung. Mit Carlo E. Huber lässt sich sagen, dass „Erinnerung […] eine Miterkenntnis von etwas in der Erkenntnis eines anderen [ist]“ 4 . Sokrates führt dazu einige Beispiele an, wobei es festzuhalten gilt, dass es sich hierbei nur um Alltagserfahrungen handelt und dass sich die Beispiele immer mehr dem Abbild-Urbild Verhältnis der platonischen Ideenlehre annähern: zuerst die Leier, die an einen Menschen erinnert, dann der eine Mensch, der an den anderen Menschen erinnert und zuletzt das Bild eines Menschen, das an diesen Menschen selbst erinnert. Es besteht hier zunächst nur eine seinsmäßige Beziehung 5 zwischen Erkanntem und Miterkanntem bzw. Erinnertem - so sind Simmias und Kebes etwa Freunde.
Sokrates fragt nun, ob es sich aus den genannten Beispielen nicht ergäbe, dass die Wiedererinnerung entweder aus ähnlichen oder aus unähnlichen Dingen ihren Ausgang nähme. Bei all diesen Beispielen ist somit das Verhältnis zwischen Ähnlichkeit und Unähnlichkeit von Erkanntem und Miterkanntem die Grundlage der Erinnerung.
2.1. Zwischenbemerkung
Meiner Meinung nach ist dies ein Satz ohne Bedeutung, da die beiden miteinander in Beziehung stehenden Gegenstände sich zueinander immer entweder ähnlich oder unähnlich verhalten müssen 6 . Träfe es zu, dass einzig aufgrund der Unähnlichkeit zueina nder das Miterkennen einsetzte, so gäbe dieser Satz Sinn. Bei dem Beispiel Leier-Mensch aber besteht zwar Unähnlichkeit, jedoch erinnert man sich nicht aufgrund der Unähnlichkeit der Leier vom Menschen an den Menschen, sondern weil diese beiden Entitäten aus irgendeinem anderen Grund miteinander assoziiert werden. Das Miterkannte wird nicht wegen der Unähnlichkeit erinnert bzw. erkannt. Platon benötigt diese Behauptung aber für seinen weiteren Argumentationsgang.
4 Huber, Carlo E., Anamnesis bei Plato, S.349
5 vgl. Huber, Anamnesis bei Plato, S.351
6 abgesehen vom Fall der Identität
3
Sokrates fügt nun fragend hinzu, dass gleic hzeitig mit dem Erkennen der Ähnlichkeit zweier Dinge dem erkennenden Subjekt bewusst werden muss, wie hoch der Grad der Ähnlichkeit ist.
Hier nun wird ein Übergang gemacht, der meiner Meinung nach einem Sprung nahe kommt: Ist es zulässig, wo bisher nur vo n alltäglicher Erinnerung gesprochen wurde, plötzlich von transzendenter zu sprechen? Denn Sokrates kommt über die Feststellung von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit beim Akt des Erinnerns auf das eigentliche Ziel der Überlegungen zu sprechen: auf das Verhältnis von endlichem, diesseitigen Gegenstand zur transzendenten Idee. Als Beispiel für eine solche Idee wird „das Gleiche selbst“ 7 genannt. Dieses Gleiche selbst gibt es wirklich, es ist etwas. Die Erkenntnis von ihm erlangt der Mensch, indem er weltliche Dinge, die sich einander gleichen, wie etwa Steine oder Hölzer, ansieht. Da die weltlichen Dinge sich aber im einen Fall als gleich, im anderen als ungleich erweisen, die Gleichheit hingegen sich niemals als Ungleichheit zeigt, können die weltlichen Dingen und die Idee nicht dasselbe sein. Indem also der Mensch sich gleichende weltliche Dinge ansieht, erkennt er die Idee des Gleichen, wobei die weltlichen Dinge eine Ähnlichkeit mit der Idee des Gleichen aufweisen, gleichzeitig aber auch unähnlich von ihr sein müssen.
Wenn der Mensch nun ein weltliches Ding sieht - im Falle der Gleichheit wohl eher das Verhältnis zweier Dinge zueinander - und er dabei bemerkt, dass es der Idee zwar ähnelt, ihr nahe kommt, aber doch nicht so vollkommen ist wie sie, so folgt daraus, dass er die Idee bereits kennen muss. Oder anders gesagt: Um die Idee des Gleichen als Maßstab für Weltdinge anwenden zu können, muss der Mensch sie notwendig schon gekannt haben, bevor er zum allerersten Mal ein Gleichheitsverhältnis durch irgendeine sinnliche Wahrnehmung erfasst hat. Vor aller diesseitigen Perzeption muss er „[…] schon irgendwoher die Erkenntnis bekommen haben des eigentlich Gleichen […]“ 8 , da er alle seine Wahrnehmung auf dieses Gleiche bezieht und er ja schon seit seiner Geburt wahrnimmt.
2.2. Zwischenbemerkungen
(1) Wie aber passt es zusammen, dass einerseits die Kenntnis von der Idee der Gleichheit die Bedingung dafür ist, erkennen zu können, wie sich weltliche Dinge in bezug auf Gleichheit zueinander verhalten 9 , andererseits aber durch die sinnliche Wahrnehmung zweier gleicher
7 Platon, Phaidon, 74a
8 Platon, Phaidon, 75b
9 vgl. Platon, Phaidon, 74e-75a
4
Arbeit zitieren:
Joachim Waldmann, 2005, Warum setzen das Wahrnehmen und das Erkennen Wiedererinnerung voraus?, München, GRIN Verlag GmbH
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