1. Einleitung 2
2. Simmias Einwand: das Harmoniemodell der Seele (85e-86d) 3
3. Sokrates Kritik und Widerlegung des Harmonielehremodells (91c-95a) 4
3.1. Die Unvereinbarkeit des Harmoniemodells der Seele mit der Wiedererinnerungslehre 4
3.2. Erstes Argument: Erklärungsnot des Harmoniemodells in bezug auf Tugend und
Laster 5
3.2.1. Zwischenbemerkung. 5
3.3. Zweites Argument: Die Seele als Stimmung des Körpers kann diesen nicht
beherrschen. 6
3.3.1. Zwischenbemerkung. 7
4. Schlussbemerkung - Kritische Würdigung 7
Literaturverzeichnis 8
1. Einleitung
Was ist die Seele?
In Platons Phaidon wird sie bestimmt als ein Unsichtbares und Unkörperliches, das sich auf
die immer selbe Art verhält, sich immer selbst gleicht. Da die Seele den Leib beherrscht,
ähnelt sie außerdem dem Göttlichen und somit natürlich auch dem Schönen. 1 Die Seele
unterscheidet sich also grundlegend vom sterblichen Leib es handelt sich bei Leib und Seele
um „zwei Arten des Seienden“ 2 , um zwei voneinander verschiedene Substanzen. Die Seele
ist dabei diejenige Substanz, der - aufgrund der Eigenschaften Unkörperlichkeit,
Unsichtbarkeit , Schönheit und ein dem Göttlichen verwandtes Wesen - „Unzerstörbarkeit
und Ewigkeit“ 3 zukommen soll. Simmias jedoch hegt Zweifel an der Beweiskraft der
Argumente , die für die Unsterblichkeit der Seele sprechen sollen.
1 vgl. Platon, Phaidon, 79a-80b
2 ebd., 79a
3 Frede, Dorothea, Platons „Phaidon“, S.78
2
2. Simmias Einwand: das Harmoniemodell der Seele (85e-86d)
Ausgehend von der Annahme einer Seele mit den oben genannten Eigenschaften und diese Eigenschaften übernehmend, entwirft Simmias ein Modell der Seele, das zunächst gegen ihre Unsterblichkeit zu sprechen scheint. In diesem Modell wird die Seele als eine Stimmung bzw. Harmonie verstanden. Die die Harmonie erzeugende Leier steht für den Leib. Der Harmonie können dabei dieselben Eigenschaften wie der Seele zugesprochen werden: sie ist nicht sichtbar, sie ist unkörperlich, schön und göttlich; für die Leier gilt, dass sie dieselben Eigenschaften wie der Leib hat. 4 Nach Sokrates Argumentation, so meint Simmias, müsse auch für die Harmonie gelten, dass sie noch weiter fortbestehe, lange nachdem die Leier bzw. deren Saiten zerstört worden sind.
Durch den Vergleich von Leib und Seele mit Leier und Harmonie, entblößt Simmias die sokratische Argumentation als etwas Unmögliches: eine Harmonie kann nicht noch existieren, wenn ihr Ursprung, die Leier, bereits vernichtet worden ist. Wenn die Seele eine Harmonie des Körperlichen ist - und diese Möglichkeit besteht, denn es kann doch sein, so Simmias, „dass unsere Seele die Mischung und Stimmung eben dieser Dinge [nämlich der körperlichen, wie etwa Warmes und Kaltes, J.W.] sei, wenn sie schön und im rechten Verhältnis gegeneinander gemischt sind“ 5 , dann muss sie auch zusammen mit dem Körper untergehen und das, obwohl sie göttlich ist. 6 Kurz gesagt: Simmias begreift die Seele „als Funktion des intakten Körpers“ 7 .
4 Die Eigenschaften des Leibes sind: „körperlich, zusammengesetzt, erdartig und sterblich“ nach D. Frede,
Platons „Phaidon“, S.78
5 Platon, Phaidon, 86b-c
6 Es ist hier gleichgültig, ob die Seele lediglich als die harmonische Gestimmtheit des Leibes oder ob sie als
vom Leib erzeugte Stimmung verstanden wird. In beiden Fällen hängt sie vom Leib ab und ist an dessen
Schicksal gekettet.
7 Frede, Dorothea, Platons „Phaidon“, S.80
3
3. Sokrates Kritik und Widerlegung des Harmonielehremodells
(91c-95a)
Für Sokrates gilt es nun zu zeigen, dass die Seele keine Harmonie sein kann.
3.1. Die Unvereinbarkeit des Harmoniemodells der Seele mit der
Wiedererinnerungslehre
Simmias konzentrierte sich bei seinem Einwand auf das dritte Argument für die Unsterblichkeit der Seele, in dem für die Verwandtschaft der Seele mit dem Ewigen und Unveränderlichen, also dem Göttlichen plädiert wird 8 ; er ließ aber den zweiten Beweis, dass alles Lernen Wiedererinnerung sei, außer Acht. Sokrates weist ihn daher darauf hin, dass er diesem Beweis bereits zugestimmt habe.
Simmias Einwand weist somit eine Inkonsistenz auf: einerseits stimmt er zu, dass die Seele schon vor der Geburt gelernt und somit existiert hat, andererseits geht er davon aus, dass sie eine Harmonie des Leibes ist, und somit von diesem unmittelbar abhängt und daher auch nicht schon vor diesem existiert haben kann. Simmias muss sich also zwischen diesen beiden Möglichkeiten entscheiden.
Er wendet sich ohne zu zögern von seinem eigenen Modell ab und der Wiedererinnerungslehre zu. Grund für seine plötzliche Wende ist - seinen eigenen Worten zufolge, dass für die Wiedererinnerungslehre ein „annehmungswürdige[r] Grund“, für sein Modell jedoch nur eine „gewisse[] Wahrscheinlichkeit und Angemessenheit“ 9 spreche. Hieraus wird ersichtlich, dass zwischen zwei Klassen von Überzeugungen unterschieden werden muss: die eine stützt sich auf bloße Meinungen, ist intuitiv, die zweite dagegen stützt sich auf Argumente und Beweise. Die zweite Klasse ist der ersten stets vorzuziehen. Simmias hätte sich aber auch für sein Harmoniemodell und damit gegen die Unsterblichkeit der Seele entscheiden können. Es muss also noch eine Widerlegung des Harmoniemodells unabhängig von der Entscheidung des Simmias erfolgen, eine Widerlegung, die nachweist, „daß die Seele als Harmonie grundsätzlich nicht all diejenigen Funktionen erfüllen kann, die man ihr zuschreibt.“ 10 Dies erfolgt durch zwei Argumente:
8 vgl. ebd. S.64
9 Platon, Phaidon, 92d
10 Frede, Dorothea, Platons “Phaidon“, S.93
4
Arbeit zitieren:
Joachim Waldmann, 2005, Kritik am Harmoniemodell der menschlichen Seele - Platon, München, GRIN Verlag GmbH
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