Darf ich als erfolgreicher Teil des Arbeitsmarktes keine Beziehung haben? Ist Familie auf einmal ein Fremdwort und sind Kinder nur ein Störfaktor?
Beginnen wir bei der Geschichte- dem „Urschleim“: Wir wissen, dass vor etwa 60 Jahren Mutter- Vater- Kind eine Einheit waren- es gab eine feste Rollenverteilung- man war heterosexuell, gehörte einer Kleinfamilie an, zwei gegensätzliche Geschlechtscharaktere verbanden sich zur glücklichen Gemeinschaft, bei der ein Kind das Erfolgsprodukt war. In solch „trauter“ Zweisamkeit, mit sogenannter Arbeitsteilung, befanden sich über 80% der Bevölkerung, die nach dem Schema: Frau am Herd, Mann arbeitet hart, lebten. Nach und nach verbesserten sich die Lebensbedingungen, es gab immer mehr Konsumgüter, soziale Sicherungssysteme, man konnte öfter und weiter verreisen. Die tägliche Arbeitszeit wurde verkürzt, die Jugendzeit verlängert, ebenso das Rentenalter- durch die Verkürzung der Lebensarbeitszeit. Auf einmal war nix mehr mit brav und keusch sein, es gab vorehelichen Geschlechtsverkehr und die Pille dazu. Im Fall des Falls durfte man abtreibenzumindest bei uns im Osten- und sich scheiden lassen.
In den 60ern und 70ern kam dann endlich die Bildungsexpansion auf- die katholische Arbeitertochter vom Lande wurde reformiert. Es eröffneten sich unglaubliche Möglichkeiten und neue Horizonte.
Einerseits natürlich eine wunderbare Verbesserung, nicht nur in jedem kleinen Heim, sondern für die allgemeine Bildung, die Emanzipation der Frau, die Kultur trat einen Schritt weiter weg von „Hausmutti verheiratet mit Bärentöter“. Doch was blieb bei diesen Umwälzungen auf der Strecke?
Verfolgt man die Statistiken, nahm seitdem die Anzahl der Kinder ab, mehr als die Hälfte der heutigen Ehen bringen nur noch 1 Kind hervor. Es wird immer weniger geheiratet, dafür wächst die Scheidungsziffer und die Zahl der Alleinerziehenden. Man lebt in modernen- ich probier mich aus- WG`s, unehelichen Lebensgemeinschaften und es ist cool eine ziemlich laaange Verlobungsphase zu haben (nicht dass ich ein riesiger Heiratsverfechter wäre, aber diese Masse an Verlobungen fällt nun mal auf) oder besser gleich ganz Single zu bleiben.
Sicher spricht vieles dafür in der heutigen Gesellschaft Single zu sein, wobei ich bezweifeln möchte, ob es dem einzelnen auch wirklich so gut dabei geht. Moderne Gesellschaften beruhen darauf, dass ihre Mitglieder sich auch noch im Erwachsenenalter raschen Wandlungsvorgängen anpassen oder sie in die Wege leiten. Tiefsitzende Einstellungen oder Traditionen lassen sich jedoch nur durch Milieu- oder Kontaktwechsel unter Abbruch von Bindungen verändern. Viele sind der Meinung, durch erfolgreiche Suggestion und allgemeinen Erfolgsdruck, dies durch zeitweilige Phasen des Alleinlebens am besten hinzukriegen, nur so meinen sie, sich individuell besser anzupassen. Wirkt natürlich auf den ersten Blick einleuchtend, viele Menschen sind ja auch mit ihrem Alleinsein sehr glücklich, das will ich nicht bestreiten. Auch, dass man oft als Single gewisse Vorteile, wie mehr Zeit, Geld und Freiraum besitzt ist wahr. Aber was ist mit dem Großteil unserer Singles- die sich nicht gut allein, sondern einsam fühlen?
Nach außen klappt natürlich alles wunderbar- der Kapitalismus braucht den „unternehmerischen Einzelnen“. Die Singles haben aufgeholt gegenüber der Familie.
Die Familie repräsentiert in der heutigen Zeit meist nur noch eine Verweigerung gegenüber einer Gegenwart ohne Bindungen. Ein Jugendlicher beispielsweise überschreitet permanent die Grenze zwischen Berufs - und Privatleben und damit auch das Modell der Kleinfamilie als Ort der Regeneration. Die heutige Jugend ist daher dem sogenannten
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„Outburn“ ausgesetzt. Niemand hält einem mehr den Rücken frei- im Gegenteil- die Patchworkfamilie verlangt mindestens genauso viel Management wie die eigene Karriere. Auch Beziehungen, Ehen und Freundschaften bilden nicht mehr den ausgleichenden Gegenpol zur Teilnahme am Markt als Person. Was wieder ein Schritt mehr in die Einsamkeit bedeutet.
Heutzutage ist die Kernfamilie nur noch eine „Lifestyle- Option“, ein Experimentierfeld für neue Formen des Zusammenlebens. Ein wachsender Teil der Bevölkerung lebt als Einzelgänger, aber ein genauso großer Teil in Bindungen, die zumindest ohne große formale Probleme schnell aufgelöst werden können. Was für mich einen Verlust an Standhaftigkeit, Wertschätzung des Partners, Treue und den Willen auch Krisen durchzustehen bedeutet. Es wirkt vielleicht alles immer ganz locker, frei und schön- „wir gucken mal, bis sich was Besseres findet“, aber eigentlich ist es einfach wertlos- im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Beziehungen entbehren allen moralischen und menschlich wichtigen Werten und werden somit zu wertlosem Zusammensein auf Zeit.
Das steigende Heiratsalter und die Zunahme der lebenslang Ledigen sind weitere Argumente für den Trend zur Bindungslosigkeit. Von allen Seiten, aus allen Medien erfahren wir- alles geht besser ohne- schon früh wird uns das in dieser Gesellschaft unterschwellig beigebracht.
Die hohen Scheidungszahlen und die neue Kinderlosigkeit sind aber nicht unbedingt die Konsequenz von zuviel Egoismus oder der Bindungsunfähigkeit, es ist oft nicht nur eine finanzielle Frage, sondern mehr ein Prinzip der „verantworteten Elternschaft“, was beinhaltet, dass man sich nur dann für Kinder entscheidet, wenn man meint, die ökonomische und moralische Verantwortung für eine intensive und anspruchsvolle Erziehung übernehmen zu können. Ich denke, dieses Prinzip leuchtet eher ein. In meinem Bekanntenkreis wird dieses Prinzip ebenfalls befürwortet, teils aus eigenen freien Stücken und Ansichten, andererseits zwangsweise, da niemand seinem Kind eine wirklich gute Erziehung bieten kann ohne Job, Rücklagen, Zeit und uneingeschränkte Liebe. Wobei die Liebe hier das einzige „kostenlose“ Gut wäre, alles andere muss sich durch die bestens organisierte Karriereplanung erarbeitet werden- womit wir wieder im Kreislauf der modernen „Werte“ wären. Doch wie stelle ich das nun an- Kind- Karriere - Familie im Idealfall?
Es herrscht immer noch eine geschlechtsspezifische Segmentierung des Arbeitsmarktes vor- diesen Nachteil konnte uns die Individualisierung noch nicht (wirklich) nehmen. Es gibt also typische Männer- und Frauenberufe. Die Konsequenz ist, dass hauptsächlich Frauen mit Frauen und Männer mit Männern um die begehrten Berufspositionen konkurrieren. Da hat die Frau ohne Kind doch deutlich mehr Chancen, als die Frau mit Kind. Als wenn das nicht schon reichen würde, wird es uns Frauen noch mal schwer gemacht- da die erfolgreiche Berufsarbeit nicht mehr auf den „familienfreien Mann“, sondern genauer auf den „familienfreien E hemann“ zugeschnitten ist, muss natürlich idealerweise eine Ehebeziehung her. Sie muss für den Mann repräsentative Zwecke erfüllen, darf aber keine Anforderungen oder Ansprüche an den Mann herantragen, sondern ihn nur entlasten und von seinen Alltagssorgen befreien. Wenn das dann alles brav erledigt ist, dürfen wir neben der perfekten, stummen Ehefrau auch noch die perfekte Mutter sein- nichts leichter als das!
Nicht zu vergessen, dass es natürlich keine Rolle spielt, ob es die erste, zweite oder dritte Eh efrau ist- je nach erreichter Karrierestufe wird dann das „passende Frauchen“ für den nächsten Karriereabschnitt gesucht.(Herzlichen Glückwunsch, Oli Kahn)
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Arbeit zitieren:
Syntje Krause, 2003, Individualisierung und Liebe - Fisch fühlt sich gut ohne Fahrrad?, München, GRIN Verlag GmbH
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