Inhaltsverzeichnis
ABBILDUNGSVERZEICHNIS 1
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 2
EINLEITUNG 3
AUSBLICK 4
1. GRUNDLAGEN 6
1.1 DEFINITION DER ARBEITS UND ERWERBSLOSIGKEIT 6
1.1.1 Definition der Arbeitslosigkeit nach International Labour Organization 7
1.1.2 Definition der Arbeitslosigkeit nach Bundesagentur für Arbeit 8
1.2 PROBLEM DER VERZERRUNG 9
2. FOLGEN DER ARBEITSLOSIGKEIT 11
2.1 FOLGEN FÜR DIE ÖFFENTLICHEN KASSEN UND SOZIALSYSTEME 11
2.2 FOLGEN FÜR DEN BETROFFENEN 14
2.2.1 Die finanziellen Folgen 15
2.2.2 Die psychisch-sozialen Folgen 16
2.2.3 Die gesundheitlichen Folgen 19
3. DIE ENTWICKLUNG DES ARBEITSMARKTES 21
3.1 DIE ENTWICKLUNG DES ARBEITSMARKTS IN DER DDR 21
3.2 DIE ENTWICKLUNG DES ARBEITSMARKTS IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND 22
3.2.1 Phase des Wiederaufbaus 23
3.2.2 Phase der Vollbeschäftigung 24
3.2.4 Phase der Massenarbeitslosigkeit 26
3.2.4.1 Die Entwicklung des Arbeitsmarktes in Gesamtdeutschland nach der
Wiedervereinigung 28
4. AKTUELLE ARBEITSMARKTLAGE IM DETAIL 32
5. URSACHEN DER ARBEITSLOSIGKEIT 39
5.1 GESAMTWIRTSCHAFTLICHE URSACHEN DER ARBEITSLOSIGKEIT 39
5.1.1 Friktionelle Arbeitslosigkeit 39
5.1.2 Konjunkturelle Arbeitslosigkeit durch Nachfrageschwankungen 40
5.1.2.1 Rolle der privaten Konsumgüternachfrage 42
5.1.2.2 Rolle der Investitionsgüternachfrage 44
5.1.2.3 Die Rolle der Staatsnachfrage und Staatsverschuldung 46
5.1.2.4 Rolle des Außenbeitrags 48
5.1.3 Wachstumsdefizitäre Arbeitslosigkeit durch gestörte
5.1.3.1 Stagnationsarbeitslosigkeit versus falsche Rahmenbedingungen 51
5.1.3.2 Die Lohninduzierte Arbeitslosigkeit 52
5.1.3.3 Einfluss von sonstigen Kosten Wechselkursen und staatlichen
Interventionen 55
5.1.4 Strukturelle gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit 56
5.1.4.1 Technologische Fortschritte als Ursache für Arbeitslosigkeit 56
5.1.4.2 Kapitalmangel als Ursache für Arbeitslosigkeit 59
5.1.4.3 Demographische Entwicklungen als Ursache für Arbeitslosigkeit 60
5.1.4.4 Globalisierung als Ursache für Arbeitslosigkeit 63
5.1.5 Zusammenfassung der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung 64
5.2 TEILWIRTSCHAFTLICHE URSACHEN 65
5.2.1 Saisonale Arbeitslosigkeit 65
5.2.2 Strukturalisierte konjunkturelle Arbeitslosigkeit 67
5.2.3 Strukturelle teilwirtschaftliche Arbeitslosigkeit 67
5.2.3.1 Strukturwandelbedingte Arbeitslosigkeit 68
5.2.3.1.1 Branchenspezifische Arbeitslosigkeit 68
5.2.3.1.2 Regionale Arbeitslosigkeit 72
5.2.3.2 Personenbezogene Arbeitslosigkeit 73
5.2.3.2.1 Berufs und qualifikationsspezifische Arbeitslosigkeit 74
5.2.3.2.2 Altersspezifische Arbeitslosigkeit 75
5.2.3.2.3 Geschlechtsspezifische Arbeitslosigkeit 76
5.2.3.2.4 Nationalitätsbedingte und gesundheitsbedingte Arbeitslosigkeit 77
5.2.4 Zusammenfassung der teilwirtschaftlichen Betrachtung 77
6. FAZIT 79
LITERATUR UND QUELLENVERZEICHNIS 81
Abbildungsverzeichnis
Registrierte Arbeitslose und Stille Reserve 1997 2004 10 Abbildung 1:
Gesamtfiskalische Kosten der Arbeitslosigkeit 2003 12 Abbildung 2:
Die menschliche Erfahrung mit der Arbeitslosigkeit 18 Abbildung 3:
Arbeitslosigkeit in Deutschland 1950 bis 2004 31 Abbildung 4:
Konjunkturelle Arbeitslosigkeit 41 Abbildung 6:
Lohnerhöhungen: das Kaufkraftargument 43 Abbildung 7:
Einnahmen und Ausgaben des Staates in Milliarden EUR 47 Abbildung 8:
Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts 49 Abbildung 9:
Abbildung 10: Entwicklung der Lohnstückkosten in Deutschland 53
Abbildung 11: Wirtschaftswachstum und gesamtwirtschaftlicher
Produktivitätsfortschritt 1950 2001 59
Abbildung 12: Bevölkerungsentwicklung in Deutschland 61
Abbildung 13: Saisonprofil der Arbeitslosigkeit 1997 66
Abbildung 14: Entwicklung der sektorale Struktur der Erwerbstätigkeit in
Deutschland 69
Abbildung 15: Sektorale Freisetzungen und Absorptionen von Arbeitskräften in
Millionen (alte Bundesländer) 71
Abbildung 16: Qualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten 1991 bis 2004 in
Deutschland 75
Abbildung 17: Teilnehmer an Ausbildungs und Qualifizierungsprogrammen von
Bund Ländern und Bundesagentur für Arbeit (2004) 76
1
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
Abkürzungsverzeichnis
% - Prozent
§ - Paragraph
ABM - Arbeitsbeschaffungsmassnahmen
Abs. - Absatz
BA - Bundesagentur für Arbeit
BMBF - Bundesministerium für Bildung und Forschung
bzw. - beziehungsweise
CD - Compact Disc
DDR - Deutsche Demokratische Republik
DIW - Deutsches Institut für Wirtschaftforschung
DM - Deutsche Mark
D-Mark - Deutsche Mark
Dt. - deutscher
EU - Europäische Union
IAB - Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
IFO - Institut für Wirtschaftsforschung
ILO - International Labour Organization
IT - Informationstechnik
SGB - Sozialgesetzbuch
UDSSR - Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
US - United States (Vereinigten Staaten)
USA - United States of America (Vereinigten Staaten von Amerika)
usw. - und so weiter
WAZ - Arbeitszeitentwicklung
WB - Entwicklung des Beschäftigungsniveaus
WBIP - Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts
WEPP - Entwicklung des Erwerbspersonenpotentials
W πA - Arbeitsproduktivitätsentwicklung
Z.B. - zum Beispiel
2
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
Einleitung
„Arbeit ist schwer, ist oft genug ein freudloses und mühseliges Stochern; aber nicht arbeiten - das ist die Hölle.“ (Thomas Mann (1875-1955), dt. Schriftsteller)
Arbeitslosigkeit ist in Deutschland wie in vielen anderen Ländern eines der größten Probleme der Gesellschaft. Es gefährdet nicht nur die Gesellschaftsordnung, sondern führt mitunter auch zu sozialen Spannungen. Die daraus resultierende Belastung für den Staatshaushalt sowie die ungenutzten Humanressourcen und negative Folgen für die betreffenden Personen, zwingen zu praktikablen Lösungen die Abhilfe schaffen.
Das Thema Arbeitslosigkeit gehört daher zu den am meist behandelten Themen in Politik und Öffentlichkeit. Oft wird die Problematik in der Öffentlichkeit nur auf die Zahl der Arbeitslosen sowie wenigen Ursachen und Lösungsansätze beschränkt und bietet somit nicht die Grundlage für eine konstruktive öffentliche Debatte, die jedoch angesichts von 4,531 Millionen 1 Arbeitslosen mehr als notwendig ist.
Arbeitslosigkeit ist aber nicht nur ein gesellschaftliches Problem. Für jeden einzelnen Arbeitslosen bedeutet es Belastungen in vielerlei Hinsicht. Egal wie schwer und beanspruchend eine Arbeit auch ist, keine Arbeit zu haben ist oftmals viel schwieriger hinsichtlich der gesundheitlichen, sozialen, finanziellen und psychischen Folgen die dadurch entstehen. Thomas Mann hat es in dem oberen Zitat auf den Punkt gebracht und sicherlich spricht er damit vielen Menschen aus der Seele.
1 aktueller Stand im November 2005, Quelle: Bundesagentur für Arbeit
3
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
Ausblick
Diese Arbeit teilt sich in fünf Schwerpunkte. Nach einer allgemeinen Definition der Arbeits- und Erwerbslosigkeit und deren statistischen Abgrenzung wird auf die Folgen für die öffentlichen Träger und die einzelnen Betroffenen eingegangen. Um das Ausmaß der Arbeitslosigkeit in Deutschland aufzuzeigen wird die Entwicklung des Arbeitsmarktes in den letzten Jahrzehnten beschrieben und die augenblickliche Situation im Detail betrachtet. Da Arbeitslosigkeit keiner Willkür unterliegt, sondern auf verschiedene Ursachen zurückzuführen ist, werden im letzten Kapitel typische Ursachen benannt, klassifiziert und, soweit dies möglich ist, gewichtet.
Der 1. Abschnitt befasst sich mit der Definition der Arbeits- und Erwerbslosigkeit. Hierbei werden die zwei geläufigsten Methoden beschrieben. National hat in erster Linie die Methode der Bundesagentur für Arbeit einen großen Stellenwert. Um international vergleichbare Statistiken zu erhalten ist jedoch vor allem die Methode der International Labour Organization nötig. In Deutschland werden die dafür notwendigen Daten vom Statistischen Bundesamt erhoben und spiegeln sich in deren Arbeitsmarktstatistik wieder. Da beide Methoden nicht das ganze Ausmaß der Arbeitslosigkeit wiedergeben, wird auch auf das Problem der Verzerrung eingegangen und damit die Aussagekraft der Statistiken hinterfragt.
Mit den Folgen der Arbeitslosigkeit befasst sich das 2. Kapitel. Es werden die Konsequenzen für die öffentlichen Träger sowie die individuellen finanziellen, gesundheitlichen sowie psychisch-sozialen Probleme, die bei den Betroffenen entstehen, erläutert.
Der nächste Abschnitt geht auf die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland ein. Von der Gründung der Bundesrepublik Deutschland bis in unsere aktuelle Zeit werden verschiedene Phasen der Entwicklung unterschieden und erläutert. Auch auf die besondere Rolle der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wird eingegangen.
4
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
Nachdem die Entwicklung seit der Gründung der Bundesrepublik aufgezeigt wurde, wird im darauf folgenden Kapitel die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt detaillierter analysiert. Hier geht es vor allem darum, ein genaues Bild der jetzigen Situation zu erhalten.
Im letzten Kapitel werden die verschiedenen Ursachen für Arbeitslosigkeit abgegrenzt und beschrieben. Hierbei wird eine Unterteilung in gesamtwirtschaftliche und teilwirtschaftliche Ursachen vorgenommen. Da jede Ursache in ihrer Dimension anders zu bewerten ist, wird auch Auskunft über ihr jeweiliges quantitatives Ausmaß gegeben, um so eine gewisse Gewichtung zu ermöglichen.
5
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
1. Grundlagen
1.1 Definition der Arbeits- und Erwerbslosigkeit
Nach der allgemeinen Theorie der Wirtschaftswissenschaften ist Arbeits- und Erwerbslosigkeit definiert durch die Differenz, die entsteht, wenn das Arbeitskräfteangebot höher als die Arbeitskräftenachfrage ist. Die Begriffe Arbeitslosigkeit und Erwerbslosigkeit werden im allgemeinen Sprachgebrauch häufig inhaltlich gleich behandelt. Die amtliche Arbeitsmarktstatistik ordnet die Begriffe aber unterschiedlichen Konzepten zu. Die Arbeitslosenstatistiken werden in Deutschland von der Bundesagentur für Arbeit 2 herausgegeben. Die Erwerbslosenstatistiken beruhen auf international anerkannten Kriterien der International Labour Organization 3 und werden vom statistischen Bundesamt 4 ermittelt. Nach beiden Konzepten ist eine Person erwerbs- bzw. arbeitslos, wenn sie eine bestimmte Periode ohne Arbeitsplatz ist, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht und Arbeit sucht. Unterschiede zwischen den Konzepten ergeben sich nur durch verschiedene Erhebungsmethoden und Abgrenzungen. Im Folgenden werden beide Konzepte näher vorgestellt.
In dieser Arbeit wird aber die gebräuchliche Vorgehensweise verwendet, bei der die Begriffe Arbeitslosigkeit und Erwerbslosigkeit die gleiche Bedeutung haben und alle Personen einschließt die keinen offiziellen Arbeitsplatz haben, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und Arbeit suchen.
2 Die Bundesagentur für Arbeit (BA) ist die Institution, die in Deutschland für die Arbeitsverwaltung und -förderung zuständig ist. Sie ist eine bundesunmittelbare Körperschaft des öffentlichen Rechts mit Selbstverwaltung mit Sitz in Nürnberg. Sie untersteht der Rechtsaufsicht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit.
3 Die ILO wurde am 11.4.1919 gegründet und ist seit dem 14.12.1946 eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf. Es ist das Internationale Arbeitsamt der Vereinten Nationen. 4 Das Statistische Bundesamt Deutschland erhebt, sammelt und analysiert Informationen zu fast allen Belangen des Lebens in Deutschland und bereitet sie auf und stellt sie dar. Es ist eine Bundesoberbehörde und dem Bundesministerium des Innern unterstellt.
6
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
1.1.1 Definition der Arbeitslosigkeit nach International Labour
Organization
Die International Labour Organization verwendet Kriterien zur Ermittlung der Erwerbslosigkeit, die international anerkannt und angewandt werden, wodurch ein Vergleich verschiedener Länder miteinander ermöglicht wird. Nach diesen Kriterien gilt als erwerbslos, wer zwischen 15 und 74 Jahre alt ist und zur Zeit der Befragung weder selbstständig war noch einer, mit Einkommen verbundener, abhängiger Tätigkeit nachging. Darüber hinaus muss die Person in den letzten vier Wochen vor der Befragung aktiv nach einer Tätigkeit gesucht haben. Der zeitliche Umfang der gesuchten Tätigkeit ist dabei unwichtig. Außerdem muss die Möglichkeit bestehen, eine gefundene Anstellung innerhalb von zwei Wochen annehmen zu können. Die Meldung bei einer Agentur für Arbeit oder einem Träger der Grundsicherung ist hier nicht nötig. [destatis_ilo]
Die Daten werden mit Hilfe einer telefonischen Befragung erhoben. Hierbei werden
30 000 zufällig ausgewählte Personen im Alter von 15 bis 74 Jahren gemäß den ILO-
Definitionen befragt. Die Daten werden dann für eine Hochrechnung auf die Gesamtbevölkerung verwendet. Diese statistische Schätzung weist allerdings Messungenauigkeiten auf, die als Standardfehler bezeichnet werden. Die Höhe dieses so genannten Standardfehlers, wird über mathematische Methoden ermittelt und gibt in Form einer Wahrscheinlichkeit an, in welcher Höhe das „tatsächliche“ Ergebnis vom Ergebnis der Stichprobe abweichen kann. Der Standardfehler für die Zahl der Erwerbslosen wird in den Veröffentlichungen zur ILO-Arbeitsmarktstatistik 5 mit ausgewiesen. [destatis_ilo]
5 Arbeitsmarktstatistik die vom statistischen Bundesamt, auf Grundlage der Definitionen der
International Labour Organization, erstellt wird.
7
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
1.1.2 Definition der Arbeitslosigkeit nach Bundesagentur für Arbeit
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) definiert jemanden als arbeitslos, wenn die Person „…keine Beschäftigung hat (weniger als 15 Wochenstunden), Arbeit sucht, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht und bei einer Agentur für Arbeit oder einem Träger der Grundsicherung arbeitslos gemeldet ist.“ [def_BA]
Die Zahl der Arbeitslosen veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit am Anfang eines jeden Monats. Neben der Arbeitslosenzahl wird unter anderem auch die Arbeitslosenquote ausgegeben. Diese wird aus dem Anteil der registrierten Arbeitslosen an der Gesamtzahl abhängiger Erwerbspersonen (setzt sich aus Erwerbstätigen 6 und Erwerbslosen zusammen) ermittelt, wobei die Arbeitslosenziffer um saisonale Einflüsse bereinigt wird. [def_BA]
Die Arbeitslosenquote sollte jedoch immer in Verbindung mit der absoluten Arbeitslosenzahl betrachtet werden, da die Anzahl der Erwerbspersonen im Zeitverlauf nicht konstant bleibt.
Dass die Arbeitslosenzahlen der beiden Konzepte nur bedingt aussagekräftig sind und Verzerrungen unterliegen, wird im folgenden Abschnitt aufgezeigt.
6 Als erwerbstätig in Deutschland gelten alle sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten
(einschließlich geringfügiger Beschäftige), Beamte und Selbstständige (einschließlich mitarbeitender
Familienangehörige). (Altmann 6. Auflage: 83-84)
8
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
1.2 Problem der Verzerrung
Die in Deutschland verwendeten Bezugsgrößen, die von der Bundesagentur für Arbeit ermittelt werden, weisen die „offene Arbeitslosigkeit“ in Deutschland aus. Darüber hinaus gibt es jedoch eine „verdeckte Arbeitslosigkeit“. Diese setzt sich zusammen aus einer „stillen Reserve“, Kurz- und Teilzeitarbeit sowie der Übergangsarbeitslosigkeit. [probl_verz]
Unter der „stillen Reserve“ werden alle Personen zusammengefasst, die bei günstigeren Arbeitsmarktbedingungen dem Arbeitsmarkt zusätzlich zu den registrierten Arbeitslosen zur Verfügung stehen. Sie beinhaltet Personen die sich in der Fort- und Umschulung oder Weiterbildung befinden. Auch Personen die an Maßnahmen aktiver Arbeitsbeschaffungsmassnahmen (ABM) teilnehmen oder sich im Vorruhestand befinden, zählen zur stillen Reserve. Arbeitslose, die einer Tätigkeit nachgehen möchten, sich jedoch nicht beim Arbeitsamt registrieren, zählen ebenso dazu. Diese werden in der Statistik als Stille Reserve im engeren Sinne bezeichnet. [probl_verz]
Kurz- und Teilzeitarbeit stellen ebenfalls ein Ungleichgewicht zwischen Arbeitsangebot und Nachfrage dar. Die betroffenen Personen sind zwar nicht arbeitslos, jedoch würden Arbeitsplätze verloren gehen, wenn sie Vollzeit beschäftigt werden. [probl_verz]
Auch Übergangsarbeitslosigkeit verfälscht die Statistik. Sie umfasst Personen, die der Arbeitsvermittlung nicht zur Verfügung stehen, da das Ende ihrer Arbeitslosigkeit bereits absehbar ist (beginnendes Studium, Wehr- oder Zivildienst, Rente, Mutterschutz,…). Dieser Teil müsste dem zu Folge aus der Arbeitslosenstatistik herausgenommen werden, da es sich hierbei nicht um Erwerbslose handelt, die eine Arbeit suchen. [probl_verz]
9
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
Wie aus der
Abbildung 1 ersichtlich ist, werden mit den registrierten Arbeitslosen nur ungefähr 50 bis 70 Prozent des Erwerbslosenpotentials erfasst. Erst mit Einbeziehung der Stillen Reserve wird annähernd die gesamte Unterbeschäftigung ersichtlich.
Abbildung 1: Registrierte Arbeitslose und Stille Reserve 1997 – 2004
Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarktbericht 2003; für 2004: Institut für Arbeitsmarkt- und
Berufsforschung Auch die Daten, welche mit Hilfe der ILO-Definitionen ermittelt werden, unterliegen dem Problem der Verzerrung. Auch hier kommt es zu einer „verdeckten“ Erwerbslosigkeit. Im Gegensatz zur Statistik der BA wird hier jedoch die stille Reserve im engeren Sinne erfasst. Auch die Übergangsarbeitslosigkeit verfälscht die Statistik nicht.
10
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
2. Folgen der Arbeitslosigkeit
Arbeitslosigkeit sorgt bei den betroffenen Personen für finanzielle und oft auch für psychologische Belastungen. Der Staat muss mit finanziellen Einbußen kalkulieren und eine Regierung wird letztendlich unter anderem an den Erfolgen am Arbeitsmarkt gemessen. Nachfolgend werden die finanziellen Konsequenzen für die öffentlichen Haushalte, sowie die finanziellen, psychologischen und gesundheitlichen Auswirkungen für die betroffenen Personen näher erläutert.
2.1 Folgen für die öffentlichen Kassen und Sozialsysteme
Die Finanzierung der Arbeitslosigkeit belastet die öffentlichen Haushalte, das Rentensystem und andere Sozialsysteme, wie die Kranken- und Pflegeversicherung. Darüber hinaus wird das Produktionspotential des Landes nicht ausgelastet. Wie man aus Abbildung 2 ersehen kann, sind es in erster Linie die direkten Kosten, also die Ausgaben, die den Hauptteil der Belastungen ausmachen. Zum einen das gesetzliche Arbeitslosengeld 1, das jedem gewährt wird, der innerhalb der letzten drei Jahre mindestens zwölf Monate beschäftigt war und Beiträge in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat. Die Höhe der Zahlungen richtet sich nach dem Arbeitseinkommen 7 das im letzten Jahr vor der Entstehung des Leistungsanspruchs erzielt wurde und beträgt mindestens 60 Prozent und höchstens
67 Prozent (erhöhter Leistungssatz 8 ) vom Nettoeinkommen. Die Bezugsdauer von
Arbeitslosengeld richtet sich nach der Länge der vorherigen Erwerbstätigkeit sowie dem Alter des Antragsstellers. Der Minimalzeitraum, für den ein Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht, beträgt sechs Monate. Die Anspruchshöchstdauer beträgt
32 Monate, wobei das Mindestalter des Antragsstellers in diesem Fall bei 57 Jahren
liegt. Außerdem muss die Person die letzten 64 Monate versicherungspflichtig beschäftigt gewesen sein. Wer ab dem 01.02.2006 arbeitslos wird, hat nur noch eine Anspruchshöchstdauer von zwölf Monaten. Die Ausnahmen bilden Personen, die mindestens 55 Jahre alt sind und die letzten 36 Monate versicherungspflichtig
7 Nettoeinkommen (Einkommen minus aller Abgaben und Steuern)
8 Wird gewährt, wenn die Person oder der unbeschränkt einkommenspflichtige Lebenspartner
mindestens ein Kind hat.
11
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
beschäftigt waren. Hier wird eine Anspruchsdauer von 18 Monaten angesetzt. [ab2_bund]
Erwerbsfähige hilfebedürftige 9 Personen, die keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld 1 haben und keiner Arbeit nachgehen können, weil sie zum Beispiel kleine Kinder erziehen oder Angehörige pflegen, erhalten Arbeitslosengeld 2 und werden nicht als arbeitslos registriert. Unter dem Arbeitslosengeld 2 werden seit 01.01.2005 die Sozialhilfe, das Wohngeld und die Arbeitslosenhilfe für alle erwerbsfähigen Personen zusammengefasst. Die Höhe der Leistung richtet sich nach dem Wohnsitz. In den alten Bundesländern beträgt der Satz 345,- Euro. In den neuen Bundesländern beläuft sich das Arbeitslosengeld 2 auf 331,- Euro. Für die ersten zwei Jahre, ab dem Wechsel vom Arbeitslosengeld 1 zu Arbeitslosengeld 2, wird ein Zuschuss gezahlt. Dieser wird nach dem ersten Halbjahr halbiert. [ab2_bund]
Abbildung 2: Gesamtfiskalische Kosten der Arbeitslosigkeit 2003
Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 10 (IAB)
9 Als hilfebedürftig gilt man, wenn man den eigenen Bedarf und den seiner im gemeinsamen Haushalt lebenden Angehörigen und Partner aus eigenen Mitteln nicht oder nicht ganz decken kann. 10 Das IAB wurde 1967 als Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit gegründet und hat ihren Sitz in Nürnberg.
12
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
Da die Abbildung 2 auf den Daten von 2003 beruht, sind die drei Kostenarten Sozialhilfe, Wohngeld und die Arbeitslosenhilfe nicht unter dem Arbeitslosengeld 2 zusammengefasst, sondern noch einzeln aufgeführt. Die durchschnittliche Arbeitslosenzahl im Jahr 2003 lag bei 4,38 Millionen und bildet somit die Grundlage für die Abbildung 2.
Weitere direkte Aufwendungen, die in der Statistik der IAB nicht berücksichtigt wurden, entstehen durch die aktive Arbeitsmarktpolitik des Staates. Dazu zählen Leistungen, die für die Arbeitsförderung verwendet werden, wie zum Beispiel Weiterbildungsmaßnahmen, Trainingsmaßnahmen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder auch Vermittlungsleistungen. Im Jahr 2004 wurden dafür 18,721 Milliarden Euro 11 im Haushalt der Bundesagentur für Arbeit verbucht. [ab2_bund]
Auch Verwaltungsaufwendungen, die bei den öffentlichen Kassen aufgrund der Arbeitslosigkeit anfallen, werden in der Abbildung 2 nicht aufgeführt. Allein für diesen Posten sind im Jahr 2004, bei der Bundesagentur für Arbeit 5,096 Milliarden Euro 12 an Ausgaben angefallen. [ab2_bund]
Neben den direkten Kosten, werden die öffentlichen Kassen auch durch Mindereinnahmen belastet. Da jemand, der als arbeitslos registriert ist, weder Einkommenssteuern, indirekte Steuern 13 , noch Beiträge für die Sozialversicherungen zahlt, entstehen für den Staat Einnahmeausfälle. Der größte Teil der Ausfälle wird durch die Sozialversicherungsbeiträge erzeugt. Hierzu zählen Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung, Pflegeversicherung. [ab2_bund]
11 Bundesagentur für Arbeit, “Quartalsbericht der Bundesagentur für Arbeit - Bericht über das vierte Quartal und das Geschäftsjahr 2004” , online unter url:“ http://www.arbeitsagentur.de/content/de_DE/hauptstelle/a- 01/importierter_inhalt/pdf/BA_Quartalsbericht_4_2004.pdf" (Stand: 13.12.2005) 12 Bundesagentur für arbeit, “Quartalsbericht der Bundesagentur für Arbeit - Bericht über das vierte Quartal und das Geschäftsjahr 2004” , online unter url:“ http://www.arbeitsagentur.de/content/de_DE/hauptstelle/a- 01/importierter_inhalt/pdf/BA_Quartalsbericht_4_2004.pdf" (Stand: 13.12.2005) 13 Zu den indirekten Steuern zählen unter anderem die Umsatzsteuer, die Stromsteuer, die Tabaksteuer und die Mineralölsteuer. Da jemand der arbeitslos ist weniger finanzielle Mittel zur Verfügung hat, konsumiert die Person auch weniger und zahlt somit weniger indirekte Steuern.
13
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
Über die aufgeführten Kosten hinaus entstehen durch Arbeitslosigkeit weitere Aufwendungen, die sich zusammensetzen aus Sozialkosten sowie dem Produktionsausfall, der entsteht, weil das Produktionspotential des Landes nicht ausgenutzt wird. Da nicht alle erwerbsfähigen 14 und arbeitswilligen Personen am Produktionsprozess teilnehmen, können nicht so viele Güter und Dienstleistungen erzeugt werden, wie es bei Beschäftigung der Personen möglich wäre. Anhand der Differenz, zwischen dem tatsächlichen und dem potentiellen Sozialprodukt bei Vollbeschäftigung 15 lassen sich diese Verluste messen. [ab2_bund]
Unter Sozialkosten versteht man Kosten, die für die Beratung und Betreuung von Arbeitslosen aufgewendet werden. Besonders für langfristige Arbeitslose werden Mittel für medizinische Maßnahmen und psychologische Hilfe benötigt. [ab2_bund]
2.2 Folgen für den Betroffenen
Die Erwerbstätigkeit bildet einen wichtigen Faktor, was den Lebensstandard, das Ansehen und die individuelle Entfaltung einer Person betrifft. Das Arbeitseinkommen bildet die Grundlage für eine finanzielle Unabhängigkeit und soziale Absicherung. Abgesehen davon, dass Erwerbslosigkeit in der Gesellschaft oft als Makel empfunden wird und damit gleichzeitig das Scheitern der Person assoziiert wird, entsteht für den Betroffenen eine finanzielle, psychische wie soziale Belastung. Da dadurch meist auch die Familien, und da vor allem die Kinder, belastet werden, sind die Folgen noch viel gravierender. Darüber hinaus entstehen für den Erwerbslosen auch gesundheitliche Probleme die umso deutlicher auftreten, desto länger die Arbeitslosigkeit anhält. [ab2_bund]
14 Erwerbsfähig sind diejenigen, die unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes
mindestens drei Stunden täglich arbeiten können.
15 Vollbeschäftigung herrscht bei Vollauslastung aller Produktionsfaktoren
(Gerhard Mussel, Jürgen Pätzold: Grundfragen der Wirtschaftspolitik; München 1998; Seite 25) ;
„Vollbeschäftigung entspricht einer Arbeitslosenquote von 0,8 Prozent bei normalem Winterwetter“
(Horst Friedrich, Michael Wiedemeyer: Arbeitslosigkeit – ein Dauerproblem; Opladen 1998; Seite 34)
14
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
2.2.1 Die finanziellen Folgen
Die finanziellen Folgen der Arbeitslosigkeit liegen in der Tatsache begründet, dass bei Bezug von Arbeitslosengeld nur ein Einkommen von maximal 67 Prozent, wie in Punkt 2.1 beschrieben, zur Verfügung steht. Bei längerer Arbeitslosigkeit, also über den Bezugsanspruch von Arbeitslosengeld hinaus, steigt die Belastung. Vor allem auch, weil man nun bis zur Freibetragsgrenze, sein eigenes Vermögen zum Lebensunterhalt nutzen muss und dann erst auf das Arbeitslosengeld 2 zurückgreifen kann, welches nur der Sicherung des Lebensunterhaltes dienen soll. Nach einer Studie im Auftrag des IAB aus dem Jahre 1983 verfügten 18 Prozent der Arbeitslosen über Ersparnisse und Einnahmen, die ausreichen um einige Wochen der Arbeitslosigkeit zu überbrücken. Weitere 26 Prozent sahen die Möglichkeit der Überbrückung zum Teil gewährleistet und 56 Prozent hatten keinen finanziellen Spielraum. Eine Befragung die anderthalb Jahre später im Rahmen der Studie bei den Betroffenen durchgeführt wurde ergab, dass der größte Teil der Befragten ihr Konsumniveau gesenkt haben. Bei persönlichen Ausgaben haben sich 68 Prozent der Personen eingeschränkt und 50 Prozent gaben an bei den Anschaffungen gespart zu haben. Noch schwieriger war die Situation für 29 Prozent der befragten Arbeitslosen, da sie Zahlungsverpflichtungen 16 nicht mehr nachkommen konnten und zum Teil Schulden machen mussten. Bei den Langzeitarbeitlosen 17 waren es sogar
39 Prozent, die in diese Lage kamen. [iab_brink]
16 Zu Zahlungsverpflichtungen zählen zum Beispiel Miete, Versicherungszahlungen, Ratenzahlungen 17 Langzeitarbeitslose sind Arbeitslose, die ein Jahr und länger arbeitslos sind. ( § 18 Sozialgesetzbuch III )
15
Andreas Mellenthin - Arbeitslosigkeit in Deutschland
2.2.2 Die psychisch-sozialen Folgen
Neben den finanziellen Folgen entstehen auch nichtfinanzielle Belastungen, welche, wie in vielen empirischen Studien nachgewiesen, oft noch als schwerer empfunden werden. Allerdings besteht hier ein Zusammenhang, denn je geringer die finanzielle Belastung des Arbeitslosen ist, desto geringer sind in der Regel auch die psychischen und sozialen Auswirkungen. Folgende typische Auswirkungen können auftreten:
- Der Kontakt zu Arbeitskollegen geht verloren und damit verringert sich auch die damit verbundene Anerkennung
- Das soziale Selbstwertgefühl leidet unter Arbeitslosigkeit
- Da der gewohnte Rhythmus zwischen Arbeitszeit und Freizeit wegfällt, verändert sich die Zeitstruktur des Alltags
- Was die familiäre Entwicklung und die eigene Berufskarriere betrifft, kommt es zu einem Verlust der Zukunftsperspektive
- Die Möglichkeit der persönlichen Selbstdarstellung bei der Berufsausübung verschlechtert sich
- Sobald die Rolle als Haupternährer der Familie beeinträchtigt wird, kann es zu einem Autoritätsverlusts innerhalb der Familie kommen
- Bei wiederholter Arbeitslosigkeit oder abgelehnten Bewerbungen kommt es zu individuellen Handlungsohnmacht
- Eine gefühlte Arbeitsverwaltung kann auftreten
- Sollten die Entlassungen selektiv gewesen sein, kommt es mitunter zu persönlichen Schuldgefühlen
Diese möglichen Auswirkungen sind abhängig von verschiedenen Faktoren und fallen bei jeder Person unterschiedlich stark aus. Die wichtigsten Einflussgrößen bilden hierbei die Dauer und die Häufigkeit der Arbeitslosigkeit. Bei einer längerfristigen Arbeitslosigkeit kann man diese Auswirkungen in einem 4-Phasen- Modell beschreiben. Allerdings wird bei diesem Modell eine starke Vereinfachung vorgenommen, da hier eine Standardisierung der Arbeitslosen vorgenommen wird
16
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Andreas Mellenthin, 2006, Arbeitslosigkeit in Deutschland - Folgen, Entwicklung und Ursachen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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