Das Spanische in Südflorida - Inhaltsverzeichnis 2
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis V
Tabellenverzeichnis VI
1
1 Einleitung
4
2 Begriffsklärungen und Definitionen
2.1 Bilinguismus 4
2.2 Diglossie 6
2.2.1 Der Diglossie-Begriff nach Ferguson 6
2.2.2 Der Diglossie-Begriff nach Fishman 8
11
3 Spanisch in den USA
3.1 Hispanics in den USA 11
3.1.1 Geschichte 11
3.1.2 Heutige Situation 12
3.1.2.1 Verbreitung 12
3.1.2.2 Altersstruktur 13
3.1.2.3 Bildung und Beschäftigung 14
3.1.3 Hauptgruppen der Hispanics 15
3.1.3.1 Mexikaner 15
3.1.3.2 Puerto Ricaner 16
3.1.3.3 Kubaner 17
3.1.3.4 Weitere Hispanics 18
3.2 Die spanische Sprache in den USA 18
21
4 Kubaner in Südflorida
4.1 Geschichte der Immigration 21
4.1.1 Immigration vor 1959 22
4.1.2 Immigration seit 1959 bis heute 24
4.1.2.1 „Golden Exiles“: Januar 1959 bis Oktober 1962 25
Das Spanische in Südflorida - 3
4.1.2.2 Luftbrücke „Freedom Flights“: September 1965 29
bis April 1973
4.1.2.3 Flucht von Mariel: April 1980 bis Oktober 1980 und 31
die Zeit danach bis 1994
4.1.2.4 Balseros 1994 34
4.1.2.5 Seit 1994 bis heute 35
4.2 Die Enklave in Miami 36
4.2.1 Die Entstehung der Enklave 36
4.2.2 Faktoren zur Erklärung des wirtschaftlichen Erfolgs der 40
Kubaner
4.2.2.1 Politische Identität 41
4.2.2.2 Schichtzugehörigkeit 41
4.2.2.3 Geographische Konzentration in Südflorida 42
4.2.2.4 Verlass auf informelle Netzwerke und den 42
privaten Sektor
4.2.2.5 Traditionelle Rolle der Familie 43
4.2.2.6 Miamis Lage mit Bezug zu Lateinamerika 44
4.3 Lebensumstände der Kubaner heute in Miami/Dade County 45
4.3.1 Demographische Merkmale 47
4.3.2 Bildung, Beschäftigung, politischer Standpunkt 50
54
5 Das kubanisch-amerikanische Spanisch
5.1 Phonologie 54
5.1.1 Charakteristische Merkmale des kubanischen Spanisch 54
5.1.2 Phonetische Veränderungen durch den Einfluss des 55
Englischen
5.2 Morphosyntax 56
5.2.1 Artikel 56
5.2.2 Substantive 57
5.2.3 Adjektive 58
5.2.4 Pronomina 58
5.2.5 Verben 60
5.2.6 Invariable Bestandteile: Adverbien, Präpositionen, 62
Konjunktionen , Interjektionen
Das Spanische in Südflorida - 4
5.3 Lexikon 64
5.3.1 Lehnwörter 64
5.3.2 Bedeutungsentlehnungen und Lehnübersetzungen 65
5.3.2.1 Eingliedrige Entlehnungen 66
5.3.2.2 Mehrgliedrige Entlehnungen 67
5.4 Sprachgebrauch 67
5.4.1 Verwendung des Spanischen in Miami/Dade County 67
5.4.2 Bilinguismus und Diglossie in Südflorida 71
5.4.3 Einstellungen gegenüber der spanischen Sprache 72
5.4.4 Sprachpolitik in Miami/Dade County 73
5.5 Aufrechterhaltung des Spanischen 74
78
6 Analyse des El Nuevo Herald und des The Miami Herald
6.1 Hispanische Medien in Miami/Dade County 78
6.1.1 Radio und TV 79
6.1.2 Printmedien 80
6.2 Miamis größte Tageszeitungen 81
6.2.1 Das Unternehmen Knight Ridder 81
6.2.2 The Miami Herald 82
6.2.3 El Nuevo Herald 82
6.3 Vergleich El Nuevo Herald und The Miami Herald 84
6.3.1 Aufbau der beiden Zeitungen 84
6.3.2 Themen und Autoren 86
6.3.3 Kleinanzeigenmarkt 88
6.4 Sprachliche Besonderheiten in El Nuevo Herald 93
6.4.1 Morphosyntax 94
6.4.1.1 Artikel 94
6.4.1.2 Substantive 94
6.4.1.3 Adjektive 95
6.4.1.4 Pronomina 96
6.4.1.5 Verben 96
6.4.1.6 Invariable Bestandteile: Adverbien, Präpositionen, 98
Konjunktionen , Interjektionen
Das Spanische in Südflorida - Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Kombinationen von Bilinguismus und Diglossie
Abbildung 2: Anzahl der Hispanics in den USA seit 1980
Abbildung 3: Vergleich der Alterspyramiden von Hispanics und
Nicht -Hispanics
Abbildung 4: Beschäftigungsgebiete der Latinos, Vergleich der fünf
h äufigsten und fünf seltensten
Abbildung 5: Herkunft der Latinos
Abbildung 6: Regionen mit mehr als 5.000 kubanischstämmigen
Einwohnern
Abbildung 7: Behandelte Themenbereiche in El Nuevo Herald
und The Miami Herald
Abbildung 8: Herkunft der Artikel, Durchschnitt
Abbildung 9: Vergleich der Herkunft der Artikel bei El Nuevo
Herald (a) und The Miami Herald (b)
Abbildung 10: Sprachwahl in den Kleinanzeigen
Abbildung 11: Sprachwahl in den einzelnen Rubriken des
Kleinanzeigenmarktes
Abbildung 12: Sprachliche Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt
Abbildung 13: Sprachwahl in den Stellenanzeigen
Das Spanische in Südflorida - Einleitung 8
Einleitung
Nahezu jeder siebte Bürger in den Vereinigten Staaten von Amerika ist hispanischen Ursprungs. 1 Hispanics 2 stellen in den USA die größte Minderheit und haben damit auch die bislang zahlenmäßig stärkste Gruppe, die Afroamerikaner, überholt. Weltweit sind die USA damit zum viertgrößten spanischsprachigen Land geworden, übertroffen werden sie nur noch von Mexiko, Spanien und Argentinien. 3
Allein diese Zahlen 4 zeigen, dass das hispanische Erbe in den Vereinigten Staaten von überwältigender Bedeutung ist und lassen auf ein besonderes Gewicht der Latinos schließen. Der Einfluss der hispanischen Bevölkerung ist in verschiedenen Gebieten der USA allerdings unterschiedlich hoch. Eine Region, die durch den Einfluss der Hispanics eine ganz neue Bedeutung gewonnen hat, ist Südflorida.
Südflorida ist seit der kubanischen Revolution 1959, die eine große Flüchtlingswelle auslöste, vor allem durch die kubanischen Immigranten, aber auch durch Flüchtlinge aus Zentral- und Südamerika in seiner Gestalt sehr stark verändert worden. Von einer Gegend, die einst vom Wintertourismus der nordamerikanischen Pensionäre lebte, wandelte sich die Region in eines der
1 Vgl. Roberto R. Ramírez/G. Patricia de la Cruz, U.S. Census Bureau, „The Hispanic Population in the United States: March 2002, Current Population Reports“, im Internet: http://www.census.gov/prod/2003pubs/p20-545.pdf, Stand: Juni 2003, Abruf: 23.02.2005.
2 Die Bezeichnungen „Hispanics“ und „Latinos“ werden in der vorliegenden Arbeit synonym verwendet. Damit folge ich der Standardterminologie des Office of Management and Budget, die seit 1. Januar 2003 Verwendung findet, vgl. Ramírez/Cruz, Abruf: 23.02.2005. Die Bezeichnung Latino/Hispanic ist keine rassische, sondern eine ethnische Bezeichnung. Latinos sind keine homogene Gruppe, sondern im Gegenteil sehr differenziert (siehe auch Punkt 3.1.3). Sie setzen sich aus verschiedenen Gruppen zusammen und die Bezeichnung Latinos/Hispanics dient nur dazu, sie von anderen ethnischen Gruppen zu unterscheiden. Grundsätzlich versteht man unter Hispanics all diejenigen, die in den spanischsprachigen Ländern Südamerikas geboren wurden und diejenigen, die ihre Herkunft nach Spanien oder in die früheren spanischen Kolonien zurückverfolgen können. Vgl. Amparo Morales, „El Español en los Estados Unidos. Medios de comuniación y publicación“, im Internet: http://cvc.cercantes.es/obref/anuario/anuario_01/morales/p02.htm, Abruf: 03.02.2005.
3 Vgl. Humberto López Morales, Centro Virtual Cervantes, „El Español en la Florida: Los Cubanos de Miami“, im Internet: http://cvc.cervantes.es/obref/anuario/anuario_00/morales/, Abruf: 11.01.2005.
Grundsätzlich ist es bei Zahlenangaben über Latinos auffällig, dass es nahezu unmöglich ist, in verschiedenen Quellen eine übereinstimmende Angabe zu finden. Dies liegt zum einen an der unterschiedlichen Basis, auf welche sich die Quellen stützen, und zum anderen an der nur annäherungsweise bekannten Zahl an illegalen Einwanderern.
Das Spanische in Südflorida - Einleitung 9
wichtigsten Handelszentren zwischen Nord- und Südamerika. In der einst englischsprachigen Gegend kann man heute ohne Spanischkenntnisse kaum mehr erfolgreich bestehen. Südflorida ist de facto zu einem bilingualen Gebiet geworden. Diese Entwicklung und vor allem die spanische Sprache in Südflorida werden Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein.
Über Hispanics in den Vereinigten Staaten im Allgemeinen, aber auch über ihre sprachliche Situation gibt es ein breites Spektrum an Literatur. Während über die Sprachvarietäten der Mexikaner und Puerto Ricaner in den USA eine große Auswahl an Büchern und Aufsätzen existiert, wurde über die Sprachsituation der Kubaner in den Vereinigten Staaten deutlich weniger publiziert. Werke über Auffälligkeiten und Besonderheiten des kubanisch-amerikanischen Spanisch beschränken sich auf die Publikationen von Beatriz Varela und Teile von geringem Umfang in soziolinguistischen Ausführungen anderer Autoren. Veröffentlichungen über Cuban-Americans 5 beschränken sich auf die Geschichte ihres Immigrationsprozesses sowie soziolinguistische Aspekte. Die vorliegende Arbeit baut auf den Veröffentlichungen von Soziolinguisten auf und analysiert den Gebrauch des Spanischen durch die Cuban-Americans in Südflorida. Über die bestehende Literatur hinaus geht die Analyse der spanischen Sprache in den betrachteten Ausgaben des El Nuevo Herald, der größten spanischen Tageszeitung Miamis 6 .
Der Aufbau der Arbeit lässt sich wie folgt beschreiben: Nach einer kurzen Definition und Abgrenzung der Begriffe Bilinguismus und Diglossie wird allgemein auf die Latinos und ihre Sprache in den USA eingegangen. Es werden die größten und auffälligsten Gruppen und ihre vornehmlichen Siedlungsgebiete dargestellt. Hauptuntersuchungsgegenstand der Arbeit werden die Kubaner in Südflorida und das kubanisch-amerikanische Spanisch sein. Zunächst wird die Präsenz der Kubaner in Südflorida, vor allem in Miami/Dade County, dargestellt. Von den verschiedenen Etappen ihres ganz
5 In der vorliegenden Arbeit wird der Anglizismus „Cuban-Americans“ verwendet, weil er das Selbstverständnis der in den USA lebenden Kubaner bzw. der von Kubanern abstammenden Amerikanern am besten trifft.
6 Wenn im Folgenden von Miami die Rede ist, wird immer auf den Großraum Miami Bezug genommen. Als Abgrenzung dazu steht die Bezeichnung Miami/Dade County, wenn explizit das gesamte County angesprochen ist.
Das Spanische in Südflorida - Einleitung 10
eigenen Immigrationsprozesses ausgehend werden die Bildung und die Hintergründe der wirtschaftlichen Enklave in Miami und die heutigen Lebensumstände der Cuban-Americans beschrieben. Der fünfte Punkt stellt zunächst die Besonderheiten des kubanisch-amerikanischen Spanisch innerhalb der Bereiche Phonologie, Morphosyntax und Lexikon dar. Im Anschluss wird der Sprachgebrauch der Cuban-Americans analysiert. Neben der Darstellung der Verwendung der spanischen Sprache erfolgt auch eine Präsentation der Entwicklung des offiziellen Sprachgebrauchs in Dade County sowie die Vorstellung von Möglichkeiten der Aufrechterhaltung der spanischen Sprache in unterschiedlichen Institutionen. Im letzten Punkt des Hauptteils werde ich die Präsenz der spanischen Sprache in den Medien Miamis untersuchen. Dabei stütze ich mich hauptsächlich auf die beiden wichtigsten Tageszeitungen der Stadt, The Miami Herald und das spanischsprachige Pendant El Nuevo Herald. Neben einem Vergleich der beiden Ausgaben werde ich versuchen, die sprachlichen Besonderheiten des kubanisch-amerikanischen Spanisch in der geschriebenen Pressesprache aufzuzeigen. Abschließen wird die Arbeit mit einem kurzen Ausblick auf die Zukunft des Spanischen in Südflorida/Dade County.
Das Spanische in Südflorida - Begriffsklärungen und Definitionen 11
Begriffsklärungen und Definitionen
Wenn man sich mit der sprachlichen Situation der Kubaner in Florida respektive allgemein der Latinos in den Vereinigten Staaten beschäftigt, trifft man unweigerlich auf die Begriffe Bilinguismus und Diglossie. Im folgenden Kapitel sollen die Begriffe definiert und erläutert werden.
Da eine Sprachgemeinschaft in der Regel nicht in einer völligen Isolierung lebt, kommt ihre Sprache der meist unweigerlich mit ein oder mehreren anderen Sprachen in Berührung. In solchen Kontaktsituationen treten Fälle von Zwei-oder Mehrsprachigkeit auf. Genauer betrachtet unterscheidet man zwischen individueller und gesellschaftlicher, kollektiver Mehrsprachigkeit, nämlich zwischen Bilinguismus und Diglossie. 7
2.1 Bilinguismus
Für den Begriff Bilinguismus finden sich in der umfassenden Literatur zum Thema viele verschiedene Definitionen. Die Spanne reicht von recht eng gefassten Ansätzen wie bei Bloomfield über den etwas weiter gefassten von Einar Haugen bis hin zu umfassenderen Sichtweisen wie bei Bernhard Weisgerber. Bloomfields Definition ist für den heutigen Gebrauch sicherlich zu eng konzipiert, denn nach ihm darf sich nur zwei- oder mehrsprachig nennen, „wer seine Sprachen in der frühesten Kindheit erworben hat und sie gleichermaßen perfekt spricht und schreibt. … [Er spricht von] … native-like control of two languages.“ 8 Laut Haugen liegt Zweisprachigkeit 9 vor, wenn der Sprecher einer Sprache komplette, bedeutungsvolle Äußerungen in der anderen Sprache formulieren kann. 10 Für Weisgerber hingegen bedeutet
7 Vgl. Klaus Zimmermann, „Spanisch: Diglossie und Polyglossie“, in: Günter Holtus/Michael Metzeltin/Christian Schmitt (Hrsg.), Lexikon der Romanistischen Linguistik (LRL), Bd. VI,1: Aragonesisch/Navarresisch, Spanisch, Asturianisch/ Leonesisch, Tübingen 1992, S. 342.
8 Georges Lüdi, „Mehrsprachigkeit“, in: Hans Goebl/Peter H. Nelde/Zdenĕk Starý/Wolfgang Wölck (Hrsg.), Kontaktlinguistik. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung, 1. Halbband, Berlin 1996, S. 234.
9 Die Bezeichnungen Zwei- oder Mehrsprachigkeit und Bilinguismus werden im Folgenden gleichbedeutend verwendet.
10 Vgl. Einar Haugen, The Norwegian Language in America. A Study in Bilingual Behavior, Bloomington 1969, S. 7.
Das Spanische in Südflorida - Begriffsklärungen und Definitionen 12
Bilinguismus, dass „ein Sprecher zwei Sprachen erworben/erlernt hat und mehr oder weniger kompetent einzusetzen versteht.“ 11
Haugen unterscheidet bei Sprechern unterschiedliche Ausprägungen des Bilinguismus. Wenn A die Muttersprache und B die erlernte Sprache ist und Großbuchstaben für das volle Beherrschen und Kleinbuchstaben für geringeres Beherrschen stehen, kann man in einer Immigrantengesellschaft folgende Arten von Sprechern unterscheiden 12 : A - monolinguale Muttersprachler Ab - bilinguale Erwachsene AB - bilinguale Kinder, die zuerst A gelernt haben aB - bilinguale Kinder, die aufgrund mangelnden Gebrauchs ihre Sprachfähigkeit in der Muttersprache verloren haben BA - bilinguale Kinder, die zuerst B gelernt habe (eher selten) Ba - bilinguale Erwachsene, die A als zweite Sprache gelernt haben B - monolinguale Sprecher der neuen Sprache
Diese Systematik wird unter Punkt 5.4.2 auf die Situation der Cuban-Americans in Südflorida bezogen.
Je nach Grad der Beherrschung wird also zwischen symmetrischer und asymmetrischer Zweisprachigkeit unterschieden. Symmetrischer Bilinguismus liegt vor, wenn man beide Sprachen in verschiedenen Situationen in gleichmäßiger Weise beherrscht. Asymmetrische Zweisprachigkeit kann unterschiedliche Ausprägungen haben. Sie ist rezeptiv oder passiv, wenn man die zweite Sprache versteht, aber nicht spricht, oder aber sie ist nicht-rezeptiv, wenn man die zweite Sprache spricht, aber schlecht versteht. Daneben kann sie schriftbedingt sein, wenn die zweite Sprache nur beim Lesen oder Schreiben verstanden wird, oder technisch, wenn man sie nur im beruflichen oder technischen Bereich versteht. 13
Für die vorliegende Arbeit soll, wie heute allgemein gebräuchlich, eine weiter gefasste Definition von Bilinguismus zugrunde gelegt werden: Mehrsprachig ist, wer sich irgendwann in seinem Leben im Alltag regelmäßig zweier oder
11 Bernd Weisgerber, „Mundart, Umgangssprache und Standard“, in: Hans Goebl/Peter H. Nelde/Zdenĕk Starý/Wolfgang Wölck (Hrsg.), Kontaktlinguistik. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung, 1. Halbband, Berlin 1996, S. 266.
12 Vgl. Haugen, 1969, S. 370f.
13 Vgl. Francesc Vallverdú, „Kontaktsituationen: Bilinguismus und Diglossie“, in: Georg Kremnitz (Hrsg.), Sprachen im Konflikt, Tübingen 1979, S. 46.
Das Spanische in Südflorida - Begriffsklärungen und Definitionen 13
mehrerer Sprachen bedient und auch von der einen in die andere wechseln kann, wenn die Umstände dies erforderlich machen. 14
2.2 Diglossie
2.2.1 Der Diglossie-Begriff nach Ferguson
Seit Charles A. Ferguson 1959 den Begriff der Diglossie einführte, wurde diese Bezeichnung von Soziolinguisten allgemein akzeptiert, weiter ausgebaut und verfeinert. 15
Ferguson geht davon aus, dass in vielen Gesellschaften zwei oder mehr Varietäten der gleichen Sprache - nicht jedoch verschiedene Sprachen - in unterschiedlichen Situationen von den Sprechern verwendet werden 16 . Diesen Zustand bezeichnet er als Diglossie. In seinen Beispielen bezieht sich Ferguson auf Arabien, Haiti, die deutschsprachige Schweiz und Griechenland. Diglossie kann aus unterschiedlichen Gründen entstehen und in verschiedenen Sprachsituationen auftreten.
Ferguson unterscheidet die beiden Varietäten folgendermaßen: Er bezeichnet die superposed variety als H-Sprache (von Engl. high) und den regional dialect als L-Sprache (von Engl. low). 17 Die Trennlinie zwischen den beiden verläuft entlang der Grenzen zwischen einer Hochsprache, die in Verbindung mit Religion, Bildung und weiteren Aspekten der hohen Kultur verwendet wird, und einer niederen Sprache, die im Alltag benutzt wird. Da die H-Sprache normalerweise erst später und in Institutionen erlernt wird, überlagert sie gewissermaßen die L-Sprache, die auf natürlichem Weg im Kindesalter erlernt wird. 18
Diglossie ist also „jede Situation, in der sowohl eine höhere Variante [H-Sprache] als normaler Träger der förmlicheren Kommunikation, als auch eine niedere Variante [L-Sprache] als Träger der täglichen oder familiären
14 Vgl. Lüdi, S.235.
15 Vgl. Joshua A. Fishman, Soziologie der Sprache, Hueber Hochschulreihe, Bd. 30, München 1975, S.95.
16 Vgl. Ferguson, Charles A., „Diglossia“, in: Anwar S. Dil (Hrsg.), Language Structure and Language Use, Stanford 1971, S. 1.
17 Vgl. Thomas Huebner, Sociolinguistic Perspectives. Papers on Language in Society, 1959-1994. Charles A. Ferguson, New York 1996, S. 26.
18 Vgl. Fishman, 1975, S. 96.
Das Spanische in Südflorida - Begriffsklärungen und Definitionen 14
Kommunikation vorkommen“ 19 Diglossie kann aus zwei Gründen entstehen: zum einen dadurch, dass eine Sprache sich ausdifferenziert, weil sie sich territorial ausdehnt, zum anderen dadurch, dass zwei Sprachen sich in Folge von Eroberung, Kolonisation oder Ausdehnung des politischen Einflussgebietes überlagern. 20
Ferguson vergleicht H- und L-Sprache bezüglich der Merkmale Funktion, Prestige, literarisches Erbe, Erwerb, Standardisierung, Stabilität, Grammatik, Lexikon und Phonologie.
Die Funktionen der H- und L-Sprache überschneiden sich nur sehr wenig. Daher ist es vor allem wichtig, die richtige Sprache in der richtigen Situation zu benutzen. Von den von Ferguson angeführten Beispielen will ich nur einige nennen: Die H-Sprache wird gewöhnlich in der Religion, Bildung, Politik oder für Nachrichten in den Medien gebraucht, wohingegen die L-Sprache in Konversationen mit Freunden, der Familie oder Arbeitskollegen sowie in Arbeitsanweisungen an Bedienstete Verwendung findet. Derjenige, der in einer bestimmten Situation die falsche Sprache verwendet, wird leicht zum Gespött. 21 Bezüglich des Prestiges der Sprache merkt Ferguson an, dass die H-Sprache stets als die überlegene Sprache angesehen wird. Selbst wenn das Gefühl der Überlegenheit der H-Sprache nicht groß ist, existiert meistens der Glaube, dass sie schöner, logischer und besser dazu geeignet sei, wichtige Gedanken auszudrücken. Dieser Glaube herrscht auch unter den Sprechern vor, welche die H-Sprache nur bedingt beherrschen. 22
Literarisches Erbe in der Form einer beträchtlichen Menge an geschriebener Literatur gibt es laut Ferguson lediglich in der H-Sprache und diese wird von der Sprachgemeinschaft sehr geschätzt. In der L-Sprache ist dies nicht der Fall. Während die L-Sprache wie oben bereits erwähnt während der Kindheit als Muttersprache erlernt wird, wird die H-Sprache später durch Sprachbildung erworben.
Für die H-Sprache existieren Grammatiken, Wörterbücher und Normen bezüglich Aussprache, Grammatik und Lexikon, so dass man von einer
19 Vallverdú, S. 55.
20 Vgl. Claudia Maria Riehl, Sprachkontaktforschung. Eine Einführung, Tübingen 2004, S. 15.
21 Vgl. Huebner, S. 27.
22 Vgl. Huebner, S. 29.
Das Spanische in Südflorida - Begriffsklärungen und Definitionen 15
Standardisierung sprechen kann. Normative Studien für die L-Sprache gibt es laut Ferguson entweder überhaupt nicht oder sie sind erst vor kurzer Zeit entstanden und von geringer Qualität. Aussprache, Grammatik und Vokabular der L-Sprache variieren sehr stark. 23
Laut Ferguson stellt Diglossie eine stabile Situation dar: „Diglossia typically persists at least several centuries, and evidence in some cases seems to show that it can last well over a thousand years.“ 24 In Bezug auf die Grammatik stellt Ferguson fest, dass die grammatischen Strukturen der L-Sprache generell einfacher sind als die der H-Sprache. H- und L-Sprache teilen sich im Allgemeinen den Großteil des Vokabulars, wobei Unterschiede in der Bedeutung auftreten können und sich Fachbegriffe lediglich im Lexikon der H-Sprache finden. Bezüglich der Phonologie von H- und L-Sprache kann keine Verallgemeinerung aufgestellt werden, sie können sowohl ähnlich als auch völlig verschieden sein. 25 Wichtig bei Fergusons Diglossie-Begriff ist, dass die H-Sprache von niemandem als gewöhnliches Kommunikationsmedium verwendet wird, da jeder Versuch dies zu tun entweder künstlich erscheint oder als gegenüber der Gesellschaft illoyal angesehen wird.
2.2.2 Der Diglossie-Begriff nach Fishman
Fishman dehnt die enge Unterscheidung von Ferguson, die sich auf Varietäten innerhalb einer Sprache bezieht, auch auf nicht verwandte Sprachen aus. In diesem Fall spricht man von extended diglossia. 26 In seinem erweiterten Konzept stellt Fishman außerdem Bilinguismus und Diglossie gegenüber. Bei beiden Phänomenen handelt es sich um Kontinua und insgesamt sind vier Kombinationen möglich:
23 Vgl. Huebner, S. 29-31.
24 Huebner, S. 31.
25 Vgl. Huebner, S. 32-34.
26 Vgl. Riehl, S. 17.
Wenn Diglossie und Bilinguismus vorliegen, also alle Bürger H- und L-Sprache beherrschen und die Funktionen der beiden Sprachen unterschiedlich sind, handelt es sich um ein soziales Arrangement, in dem Bilinguismus nicht nur weit verbreitet, sondern auch institutionell untermauert ist. Dieser Fall tritt in den von Ferguson angesprochenen Beispielen, also unter anderem in der deutschsprachigen Schweiz auf. Die „Mitgliedschaft“ in einer Kultur verlangt, dass verschiedene Sprachen zu dieser Gemeinschaft gehören und im jeweils richtigen Kontext korrekt angewendet werden; das heißt, dass die H-Sprache in den oben genannten H-Kontexten und die L-Sprache in L-Kontexten verwendet werden. 27
Den zweiten Fall, Bilinguismus ohne Diglossie, kann man in den USA finden. Dort brachten Millionen von Einwanderern eine Vielzahl von Sprachen mit, für die sie keine getrennten Funktionen entwickelten. Allerdings gilt dieser Fall nur für individuelle Einwanderung, nicht für Gruppenbildungen wie beispielsweise in China Town. 28 Ebenso wie bei Fall 1 handelt es sich um eine relativ stabile Situation. Fishman führt aber an, dass in kleinen Gruppen innerhalb von drei Generationen ein Sprachwandel eintritt. Er begründet dies mit der mangelnden Abgrenzung von Bereichen, in denen speziell die Minderheitssprache gesprochen wird und mit der Folge, dass dann beide Sprachen in denselben Domänen, Situationen und Beziehungen verwendet werden. Da die Zweisprachigkeit über die Generationen hinweg nicht aufrechterhalten werden kann, setzt sich die stärkere (Mehrheits-)Sprache durch. In großen Sprachgemeinschaften, die stark genug sind, eigene Bereiche zu etablieren und aufrechtzuerhalten, kann an der Minderheitssprache festgehalten werden. 29
27 Vgl. Joshua A. Fishman, „Bilingualism and Biculturism as Individual and as Societal Phenomena“, in Joshua A. Fishman/Gary D. Keller (Hrsg.), Bilingual Education for Hispanic Students in the United States, New York 1982, S. 27.
28 Vgl. Riehl, S. 18.
29 Vgl. Fishman, 1982, S. 29.
Das Spanische in Südflorida - Begriffsklärungen und Definitionen 17
Diglossie ohne Bilinguismus meint monolinguale Gruppen, die sich innerhalb einer Nation befinden. Beispielhaft dafür steht das alte Russland, wo der Adel nur Französisch und das Volk Russisch sprach. 30 Man trifft immer dann auf Diglossie ohne Bilinguismus, wenn eine kleine Schicht eine Gesellschaft aus der Ferne kontrolliert. Sei es mit Hilfe des Militärs, der Regierungsmacht oder des Handels als Vermittler zwischen den abwesenden Herrschern und der lokalen Bevölkerung. Die meisten Fälle von Kolonialismus zeichneten sich folglich durch Diglossie ohne Bilinguismus aus. 31
Den letzten verbleibenden Fall, nämlich weder Bilinguismus noch Diglossie, gibt es in der Realität vermutlich gar nicht, da genau genommen keine Sprachgemeinschaft linguistisch völlig homogen ist. Unterschiedliche soziale Erfahrungen führen zu verschiedenen Sprechweisen und unterschiedliche regionale Dialekte bleiben trotz Abwesenheit sprachlicher Barrieren meist erhalten. Dennoch zitiert Fishman Länder wie Korea, Kuba oder Portugal als annäherndes Beispiel. Dort fand in den vergangen drei Generationen keine Einwanderung statt und sie haben wenige bis keine eingeborenen Minderheiten. 32
30 Vgl. Riehl, S. 18.
31 Vgl. Fishman, 1982, S. 28.
32 Vgl. Fishman, 1982, S. 30.
Das Spanische in Südflorida - Spanisch in den USA 18
Spanisch in den USA
3.1 Hispanics in den USA
Es ist nicht außergewöhnlich, in einer amerikanischen Stadt auf der Straße Menschen Spanisch sprechen zu hören. Denn während 1950 noch weniger als 4 Millionen Bürger aus spanischsprachigen Ländern kamen, sind es heute mehr als 37 Millionen. Damit stellen sie 13,3% der Gesamtbevölkerung dar. 33 In Los Angeles leben mindestens so viele Salvadorianer wie in San Salvador, in New York City so viele Puerto Ricaner wie in San Juan, und Miami ist nach Havanna von der Anzahl dort lebender Kubaner sozusagen die zweitgrößte Stadt Kubas. Im Jahr 2050 werden konservativen Schätzungen zufolge knapp 100 Millionen Latinos in den USA leben. 34 Die folgende Tabelle zeigt den raschen Anstieg der hispanischen Bevölkerung seit Mitte 1980 und die Prognose bis 2020.
(aus: Pew Hispanic Center, „Hispanics. A People in Motion. Trends 2005“, im Internet: http://pewresearch.org/trends/trends2005-hispanic.pdf, Abruf: 28.02.2005.)
3.1.1 Geschichte
Latinos blicken in den USA auf eine lange Geschichte zurück. 1513 landete Juan Ponce de León in Florida. Von dort aus besetzten die spanischen Eroberer die Spanish Borderlands, die Florida, Louisiana und den Südwesten
33 Vgl. Ramírez/Cruz, Abruf: 23.02.2005.
34 Vgl. Peter Frantzen, Die strategische Sprachwahl. Sprachwechsel unter bilingualen Puertoricanern in Denver/Colorado, pro lingua, Bd. 38, Wilhelmsfeld 2004, S. 28.
Das Spanische in Südflorida - Spanisch in den USA 19
umfassten. 35 1565 ließen sich Franziskanermönche in San Augustín an der Ostküste nieder. Nach Norden erstreckte sich der spanische Einfluss über Georgia bis an die Küste Virginias. 1598 gründeten die Spanier in Neu-Mexiko San Gabriel und 1609 Santa Fe. Kalifornien wurde im 18. Jahrhundert von den Franziskanern missioniert. Weitere Gebiete im Westen erhielten die Spanier durch den Kauf Französisch-Louisianas im Jahre 1763.
Im 19. Jahrhundert verloren die spanischen Besatzer deutlich an Einfluss: 1803 fiel Louisiana, 1819 Florida an die USA. Mexiko verlor nach seiner Niederlage im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg durch den Frieden von Guadalupe Hidalgo im Jahr 1848 neben Texas, das schon 1845 annektiert worden war, Kalifornien, Arizona, Neu-Mexiko, Nevada, Utah und Colorado sowie Gebiete in Wyoming, Kansas und Oklahoma an die USA. Damit war Mexiko auf weniger als die Hälfte seines ursprünglichen Gebietes reduziert worden. 36
Wie gezeigt lässt sich der Einfluss des Spanischen in den USA teilweise bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Der Großteil der Hispanics, die heute in den Vereinigten Staaten leben, geht aber auf Einwanderungswellen seit Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Im folgenden Teil werden die heutige Situation und die Hauptgruppen der Latinos dargestellt.
3.1.2 Heutige Situation
3.1.2.1 Verbreitung
Geographisch gesehen verteilen sich die Hispanics hauptsächlich auf drei Regionen, nämlich den Südwesten (Kalifornien, Arizona, Texas, Neu-Mexiko und Colorado), Florida und New York. Grob gegliedert kann man sagen, dass im Südwesten vor allem aus Mexiko stammende Einwanderer, in Florida Kubaner - und seit kurzem auch Immigranten aus lateinamerikanischen
35 Vgl. Carmen Silva-Corvalán, Centro Virtual Cervantes, „La situación del español en Estados Unidos. Hispanos en Estados Unidos“, im Internet: http://cvc.cervantes.es/obref/anuario/ anuario_00/silva, Abruf: 01.02.2005.
36 Vgl. Volker Noll, Das amerikanische Spanisch. Ein regionaler und historischer Überblick, Tübingen 2001, S.99.
Das Spanische in Südflorida - Spanisch in den USA 20
Konfliktgebieten wie El Salvador, Nikaragua und Kolumbien - und in New York vor allem Puerto Ricaner leben. 37
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die Siedlungsschwerpunkte der Hispanics und ihre Bevölkerungszahl. 38
3.1.2.2 Altersstruktur
Die hohe Anzahl der Hispanics ist neben dem stetigen Zustrom an Einwanderern Folge der Altersstruktur. Im Vergleich zur restlichen Bevölkerung der USA befindet sich ein größerer Teil der Latinos in gebärfähigem Alter. Damit tragen sie enorm zum Bevölkerungswachstum bei. Wie man in der folgenden Abbildung sehen kann, liegt der Altersdurchschnitt bei nichthispanischen Weißen bei 36 Jahren und bei Hispanics bei 25 Jahren.
37 Vgl. Gonzalo Gómez Dacal, Centro Virtual Cervantes, „La población hispana en Estados Unidos“, im Internet: http://cvc.cervantes.es/obref/anuario/anuario_01/gomez, Abruf: 23.02.2005.
38 Zahlen für 2000: Vgl. Joaquín Garrido Medina, Centro Virtual Cervantes, „Hispano y español en Estados Unidos“, im Internet: http://cvc.cervantes.es/obref/congresos/valladolid/po-nencias/unidad_diversidad_del_espanol/3_el_espanol_en_los_EEUU/garrido_j.htm, Abruf: 28.01.2005. Zahlen für 1997: Vgl. Mike Davis, NFG Neighborhood Funders Group, „Magical
Urbanism: Latinos Reinvent the U.S. City“, im Internet: http://www.nfg.org/labor/spicingthe city.htm, Abruf: 28.02.2005.
Abb. 3: Vergleich der Alterspyramiden von Hispanics und Nicht-Hispanics (aus: Pew Hispanic Center, Abruf: 28.02.2005)
Wie für Gesellschaften mit hohen Fertilitätsraten üblich, hat die Alterspyramide der Hispanics eine breite Basis und verengt sich nach oben.
3.1.2.3 Bildung und Beschäftigung
Latinos sind verglichen mit den anderen Gruppen in den USA die am schlechtesten ausgebildete Bevölkerungsgruppe. Während im Durchschnitt circa 90% der Gesamtbevölkerung die High School abgeschlossen haben, sind es bei den Hispanics nur 62%. Auf dem College weisen Latinos geringere Erfolgsquoten auf als ihre weißen Mitschüler: Fast die Hälfte der Weißen erreicht den Bachelor-Abschluss im Vergleich zu weniger als einem Viertel unter den Hispanics.
Die geringere Ausbildung und relative Jugend spiegelt sich auf dem Arbeitsmarkt wieder und zieht sehr viele Beschäftigungsverhältnisse im ungelernten Sektor (low-skill jobs) nach sich. In Berufen wie Architektur, Ingenieurwesen, Medizin, Recht und anderen Wissenschaften sind Latinos deutlich unterrepräsentiert. Die folgende Graphik veranschaulicht diese Aussagen:
Abb. 4: Beschäftigungsgebiete der Latinos, Vergleich der fünf häufigsten und fünf seltensten (aus: Pew Hispanic Center, Abruf: 28.02.2005)
3.1.3 Hauptgruppen der Hispanics
Obwohl jedes Land Mittel- und Südamerikas durch Einwanderer und deren Nachkommen in den Vereinigten Staaten von Amerika vertreten ist, lassen sich die Latinos in vier Hauptgruppen unterteilen:
3.1.3.1 Mexikaner
Mit 66,9% stellen die so genannten Chicanos zahlenmäßig mit weitem Abstand die größte Gruppe dar. Sie sind außer in Neu-Mexiko meist nicht Nachfahren der Siedler, die sich ab dem 16. Jahrhundert im Südwesten niederließen,
Das Spanische in Südflorida - Spanisch in den USA 23
sondern im Laufe des 20. Jahrhunderts in die USA gekommen oder Nachfahren dieser Immigranten. 39 Die Einwanderung von Mexiko in die Vereinigten Staaten ist ein altes Phänomen. Aufgrund der geographischen Nähe wandern viele mexikanische Arbeiter auf der Suche nach Arbeitsmöglichkeiten für eine bestimmte Dauer in die USA aus und kehren dann mit ihren Verdiensten in die Heimat zurück. Dieses zyklische Muster der mexikanischen Einwanderung wird aufrechterhalten, weil weder die Arbeitgeber noch ein Teil der Migranten daran interessiert sind, auf Dauer in den USA zu bleiben. Trotz der Tendenz wieder in die Heimat zurückzukehren, hat die mexikanische Immigration dazu geführt, dass viele Mexikaner dauerhaft in den USA geblieben sind. 40 Für die Mexikaner war auf Grund ihres bäuerlichen Ursprungs und ihrer geringen Bildung die Eingliederung in die amerikanische Gesellschaft sehr schwer und die Diskriminierung von Seiten der US-Amerikaner sehr hoch. 41 Ein großes Problem stellen die vielen illegalen Einwanderer dar, die ständig die lange Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten überschreiten. Doch aufgrund der weiterhin hohen Nachfrage nach billigen Arbeitskräften in den USA und dem ungebrochenen Wunsch und Hoffen der Mexikaner auf ein besseres Leben jenseits der Grenze, wird dieses Problem in der nahen Zukunft sicherlich nicht gelöst werden.
3.1.3.2 Puerto Ricaner
Puerto Ricaner sind Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika und verfügen somit über einen Sonderstatus, denn sie benötigen keine Green Card und können beliebig zwischen der Insel und dem Festland hin und her ziehen. 42 Gründe für die Auswanderung waren früher die Überbevölkerung auf Puerto Rico und bessere Verdienstmöglichkeiten in den USA. Heute spielt der Wunsch nach wirtschaftlicher Besserstellung die wichtigste Rolle. Bei den Puerto Ricanern erfolgt ihre Migration wie auch bei den Mexikanern in beide Richtungen. Von der Insel kommend ziehen sehr viele nach New York, wo sie
39 Vgl. Helmut Berschin/Julia Fernández-Sevilla/Josef Felixberger, Die spanische Sprache. Verbreitung, Geschichte, Struktur, Ismaning 2 1995, S. 36.
40 Vgl. Alejandro Portes/Robert L. Bach, Latin Journey. Cuban and Mexican Immigrants in the United States, Berkely 1985, S. 81-83.
41 Vgl. Ernesto Barnach Calbó, La Lengua Española en Estados Unidos, Madrid 1980, S. 45.
42 Vgl. Frantzen, S. 54.
Das Spanische in Südflorida - Spanisch in den USA 24
die Mehrheit der Latinos ausmachen. Seit 1980 lebt jedoch die Mehrheit der Puerto Ricaner auf dem Festland außerhalb New Yorks. Seit den 1970er Jahren kehren jährlich ungefähr gleich viele in die Heimat zurück wie neue Emigranten in die USA kommen. 43
3.1.3.3 Kubaner
Seit der kubanischen Revolution 1959 sind über 1,2 Millionen Kubaner in die USA ausgewandert. 44 Insgesamt sind nur 3,7% der Hispanics kubanischen Ursprungs, was auf nationaler Ebene nicht beeindruckend, regional jedoch signifikant ist. 45 Die meisten von ihnen leben nur 90 Meilen von ihrer Heimat entfernt in Florida. 46 Andere Siedlungsgebiete können der folgenden Karte entnommen werden:
Auf den ersten Blick stimmen die Kubaner, was beispielsweise Altersstruktur, Fertilität oder Beschäftigung betrifft, eher mit dem Durchschnitt der
43 Vgl. Frantzen, S. 68-70.
44 Vgl. Guillermo J. Grenier/Lisandro Pérez, The Legacy of Exile: Cubans in the United States, Boston 2003, S. 26.
45 Vgl. Thomas D. Boswell/James R. Curtis, The Cuban-American Experience. Culture, Images, and Perspectives, New Jersey 1984, S. 2 und Ramírez/Cruz, Abruf: 23.02.2005.
46 Vgl. Frantzen, S. 51.
Das Spanische in Südflorida - Spanisch in den USA 25
amerikanischen Bevölkerung als mit dem der restlichen Latinos überein. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zu den übrigen Einwanderergruppen liegt darin, dass sie im Gegensatz zu diesen nicht in ihre Heimat zurückkehren können, solange Fidel Castro an der Macht ist. Auf die genaueren Hintergründe ihrer Immigration sowie ihre momentanen Lebensumstände wird in Punkt 4 detaillierter eingegangen.
3.1.3.4 Weitere Hispanics
Zu den insgesamt 20,8% weiteren Hispanics gehören Einwanderer aus sämtlichen Ländern Lateinamerikas sowie aus Spanien. Sie sind über die gesamten USA verteilt, wobei man einige Siedlungsschwerpunkte ausmachen kann. So lassen sich sehr viele Dominikaner in New York nieder, wohingegen Kolumbianer, Salvadorianer und Nikaraguaner vermehrt in Florida zu finden sind. Mit immerhin einem Fünftel der gesamten Hispanics zeigt ihre Zahl, dass die Latinos ganz zu Recht als sehr heterogene Gruppe angesehen werden.
3.2 Die spanische Sprache in den USA
Wie oben erwähnt, machen heute Hispanics 13,3% der Gesamtbevölkerung der USA aus. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass fast überall die Präsenz des Spanischen zu spüren ist: Marketing- und Werbefirmen haben den spanischsprachigen Markt und dessen Kaufkraft entdeckt, Zeitungen erscheinen auf Spanisch und Radio- und Fernsehsender strahlen ihr Programm komplett in der Sprache der Latinos aus. 47 Schon seit 1800 gibt es spanischsprachige Zeitungen in den Vereinigten Staaten. Heute existieren mehr als 350, nur einige davon sind zweisprachig. 48 Angesichts dieser Fakten erstaunt es nicht, dass Hispanics bilinguale Bildungsprogramme, die
47 Vgl. Ana Roca, Research on Spanish in the United States. Linguistic Issues and Challenges, Somerville 2000, S.VII.
48 Vgl. Antonio Quilis, La Lengua Española en Cuatro Mundos, Madrid 1992, S. 92.
Das Spanische in Südflorida - Spanisch in den USA 26
Übersetzung offizieller Dokumente und zweisprachiges Personal in Krankenhäusern sowie bei Polizei und Feuerwehr fordern. 49 Allerdings unterscheiden sich die verschiedenen Varietäten des Spanischen erheblich voneinander, so dass man nicht von „dem Spanischen der USA“ sprechen kann. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts herrschten zwei Varietäten vor: eine Art puertoricanischer und ein mexikanischer Dialekt. Seitdem kamen weitere dazu, wie beispielsweise der kubanische, der hauptsächlich in Südflorida gesprochen wird. 50
All diesen Varietäten gemeinsam ist jedoch, dass sie relativ stark vom Englischen beeinflusst werden und teilweise sogar eine Mischform aus Englisch und Spanisch, das so genannte Spanglish, entsteht. Eine Vorstufe des Spanglish ist das Code-Switching. Dabei wechseln die Sprecher zwischen beiden Sprachen hin und her, oft auf Grund dessen, weil sie als Kinder nicht gelernt haben zwischen Englisch und Spanisch als separate Codes zu unterscheiden. 51 Code-Switching ist der abwechselnde Gebrauch zweier Sprachen auf Wort-, Satzteil- oder Satzebene. Beispiele dafür sind: „No voy a ir al gym“ (Code-Switching auf Wortebene) und „Estoy muy cansado, so I’m going to bed“ (Code-Switching auf Satzteilebene). 52
Beim Spanglish werden englische Wörter ans Spanische angepasst und in den Sprachgebrauch übernommen. Spanglish ist weder eine eigene Sprache noch eine Pidgin- oder Kreolsprache, sondern ein lexikalisch stark beeinflusstes Spanisch. 53 Es entsteht während der verbalen, nicht institutionalisierten Aktion und lässt beispielsweise folgende Äußerung entstehen: „Pusha la puerta, hijo, púshala!“ 54
49 Vgl. Leobardo F. Estrada, “Language and Political Consiousness among the Spanishspeaking in the United States: A Demographic Study”, in: D.J.R. Bruckner (Hrsg.), Politics and Language: Spanish and English in the United States, Chicago 1980, S. 16.
50 Vgl. Silva-Corvalán, Abruf: 01.02.2005.
51 Vgl. Arnulfo G. Ramírez, „Spanish in the United States“, in: Edna Acosta-Belén/Barbara R. Sjostrom, The Hispanic Experience in the United States. Contemporary Issues and Perspectives, New York 1988, S. 191.
52 Vgl. Ramírez, 1988, S. 191.
53 Vgl. Humberto López Morales, Sociolingüistica, Madrid 3 2004, S. 224.
54 Vgl. Luis Fernando Lara, „Spanisch in den USA: La Lengua de los Hispanos en los Estados Unidos de América“, Mitschnitt des Vortrags im Instituto Cervantes München am 04.03.2005.
Arbeit zitieren:
Karolin Rammling, 2005, Das Spanische in Südflorida, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das Spanische in den USA: geschichtlicher Hintergrund und aktuelle Sit...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 19 Seiten
Prestige, Rolle und Funktion des Spanischen als Minderheitensprache in...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Die Laute der deutschen Sprache und ihre Besonderheiten
Hausarbeit, 21 Seiten
Lexikologie und Semantik des hispanoamerikanischen Spanisch
Romanistik - Didaktik Spanisch
Hausarbeit, 16 Seiten
Mehrsprachigkeit - Definitionen, Typen und wissenschaftliche Fragestel...
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Seminararbeit, 14 Seiten
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 15 Seiten
Das mexikanische Spanisch als Varietät der spanischen Sprache
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Frühe Mehrsprachigkeit bei Kindern - Chance oder Risiko?
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Seminararbeit, 17 Seiten
Probleme bei der Übersetzung von Idiomatik
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 21 Seiten
Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung
Seminararbeit, 13 Seiten
Das Spanische der in New York lebenden Puertoricaner
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit, 17 Seiten
Spanisch in den Vereinigten Staaten von Amerika
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Spanisch in Mexiko - Mit besonderer Betrachtung des mexikanischen Span...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 13 Seiten
Spanglish - Ein Beispiel für spanisch-englisches Code-Switching?
Eine Untersuchung am Beispiel ...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Bachelorarbeit, 33 Seiten
Momo oder die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 18 Seiten
Spanglish - Die Sprache der Hispanics in den USA?
Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe
Bachelorarbeit, 58 Seiten
Die Dramenästhetik Valle-Inclans unter dem Aspekt: Farcenkomische Elem...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 13 Seiten
Interpretation Gabriel García Márquez: "Die Liebe in den Zeiten d...
Romanistik - Lateinamerikanische Sprachen, Literatur, Landeskunde
Referat (Ausarbeitung), 22 Seiten
Karolin Rammling hat den Text Das Spanische in Südflorida veröffentlicht
Karolin Rammling hat einen neuen Text hochgeladen
PONS Mini-Sprachkurs Spanisch. Mit Mini-CD (mit MP3-Dateien)
Mitreden können in 5 Stunden
Johann-Friedrich Weber
Abitur 2012 Spanisch. Grund- und Leistungskurs. Gymnasium, Gesamtschul...
Zentralabitur - Prüfungsaufgab...
100 Japanische Tattoo-Motive.Viersprachige Ausgabe Deutsch, Englisch, ...
Traditionelle Motive der japan...
Jack Mosher, Dirk B. Rödel, Madeleine Rodriguez, Mitzi Gallagher, Marie Ganier-Raymond
ASSiMiL El Alemán - Colección 'sin esfuerzo' Super Pack. Deutsch Sprac...
Multimedia-Kombination: Lehrbu...
0 Kommentare