Inhalt
1. Allgemeines zu Autor und Roman
1.1. Informationen über den Autor 3
1.2. Zur Entstehung des Romans
1.2.1. Der Fall Sid Ahmed Rezala als thematische Vorlage 3
1.2.2. Der lange Weg zur Veröffentlichung des Romans 4
2. Die société de consommation
2.1. Geborgenheitsgefühl 4
2.2. Wichtige Produkte
2.2.1. Bedeutung der Kleidung 5
2.2.2. Fetischcharakter der Produkte 6
2.3 Der Konsum in der Sprache des Protagonisten 8
3. Die société du spectacle
3.1. Être star Alis Karrierewunsch 9
3.2. Alis Wachträume 10
3.3 Die Medienwelt in der Sprache des Protagonisten 12
3.4. Être star Alis Karrieretraum als allgemeine Tendenz in der heutigen Jugend 13
4. Kritik an Konsum und Medien 14
5. Intermedialität 15
6. Die Thematik des Konsums und der Medien zu Beginn des 21 Jahrhunderts 17
Bibliographie 19
2
1. Allgemeines zu Autor und Roman
1.1. Informationen über den Autor
Als 2003 Jack-Alain Légers neuester Roman On en est là erschien, ist seitdem auch das Geheimnis um das Pseudonym Paul Smaïl offiziell gelüftet 1 . Unter der Rubrik „du même auteur “ fanden sich auch die vier Romane, die Léger unter dem Pseudonym Paul Smaïl innerhalb von vier Jahren veröffentlichte: Vivre me tue (1997), Casa, la Casa (1998), La passion selon moi (1999) und Ali le magnifique (2001). Léger scheint ein gewisses Faible für Spiele mit Identitäten zu haben, darauf lässt zumindest die Tatsache schließen, dass er zuvor schon unter zwei weiteren Pseudonymen, nämlich Melmoth und Dashiell Hedayat publizierte 2 . Ansonsten ist über den Autor, der sich dem französischen Literaturbetrieb bewusst entzieht nur wenig bekannt. Seit dem Erscheinen des ersten Romans von Paul Smaïl hat dieser sein Gesicht hinter einer ägyptischen Totenmaske, einem Fayum-Potrait, versteckt 3 , das auf dem Titelblatt von Vivre me tue abgedruckt war. Auch in Ali le magnifique weist er darauf hin (S.197). „Je n’aurai pas de visage, sinon celui d’un portrait de Fayoum […] qui me ressemble, semble-t- il“. Smaïl gibt an, nur für sein literarisches Schaffen beurteilt werden zu wollen, und deshalb seine Anonymität zu wahren (S.197).
1.2. Zur Entstehung des Romans
1.2.1. Der Fall Sid Ahmed Rezala als thematische Vorlage 4
Als motivische Vorlage benützt der Autor den Fall des tueur des trains, Sid Ahmed Rezala, der 1999 ganz Frankreich in Atem hielt. Rezala wurde 14.5.1979 in El Biar/Algerien geboren, 1994 immigrierte er nach Frankreich und wohnte in Marseille. 1999 tötete er drei Frauen in Zügen und wurde nach langer Fahndung am 11.1.2000 in Portugal festgenommen, als er sich auf die Kanarischen Inseln absetzen wollte. In portugiesischer Haft beging er am 28.6.2000 Selbstmord, indem er sich durch ein von ihm gelegtes Feuer erstickte. Viele Aspekte des Kriminalfalles Rezala lassen sich im Roman Ali le magnifique wieder finden, angefangen beim Vornamen des Protagonisten Sid Ali Benengeli, bis hin zu Einzelheiten wie der im Roman geschilderten Nachstellung des Mordes an einer der Frauen mit anschließender Ausstrahlung im Fernsehen (S.25f.), die die Ermittlungsrichter tatsächlich nachspielen ließen.
1 Vgl. Ruhe, S.207.
2 Intervista a Paul Smaïl o Jacques-Alain Léger o Melmoth o Dashiell Hedayat o... In: Tuttolibri, 21.2.2003
3 Vgl : Ruhe, S.205.
4 www.humanite-presse.fr/journal/2000-01-12/200-01-12-218141;
http://monsite.wanadoo.fr/T.E.S.F.2/page2.html
3
Dass auch Rezala in gleichem Maße wie Smaïls Romanheld von Konsum und Medien gesteuert wurde, ist wohl zweifelhaft.
1.2.2. Der lange Weg zur Veröffentlichung des Romans
Als Ali le magnifique im Januar 2001 erschien, hatte der Autor Jack-Alain Léger eine wahre Odyssee hinter sich 5 . Zunächst sollte der Roman nämlich am 29.8.2000 bei den Éditions Calmann-Lévy erscheinen. D er Vertrag war unterschrieben, das Buch im Druck und die Buchhändler über die Neuerscheinung informiert. Nachdem der Verleger an der Spitze des Verlages abgelöst worden war, wurde Léger von dessen Nachfolger, Jean-Etienne Cohen- Séat, darüber informiert, dass der Roman in seiner vorliegenden Form nicht erscheinen werde. Als Grund hierfür wurde der Selbstmord Sid Ahmed Rezalas angeführt, was Léger jedoch nur als einen Vorwand ansah. Tatsächlich wurde er wenig später von Cohen-Séat dazu aufgefordert, seinen Roman nach dessen Wünschen zu überarbeiten, wobei unter anderem die Figuren der erwähnten Politiker (Chirac, Chèvenement,…) komplett aus dem Manuskript gestrichen werden sollten. Léger sah sich gezwungen, einen Anwalt zu konsultieren. Letztendlich war ein Wechsel des Verlages unvermeidlich. Im Januar 2001 konnte Ali le magnifique bei Denoël in der Form, wie es sich der Autor gewünscht hatte, also unzensiert, erscheinen.
2. Die Société de consommation
2.1. Geborgenheitsgefühl
Mit seinem Protagonisten hat Smaïl eine Persönlichkeit erschaffen, „[qui] ne porte que des vêtements de marque, ne tolère que le luxe et incarne à sa manière le stade ultime de la société de consommation“ 6 . Tatsächlich gibt es für Ali kaum etwas Schöneres, als stundenlang durch das Forum des Halles zu streifen: „Les Halles! Al-Djena! Je vais déambuler pendant des heures dans le dédale de la plus belles des kisserias, me défoncer aux marques!“, (S.41). In dem gigantischen Einkaufszentrum fühlt Ali sich wohl, dort ist er in seinem Element, mehr noch: Sobald er Les Halles betritt, scheint für ihn ein neues Leben zu beginnen: S.40: Ah! remonter à la vie! La vie, la vraie vie est là, sous terre, dans ces galeries marchandes: la marchandise! L’accumulation de la marchandise! Stets allein lässt er sich durch die bunte kapitalistische Welt treiben. Der erste Absatz auf Seite 40 beschreibt den Eintritt in diese Welt bezeichnenderweise in einem infinitivisch geprägten Stil, der ein fast willenloses „Sichtreibenlassen“ des Protagonisten evoziert. Ali
5 Smaïl, Paul: Ali le magnifique. Chronique d’une tentative de censure déjouée.
6 www.lire.fr/critique.asp/idC=39047&idTC=3&idR=218&idG=3
4
wird auf seinen Touren durch die Einkaufszentren von einer höheren Kraft, der marchandise, gelenkt; er ha t keinen eigenen Willen mehr, er ist nicht mehr er selbst, was durch das berühmte Rimbaud-Diktum Je est un autre (S.40) verdeutlicht wird. Die Lichtspiele der vielen Leuchtreklamen, unterlegt mit Musik („Les flots de lumière artificielle, la musique continuelle, l’acier poli qui miroite, les reflets dans les glaces […]“, S.41) tragen zu diesem Zustand der Geborgenheit bei, in dem sich Ali in seiner Welt zu befinden scheint. Er muss sich scheinbar um nichts mehr Sorgen machen, denn die Konsumwelt schreibt ihm sogar seine Bewegungen vor:
S.45: J’avance, fasciné, au milieu des éclats dansants du néon sur le verre et les carrelages, j’avance d’une démarche cadencée et en roulant les épaules au son du rap, de la techno ou de la new wave qui sature dans les haut-parleurs.
Zwischen den vielen um ihn tanzenden Lichtreflexen fühlt sich Ali also absolut sicher („Le mal ne peut pas m’atteindre. Pas ici“ S.41), was sonderbar erscheint, da es doch die sich auf dem Meer spiegelnden Sonnenlichtreflexe waren, die Alis Epileptischen Anfall am Strand von Algier auslösten. Ein Zustand der Schwere- und Zeitlosigkeit scheint sich in ihm auszubreiten, wenn er rückwärts eine Rolltreppe hinabsteigt, wobei er „immobile quoique en mouvement“ verharrt, um anschließend festzustellen: „le temps s’est aboli.“ (S.45).
2.2. Wichtige Produkte
2.2.1. Bedeutung der Kleidung
Alis großer Bruder Aziz hat seinem kleinen Bruder schon früh die fast überlebenswichtige Lebensregel „Tu es ce que tu portes“ (S.42) beigebracht, daher ist es für Ali selbstverständlich, jedes Mal sein Outfit zu überprüfen, ehe er sich in die Öffentlichkeit begibt (S.40). D enn die Wahl der richtigen Kleidungsstücke is t keine Frage des Geschmacks: „S’habiller est une morale. Ton honneur est en jeu. “ (S.42) räumt Ali ein, wenn er über die Frage des richtigen Images philosophiert. Der Protagonist weiß selbstverständlich über alle Produkte bescheid. Er ist in der Lage, wirkliche Markenware von Fälschungen zu unterscheiden: „Aziz m’a appris à vérifier furtivement, au toucher, si le crocodile est celui d’une véritable Lacoste […]“ (S.42). Seine Zuneigung zur Markenware artikuliert er in einer Art gerappten Lobeshymne (S.41). Leider kommen nicht alle Marken für ihn in betracht, schließlich möchte er in seinem sozialen Umfeld akzeptiert werden. Um nicht Gefahr zu laufen, von anderen Jugendlichen, an denen er vorbei geht, ein „Putain, j’y crois pas (S.40)“ nachgerufen zu bekommen, was einem vernichtendem Urteil über seinen Kleidungsstil gleichkäme, m uss er die Kleidungskodes einhalten, die bei den Bewohnern der banlieue
5
gelten. Es wird Wert auf ein authentisches Outfit gemäß der herrschenden „Kleiderordnung“ gelegt:
S.43: […] Sauf que tu ne peux pas porter du Ralph Lauren dans ta cité, ni dans ton quartier, ni au collège, ni dans le Reureu: Aziz et sa bande te gazeraient […] Natürlich weiß Ali, welche Marken er tragen darf (S.43) und es ist auch wenig verwunderlich, dass er andere Menschen nach dem, was sie tragen beurteilt. Aufgrund seiner genauen Kenntnis aller Markenprodukte, ist es für ihn ein leichtes, den Preis festzustellen, den die Leute für dafür gezahlt haben:
S.271: Que je vous le décrive : costard noir Versace, ou Armani, ou Ermenegildo Zegna… Du rital reuch, en tout cas. Laine froide supercent et soie, poids plume. Une brique, minimum : plus c’est léger à porter, plus c’est lourd à payer. L’antenne naine du portable de luxe – on dirait, en caoutchouc noir, ce qui reste du petit doigt à la main mutilée de mon père – émergée d’une poche de pantalon. Polo noir en fil d’Écosse, à logo Hackett, bouton du haut déboutonné – c’est la détente […] Lunettes noires identiques aux miennes : CK – et relevées à l’identique sur le front. Montre? Swatch. Nul! Le détail qui fout tout en l’air. Mais, bon, nobody’s perfect, mis à part, unique exception, unique exemple, Sid Ali B. Moi, je porte une Officine Panerai, le chronographe des plongeurs du sabotage.
Wie sich herausstellt, ist nur Ali selbst vollkommen korrekt gekleidet. Er verkörpert in allen Belangen den perfekten Stil. In seinem imaginären Zeitungsartikel in Le Monde darf daher natürlich nicht unerwähnt bleiben, was er bei seinem großartigen Auftritt als Nachrichtensprecher trägt (S.291). Ali ist der lebendige Beweis für die Richtigkeit des Sprichwortes „Kleider machen Leute.“
2.2.2. Fetischcharakter der Produkte
Wenn Ali durch die Einkaufszentren zieht, steigt eine schier unbändige Begierde, gewisse Produkte zu besitzen in ihm auf. Er gibt unumwunden zu, „[que] la sape est une drogue, et une drogue dure: il me faut ce baggy, il me faut ce baggy, il me faut ces glasses, il me faut ce ciré blanc Helly Hansen! Il me les faut.“ (S.41). Es ist gerade diese Art von Regenjacken und die Farbe weiß, von der er regelrecht besessen zu sein scheint. Wird zunächst noch beschrieben, wie er die Mode mit allen seine n Sinnen in sich aufnimmt („J’entre, je regarde, je touche, je palpe, je caresse, je hume comme si je sniffais“ S.41), tritt Ali dem Produkt alsbald mit einer eindeutig sexuellen Begierde entgegen; die Kleid ung hat für ihn Fetischcharakter, sie spricht alle seine Sinne an und erregt ihn sexuell:
S.45: Il y a aussi ce nouveau modèle de doudoune bulle Helly Hansen. Existe en noir et en blanc. En blanc: je bande. Logo HH sur la poitrine. Et au dos, écrit vertical, en caractères géants, blanc sur fond noir ou noir sur fond blanc, Helly Hansen. Je bande. Et, je ne l’avais pas remarqué avant, la veste de quart Aigle. […] Toute blanche. Unie. Je bande.
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Christian Werner, 2005, Konsum und Medien in Paul Smails Roman "Ali le magnifique", Munich, GRIN Publishing GmbH
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