Universität Würzburg
Institut für romanische Philologie
Proseminar: Die Geschichte des französischen Wortschatzes
Sommersemester 2005
Genuswechsel im Französischen
von: Christian Werner
Inhalt
1. Natürliches und grammatisches Geschlecht 3
2. Die Kategorien des Genuswechsels im Französischen 4
3. Genuswechsel vor dem 16. Jahrhundert
3.1. Entwicklungen im Vulgärlatein als Voraussetzung für den Genuswechsel 5
3.2. Das lateinische Neutrum im Französischen 8
3.3. Genuswechsel lateinischer Maskulina im Französischen 10
3.4. Genuswechsel lateinischer Feminina im Französischen 12
4. Genuswechsel ab dem 16. Jahrhundert
4.1. Das 16. Jahrhundert 14
4.2. Entwicklungen ab dem 17. Jahrhundert 16
5. Soziolinguistische Genusvariation 19
Bibliographie 20
1. Natürliches und grammatisches Geschlecht
Vor Beginn der Ausführungen über den Genuswechsel im Französischen erscheint es sinnvoll, die beiden Termini des natürliche n Geschlechts, le sexe, und des grammatischen Geschlechts, le genre, zu definieren. Beim natürlichen Geschlecht handelt es sich um die Kategorisierung von Inhalten der realen Welt nach ihrem tatsächlichen, natürlichen Geschlecht (lateinisch sexus). Das grammatische Geschlecht (lateinisch genus) stellt dagegen ein rein grammatikalisches Phänomen dar, das zur Klassifikation aller Substantive dient. Beim Blick auf die Entwicklung des Konzeptes des Genus stellt man fest, dass man in frühindogermanischen Sprache n scheinbar zwischen zwei Genera unterschied: eines für Lebewesen und eines für Dinge1. Im Lateinischen finden sich neben dem Neutrum, das nunmehr die Dinge bezeichnet, zwei weitere Genera, das Maskulinum und das Femininum, welche männliche und weibliche Lebewesen, sowie Dinge bezeichnen, die auf symbolische Art und Weise als solche angesehen werden. Das Französische kennt mit dem Maskulinum und dem Femininum nur noch zwei Genera. Dabei besteht für die Lebewesen, und hierbei vor allem für Begriffe, die den Menschen bezeichnen, eine bedeutungsvolle Beziehung zwischen grammatischem und natürlichem Geschlecht. Anders gesagt: das Genus scheint in der Natur begründet zu sein2. Genus und Numerus werden heute im Französischen durch Determinanten angegeben. So ist zu erkennen, dass es sich bei dem maskulinen Substantiv le locataire um einen Mann handelt, während la locataire nur ein weiblicher Mensch sein kann. In Einzelfällen wird diese Beziehung zwischen genre und sexe jedoch gestört, etwa bei den militärischen Begriffen la recrue, la vigie oder la sentinelle, die dem Genus nach feminin sind, in Realität aber zumeist Männer bezeichnen. Im Gegenzug benennen Substantive wie le mannequin, le laideron, le tendron oder le bas-bleu Frauen3.
Die Beziehung zwischen grammatischem und natürlichem Geschlecht bei den Objekten ist dagegen nicht semantisch geprägt, da im Französischen ja kein neutrales Genus mehr existiert. Hier erfüllt das grammatische Geschlecht also eine ausschließlich grammatische Rolle und scheint völlig willkürlich zu sein4. Brunot bringt es auf den Punkt: Assurément la notion de genre, appliquée aux choses qui n’ont pas de sexe, ne peut être qu’arbitraire5. So unterscheidet sich das Genus der beiden Zitrusfrüchte une orange und un citron ohne semantische Motivation. Bei Gattungsnamen, die Tiere bezeichnen, verweist das Genus ebenfalls oftmals nicht auf das natürliche Geschlecht, denn das Substantiv une girafe kann sowohl ein männliches als auch ein weibliches Tier bezeichnen. Liegt bei den Gattungsbezeichnungen allerdings eine binäre Opposition zu, wie dies etwa bei den Begriffspaaren chat – chatte, oie – jars der Fall ist, so ist einer der beiden Begriffe in der Lage sowohl die ganze Gattung als auch das natürliche Geschlecht zu bezeichnen. Das Genus des Komplementärbegriffes verweist wiederum auf das natürliche Geschlecht. Dieses Phänomen trifft auch beim Begriffspaar homme – femme zu, da das lateinische Gegensatzpaar homo (Menschheit) – vir (einzelner Mensch männlichen Geschlechts) im Französischen nicht fortdauert6. Nach dieser einführenden Betrachtung soll nun auf die Genuswechsel, die sich im Verlauf der französischen Sprachgeschichte ereignet haben, eingegangen werden.
2. Die Kategorien des Genuswechsels im Französischen
Wie in Punkt 1. gezeigt, ist das grammatische Geschlecht oftmals ein Produkt des Zufalls, das jeglicher Motivation entbehrt. Yaguello beschreibt, dass in diesem Fall die Zuteilung eines Substantivs zu einem Genus durch zwei einander entgegenwirkende Kräfte gesteuert wird, die sie la tradition und l’analogie nennt7. Die tradition werde demnach oft auch entgegen dem bei den Sprechern vorherrschenden Sprachgefühls auf Betreiben der Grammatiker durchgesetzt, die einem Substantiv sein etymologisch korrektes Genus zuweisen wollen. So versuchte man beispielsweise im 16. Jahrhundert dem lateinischen Femininum arbor, welches sich im Französischen zum Maskulinum arbre entwickelt hatte, wieder dem Femininum zuzuführen, was sich im allgemeinen Sprachgebrauch jedoch nicht durchsetzte8. Was die Analogie betrifft, so unterscheidet man zwischen der analogie formelle (formale Analogie) und der analogie sémantique (semantisch motivierte Analogie). Die Analogie der Form strebt danach, Wörtern das Genus zuzuweisen, welches sie aufgrund ihrer männlich oder weiblich klingenden Endung zu fordern scheinen. So wurden die aus dem Italienischen entlehnten Substantive fresque und mosaïque im Französischen zu Feminina, obgleich fresco und mosaïco italienische Maskulina sind. Hierbei spielt die Etymologie der Wörter also keine Rolle. Der entscheidende Faktor ist das End-e-muet, das einen starken feminisierenden Einfluss ausübt. Dem vormals maskulinen Substantiv cuiller wurde im allgemeinen Sprachgefühl ein imaginäres End-e beigefügt; die Endung -ère, die sich unter anderem auch im Femininum théière findet, veranlasste die Entstehung der orthographischen Variante cuillère und die Tatsache, dass dieses Wort nunmehr als Maskulinum gebraucht wird9. Im Fall des französischen Wortes aigle, das von dem lateinischen aquila herrührt, ist der Genuswechsel auf eine Ursache, die in der Semantik liegt, zurückzuführen. Höchstwahrscheinlich wurden dem Adler, der gemeinhin als „König der Lüfte“ gilt, aufgrund dieser Auffassung männliche Tugenden zugeschrieben, was zur Folge hatte, dass aus dem lateinischen Femininum trotz des Vorhandenseins eines End-e-muet ein französisches Maskulinum wurde.
[...]
1 Vgl. Perret, M.: 1998, S. 113.
2 Yaguello, M.: 1989, S. 12 und S. 120.
3 Hamon, A.: 1992, S. 313.
4 Ebd.
5 Brunot, F.: Bd. 4, 1966, S. 803.
6 Picoche, J.: 1989, S. 219.
7 Vgl. Yaguello, M.: 1989, S. 22f.
8 Vgl. Jörß, P.: 1989, S. 15.
9 Absatz nach Yaguello, M.: 1989, S.22f.
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Christian Werner, 2005, Genuswechsel im Französischen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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