Gliederung
Einleitung 3
I. Intertextualität und die akmeistische Poesieauffassung 5
II. Wort, Stimme, Dialog 7
II.1.1. Твое чудесное произношенье (Mandel’štam) eine Interpretation 7
II.1.2. Dichtergespräch oder Liebesdialog? 10
II.2.1. Как у облака на краю (Achmatova) eine Interpretation 11
II.3. Wort, Stimme, Dialog - Zusammenfassung der Ergebnisse 14
III. Terrorzeit und Dichterschicksal 15
III.1. Leben und Werk - Verschmelzung der Grenzen 15
III.2. Bilanz: Terrorzeit und Dichterschicksal 20
IV. Zeit und das akmeistische Dichtergespräch 21
Abschließende Betrachtung 23
Literaturverzeichnis 24
Anhang
2
Einleitung
Von allen Dichtern - Zeitgenossen Achmatovas war Osip Mandel’-štam derjenige, der ihr am nächsten stand. Es geht dabei nicht um ihre „biographische“ Nähe (sie waren eng befreundet) und auch nicht um die Verwandtschaft ihrer poetischen Systeme (die waren grundverschieden), sondern um die Ähnlichkeit der bedeutendsten Ideen, die ihrem Schaffen und ihrem Leben zugrunde lagen. Gerade sie entschieden über Länge und Intensität des geistigen Dialogs, den beide Dichter miteinander führten.
Świerszcz, Literarische Persönlichkeit von A.A., S. 177.
Als Gegenstand einer kritischen Auseinandersetzung mit den Wechselbeziehungen im lyrischen Werk von Anna Achmatova und Osip Mandel’štam sind die unterschiedlichsten thematischen Schwerpunkte denkbar. Es erscheint beispielsweise möglich und sinnvoll über die Umsetzung Achmatovas und Mandel’štams akmeistischer Konzepte oder über die Verarbeitung ihrer Schicksale im lyrischen Schaffen zu sprechen. Man könnte auch versuchen, die Ähnlichkeiten zweier sehr unterschiedlicher poetischer Systeme herauszustellen. Im Zentrum dieser Arbeit sollen aber einige für die beiden Dichter grundlegende Ideen und Konzepte stehen, welche ihr gesamtes Schaffen prägten. Von besonderem Interesse ist dabei das Dialogkonzept jedes der Beiden, welches sie in ihrer Lyrik umsetzten, sowie das lyrische Gespräch, das die beiden jahrzehntelang miteinander führten.
Am 25 August 1923 schreibt Mandel’štam in einem Brief an Achmatova: Знайте, что я обладаю способностью вести воображаемую беседу только с двумя людьми: с Николаем Степановичем и с Вами. Беседа с Колей не прервалась и никогда не прервется. 2
Ein ähnliches ununterbrochenes Gespräch entwickelt sich in den Gedichten Achmatovas, beginnend mit ihrer frühen Liebeslyrik und setzt sich bis zu den letzten Versionen von Poėma bez geroja fort. Mandel’štam verwandelt sich in ihrem poetischen System in die symbolische Figur eines Dichters. Auf eine ähnliche Weise wird auch die Gestalt Achmatovas in seine Dichtung integriert, nur erscheint sie dort viel früher und wird stärker stilisiert. 3
Vor diesem Hintergrund werden die Gemeinsamkeiten in der Lyrik der beiden Dichter sowie ihre gegenseitige Beeinflussung anhand ausgewählter Beispielwerke einge-
2 Achmatova, Listkiiz dnevnika, S. 29.
3 Vgl. Świerszcz, Literarische Persönlichkeit von A.A., S. 177.
3
hend betrachtet. Allerdings bleiben die Unterschiedlichkeit ihrer poetischen Systeme
sowie die Differenz der formalen Konzepte ihrer Werke bei meiner Aussagebildung
vorwiegend unberücksichtigt. 4
4 Diesen selektiven Darstellungsrahmen führe ich auf Musatov zurück. Er befindet die Differenzen zwischen den
poetischen Systemen Achmatovas und Mandel’štams für zu weit reichend um sich sinnvoll mit ihren Gemeinsamkeiten beschäftigen zu können. Diese Auffassung wird von Świerszcz unterstützt. (Vgl. Musatov, Achmatova i Mandel’štam, S. 357 sowie Świerszcz, Literarische Persönlichkeit von A.A., S. 177.)
4
I. Intertextualität und die akmeistische Poesieauffassung 5
„Нет лирики без диалога“ 6
Der Akmeismus ist eine stark metapoetisch orientierte literarische Richtung. Im Vor-dergrund der akmeistischen Literaturauffassung steht eine spezifische Kulturphilosophie mit der Hervorhebung der Rolle des Gedächtnisses im schöpferischen Prozess. Durch den betonten dialogischen Charakter der akmeistischen Lyrik und der Überzeugung der Akmeisten von der Verwandtschaft der Dichter aller Zeiten praktizieren sie in ihrem Schaffen eine literarische Theorie, welche sich erst Jahrzehnte später entwickelt - die Intertextualitätstheorie.
Der Akmeismus bemüht sich die Vielschichtigkeit der Weltkultur in deren Blütezeiten (gr. akmé = Gipfel) an einer synchronen Schnittstelle zu reproduzieren. Geschichte und Kultur sollen in einem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfassenden Blick des Dichters zusammenfließen.
In der akmeistischen Poetik nimmt das Gedächtnis eine Schlüsselstellung ein und zwar nimmt der akmeistische Text die Funktion eines kulturellen Gedächtnisses auf sich. Die Kultur speichernde Erinnerung erfüllt nach dem poetischen Selbstverständnis Achmatovas die moralische Verpflichtung eines Dichters. Gedächtnis „ist Mittel, den Tod zu überwinden“, es ist „der Ort, an dem Worte und Ereignisse erhalten bleiben“ 7 . Diese spezifisch akmeistische Gedächtnisauffassung fußt auf einem auf Henri Bergsons „Idee der durée“ zurückführbaren Begriff der Synchronie. Die Geschichte wird als Synchronie, d.h. als Koexistenz aller Epochen und Kulturen, als Gleichzeitigkeit der drei Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begriffen. Das kulturelle und historische Gedächtnis entspricht somit einem Speicher, dessen Inhalt der Dichter verbal wiederzugeben bemüht ist.
Der akmeistische Intertextualitätsbegriff meint weiterhin, dass der künstlerische Text auf bereits bestehende Sprachgebilde und somit auf bereits dichterisch gestaltete Wirklichkeit zurückgreift. Eine ausdifferenzierte Replik-, Zitat- und Allusionspoetikeine „Poetik der Dialogizität mit der Kultur“ 8 - liegt dem akmeistischen Schaffen in Form eines lyrischen Dialogs zwischen Dichtern zugrunde. Alle bereits existierenden
5 Vgl. die Darstellung in diesem Kapitel mit Lachmann, Gedächtnis und Literatur, S. 111ff sowie Burkhart, Weltkultur, S. 214f.
6 Mandel’štam, O sobesednike, S. 281.
7 Erdmann-Pandžić, Poėma bez geroja von A.A.A., S.187f.
8 Burkhart, Weltkultur, S. 214.
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Texte können potentiell die Funktion des „fremden Wortes“ im akmeistischen Werk übernehmen. Die Gedächtnisarbeit holt v.a. bei Achmatova die fremden Stimmen der Weltkultur in den eigenen poetischen Text. Das Konzept der „Replik“, wie Lachmann dies nennt, wird auf das Denken im Bachtinkreis 9 zurückgeführt. Die Replik nimmt auf, verwirft, ergänzt, polemisiert oder widerspricht bereits vorgefundenen Äußerungen. Insbesondere von Achmatova und Mandel’štam wird die dialogische Repliknutzung praktiziert. Maßgeblich für die Beiden ist dabei die Konstruktion eines Weltliteraturmodells durch die Überlagerung verschiedener literarischer und kultureller Systeme. In diesem Sinne definiert auch Mandel’štam seinen Akmeismus-Begriff folgendermaßen:
На вопрос, что такое акмеизм, Мандельштам ответил: "Тоска по мировой культуре". 10
9 Bachtin, Michail Michajlowitsch (1895-1975), russischer Philosoph, Sprach- und Literaturtheoretiker. Laut Bachtin kann eine Erkenntnis nur in einem nie zu Ende gehenden Dialog gewonnen werden. Auf seiner "Dialogizitätsästhetik" basiert die ab 1967 in Westeuropa und den USA einsetzende Tradition der Intertextualitätsforschung. (Vgl. Microsoft Encarta.)
10 Achmatova, Listki iz dnevnika, S. 35.
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II. Wort, Stimme, Dialog
Мы стали говорить о "Чистилище", и я прочла наизусть кусок из XXX песни (явление Беатриче) :
Осип заплакал. Я испугалась: "Что такое?" - "Нет, ничего, только эти слова и вашим голосом". 11
Bereits in seinem Frühwerk, d.h. in seinem ersten Buch Kamen’ greift Mandel’štam das Dialogthema in einigen Gedichten auf. Von diesen wird im Folgenden „Твое чудесное произношенье“ (M18) exemplarisch näher betrachtet. Von einem besonderen Interesse ist gerade dieses Gedicht, weil es Achmatova gewidmet ist. 12 Es wird gezeigt, wie Mandel’štam bereits in seinem frühen Schaffen das Thema des Gesprächs umsetzt.
Das Dialog-Thema wird daraufhin von Anna Achmatova aufgegriffen und individuell gestaltet. Dies wird anhand eines Beispielgedichtes von ihr (A45) erörtert. Die Thematik des Dialogs im Werk der Dichter bildet den Grundbaustein für den im Folgenden untersuchten Dialog zwischen den beiden Dichtern.
II.1.1. Твое чудесное произношенье (Mandel’štam) - eine Interpretation Zunächst tritt das lyrische Subjekt in einen Dialog mit dem Du. („«Цо» - это я тебя зову!“) Sein Rufen ist eine Antwort auf die einem heißen Pfeifen ähnelnde Sprache des Du.
Die Antwort des lyrischen Subjekts dringt Raum überquerend zum seinem Dialogpartner vor. Die Gestalten der Dialogpartner sind laut Świerszcz auf ihre Stimmen reduziert. 13 Die wenigen Anzeichen ihrer physischen Präsenz sind vom Dialogverhalten abhängig (Beispiel: „голова отяжелела“ - ist eine Auswirkung des Sprechens). Die Stimmen lassen sich assoziativ mit Naturphänomenen verknüpfen („прошелестело“ wie Blätter). Die Aussagen sind eine rein lautliche Natur, noch
11 Achmatova, Listki iz dnevnika, S. 31.
12 Vgl. ebd., S. 26.
13 Vgl. Świerszcz, Literarische Persönlichkeit von A.A., S. 185.
7
jenseits sprachlicher Strukturen. Anscheinend ist die vollständige Wortbedeutung des Rauschens allein für den Dialogpartner, den Seelenverwandten verständlich. Auch weitere Attribute der Natur verknüpft Mandel’štam mit dem Medium Stimmeso auch beispielsweise die Vogelmetaphorik: „хищных птиц“, „крылата“, „окрыленнее“, „летят“. Mandel’štam bedient sich hier eines alten Symbols. Der Vogel in der Rolle eines Boten lässt sich auf die Bibel zurückführen. Der Stimme werden Vogeleigenschaften, wie die schnelle Raumüberwindung durch die Luft zu-geordnet. Und wie die Vögel umfliegt die Stimme leicht für Menschen unüberwindbare Hindernisse.
Liebe und Tod - diese Metaphern stehen im Folgenden als Kontrapunkte einander gegenüber. Пусть говорят: любовь крылата, - Смертьокрыленнее стократ. Еще душа борьбой объята, А наши губы к ней летят.
Unsere gesprochene Sprache, also das Wesen jedes Gesprächs wird als flüchtig charakterisiert. Sie strebt unmittelbar nach der Entstehung ihrem Untergang entgegen. 14 Die Laute zerfallen und verlieren sich im selben Moment, in dem sie „geboren“ werden.
Ein auffälliger Widerspruch zu dieser Deutung zeigt sich dennoch unmittelbar in der Konjunktion „И“ („И столько воздуха и шелка / И ветра в шепоте твоем“). Die naturerzeugten und beständigen Attribute, welche der Stimme zugesprochen werden (Wind sowie lebensspendende Luft) bewirken eine Assoziation mit dem Leben und nicht mit dem Tod. Das verbindende „И“ (anstatt eines „Ho“) zwischen dem dritten und dem letzten Quartett wäre demnach unpassend.
Wie auch Świerszcz nahe legt, führt der Tod, auf den die Sprecher zustreben, nicht zur Vernichtung und zur Vergessenheit, sondern zur Unsterblichkeit. 15 Tatsächlich ist das gesamte Gedicht von einer starken Lebensmetaphorik, ähnlich wie von der Na-turmetaphorik, durchdrungen. 16 „Горячий“, „живое“, „живу“, „воздуха“ usw. - die
14 In diesem Fall muss man die Lippen als Symbol für die gesprochene Sprache interpretieren. „K ней“ wird auf den Tod („cмерть“) bezogen.
15 Vgl. Świerszcz, Literarische Persönlichkeit von A.A., S.185.
16 Außerdem scheint allein die Kraft der Stimme eine Verschmelzung aller Sinne beim lyrischen Ich zu bewirken. Am Beispiel der Synästhesie „горячий посвист“ wird dies deutlich: das Epitheton „горячий“ ist ein Attribut des Tastsinns, „горячий“ wird gleichzeitig mit dem Atem assoziiert (ein Lebenszeichen); währenddessen entspricht „посвист“ dem Gehörsinn.
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Quote paper:
Anna Perlina, 2004, Das lyrische Gespräch zwischen Anna Achmatova und Osip Mandel’štam, Munich, GRIN Publishing GmbH
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