Vorwort
Mitte Juni 2004 fanden in Hamburg die vierten Special Olympics National Games statt. Bereits im Vorfeld dieser großen Sportveranstaltung für geistig und mehrfach behinderte Menschen hatte ich mich im Rahmen meines Studiums mit verschiedenen Aspekten des Themas „Integration durch Sport“ auseinandergesetzt. Das Seminar „Special Olympics“ am Sportfachbereich der Universität Hamburg bot mir letztlich die Möglichkeit mein Interessengebiet zu
vertiefen und bei den Special Olympics als Volunteer 1 mitzuarbeiten. Die vorliegende Arbeit basiert auf den praktischen Erfahrungen und Eindrücken, die ich als Helfer, Betreuer und Zuschauer auf diesem Sportfest sammeln konnte. Dabei ermöglichte mir insbesondere die Tätigkeit als Volunteer einige Sportler, Trainer und Organisatoren persönlich kennen zu lernen und zu interviewen. Die geführten Gespräche sollen in gekürzter Form an entsprechender Stelle in die Arbeit einfließen und verschiedene Meinungsbilder von Teilnehmenden darstellen.
Die Kenntnisse, die ich aus der Arbeit bei den Special Olympics schließen konnte, führten von der grundlegenden Überlegung, weshalb soziale Integration von geistig behinderten Menschen mit Hilfe von Sport erreicht werden kann, zu der konkreten Fragestellung der Arbeit. Diese lautet, inwiefern bei einer Veranstaltung wie SO durch Heterogenität auf verschiedenen Ebenen integrative Prozesse eingeleitet werden können.
Der Schwerpunkt der Arbeit soll darauf liegen, den Heterogenitätsdiskurs kritisch zu beleuchten und auf das Special Olympics Konzept zu beziehen. Aus der Untersuchung soll ein Konzept aus integrationssportlicher Perspektive entwickelt werden. Dabei sollen keine ausführlichen Beschreibungen einzelner Sportarten, sondern ausgewählte Beispiele und Modelle angeführt werden, die auf die Veranstaltung Special Olympics übertragbar sind. Ziel soll es sein, die Rahmenbedingungen des integrationssportlichen Konzeptes festzulegen und auf die praktische Umsetzung hin zu überprüfen.
1 Volunteers werden die freiwilligen Helfer bei Special Olympics Veranstaltungen genannt.
Anzumerken bleibt, dass die persönlichen Eindrücke von der Veranstaltung keineswegs einer neutralen Darstellung und kritischen Sichtweise im Wege stehen sollen.
Der Arbeit ist eine DVD beigefügt, die dem Leser in Form einer Schnittfassung wichtige Momentaufnahmen der Special Olympics National Games Hamburg liefert.
Inhaltsverzeichnis
VORWORT
1 EINLEITUNG 1
1.1 PROBLEMFORMULIERUNG UND ZENTRALE FRAGESTELLUNG 1
1 2 A U F B A U 2
2 HERANGEHENSWEISE AN DEN BEGRIFF GEISTIGE BEHINDERUNG 4
2.1 DEFINITION GEISTIGE BEHINDERUNG 4
2.2 GEISTIGE BEHINDERUNG UND MÖGLICHE HALTUNGEN 6
3 SPORT ALS INTEGRATIONSMEDIUM 8
3.1 DIE INTEGRATIVE BEDEUTUNG VON SPORT 8
3.2 DER INTEGRATIONSBEGRIFF IM PÄDAGOGISCHEN KONTEXT 9
3.3 INTEGRATIONSTHEORIEN 11
3.3.1 Die Theorie des gemeinsamen Gegenstandes nach FEUSER 11
3.3.2 Der ökosystemische Ansatz nach SANDER 12
3.3.3 Die Theorie integrativer Prozesse nach REISER 14
3.4 BEDEUTUNG DER INTEGRATIONSTHEORIEN FÜR 15
DAS INTEGRATIONSSPORTLICHE KONZEPT DER SPECIAL OLYMPICS
3.5 HETEROGENITÄT UND INTEGRATIVE PROZESSE 16
4 SPECIAL OLYMPICS - DIE ORGANISATION UND IHRE IDEE 20
4.1 HISTORISCHE ENTWICKLUNG VON BEWEGUNG, SPIEL UND SPORT GEISTIG 20
BEHINDERTER MENSCHEN IN DEUTSCHLAND
4.1.1 Special Olympics Deutschland e.V. 21
4.2 HISTORISCHE ENTWICKLUNG VON SPECIAL OLYMPICS INTERNATIONAL 21
4.3 VERANSTALTUNGSKULTUR UND PRINZIPIEN VON SPECIAL OLYMPICS 23
EVENTS
4.4 WETTKAMPFSPORTARTEN UND FACHSPORTLICHE GRUNDLAGEN 25
4.4.1 Bewertung der „Sport Skills Guides“ 27
4.5 METHODISCHE GRUNDLAGE - DIE PROGRAMME 28
4.5.1 Das Konzept der „Unified Sports 29
4.5.2 Das “Motor Activities Training Program 30
4.5.3 Das „Volunteer“ Konzept 31
4.5.4 Das Familienkonzept 32
4.6 ZUSAMMENFASSUNG UND BEWERTUNG DER SPECIAL OYLMPICS IDEE 32
5 BEHINDERTENSPORTLICHE LEITBILDER 34
5.1 VORBEMERKUNG 34
5.2 DIE LEITBILDER DES TRADITIONELLEN BEHINDERTENSPORTS 35
5.2.1 Das normalitätsorientierte Leitbild 35
5.2.2 Das behinderungsorientierte Leitbild 36
5.2.3 Das Ziel Integration als Illusion? 36
5.2.4 Integration als Synthese 39
5.3 LEITBILDER ALS INSTRUMENT ZUR EINORDNUNG DER 40
ARGUMENTATIONSGRUNDLAGE DER SPECIAL OLYMPICS IDEE
5.4 DER NORMALITÄTSORIENTIERTE INTEGRATIONSANSATZ 41
DER SPECIAL OLYMPICS ORGANISATION
5.4.1 Der Normalitätsansatz und die Bedeutung für die Special Olympics 42
5.5 INTEGRATIONSANSATZ DER SPECIAL OLYMPICS UND ANSATZPUNKTE 43
FÜR DAS INTEGRATIONSSPORTLICHE KONZEPT
6 DIE SPECIAL OLYMPICS NATIONAL GAMES 2004 IN HAMBURG 45
6.1 WETTKÄMPFE UND RAHMENPROGRAMM DER SO-NATIONAL GAMES 2004 45
IN HAMBURG
6.2 DIE AUSTRAGUNGSORTE IN HAMBURG 47
6.2.1 Das Healthy Athletes Programm in der Olympic Town 50
6.3 DIE OFFIZIELLEN WETTKAMPFSPORTARTEN 52
6.4 DIE TEILNEHMERZAHL UND -STRUKTUR 53
6.5 DIE RICHTLINIEN DER SO-ORGANISATION BEI DEN NATIONAL GAMES 54
6.5.1 Das Volunteerkonzept - Hamburgs Schüler als Helfer 54
6.5.2 Das Integrationssportprogramm „Unified Sports“ 56
6.5.3 Das wettbewerbsfreie Angebot 58
6.5.4 Das Familienprogramm 59
6.6 FRAGESTELLUNGEN UND ANFORDERUNGEN AN EIN 60
INTEGRATIONSSPORTLICHES KONZEPT FÜR DIE SPECIAL OLYMPICS
7 EIN INTEGRATIONSSPORTLICHES KONZEPT FÜR SPECIAL OLYMPICS 62
VERANSTALTUNGEN
7.1 ANSÄTZE DES INTEGRATIONSSPORTS ALS KONZEPTGRUNDLAGE 62
7.2 MODELL DER „DIMENSIONEN DER INTEGRATION“ 62
7.3 DAS INTEGRATIONSSPORTMODELL ALS INTEGRATIVER IMPULS 66
FÜR DAS SPECIAL OLYMPICS KONZEPT
7.3.1 Übertragung des Familiensportkonzeptes auf die Special Olympics 67
7.3.2 Die gemeinsamen Spiel- und Sportangebote für alle im I. und III. Tagesabschnitt 70
7.3.3 Differenzierte Angebote des II. Tagesabschnitts 70
7.4 WEITERE BEISPIELE UND ANSÄTZE FÜR EIN 75
INTEGRATIONSSPORTLICHES KONZEPT
7.4.1 Einführung neuer Sportarten (Das Beispiel Korfball) 75
7.4.2 Familienmitglieder als Bewegungspartner 76
8 SCHLUSSBETRACHTUNG UND AUSBLICK 78
ANHANG
LITERATURVERZEICHNIS
Verzeichnis der Abbildungen, Tabellen und Karten
Abbildung 1: Der Ökosystemische Ansatz nach BRONFENBRENNER S.13
Abbildung 2: Das Modell integrativer Prozesse nach REISER S.14
Abbildung 3: Dimensionen der Integration S.63
Abbildung 4: Die Tiefendimension der Integration S.65
Tabelle 1: Polaritätenmodell zur Kennzeichnung unterschiedlicher Haltungen S.6 zur „geistigen Behinderung“
Tabelle 2: Modelle des Umgangs mit Heterogenität S.18
Tabelle 3: Prinzipien der Special Olympics Bewegung S.23
Tabelle 4: Die offiziellen SO-Wettkampfsportarten S.25
Tabelle 5: Kernthesen der behindertensportlichen Leitbilder S.39
Tabelle 6: Gemeldete Sportler pro Disziplin S.53
Tabelle 7: Die Praxis des integrativen Familiensports S.67
Tabelle 8: Das Tagesabschnittskonzept S.68
Karte 1: Sportstätten der SO National Games in Hamburg S.49 Karte 2: Die „Olympic Town“ S.50
Abkürzungen
AAMR: American Association on Mental Retardation
DBS: Deutscher Behindertensportverband
IOC: Internationales Olympisches Komitee
MATP: Motor Activities Training Program
SO: Special Olympics
SOI: Special Olympics International
SO Inc. : Special Olympics Incorporated
1 Einleitung
1.1 Problemformulierung und zentrale Fragestellung
Die Philosophie von SPECIAL OLYMPICS ist es, mit dem Mittel Sport die Akzeptanz von Menschen mit geistiger Behinderung in der Gesellschaft zu verbessern.
(SO International, INC. 1997, Artikel 1, Sektion 1.02) Special Olympics International wurde 1988 vom IOC 1 offiziell anerkannt und ist heute als weltweit größte Sportorganisation für geistig und mehrfachbehinderte Menschen in über 190 Staaten vertreten. Als wichtigstes Ziel formuliert die SO Organisation, geistig behinderten Menschen die Möglichkeit zu geben, mit ganzjährigem Sporttraining und Wettbewerben in verschiedenen olympischen Disziplinen körperliche Fitness zu entwickeln, sowie ihre Begabungen und Fähigkeiten mit anderen zu teilen. Behinderte Menschen sollen vor allem die Chance haben, durch den Sport Anerkennung aus eigener Kraft zu gewinnen und in der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Demzufolge ist es das Hauptanliegen der Special Olympics, mit Hilfe von Wettkampfsport geistig behinderte Menschen gesellschaftlich zu integrieren.
Mit dem allgemeinpädagogischen Paradigma der Integration ist jedoch grundlegend die Frage nach der Bewältigung von Heterogenität verbunden. Dabei wird in der wissenschaftlichen Literatur kontrovers diskutiert, inwiefern der Umgang mit Heterogenität als Problem oder vielmehr als Chance angesehen werden muss. Im Mittelpunkt pädagogischer Diskussionen steht vor allem die Frage nach der Balance zwischen Gleichheit und Gemeinsamkeit einerseits und Verschiedenheit und Differenzierung andererseits (BOBAN/HINZ 1993, S. 337). Während bei der Bewältigung von Heterogenität lange Zeit die Strategie durch Homogenisierung im Vordergrund stand, wird diese heute verstärkt kritisiert.
Angesichts dieses Wandels geht es insbesondere auch in der aktuellen Forschung der Behindertenpädagogik und des Behindertensports um die Frage, wie sich Gemeinsamkeit ohne Ausgrenzungsdrohung entwickeln kann, so dass letztendlich ein "Miteinander des Verschiedenen" (ADORNO 1980 in HINZ
1 IOC: Internationales Olympisches Komitee
1
1995) ermöglicht wird. Festzustellen ist, dass Heterogenität allgemein im Bereich des (Behinderten)-Sports noch weitgehend als Problem eingestuft wird. Die Konsequenz im allgemeinen ist, dass durch gezielte Homogenisierung
versucht wird, dem Problem „Heterogenität“ zu begegnen 2 . Auch die Special Olympics in Hamburg haben gezeigt, dass aus der Sicht der Veranstalter die Herstellung von Homogenität als Vorraussetzung für funktionierenden Sport notwendig erscheint. So wird seitens der SO Organisation ausdrücklich betont, dass die Besonderheit der Special Olympics Idee in der modifizierten Gestaltung der Wettkämpfe liege, vor allem in der Bildung von kleinen homogenen Wettkampfgruppen (RÖTHIG/PROHL, S.481). Aus diesem Kontext heraus ist es notwendig zu hinterfragen, inwiefern durch Homogenisierung dem Integrationsgedanken der SO grundsätzlich entsprochen werden kann. Zudem stellt sich die Frage, welche alternativen Umgangsweisen mit Heterogenität möglich sind, um Integration herzustellen und um Heterogenität als Chance für integrative Prozesse zu verstehen. Angesichts dieser Problematik rückt die Forderung nach einem veränderten Umgang mit Heterogenität in den Fokus der wissenschaftlichen Diskussion. Ziel der Arbeit soll es sein, den Umgang mit Heterogenität bei den SO zu untersuchen. In Form eines integrativen Konzeptes soll dargelegt werden, inwiefern eine gezielte Herstellung von Heterogenität auf verschiedenen Ebenen der SO integrativ wirken könnte, um damit Verschiedenheit als Chance bewerten zu können. 1.2 Aufbau
Entsprechend der Fragestellung der Arbeit ist es zunächst in Kapitel 2 und 3 notwendig, die zentralen Begriffe „geistige Behinderung“, „Integration“ und „Heterogenität“ zu definieren. Ziel ist es, die Begriffe in ihrer Bedeutung in Zusammenhang zu setzen und eine für die Arbeit grundlegende Terminologie zu entwickeln. Die Formulierung von zentralen Integrationstheorien (Kapitel 3) soll das prozesshafte Verständnis von Integration unterstreichen und Untersuchungsansätze für den Praxisteil der Arbeit liefern. In Kapitel 4 folgt eine Ausführung über die Special Olympics Organisation, um die
2 „homogene“ Sportgruppen wie die 1. Herrenmannschaft der Sparte Fußball im
Verein XY.
2
Organisationsstruktur, den Ablauf sowie die Prinzipien von SO-Veranstaltungen transparent darzustellen.
Anschließend erweist sich in Kapitel 5 eine Einordnung der Special Olympics Organisation in die behindertensportlichen Leitbilder als hilfreich, um so die Argumentationsgrundlage von SO bezüglich des Hauptzieles „Soziale Integration geistig behinderter Menschen durch Sport“ zu verdeutlichen. Eine Darstellung des Normalitätsansatzes (Kapitel 5.4) beendet den theoretischen Teil der Arbeit. Im zweiten Teil der Arbeit wird konkret auf die Special Olympics
Veranstaltung in Hamburg eingegangen (Kapitel 6). Neben organisatorischen Fakten werden die theoretischen Ausführungen aus dem ersten Teil der Arbeit aufgegriffen und in Kapitel 6.6 an ausgewählten Beispielen untersucht. Abschließend wird in Kapitel 6.7 auf Fragestellungen bezüglich der Gestaltung eines alternativen Konzeptes aus integrationssportlicher Perspektive für die Special Olympics National Games in Hamburg eingegangen. Dem Tenor der integrationspädagogischen Forschung folgend, soll in Kapitel 7 Heterogenität als Chance für integrative Prozesse verstanden werden. Als Modell für dieses Verständnis wird in Kapitel 7.1 der praxisorientierte Ansatz einer differenzierten Integrationspädagogik für den Sport mit behinderten und nichtbehinderten Menschen (RHEKER 1996) herangezogen. Die Ausführung des Modells eröffnet Vorschläge für mögliche Konzepterweiterungen, die in Kapitel 7.3 formuliert werden.
In Kapitel 8 werden in Form eines Fazits alle wichtigen Zusammenhänge bezüglich der Kernfrage dieser Arbeit dargestellt, um abschließend einen Ausblick für zukünftige Untersuchungsschwerpunkte zu geben.
3
2 Herangehensweise an den Begriff Geistige Behinderung
2.1. Definition Geistige Behinderung
Allgemein werden die Special Olympics National Games als die Wettspiele der
„Geistigbehinderten“ bezeichnet 3 . Demzufolge ist es für das weitere Verständnis der Arbeit erforderlich, den Begriff der geistigen Behinderung genauer zu definieren. Dabei soll nicht näher auf die in der wissenschaftlichen Literatur gängige Diskussion über den allgemeinen Behinderungsbegriff eingegangen werden. Wichtig ist es zusammenzufassen, dass der Begriff Behinderung vielschichtig und mehrperspektivisch verwendet wird. So lassen sich je nach Autor und Forschungszugang sowohl für den Begriff Behinderung als auch für dessen Spezifizierung „geistige Behinderung“ verschiedene Definitionen finden (SANDER 1994, S.99).
Im Folgenden sollen einige für diese Arbeit bedeutungsvolle Definitionen von geistiger Behinderung gegenübergestellt werden. Der DEUTSCHE BILDUNGSRAT definierte 1973 aus pädagogischer Sicht geistige Behinderung wie folgt: "... geistig behindert ist, wer infolge einer organisch-genetischen oder anderweitigen Schädigung in seiner psychischen Gesamtentwicklung und seiner Lernfähigkeit so beeinträchtigt ist, dass er voraussichtlich lebenslanger sozialer und pädagogischer Hilfen bedarf. Mit den kognitiven Beeinträchtigungen gehen solche der sprachlichen, sozialen, emotionalen und der motorischen einher" (1973, S.13) Auffallend ist an dieser Definition, dass die kognitive Beeinträchtigung als zentrales Merkmal für eine geistige Behinderung hervorgehoben wird.
Dahingegen betont SPECK, dass geistige Behinderung von verschiedenen Faktoren abhänge. So unterscheidet SPECK in seinem interaktionalen Modell der Genese und des Prozesses geistiger Behinderung zwischen drei Komponenten, der psycho-physischen Schädigung, der Umwelt und der Person. Er weist darauf hin, dass sich die drei Faktoren gegen- und wechselseitig beeinflussen und erst in ihrer Komplexität und gegenseitigem Bedingen eine geistige Behinderung bestimmen (SPECK 1997, 62). Demzufolge stellt nach SPECK die „psycho-physische Schädigung“ noch keine geistige Behinderung dar, sondern ist lediglich Auslöser eines personal-sozialen Prozesses. Damit
3
Vgl.: http://www.abendblatt.de/daten/2004/06/12/206280.html?prx=1, Datum 20.12.04
4
stellt SPECKs Definition vor allem den „Umweltaspekt“ heraus, der mit seinen Normen- und Sanktionsprozessen eine unübersehbare Bedeutsamkeit für Menschen hat, die psycho-physisch abweichen. Folglich impliziert geistige Behinderung die Komponente „Person“ als Eigeninstanz für Werte. Das bedeutet, dass sich der Mensch mit geistiger Behinderung als autonomes System erfährt und sich in der sozialen Interaktion konstituiert ( SPECK 1995, S. 62). FEUSER geht als einer der radikalsten Vertreter soweit, dass er den Behinderungsbegriff ablehnt und der Gesellschaft als Ganzes eine entscheidende Rolle zuweist (1996, S.18ff.). Er postuliert, dass eine geistige Behinderung kein Persönlichkeitsmerkmal und somit überwindbar sei. Demzufolge ist nach FEUSER eine geistige Behinderung das Ergebnis einer
Persönlichkeitsentwicklung unter Vorenthaltung spezieller Bildung, Erziehung und Therapie. Nach FEUSER ist geistige Behinderung kein biologisch-organischer Defekt des zentralen Nervensystems, wie aus der Definition des Deutschen Bildungsrates hervorgeht, sondern eine durch die Gesellschaft geschaffene Beeinträchtigung.
Die Special Olympics Organisation gebraucht eine Definition aus dem angloamerikanischen Raum. In Anlehnung an die American Association on
Mental Retardation (AAMR) definiert Special Olympics „mental retardation“ 4 (Geistige Behinderung) wie folgt: „Hiernach ist ein Mensch als geistig behindert zu bezeichnen, wenn der Intelligenzquotient niedriger als 70-75 ist, signifikante
Einschränkungen in mindestens zwei „Adaptionsfähigkeiten“ 5 vorliegen und die Behinderung sich vor dem 18. Lebensjahr manifestiert hat“ 6 . Dabei wird nach der AAMR zwischen zehn sogenannten „adaptive skills“ unterschieden, wie Kommunikation, Selbstversorgung, alleine leben, soziale Fähigkeiten, Freizeit, Gesundheit und Sicherheit, Selbstbestimmung, intellektuelle Fähigkeiten, leben und arbeiten in der Gemeinschaft. Liegen Einschränkungen im intellektuellen Bereich vor, sonst aber in keinem anderen Bereich, muss die Person nicht als geistig behindert bezeichnet werden.
4 Wichtig ist darauf hinzuweisen, dass der Begriff mental retardation von der deutschen
Bezeichnung geistige Behinderung in einem Punkt stark abweicht. So werden im Gegensatz zum
deutschen Begriff Lernbehinderungen unter „mild mental retardation“ mit einbezogen. Dieser
Unterschied sollte beim Lesen und Auswerten des Begriffes immer berücksichtigt werden.
5 Adaptionsfähigkeiten sind Fähigkeiten des täglichen Lebens.
6 Vgl.: www.specialolympics.de, Datum 10.10.04
5
Demnach weist diese Definition sowohl dem intellektuellen als auch dem sozialen Bereich Bedeutung zu.
Die dargestellte Auswahl von Definitionen verdeutlicht in ihrer Unterschiedlichkeit und differenten Schwerpunktsetzung, dass die Begriffe Behinderung und geistige Behinderung nicht einheitlich abzugrenzen sind. Vielmehr erscheint es sinnvoll, von verschiedenen Herangehensweisen und Einstellungen gegenüber dem Begriff „Geistige Behinderung“ zu sprechen. Grundlegend lassen sich zwei gegensätzliche Haltungen zusammenfassen, zum
einen die Sichtweise von geistiger Behinderung als ein organischer Defekt 7 , der als Zustand bewertet wird, zum anderen die Sichtweise von geistiger
Behinderung als ein ständiger Prozess 8 , der von inneren und äußeren Bedingungen beeinflusst wird.
2.2 Geistige Behinderung und mögliche Haltungen
BOBAN/HINZ vergleichen die beiden unterschiedlichen Sichtweisen treffend in ihrem Polaritätsmodell, indem sie diese als „defektologische“ und “dialogische“ Haltung bewerten.
Tabelle 1: Polaritätenmodell zur Kennzeichnung unterschiedlicher Haltungen zur „geistigen Behinderung“
7 Vgl.: Definition Deutscher Bildungsrat
8 Vgl.: Definition SPECK
6
Quelle: BOBAN & HINZ 1993, S. 336
Die Gegenüberstellung verdeutlicht, dass die dialogische Haltung im Gegensatz zur defektologischen Haltung geistige Behinderung als Prozess versteht. Dieses prozesshafte Verständnis ist die Basis für integrative Prozesse. Dabei ist es gerade aus integrationssportlicher Perspektive wichtig, geistige Behinderung nicht als feststehenden Begriff oder Zustand zu definieren, sondern vielmehr den Prozesscharakter des Begriffes herauszustellen. Denn erst wenn das Verständnis von der Dialektik von Gleichheit und Verschiedenheit gegeben ist, wird die Akzeptanz der Andersartigkeit von Menschen gewährleistet und dann erst kann Heterogenität als Chance begriffen werden.
Eine Gegenüberstellung der von Special Olympics International genutzten Definition der AAMR mit dem Polaritätenmodell zeigt, dass die SO Definition sowohl defektologische als auch dialogische Merkmale aufweist. So umfasst die AAMR-Definition als intellektuelles Kriterium den IQ-Mangel und als soziale Kriterien die Adaptionsfähigkeiten. Dadurch, dass die „adaptive skills“ veränderbar sind, liegt zwar ein ansatzweise prozesshaftes Verständnis von geistiger Behinderung vor, so dass die Definition aus integrationssportlicher Perspektive als geeignet bewertet werden kann. Anzustreben ist jedoch entsprechend FEUSERs Ansatz, dass sich der defektologische
Behinderungsbegriff zunächst dialogisch verändern und sich idealerweise in ein dialogisches Menschenbild auflösen muss.
Dementsprechend soll das folgende integrationssportliche Konzept nicht mehr von einer feststehenden Definition von (geistiger) Behinderung ausgehen, sondern von einem dialogischen Menschenbild. Demzufolge muss auf jegliche
Kategorisierung 9 verzichtet werden, um Heterogenität als Chance für integrative Prozesse zu begreifen. Ziel des folgenden Konzeptes soll es sein, den individuellen Vorraussetzungen der Teilnehmer gerecht zu werden, Gleichheit und Verschiedenheit zu akzeptieren und niemanden auszugrenzen.
9 Es soll auf jegliche Kategorisierung von Menschen verzichtet werden, wie beispielsweise
Mann und Frau, jung und alt, behindert und nichtbehindert.
7
3 Sport als Integrationsmedium
3.1 Die integrative Bedeutung von Sport
Die Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport für die Entwicklung von behinderten Kindern und Jugendlichen wird in der sportwissenschaftlichen Literatur als hoch eingeschätzt (KAPUSTIN 1991, KIPHARD 1992, RUSCH/GRÖSSING 1991). Dabei wird von verschiedenen Seiten der Sport als besonders geeignet dargestellt, um Entwicklungsprozesse im Bereich Integration erfolgreich zu initiieren. So ist der Deutsche Sportbund der Ansicht, „ dass der organisierte Sport wichtige Beiträge zur Integration und Kommunikation sowie zum sozialen Miteinander leistet“ (RITTNER/BREUER 2000, S. 27). Auch auf politischer Ebene wird den Qualitäten von sportlicher Betätigung insbesondere den integrativen Möglichkeiten aus interkultureller Perspektive immer stärker Beachtung geschenkt. Beispielsweise unterstreicht das Präsidium der ständigen Konferenz der Sportminister der Länder: „Der Beitrag des Sports zur sozialen Integration ist allgemein unbestritten. Dies gilt in besonderem Maße für die Integration von Ausländern, die durch Gemeinsamkeit bei Sport und Spiel und durch gemeinsames Sporterleben besonders gefördert werden“ (RITTNER/BREUER 2000, S.26).
Zusätzlich wird in der europaweiten politischen Diskussion zur kulturellen Integration auf die Eingliederung behinderter Menschen im und durch Sport hingewiesen. Die Europabeauftragte für Erziehung und Bildung REDING betont: „In kaum einem anderen gesellschaftlichen Bereich gelingt die Integration ethnischer Minderheiten, die Einbeziehung behinderter Menschen
und das Miteinander von Jung und Alt so reibungslos wie im Sport.“ 10 Über die politische Ebene hinaus wird auch im Behindertensportbereich in den letzten Jahren zunehmend erkannt, welche weitreichenden Funktionen Sport erfüllen kann und in welcher kausalen Beziehung diese zueinander stehen. ZÜHLSDORF betont, dass für viele behinderte Menschen der Sport Lebenshilfe sei. Er stellt heraus, dass der Behindertensport als Freizeit-, Breiten- und Rehabilitationssport der Erhaltung und Wiedergewinnung der Gesundheit sowie der körperlichen Leistungsfähigkeit diene. Zugleich fördere er die
10 Vgl.: http://www.eyes-2004.info/757.0.html, Datum 11.1.05
8
Eigeninitiative, die Selbstständigkeit und damit auch die soziale Integration (Behindertensportverband NRW, 1994).
Diese Aussagen verdeutlichen, dass der Integration durch Sport eine positive Beurteilung zu kommt und Sport allgemeingültig als Medium zur Verständigung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, insbesondere zwischen Menschen mit oder ohne Behinderung eingestuft wird. Andere Autoren hingegen bewerten die zu hohe Erwartungshaltung an den Sport als Integrationsmittel kritisch. WURZEL gibt zu bedenken, dass „aus der Sicht der Sportwissenschaft die herausragenden Funktionen des Sports für Integration anscheinend aus dem Gegenstandsbereich Sport (insb. Sportspiel und Bewegungsspiel) bzw. aus den Gegebenheiten seiner Realisierung (in Gruppe, Mannschaft, Verein, Öffentlichkeit) folgen und in hohem Maße ohne jegliche Prüfung für richtig erachtet wird“ (1991, S.11). Aus dieser Kritik ist zu schließen, dass der Gegenstandsbereich Sport sowie seine Umsetzung integrative Möglichkeiten aufweist. Es bedarf jedoch einer genauen Prüfung und Analyse, da gerade Sport auch desintegrativ wirken kann. Dies verdeutlichen Untersuchungen von KOTHY (1999), die in diesem Kontext nicht näher ausgeführt werden sollen. Es ist daher notwendig, den Begriff der Integration genauer zu definieren und die verschiedenen Vorstellungen von Integration differenziert darzustellen.
3.2 Der Integrationsbegriff im pädagogischen Kontext
Ähnlich wie beim Behinderungsbegriff ist auch der Begriff Integration 11 nicht einheitlich zu definieren. Auch hier liegen je nach Autor und Forschungsgebiet verschiedene Definitionen vor. Es lassen sich unterschiedliche Verständnisrichtungen und Wege erkennen, die sich vor allem aus der integrationspädagogischen Diskussion in den 70er Jahren entwickelten. Anzuführen sind die Vertreter der unbedingten Integration wie FEUSER, EBERWEIN und MUTH, die der Auffassung sind, dass soziale Eingliederung nicht durch Separation erreicht werden kann. KOBI unterstreicht, dass diese
11
Der Begriff „ Integral“ wurde im 17. Jahrhundert durch den Mathematiker Bernoulli ( 1654 - 1705) in die Deutsche
Sprache eingeführt. Im 18.Jahrhundert findet zunehmend das Verb integrieren Einzug in den Sprachgebrauch, zunächst
jedoch in der Philosophie und später inflationär in der Alltagssprache. Heute meint Integrare sowohl das Herstellen und
Wiederherstellen eines Ganzen als auch das Zusammenfügen von Teilen zu einem Ganzen.(KOBI 1988).
9
Autoren die uneingeschränkte Integration in einen exklusiven Gegensatz zu Separation stellen (RHEKER 1996, S. 23).
So betont FEUSER, dass „alle Kinder und Schüler in Kooperation miteinander, auf ihrem jeweiligen Entwicklungsniveau, nach Maßgabe ihrer momentanen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungskompetenz in Orientierung auf die nächste Zone ihrer Entwicklung an und mit einem gemeinsamen Gegenstand spielen, lernen und arbeiten“ (CLOERKES 2001, S.174). FEUSERs radikales Verständnis von Integration äußert sich darin, dass er Integration als substanziell bedroht sieht, wenn der Ausschluss auch nur eines Menschen aufgrund des Schweregrades oder der Art der Behinderung gegeben sei (RHEKER 1996, S.23).
MUTH stellt grundlegend fest, dass eine alleinige Konzentration des Begriffes Integration im pädagogischen Kontext nicht auf den schulischen Bereich reduziert werden dürfe. Seiner Meinung nach ist Integration vielmehr die Gemeinsamkeit von behinderten und nichtbehinderten Menschen in allen Lebensbereichen der Gesellschaft (1991, S.2).
Hingegen definiert CLOERKES Integration aus behindertensoziologischer Sicht wie folgt: „Integration ist [...] ein auf Solidarität und Emanzipation ausgerichteter Interaktionsprozess, der auf soziale Zuschreibungsprozesse verzichtet und damit das „Behindertsein“ als etwas Normales belässt und nicht „besondert““ (CLOERKES 2001, 174 f.).
Ebenso wie CLOERKES greift auch SPECK den prozessualen Charakter von Integration in seinen Überlegungen auf. Er bezeichnet den Integrationsprozess als gelingend, wenn er die Stabilität der sozialen Ganzheit und damit die soziale Identität verstärke (2003, S. 392). Nach SPECK ist Integration das Signalwort für das Prinzip der sozialen Eingliederung behinderter Menschen in natürliche und kulturell gewachsene Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen im Lernen, Spielen, Arbeiten und Geselligsein gemäß den eigenen Bedürfnissen (1991, S. 288). Demzufolge unterscheidet SPECK zwischen personaler Integration, der Ausbildung des Selbstkonzeptes, und der sozialen Integration, der Eingliederung des Individuums in soziale Gruppen. Wichtig ist herauszustellen, dass sein differenziertes Integrationskonzept von der unaufhebbaren dialektischen Abhängigkeit von personaler und sozialer Integration ausgeht. SPECK
10
unterstreicht, dass soziale Integration nur gelingen könne, wenn personale Integration zustande komme und umgekehrt (1991, S. 16). Somit bezeichnet SPECK Integration als einen Prozess der Wechselwirkungen, der als Annäherungsprozess zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen gesehen werden muss. Daraus ist zu schließen, dass Integration sowohl als Weg als auch als Ziel verstanden werden kann, mit dem Ideal, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft in Solidarität vereint sind. Die Darstellung der verschiedenen Auffassungen von Integration verdeutlicht, dass es auch hier wieder keinen einheitlichen Definitionsansatz gibt. Zusammenfassend ist es wichtig zu unterstreichen, dass das Verständnis von Integration ebenfalls wie das von (geistiger) Behinderung als Prozess gesehen werden muss. Zudem ist Integration in personale und soziale Integration zu unterscheiden, wobei sich beide gegenseitig bedingen müssen. Entsprechend der verschiedenen Definitionen von Integration gibt es auch mehrere integrationspädagogische Theorien, von denen in Folge drei der zentralsten Ansätze kurz dargestellt und in ihrer Bedeutung für den Integrationssport überprüft werden sollen.
3.3 Integrationstheorien
3.3.1 Die Theorie des gemeinsamen Gegenstandes nach FEUSER Entsprechend FEUSERs Begriffsverständnis von Integration bildet der gemeinsame Gegenstand den Kernpunkt seiner didaktischen Theorie. So ist nach FEUSER die kooperative Tätigkeit der Subjekte in der Gemeinschaft
unabdingbar dafür, dass sich kein separierendes Nebeneinander von Individuen in einer räumlichen Einheit einstellt (1995, S. 174). Demzufolge ermöglicht erst die Kooperation an einem gemeinsamen Gegenstand, dass sich alle Kinder individuell und gegenseitig kennen lernen. Der gemeinsame Gegenstand hat also eine vermittelnde Funktion zwischen den Subjekten und kann als Ausgangspunkt für individuelle Entwicklungen gesehen werden. Dabei ist der gemeinsame Gegenstand jedoch nicht als materiell greifbar zu verstehen, sondern als ein beobachtbarer Prozess.
11
Aus FEUSERs Theorie ist zu schließen, dass sich der Unterricht der Objektseite abwenden und dem individuellen Subjekt zuwenden muss. FEUSER fordert eine Lern- und Unterrichtsplanung vom Kinde aus und strebt demzufolge eine Individualisierung des gemeinsamen Gegenstandes aus der Entwicklungslogik des Subjekts heraus an. Methodisch bietet sich nach FEUSERs Theorie des gemeinsamen Gegenstands vor allem das Arbeiten in Projekten an. Dies hat gerade für den Integrationssport hohe Bedeutung.
3.3.2 Der ökosystemische Ansatz nach SANDER
SANDER stellt auf der Grundlage der Überlegungen BRONFENBRENNERs stärker als alle anderen Theoretiker die Wechselwirkungen zwischen den Systemen, wie Mikro-, Meso-, Exo- und Makrosytemen, des sozialen Bezugsrahmens von Subjekten heraus. Folgende Abbildung nach
BRONFENBRENNER veranschaulicht, dass Individuen nicht nur in ihrem personalen sondern vor allem auch in ihrem sozialen Bezug wahrzunehmen sind. Zu berücksichtigen gilt, dass das Subjekt und sein Bezugssystem einem wechselseitig-dynamischen Prozess unterliegt.
12
Arbeit zitieren:
André Holzmüller, 2005, Heterogenitaet als Chance für die Special Olympics? - Ein Konzept aus integrationssportlicher Perspektive zum Anlass der Special Olympics National Games 2004 in Hamburg, München, GRIN Verlag GmbH
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