Inhaltsverzeichnis
Vorwort 4
1. Einleitung. 6
2. Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung 9
2.1 Verbundenheit zwischen Mensch und Tier. 9
2.2 Entwicklung der tiergestützten Therapie und Pädagogik. 11
3. Die Interaktion zwischen Kind und Hund. 17
3.1 Die Kind-Hund-Beziehung. 17
3.1.1 Die Bedeutung von Hunden für Kinder. 18
3.1.2 Die psychologische Sichtweise der Kind-Hund-Beziehung 23
3.2 Die Besonderheit von Hunden in der Interaktion mit Kindern. 25
3.3 Die Kommunikation zwischen Kind und Hund. 30
3.4 Voraussetzungen für die Interaktion zwischen Kind und Hund 33
3.5 Der fördernde Prozess in der Kind-Hund-Interaktion. 36
3.5.1 Soziale Förderung 37
3.5.2 Psychische Förderung. 42
3.5.3 Kognitive Förderung 46
3.5.4 Physische Förderung 47
3.5.5 Verhaltensänderung 50
4. Die Interaktion zwischen Kind und Hund in der Arbeit mit
verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen 53
4.1 Zielgruppe verhaltensauffälliger Kinder und Jugendlicher. 53
4.1.1 Begriffsabgrenzung 54
4.1.2 Problematik und Folgen für das verhaltensauffällige Kind. 56
4.1.3 Zielsetzung der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und
Jugendlichen 57
4.2 Förderung von verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen
durch die Interaktion mit dem Hund 60
2
4.3 Professionalität des Pädagogen in der Interaktion zwischen Kind
und Hund 64
4.4 Pädagogische Zielsetzung in der Kind-Hund-Interaktion. 67
5. Praxismodelle des Einsatzes der Kind-Hund-Interaktion in der
Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen 70
5.1 Interaktionsmöglichkeiten/Aktivitäten 71
5.2 Einzelarbeit und Gruppenarbeit. 73
5.3 Konzepte „hundgestützter“ Pädagogik 75
5.3.1 Konzept der Canepädagogik 76
5.3.2 Konzept der Kinder- und Jugendfarmen. 83
6. Grenzen beim Einsatz von Hunden in der Arbeit mit verhaltens-
auff älligen Kindern und Jugendlichen. 87
7. Zusammenfassung und Ausblick 90
Literaturverzeichnis 94
3
den Funde von Höhlenmalereien aus der letzten Eiszeit entdeckt, auf denen verschiedene Tiere abgebildet waren. Ebenfalls aufgrund von gefundenen Grabbeilagen aus jener Zeit lässt sich vermuten, dass Tiere nicht nur eine Nahrungsquelle für die eiszeitlichen Jäger darstellten, sondern auch in ihrer kultischen Welt eine große Rolle gespielt haben müssen (vgl. Olbrich, c, S. 14). Vor rund 10.000 Jahren begannen Menschen Tiere zu domestizieren. Der Hund, der heute der treuste Begleiter und Freund des Menschen ist, gehörte zu den ersten domestizierten Tieren und war somit eines der ersten Haustiere des Menschen (vgl. Olbrich, c, S. 14).
Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, ob der Grund für die Domestikation des Hundes darauf zurückzuführen ist, dass er dem Mensch als Jagdhelfer, Wächter und Hirte einfach nur nützlich war oder ob er schon damals wegen seiner ausgeprägten sozialen und emotionalen Eigenschaften vom Menschen geschätzt wurde (vgl. Leugner, Simon, Winkelmayer, 2002, S. 18). Durch die Domestikation entwickelte sich der Wolf über den Wildhund zum Haushund und wurde den Bedürfnissen des Menschen entsprechend gezüchtet und erzogen. Den Hunden wurden verschiedene Aufgaben vom Menschen zugesprochen, die sich nach den jeweiligen Formen des Wirtschaftens und Zusammenlebens der Menschen richteten (vgl. Willms, 1995, S. 149). So wurden schon früh Hunde mit vielfältigeren Funktionen als lediglich Bewacher und Jagdhelfer gezüchtet. Es wurden vermehrt Hunde herangezüchtet, die der Befriedigung emotionaler Bedürfnisse des Menschen dienten. Dies waren beispielsweise Hunde für Frauen. Bereits in der Antike existierten sogenannte „Schoßhündchen“, die keine andere Aufgabe hatten, als ihren Besitzern Freude zu bereiten (vgl. IEMT, 1998, S. 5). Mit der zunehmenden Individualisierung des Menschen wurden die Bedürfnisse des Menschen vielfältiger und differenzierter und der Wunsch nach Hunden als Begleiter größer (vgl. Bergler, 1986, S. 19). Greiffenhagen (1993, S. 26) beschreibt die Domestikation der Wildtiere als ersten Schritt zum Aufbau der Mensch-Tier-Beziehung, die heute die Grundlage der tiergestützten Therapie darstellt. Der zweite Schritt besteht ihrer Meinung nach in der Erkenntnis der Menschen, dass Tiere nicht nur als Nutztiere fungieren können, sondern über weitreichendere Funktionen verfügen und den Menschen ferner Emotionen entgegenbringen können. Die heutige enge und tiefgehende Partnerschaft zwischen Mensch und Tier hatte ihren Anfang schließlich
10
in der Namensgebung von Tieren durch den Menschen. Der Mensch schrieb dem Tier dadurch eine eigene Persönlichkeit zu und betonte somit die enge Beziehung, die zum Tier besteht.
Aus der gemeinsamen Geschichte, die Mensch und Tier verbindet, geht der Grund für die Vertrautheit und die Bedeutung von Tieren für den Menschen hervor. Das Tier war schon immer Helfer des Menschen. Da Mensch und Tier über die Jahrhunderte sozusagen miteinander „aufgewachsen“ sind und sich innerhalb der bestehenden Welt gemeinsam entwickelt haben, scheint es berechtigt, das Tier als einen „Bruder“ des Menschen zu bezeichnen. Das Tier kann daher als selbstverständlicher Begleiter des Menschen in der tiergestützten Therapie und Pädagogik eingesetzt werden.
Nicht nur Erwachsene sind aufgrund der Verbundenheit, die schon seit Menschengedenken zum Tier besteht, zu einer selbstverständlichen und intensiven Beziehung zum Tier in der Lage, auch und gerade Kinder fühlen sich sehr ver-bunden zum Tier und können emotional intensive Beziehungen zu ihm eingehen.
Das geheimnisvolle Band, das Mensch und Tier, vor allem Mensch und Hund, zu verbinden scheint (vgl. Kusztrich, 1988, S. 36), kann gezielt in der tiergestützten Therapie und somit in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen genutzt werden.
2.2 Entwicklung der tiergestützten Therapie und Pädagogik
Der historische Exkurs über die Entwicklung der tiergestützten Therapie und Pädagogik benötigt eine vorherige Abgrenzung und Definition des Begriffes „Tiergestützte Therapie“, diese werden im Folgenden zunächst vorgenommen. Unter tiergestützter Therapie werden alle Arten der Therapien verstanden, in denen in irgendeiner Form Tiere eingesetzt werden. Der Begriff „tiergestützt“ verdeutlicht, dass die eingesetzten Tiere den Therapeuten nicht ersetzen sollen, sondern eine unterstützende Rolle in seiner Arbeit übernehmen (vgl. Leugner, Simon, Winkelmayer, 2002, S. 33).
11
Die tiergestützte Therapie (Animal Assisted Therapy) wird in der Fachliteratur von den tiergestützten Aktivitäten (Animal Assisted Activities) abgegrenzt. Von tiergestützter Therapie wird gesprochen, wenn Tiere in eine spezielle Therapie einbezogen werden, deren Ziele im Vorfeld festgelegt werden. Das bedeutet, dass der Einsatz von Tieren bei einer bestimmten Person der Erreichung spezifischer Ziele dient. Die tiergestützte Therapie beinhaltet folglich konkrete und zielgerichtete Interventionen. Dabei erfolgt eine exakte Dokumentation der Aktivitäten und Fortschritte während der Therapie (vgl. Olbrich, c, S. 10). Das Tier ist innerhalb dieser Interventionen ein integraler Bestandteil des therapeutischen Konzeptes und Behandlungsprozesses. Mit Hilfe von Tieren soll der Mensch gezielt psychisch, physisch oder sozial gefördert werden. Bei tiergestützten Aktivitäten handelt es sich meist um Programme, bei denen Menschen von Tieren und deren Tierführern besucht werden (beispielsweise Tierbesuche in Altenheimen). Es sind Aktivitäten, die Mensch und Tier gemeinsam ausführen und die der allgemeinen Verbesserung der Befindlichkeit des Menschen dienen. Diese Aktivitäten sind nicht auf bestimmte Personen ausgerichtet und benötigen keine vorherige Festsetzung von konkreten Zielen, die in der Arbeit mit dem Tier erreicht werden sollen (vgl. Niepel, 1998, S. 61). Aufgrund der Analogie der tiergestützten Therapie zu den tiergestützten Aktivitäten ist eine präzise Abgrenzung zwischen diesen beiden meist nur schwer vorzunehmen.
Der Einsatz von Hunden in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen, wie er in der vorliegenden Arbeit beschrieben wird, kann der tiergestützten Therapie (Pädagogik) zugeordnet werden, da hier eine individuelle Ausrichtung sowohl der Interventionen als auch der Ziele auf das spezifische Kind vorgenommen wird. Es handelt sich demzufolge bei „hundgestützter“ Pädagogik, das heißt dem Einsatz des Hundes (der Interaktion zwischen Kind und Hund) in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, um eine Form der tiergestützten Therapie (Pädagogik).
Die Idee, Tiere in die Therapie und Heilung kranker Menschen einzusetzen, ist keine Idee der Neuzeit. Die Wurzeln der tiergestützten Therapie und Pädagogik reichen weit zurück. Schon vor vielen Jahrhunderten haben Kulturen vor uns versucht, durch Tiere menschliche Krankheiten zu heilen. Somit bestand bereits
12
zur damaligen Zeit die allgemeine Kenntnis über den positiven Einfluss, den Tiere auf den Menschen ausüben. Der römische Schriftsteller Plinius der Ältere berichtete beispielsweise von einer Heilungsmethode, bei der junge Hunde an den menschlichen Körper gepresst wurden, um den Menschen von Krankheiten zu befreien. Auch aus der griechischen Antike ist bekannt, dass in einem Krankenhaus die Patienten mit Hilfe von Hunden versucht wurden, zu heilen. Aber ebenfalls im frühen Christentum glaubte man an die Heilkraft von Hunden. Auf Bildern wird der heilige Rochus mit seinem Hund gezeigt, der ihm die Pest weggeleckt haben soll (vgl. Kusztrich, 1992, S. 40 ff.). Seit dem achten Jahrhundert wurden in Gheel in Belgien Tiere gezielt für therapeutische Zwecke eingesetzt. Dort wurde die sogenannte „therapie naturelle“ durchgeführt, bei der sozio-ökonomisch benachteiligte Menschen durch die Arbeit mit Tieren auf dem Land eine bessere Lebensbasis und höhere Lebenszufriedenheit erlangen sollten (vgl. Olbrich, c, S. 11). 1792 wurde in England „York Retreat“, eine Anstalt für Geisteskranke gegründet, in der die Patienten verschiedene Kleintiere hielten und diese versorgten. Der Einbezug von Tieren diente schon damals dem Zweck der „Heilung“ der Patienten.
In Deutschland ist der erste Einsatz von Tieren zu therapeutischen Zwecken durch die „Institution ohne Mauern“ in Bethel bekannt. Seit 1876 wurde dort für Menschen mit neurologischen und psychischen Erkrankungen ein natürlicher Lebensraum geschaffen, in den verschiedene Tiere und Pflanzen integriert waren. Diese Institution vertraute von Anfang an auf die „Heilkraft“ von Tieren, um ihren Patienten zu helfen.
Leider wurden die damaligen Erfolge der Versuche, Tiere in die Therapie von Menschen einzusetzen, weder in Bethel noch in anderen psychiatrischen und sozialpädagogischen Institutionen dokumentiert, sodass sich die tiergestützte Therapie zu jener Zeit noch nicht durchsetzen konnte (vgl. Greiffenhagen, 1993, S. 14).
Erst als der Psychologe Boris Levinson im Jahr 1961 eine einschneidende Beobachtung in seiner therapeutischen Praxis machte, begann der Durchbruch der tiergestützten Therapie. Levinson entdeckte zufällig, dass Tiere als „Kataly-satoren“ für menschliche Interaktion wirken können, als sein Hund „Jingles“ eines Tages noch in seiner Praxis verweilte und einer seiner Patienten, ein klei-
13
ner Junge, etwas verfrüht zur Therapiestunde eintraf. Levinson hatte schon längere Zeit mit diesem sozial gestörten Jungen gearbeitet. Bis zu diesem Tag blieben seine Bemühungen jedoch ohne Erfolg.
Der üblicherweise sehr verschlossene und schweigsame Junge fühlte sich so-fort von Jingles angezogen und ging offen auf diesen zu. Er begrüßte den Hund freudig und sprach spontan mit ihm. Levinson ließ von dieser Zeit an seinen Hund die Therapiestunde mit dem Jungen begleiten. Er begann über den Hund mit dem Jungen in Kontakt zu treten und wurde durch den Hund in die Interaktion miteinbezogen. Schnell erkannte Levinson die Wirkung des Hundes als „sozialer Katalysator“, der für den Jungen einen sozialen und verbalen Kontakt zu dem Therapeuten und schließlich zu einem immer größer werdenden Kreis von Menschen ermöglichte.
Levinson setzte seinen Hund in der Folgezeit gezielt in die Therapie seiner Patienten ein und begann, die hilfreichen Effekte von Tieren auf den Menschen zu untersuchen. Schließlich veröffentlichte er seine Erfahrungen im Jahr 1969. Damit gab er auch für andere Psychologen und Ärzte den Anstoß zur Systematisierung und Untersuchung der hilfreichen Effekte von Tieren für Menschen (vgl. Olbrich, c, S. 12). Levinson gilt bis heute als Pionier und Revolutionär im Einsatz von Tieren als therapeutische Begleiter (vgl. McCulloch, 1983, S. 26). Künftige Studien der Biologin Erika Friedmann, dem Psychologenehepaar Corson und dem Mediziner Katcher waren für die tiergestützte Therapie wegweisend.
Der erste Versuch, eine systematische Studie zum Einsatz von Tieren in der Psychotherapie durchzuführen, gelang dem Ehepaar Sam und Elisabeth Corson Mitte der siebziger Jahre. Sie setzten Hunde in einer psychiatrischen Klinik ein und untersuchten den therapeutischen Wert dieser bei der Behandlung von Patienten, die sich gegen andere Therapieformen bisher gewehrt hatten. Die Patienten nahmen allmählich eine Beziehung zu den Hunden und schließlich auch zu den Therapeuten auf. Auch hier wurde die „Katalysatorwirkung“ von Tieren erfolgreich nachgewiesen (vgl. McCulloch, 1983, S. 27). Studien von Friedmann, Katcher, Lynch und Thomas belegen, dass Tiere ebenfalls positive Effekte auf die menschliche Physis haben. In ihren Studien fanden sie heraus, dass Heimtierhaltung bei Herzinfarktpatienten eine lebensverlängernde Wirkung hat (vgl. Kusztrich, 1988, S. 40).
14
In England, Kanada, USA und Australien werden Tiere als therapeutische Begleiter seit weit mehr als zwanzig Jahren aktiv eingesetzt (vgl. Otterstedt, 2001, S. 20). In Deutschland begann nicht nur die Forschung über die tiergestützte Therapie, sondern auch der therapeutische Einsatz von Tieren erst später, Mitte der achtziger Jahren.
In der Bundesrepublik nahm lange Zeit vorwiegend das Therapeutische Reiten eine führende Rolle in Forschung und Praxis ein (vgl. Greiffenhagen, 1993, S. 16). Allmählich schreitet die wissenschaftliche Forschung aber auch in anderen Bereichen der tiergestützten Therapie voran. Seit einigen Jahren finden sich nun auch hier einige Vereine und Projekte, die sich um den Einsatz von Tieren als therapeutische Begleiter bemühen. Beispielsweise der „Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft“, der von dem Sozialpsychologen Reinhold Bergler gegründet wurde, hat schon eine Reihe von wissenschaftlichen Studien über die Wirkung von Tieren auf Kinder und ältere Menschen durchgeführt. Auch der Psychologe Erhard Olbrich erforscht die Wirkung von Tieren auf Menschen, vor allem auf ältere Menschen (vgl. FHidG, o.J., S. 4). Andere Vereine, die auf dem Gebiet der tiergestützten Therapie aktiv tätig sind, sind beispielsweise „Tiere helfen Menschen“, „Leben mit Tieren“ oder auch das „Institut für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung“ (IEMT). „Tiergestützte Therapie“ ist zu einem eigenen, mittlerweile anerkannten Forschungszweig geworden. Obwohl die tiergestützte Therapie allmählich in medizinischen, psychiatrischen und pädagogischen Bereichen an Bedeutung gewinnt, stehen immer noch viele Pädagogen, Psychologen und Ärzte dem therapeutischen Einsatz von Tieren kritisch gegenüber. Trotz verstärkter Medienpräsenz der tiergestützten Therapie beschäftigen sich diese noch zu selten mit der Möglichkeit des Einsatzes von Tieren in ihrer Arbeit. Vor allem im Bereich der „hundgestützten“ Pädagogik mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen bestehen noch große Defizite in Wissenschaft, Theorie und Praxis. Zwar werden Hunde bereits vereinzelt in die Arbeit mit diesen Kindern und Jugendlichen einbezogen, aber soweit wie sich beispielsweise das Therapeutische Reiten etabliert hat, konnte sich der Einsatz von Hunden als anerkannte pädagogische und therapeutische Methode noch nicht durchsetzen. Sicherlich hat dazu auch der Mangel an Beschäftigung mit der fördernden Wirkung, die die Interaktion zwischen Kind und Hund haben
15
kann , beigetragen. Es gilt folglich, diese Interaktion zwischen Kind und Hund
einer genaueren Untersuchung zu unterziehen.
16
3. Die Interaktion zwischen Kind und Hund
Treten Kind und Hund in Interaktion miteinander, entsteht ein wechselseitiger Kontakt zwischen ihnen, sie kommunizieren folglich miteinander. Die hier vorliegende, besondere Art der Kommunikation trägt meist binnen kurzer Zeit zur Entstehung einer außergewöhnlichen Beziehung zwischen Kind und Hund bei. Das Kind ist aufgrund der Bedeutung, die Tiere schon früh in seinem Leben einnehmen, meist mühe- und barrierelos im Stande, eine Beziehung zum Hund aufbauen. Der Hund wiederum ist wegen seiner besonderen Eigenschaften und Verhaltensweisen in der Regel ebenfalls in der Lage, ohne Schwierigkeiten eine enge Beziehung zum Kind einzugehen.
Die Interaktion zwischen Kind und Hund kann das Kind unter bestimmten Bedingungen emotional öffnen und sich darüber hinaus fördernd auf verschiedene Entwicklungsbereiche des Kindes auswirken.
3.1 Die Kind-Hund-Beziehung
Die Bindung, die Kinder zu Hunden aufbauen können, ist meist eine sehr enge und für die Kinder bedeutsame Bindung. Tiere, speziell Hunde, sind für Kinder gewöhnlich von großer Bedeutung. Es besteht zwischen Kind und Hund eine innige Verbundenheit. Beinahe jedes Kind hegt den Wunsch nach einem tierischen Begleiter an seiner Seite. Aber warum sind Hunde derart wichtig für Kinder und welche Bedeutungen haben Hunde im Einzelnen für sie? Welcher Art ist die Beziehung zwischen Kind und Hund? Was ist das Besondere an dieser Beziehung? Und warum? Diesen Fragen wird im Folgenden nachgegangen.
17
3.1.1 Die Bedeutung von Hunden für Kinder
„Kinder brauchen Tiere“, stellt der Sozialpsychologe Reinhold Bergler bereits im Titel seines Werkes über die Kind-Hund-Beziehung fest (Bergler, 1994). Diese These weist auf die bedeutende Rolle hin, die Tiere in der Entwicklung von Kindern einnehmen.
Gerade in unserer technisierten Welt, in der viele Dinge nur noch irreal wahrgenommen und erlebt werden, beispielsweise durch das heutige „Fernseh-Paradies“, ist das Tier als etwas Reales und „Greifbares“ sehr bedeutsam für die Entwicklung des Kindes (vgl. Lachner, 1979, S. 9). Für Kinder ist es elementar, sich und ihr Handeln in einer realen Welt zu erproben, anhand von realen, „greifbaren“ Objekten. Diese realen Erfahrungen werden durch das Tier ermöglicht.
Die Sehnsucht, die von Seiten der Kinder nach einem Tier besteht, macht das Bedürfnis nach gefühlter Wärme, Zuneigung und Vertrauen von Kindern in dieser sonst so „kalten“, technisierten Welt deutlich (vgl. Lachner, 1979, S. 11). Das Tier schlägt für das Kind eine Brücke zur Natur. Auf keine andere Weise lässt sich für das Kind eine derart intensive Verbindung zur Natur erschließen. Tiere sind ein selbstverständlicher Teil der Welt, in der Kinder aufwachsen (vgl. Bergler, 1994, S. 12). Von klein auf begleiten sie die Entwicklung von Kindern. Tiere machen oft sogar einen entscheidenden Teil der kindlichen Lieblingswelt aus. In Form von Teddybären und anderen Kuscheltieren, die meist erste Übergangsobjekte für das Kind darstellen, welche ihm die Trennung von seinen Bezugspersonen erleichtern, wächst das Kind selbstverständlich mit Tieren auf. Kinder sind im Verlauf ihrer gesamten Entwicklung mit Tieren konfrontiert. Nicht nur durch Filme, Märchen und Bilderbücher werden Kinder schon früh mit Tieren vertraut gemacht und von ihnen beeindruckt, sondern auch durch Zoobesuche beginnen sie, Tiere zu lieben (vgl. Greiffenhagen, 1993, S. 182). Aufgrund dieser frühen Erfahrungen verbinden Kinder viele positive Erinnerungen, Gefühle und Erwartungen mit Tieren und treten ihnen so meist sehr offen, interessiert und vertrauensvoll gegenüber.
18
Das Tier steht meist im Zentrum kindlicher Lebensqualität (vgl. Bergler, 1994, S. 17). Vor allem Hunde werden von Kindern besonders gemocht. Sie stellen die Lieblingstiere der meisten Kinder dar. Das bestätigt auch eine Studie von Zillig, in der Mädchen gefragt wurden, welches Tier sie sich am liebsten in ihrer unmittelbaren Nähe wünschen. 23 von 30 Befragten gaben an, Hunde am liebsten um sich zu haben (vgl. Zillig, 1961, S. 19). Dieses Ergebnis ist aus anderen Erfahrungswerten auch auf Jungen übertragbar.
Eine Untersuchung von Bergler, in der 150 Jungen und 150 Mädchen im Alter von zehn bis vierzehn Jahren nach der persönlichen Bedeutung von Hunden für ihr Leben gefragt wurden, ergab, dass Hunde für Kinder vielfältige Bedeutungen haben (vgl. Bergler, 1994, S. 23 ff.). Sie bieten nicht nur diverse Erlebnismöglichkeiten aufgrund der verschiedenen Aktivitäten, die man mit ihnen zusammen durchführen kann (beispielsweise Toben, Tollen, Versteckenspielen, Spazierengehen, Kuscheln), sondern sie werden von Kindern auch als Begleiter und Vertraute erlebt, die immer für sie da sind, die immer zuhören und denen sie alles erzählen können. Außerdem gaben die Kinder an, ihnen sei wichtig, dass der Hund offen seine Zuneigung zeigt und ihnen Streicheleinheiten gibt und gleichfalls zulässt. Laut eigenen Aussagen der Kinder wird der Hund für sie auch dadurch bedeutsam, dass sie ihm etwas beibringen können und auf diese Weise Erfolgserlebnisse haben können. Er verschafft zusätzlich bei anderen Kindern Bewunderung, Anerkennung und Respekt. Die Kinder berichteten außerdem, mit einem Hund an ihrer Seite ohne Angst die Umwelt erleben zu können.
Wie deutlich wird, befriedigen Hunde eine Vielzahl von kindlichen Bedürfnissen. Sie stellen für das Kind aufgrund ihrer allzeitigen Spielbereitschaft optimale Spielgefährten dar. Das Spiel mit dem Hund ist abwechslungsreich, bietet dem Kind immer wieder neue Reize und ist unterhaltsam (vgl. Bergler, 1994, S. 32). So wird dem Kind im Spiel mit dem Hund die Möglichkeit geboten, sich völlig auszutoben. Es kann reale Abenteuer mit dem Hund erleben, anstatt seine Freizeit beispielsweise mit Fernsehen oder Computerspielen zu verbringen. Kinder, die einen Hund an ihrer Seite haben, fühlen sich nie allein oder einsam. Im Hund finden sie jederzeit einen Gesprächspartner, der für Ansprache bereit ist. Die befragten Kinder bestätigten durch ihre Aussagen, dass sie im Hund stets einen zuverlässigen und treuen Gesprächspartner finden, der zuhört und
19
Arbeit zitieren:
Diplom-Sozialpädagogin Bianca Langenbach, 2005, Die Interaktion zwischen Kind und Hund als fördernder Prozess in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Tiergestützte Therapie im Kontext Sozialer Arbeit
Der heilsame Prozess in der Me...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 97 Seiten
Grundlagen und Praxis der tiergestützten Therapie und Pädagogik
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Seminararbeit, 26 Seiten
Frauen in Führungspositionen ?!
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Hausarbeit, 16 Seiten
Die UNESCO Weltdekade Bildung für nachhaltige Entwicklung Darstellung ...
Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände
Hausarbeit (Hauptseminar), 43 Seiten
Demokratisches Handeln in der Grundschule in Bezug auf Bildung für Nac...
Hausarbeit, 23 Seiten
Beeinträchtigung im Lernen und Verhalten mit dem thematischen Schwerpu...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Praktikumsbericht / -arbeit, 42 Seiten
Kinderfernsehen - Medium der Unterhaltung oder der Bildung?
Vordiplomarbeit, 36 Seiten
Aggression in Schule und Möglichkeiten der Intervention und Prävention...
Sport - Sportpädagogik, Didaktik
Zwischenprüfungsarbeit, 31 Seiten
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)
Die UN-Dekade
Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik
Hausarbeit, 16 Seiten
Aufwachsen mit Hunden - Psychische, soziale, pädagogische und therapeu...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 150 Seiten
Rogers und Adler im Vergleich am Fallbeispiel Ellen West
Psychologie - Persönlichkeitspsychologie
Seminararbeit, 31 Seiten
Pädagogische Aspekte der Individualpsychologie Alfred Adlers
Psychologie - Sozialpsychologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Wirtschaftseliten - Wer ist eigentlich das Topmanagement?
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit, 13 Seiten
Automatisierungstechnik WB-AUT-S11-090131
Ingenieurwissenschaften - Wirtschaftsingenieurwesen
Hausarbeit, 40 Seiten
Top-Manager, Top-Vergütung - Top-Leistung?
Soziologie - Wirtschaft und Industrie
Bachelorarbeit, 44 Seiten
Bianca Langenbach hat den Text Die Interaktion zwischen Kind und Hund als fördernder Prozess in der Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen veröffentlicht
Bianca Langenbach hat einen neuen Text hochgeladen
Störungen im Kindes- und Jugendalter - Verhaltensauffälligkeiten
Klinische Psychologie 6
Peter F. Schlottke, Silvia Schneider, Rainer K. Silbereisen, Gerhard W. Lauth
Journal für Psychoanalyse 50: Psychoanalytische Arbeit mit Kindern und...
Psychoanalytische Arbeit mit K...
Gregor Busslinger, Emilio Modena, Claudio Raveane, Markus Weilenmann, Sonja Wuhrmann
Arbeiten mit gewaltauffälligen Kindern und Jugendlichen
Eine Herausforderung für Schul...
Annegret Wigger, Antje Sommer, Steve Stiehler
Das Therapeutische Milieu in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
Trauma- und Beziehungsarbeit i...
Silke B. Gahleitner
Ästhetisch-bildende Prozesse mit einer Vielfalt von Kindern und Jugend...
Seminar-Lektionen mit Denkimpu...
Joachim Bröcher
0 Kommentare